Gipfelstürmer III – Der Bericht

Viertausendvierhundertachtundsiebzig Meter über dem Meeresspiegel. Ich habe es geschafft – ich stand auf dem berühmten Matterhorn bei Zermatt  im Schweizer Kanton Wallis. Nicht das Dach der Welt, aber für mich der Berg der Berge (siehe Beiträge ‚Gipfelstürmer I + II‚)!

Hinaufgetrieben hat mich der sehnlichste Wunsch, nach vielen Jahren alpiner Kletter- und Wanderei endlich einen 4.000er zu besteigen. Die notwendigen Voraussetzungen waren mir bekannt, zwei Jahre lang hat mich das Thema schon beschäftigt. Dann, nach der endgültigen Buchung von Hotelzimmer, Bergführer und Zugfahrt stand dem Vorhaben nichts mehr im Wege. Am 24. September ging es los…

Sonntag, 25.09.: Am Morgen nach der Ankunft per Bahn und einer angenehmen Übernachtung verschlinge ich förmlich das Frühstück – mich zieht es nach draussen auf die Gassen Zermatts. Um eine Hausecke herum, eine zweite… und plötzlich taucht er vor mir auf: Mein Ziel, der Berg, thront majestätisch in der Morgensonne. Ein Bild, wie man es von unzähligen Postkarten kennt. Kein Gipfel eingereiht neben vielen anderen, sondern der alleinstehende, riesige, monolythische ‚Toblerone‘-Block mit seiner berühmten Pyramidenform. Mein Herz klopft – vor Aufregung und vor Freude…

Am Vormittag treffe ich Beni, meinen Bergführer, im Alpin Center. Kurze Besprechung, Ausrüstungs-check. Beni wird die Schwarzseebahn nehmen und mich am Abend im Berghaus Matterhorn erwarten. Ich ziehe es vor, den Weg von Zermatt über den Schwarzsee hoch zur Hütte (3.260 m) komplett zu Fuß zu gehen – ich mag den ‚ehrlichen‘ Aufstieg und die damit verbundene Entschleunigung. Ausserdem bekomme ich dadurch nochmal ein kleines Aufwärmtraining.

Gegen halb eins am Mittag breche ich auf. Ständig den Blick Richtung Matterhorn, das sich nur langsam nähert, aber immer bedrohlicher vor mir auftürmt (so scheint es mir) und an dem sich mehr und mehr die Wolken festkrallen. Leichte, nachmittägliche Schneeschauer wurden durch den Wetterdienst angekündigt. Und tatsächlich fängt es ab Schwarzsee erst an zu tröpfeln, dann zu schneeg’rieseln. Kurz nach 17 Uhr erreiche ich über den Klettersteig die Hörnli-Hütte / Berghaus Matterhorn, meine Laune ist am Boden. Hört es in der Nacht wirklich auf zu schneien? Wartetage mit Bergführer sind im Budget nicht drin…

Am Abend gibt es die obligatorischen Spaghetti und die Gespräche mit den anderen Bergsteigern, die morgen den Gipfelsturm wagen wollen. Kurz vor zehn rauche ich draussen die letzte Zigarette und versuche, etwas vom Berg zu erspähen, der sich direkt vor mir aufbaut. Der leichte Schneefall hat aufgehört, aber es ist zu dunkel, wolkenverhangen und saukalt. Nur schemenhaft nehme ich das Ungetüm vor mir war. Anschliessend krieche ich in den Schlafsack – ich habe Sorge, vor lauter Aufregung den kurzen, aber notwendigen Schlaf nicht zu bekommen, aber die Weissbier helfen dann doch beim Einschlummern (ein allseits beliebtes Mittel auf den Berghütten).

Montag, 26.09., 3.45 Uhr: Ich bin froh, dass ich nach Gesprächen und dem Studium vieler Alpinistenforen trotz der Witterungsunwägbarkeiten den späten Termin gewählt habe. Während der Hochsaison gestaltet sich der Aufbruch zum Gipfel anscheinend zu einem wahren Ellenbogenkampf, Gedränge und Gehetze – bis zu 150 Seilschaften versuchen dann täglich, als erstes den Einstieg zu erreichen (von denen dann tatsächlich nur ca. 30 den Gipfel schaffen, die anderen scheitern aus zeitlichen Gründen). So sind wir in dieser Nacht nur elf oder zwölf Teams à zwei Kletterer und können ruhig die letzten Vorbereitungen treffen. Als ich vor die Berghütte trete, geht mein Herz schneller. Hauchdünn liegt Neuschnee auf den Felsen, es ist kalt, aber der Himmel ist sternenklar. Beni und ich seilen uns an, lassen die Helmlampen erstrahlen und machen die ersten Schritte auf den Hang zu.

