Randalezeiten?

Schauen wir dieser Tage auf die Sportseiten der Tageszeitungen und Online-Medien, könnte man meinen, rund um Deutschlands Fussballstadien finden Gewaltorgien statt, wie sie in dieser Form noch nie auftraten. Polizeivertreter, DFB (Deutscher Fussball Bund) und DFL (Deutsche Fussball Liga – der Zusammenschluss der deutschen Profivereine) fordern eine härtere Gangart gegen die ‚unverbesserlichen‘ und ’sogenannten‘ Fans. Um Wählerstimmen bemühte Politiker (z. B. der mit höheren Ambitionen ausgestattete hessische Innenminister Boris Rhein) springen auf den Zug auf und sprechen von Sachverhalten, die sie nur aus dem Polizeibericht kennen. Kollektivstrafen und Verbote werden gefordert. Und in den Fanforen findet ein Selbstzerfleischungsprozess statt, der die Fronten eher verhärtet anstatt zusammen-führt.

Fans der Eintracht Frankfurt

Dem Durchschnittsbürger, der das Geschehen lediglich durch Sportschau, Sky-Konferenz, Doppelpass und Bild- Zeitung wahrnimmt (wobei sich andere Zeitungen auch nicht besser darstellen), muss sich aktuell das Bild ergeben, dem Niedergang des Fussballs und der Fankultur beizuwohnen.

Wenn man sich jedoch mit dem Thema ‚Gewalt im deutschen Fussball‘ näher beschäftigt, ist zu berücksichtigen, dass seit den 80er Jahren der Besuch eines Fussballspiels in den oberen Ligen nie gefahrloser war als heute! (Massen-) Schlägereien, Pöbeleien, Rassismus, Wurfgeschosse auf das Spielfeld – das alles hat erheblich nachgelassen durch verschärfte Eingangskontrollen, Blockordner, Regulierung der Anfahrtswege und eine generell andere Zusammensetzung des Publikums als früher.

Die Medien zeichnen aber derzeit ein teilweise unreflektiertes, schlecht recherchiertes Bild von den Vorgängen in den Stadien. Reflexhaft wird von Krawall und Randale gesprochen, ohne das Vorortgeschehen tatsächlich erlebt oder geprüft zu haben. Zum Beispiel: Es wurde im Rahmen des DFB-Pokalspiels Frankfurt gegen K’lautern kein Zuschauer „unter einen Zug gestossen“ (wie die Schlagzeilen lauteten), sondern er fiel (wie er noch am selben Abend Bekannten mitteilte) versehentlich zwischen die stehende S-Bahn und Bahnsteig.

Über jedes entzündete Bengalo wird momentan berichtet, als ob das Armageddon droht. Dabei sei erinnert an die Printwerbekampagne der ARD zu Saisonstart (‚Helden‘), bei der als Bildhintergund von Podolski, Neuer und Lahm sehr gerne auf von Pyrotechnik erleuchtete Fangruppen zurückgegriffen wurde! Oder wir denken an die Sportkommentatoren, die bei Europapokalspielen dann von südländischer Atmosphäre und stimmungsvoller Kulisse reden.

Wir wollen es keineswegs verharmlosen: Selbstverständlich ist die unkontrollierte Handhabung von Pyrotechnik auf den Zuschauerrängen extrem gefährlich und daher auch richtigerweise verboten. Und selbstverständlich gibt es in den Reihen der Fans gewaltbereite Leute, denen die derzeitige Bericht-erstattung den Bauch pinselt, weil sie sich dadurch erhöht und wahrgenommen fühlen. Es sind auch Gruppierungen, die sich bundesweit den Wettbewerb leisten, wer assozialer und gewalttätiger auftritt.

Diese Leute sind jedoch kein Problem, das der Fussball hervorruft, sondern eine gesellschaftliche Erscheinung – sie nutzen lediglich die Rahmenbedingungen des Fussballs für ihre Ausbrüche. Martialisches Auftreten und Provokation gehören auch für absolut friedfertige Menschen irgendwie dazu, um den Spass am Spielfeldrand zu vervollständigen. Aber in unserer Gesellschaft hat insgesamt die Aggression zugenommen. Den eigentlichen Provokateuren und Gewalttätern dient der Fussball als Bühne. Ein kluger Kopf sagte am vergangenen Wochenende sinngemäss: „Seien wir froh, dass wir diese Chaoten in den Stadien unter Beobachtung haben und nicht unkontrolliert marodierend nachts auf den Strassen.“

Es ist auch nicht zu unterschätzen, dass die Randalierer einer anderen Interessengruppe in die Hände spielen: Innerhalb des DFB und der DFL gibt es Tendenzen, u. a. die günstigen Stehplätze abschaffen zu lassen und durch vielerlei Restriktionen ein noch besser verkaufbareres Fussball-Premiumprodukt zu schaffen (die sog. ‚englischen‘ Verhältnisse). Andererseits kämpfen die Fans (insbesondere die Ultras) gegen die Kommerzialisierung ihres Sports.

In der aktuellen Situation sollten sich alle Beteiligten etwas zurücknehmen und einen Gang runter-schalten: Die Medien sind aufgefordert, nicht zu polarisieren, besseren Journalismus zu betreiben und Ereignisse richtig und differenziert darzustellen. Der DFB sollte sich fragen, ob beispielsweise die pauschale Bestrafung eines Vereines und seiner gesamten Anhängerschaft wegen eines einzelnen Plastikbecherwurfes verhältnismässig ist (siehe St. Pauli) und sich überhaupt 100 Prozent Sicherheit bei einer Grossveranstaltung herstellen lässt. Und die Fangruppierungen (insbesondere die Ultras) sind dazu aufgerufen, sich offen und wirksam von Gewalt in den eigenen Reihen zu distanzieren.

Sind wir dazu in der Lage? Dann könnte man sich sicher wieder etwas sachlicher über den Fussball und seine Randerscheinungen unterhalten…

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