Medienschelte

Ist es Scheinheiligkeit, gewollte Absicht oder einfach nur Ignoranz, wenn Journalisten Standpunkte kritisieren, die sie an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang einfordern?

Ein Beispiel: In der Titelgeschichte des aktuellen DER SPIEGEL (Ausgabe Nr. 43) ist über die Allianz zwischen Kettenraucher Helmut ‚Smoki‘ Schmidt und Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf Seite 28 nachfolgender Absatz zu lesen: „…Auch wenn Schmidt beeindruckend wach, umtriebig und informiert ist, so ist er doch ein Mann einer anderen Zeit. Wer den Altkanzler zu seinem Mentor macht, vermittelt nicht den Eindruck, er stehe für Aufbruch oder habe einen größeren Sinn für junge Leben (sic!) oder eine neue technologiegetriebene Moderne…

Aha, lieber Dirk Kurbjuweit. Die beiden von Ihnen beschriebenen Herren lassen wir mal aussen vor. Aber von welchem Aufbruch in welche Richtung reden Sie bitte? Finden Sie den Sinn für eine „technologiegetriebene Moderne“ positiv, wenn die Nachricht über den Verkaufsstart des neuen iPhone enthusiastischer und medienwirksamer präsentiert und verfolgt wird als beispielsweise der Jahresbericht der UNESCO? Meinen Sie mit ‚Aufbruch‘ den Schritt in das nächste goldene Zeitalter des absoluten Konsums und unkritischen Verbraucherverhaltens? Finden Sie es erstrebenswert, dass die künftige Kommunikation sich generell nicht mehr zwischenmenschlich, sondern in der Schnittstelle Mensch-Maschine abspielen wird? Schöne, heile Zukunftswelt?

Wollen wir ‚von und zu Guttis‘, die unsere Gesellschaft immer weiter hineinreissen in den Taumel des Höher-Schneller-Weiter-Wahns, wo materieller Erfolg, Effizienz und Funktionalität die Maßstäbe für den Wert des Menschen sind? Oder wünschen wir uns einen Typ ‚Dalai Lama‘, der uns immer wieder daran erinnert, was wirklich wichtig ist im Leben und den Menschen wieder Anstand, Besinnung und Demut lehrt?

Immer wieder bezeichnend für mich: Die tägliche götzengleiche Berichterstattung über die Börse in den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten. Mal ehrlich: Wieviel Prozent der Bevölkerung ist von dem irrationalen Auf und Ab des Dax tatsächlich betroffen in Form von eigenen Investitionen? Bezeichnend, dass diese TV-Ausstrahlungen Mitte der Neunziger Jahre eingeführt wurden (und natürlich umrahmt von Werbespots der Banken Cortal Consors* und Konsorten). Wird da nicht etwas gefeiert, was eigentlich tief in unserer Seele Brechreiz hervorruft?

Herr Kurbjuweit, ich kann ja verstehen, dass Sie sich den honorigen Kettenraucher im Rollstuhl und den halbglatzigen, ewigen „Hilfsreferenten“ nicht als das Traumpaar der deutschen Zukunft vorstellen können. Aber irgendetwas läuft doch schief mit uns: Burn-out, soziale Kälte, Armut, Ungerechtigkeit, Krieg und Terror, Ausbeutung, zunehmende Alltagsaggressionen… Die Liste könnte noch viel länger ausfallen. Ist nicht auch bei Ihnen ansonsten immer von Entschleunigung, von Zurücknehmen die Rede? Müssen Sie in Ihrer Titelgeschichte unbedingt Kritik anbringen, weil jemand anscheinend kein Götze des goldenen Kalbs ist (worüber man bei P. Steinbrück durchaus streiten kann)?

Entweder, oder. Die millionenschweren Anzeigenkunden sorgen für redaktionelle Zukunftsgläubigkeit, das journalistische Gewissen hält dagegen. Letztgenanntes verliert den Kampf immer öfter…

* Den Werbespots von Cortal Consors, die den Begriff der Bescheidenheit geradezu verhöhnen, widme ich an dieser Stelle demnächst mal eine eigene Betrachtung

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