Unsere Route ist der Klassiker der Matterhornbesteigung: Wir gehen den Hörnligrat (der Weg der Erstbesteigung und die einfachste Variante). Man kann auch von der italienischen Seite herauf-kommen, man kann die anderen Grate wählen oder direkt durch die Wände klettern. Vor letzterem mache ich einen großen Bogen und habe ich einfach nur tiefsten Respekt – mir fehlt das Naturell und das notwendige Können.

Schon zu Beginn des Einstieges zeigt sich, dass das Matterhorn tatsächlich den Beschreibungen entspricht: Während man bei der Betrachtung aus der Entfernung oder von Abbildungen meinen könnte, der Berg sei ein äusserst massiver, komprimierter Felsblock, stelle ich jetzt fest, dass es sich um einen gigantischen Geröllhaufen handelt, den anscheinend nur das ewige Eis zusammenhält. Hoffen wir, dass die Erderwärmung nicht allzu schnell voranschreitet – denn eines Tages wird dann die Schweiz um ein Wahrzeichen ärmer werden…

Die Route führt Beni, der voransteigt und sichert, und mich zuerst durch zwei, drei Felsgänge, danach beginnt die richtige Plackerei durch Eis und Fels. Schnell ist mir warmgeworden und in meinem Kopf formt sich immer mehr der Gedanke, wie ich die nächsten Stunden diese Schinderei fröhlich durch-stehen soll. Was treibe ich hier? Warum dieser Quatsch? Die Antwort erspare ich mir an dieser Stelle – sie ist einen eigenen Beitrag wert. Alle Kletterer, hochalpinen Bergwanderer und Kraxler aller Art wissen, was ich meine.

Für den Sonnenaufgang habe ich keinen Blick übrig. Beni drückt auf’s Tempo und wir steigen höher und höher. Als die Solvayhütte – ein kleiner Schutzraum auf einer Felsnische – in’s Blickfeld gerät, weiss ich, dass wir es bald geschafft haben. An der Hütte atmen wir durch, genehmigen uns einen Tee und Müsliriegel. Zum ersten Mal an diesem Morgen löse ich meinen Blick vom nächsten Griff und Tritt und lasse ihn durch die eindrucksvolle Landschaft schweifen. Berge – ich liebe Euch!

Das nächste Stück ist nochmal Schwerstarbeit. Am Fixseil ziehen wir uns mehr nach oben, als dass wir steigen. Mein Atem geht schnell, die dünne Luft macht sich jetzt bemerkbar. Die Oberarme schmerzen. Mangelndes Training.

Montag, 26.09., 8.40 Uhr: Die letzten Schritte oben sind überraschend einfach und unspektakulär. Und plötzlich: Wow, wir stehen auf dem Gipfel! Rechts und links von mir fallen die Wände steil nach unten ab, der Rundumblick hat fast schon etwas von der Perspektive aus einem Flugzeug. So winzig klein ist die Welt drumherum… und doch auch so gewaltig. Ich lasse mich erschöpft, kurzatmig und zitternd in den Schnee sinken, einfach erstmal sitzen und diesen stillen Moment des persönlichen Triumphes geniessen.

Gipfelglück… Es ist schwierig zu beschreiben. Erleichterung, Erschöpfung, innere Leere und gleichzeitig tosende Gedanken. Das Gefühl, etwas Besonderes vollbracht zu haben. Und die persönliche Genugtuung, dass der Wunschtraum erfüllt wurde. Es ist kein Orgasmus, es ist ein leises Jubilieren auf einer innerlichen Welle, die sich wahnsinnig gut anfühlt.

Nach zwanzig Minuten wieder Aufbruch. Der Rückweg führt uns durch die gleiche Route, stellenweise seilen wir uns jedoch ab, um den nachkommenden Seilschaften den Aufstieg nicht zu blockieren und Steinschlag zu vermeiden. An der Hörnlihütte gibt es den anerkennenden Klaps auf die Schulter, einen Schnaps und die erste längere Unterhaltung mit Beni an diesem Tag. Gemeinsam steigen wir dann ab bis nach Zermatt, wo wir kurz nach 17.30 Uhr erschöpft ankommen… Vierzehn Stunden auf den Beinen – ich spüre die Strapazen dieses Tages am ganzen Körper.

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