Lagerleben

Seit der ersten Protestaktion am Samstag, 15. Oktober, haben Anhänger der Occupy Frankfurt-Bewegung rund um das Euro-Symbol an der Europäischen Zentralbank (EZB) ihre Zelte aufgeschlagen. Arbeitsgruppen treffen sich zu Besprechungen, im Küchenzelt werden Brote geschmiert und aus verschiedenen Ecken klingen Gitarren- und Bongotöne. Bis 29.10. ist das Campieren seitens der Stadt genehmigt – und was folgt dann?

Blick ins Camp

Nähert man sich von der Taunusanlage dem Occupy Frankfurt-Camp, erinnert der Anblick an ein Basislager für Bergexpeditionen. Kuppel- und Biwakzelte drängen sich aneinander, hier und da steigt Rauch auf. Über der Kulisse glänzt der zu erstürmende Gipfel in der herbstlichen Sonne – die EZB.

Seit vergangenen Samstag ist die Zeltstadt nochmals angewachsen. Das Leben im Camp ist mittlerweile gut organisiert: Arbeitsgruppen haben sich gebildet für Kunst, Kommunikation und Organisation. Viele Spender beliefern das Lager mit Nützlichem: Brennholz, Lebensmittel, Malbedarf und Werkstoffe zum Anfertigen von Plakaten und Bannern, wärmende Decken und Geldspenden. Die Kantine des in der Nachbarschaft gelegenen Schauspielhauses unterstützt die ‚Besetzer‘, die Uni hat Schlafplätze angeboten und ein türkischer Händler bringt täglich eine Ladung Gemüse aus dem Frischezentrum.

Neugierige Passanten spazieren durch die Anlage. Wer interessiert ist, findet schnell Gesprächspartner, um sich über Occupy Frankfurt und die aktuelle politische Situation zu unterhalten. Immer ist irgendein Fernsehteam zu sehen, Presseleute führen Interviews oder machen Fotos. Man gewinnt folglich den Eindruck, dass sich hier eine zentrale Anlaufstelle des Protestes gebildet hat, eine Basis für die Empörung der 99 Prozent. Doch wie erfolgreich ist die Bewegung tatsächlich?

Der weitaus grössere Teil der Bevölkerung scheint – trotz Sympathie für die Occupy-Bewegung – vorerst abwartend zu beobachten, was sich da entwickelt. Die Mehrheit der Bürger war nicht bei den Protestaktionen an den beiden vergangenen Wochenenden dabei. Die 99 Prozent waren nicht im Camp und haben sich informiert oder mit anderen diskutiert. Die schweigende Mehrheit empört sich morgens am Frühstückstisch oder abends in der Stammkneipe. Das Chancenpotential und gleichzeitig ein Handicap der Occupy-Bewegung ist der beabsichtigte Verzicht auf nach aussen hin sichtbares Führungspersonal und die klare Linie (sozusagen die Corporate Identity). Durch kleinste gemeinsame Nenner („Gerechtigkeit, Kapitalismuskritik, mehr Demokratie“) erreicht man in der Breite schnell hohe Zustimmung. Andererseits erfordert die Organisationsstruktur das überdurchschnittliche Engagement des Einzelnen. Die Risiken: Die samstäglichen Protestmärsche nutzen sich ab, die Beteiligung stagniert oder sinkt. Das allgemeine Interesse erlahmt aufgrund fehlender Polarisierung und Performance.

Die Konzentration auf Facebook-Präsenz und – plakativ gesagt – Indianerromantik im Zeltdorf mit Lagerfeuer hat ihre Grenzen. Ohne die Medien erreicht man nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Die Medien jedoch benötigen Gesichter, Stimmen, Aussagen und Aktionen. Dies liesse sich umsetzen, auch ohne ‚Führungsfiguren‘. Der Occupy-Bewegung fehlt das Beherrrschen des PR- Instrumentariums, so wie es zum Beispiel von Greenpeace betrieben wird (auch dort gibt es keine öffentlich richtig wahrnehmbaren Gallionsfiguren). Kluge Menschen wie der Ökonom Prof. Max Otte oder der Schweizer Soziologe Jean Ziegler könnten zum öffentlichen Diskurs eingeladen werden. Ebenso jedoch auch die vermeintlichen Gegner aus der Finanzwelt und der Politik.

Sollte das Camp in Frankfurt am kommenden Samstag geräumt werden (Informationen darüber liegen noch nicht vor), fehlt der Bewegung die physische Präsenz. Ob Protestaufrufe und unmoderierte Diskussionen im iNet dann noch ausreichend sind, um die Bevölkerung wachzurütteln und für das Mitmachen zu überzeugen, bezweifle ich stark…

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