2666 und die Frauenmorde

Das BuchIch lese… nein, ich quäle mich derzeit mit dem Roman 2666 [1] des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano. Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert, die einen kleinen, gemeinsamen Bezugspunkt haben: Die mexikanische Stadt Santa Teresa an der Grenze zur USA.

Während ich das erste Kapitel noch freudig genossen habe (es handelt u. a. von Germanisten, unter denen sich eine etwas seltsame Dreiecksbeziehung Mann- Mann-Frau bildet), empfand ich die darauffolgenden Kapitel als immer härtere Kost. Insbesondere der vierte Abschnitt hat mich dann sehr erschüttert: Der Autor schildert, umrahmt von Nebenhandlungen, polizeiberichtsmässig die Morde an Frauen in Santa Teresa im Zeitraum 1993 bis 1997.

Zitate aus dem Roman 2666: „Januar 1993, die erste Tote hiess Esperanza Gomez Saldana und war 13 Jahre alt. Vermutlich war sie nicht die erste […]. Fünf Tage später wurde Luisa Celina Vazquez erwürgt. Sie war 16 Jahre alt und im fünften Monat schwanger […]. Im März verliess die Moderatorin von Radio El Heraldo del Norte abends die Sendestudios. Als sie den Autoschlüssel aus der Tasche zog und aufschliessen wollte, huschte ein Schatten über den Gehweg und schoss dreimal auf sie […]. Einen Monat später wurde auf einer Müllhalde zwischen der Siedlung Las Flores und dem Industriepark General Sepulveda eine Tote gefunden […]. Die erste Tote des Monats Mai konnte nie identifiziert werden […]. Und so weiter und so fort, kleingeschrieben über fast 400 Buchseiten lang…

Man muss kein Wikipedia bemühen, um zu merken, dass sich Roberto Bolano in seinem Plot an den realen Frauenmorden in Ciudad Juarez [2] orientiert, der expandierenden mexikanischen Grenzstadt mit der schwindelerregenden Kriminalitätsquote. Erschreckend: Seit 1993 wurden dort u. a. mehr als 370 weibliche Leichen gefunden und mindestens 500 Frauen werden vermisst. Von einer Aufklärung der Fälle kann nicht die Rede sein. Nationale und internationale Experten (u. a. Amnesty International) sprechen von Inkompetenz und Korruption bei den Polizeibehörden der Stadt, von Verstrickung und Vertuschung.

Roberto Bolano nutzt in seinem Roman die Technik der Nebenhandlungen, um das frauenfeindliche Klima zu beschreiben, das in ’seiner‘ Stadt Santa Teresa die hohe Mordquote bedingt. Dieses menschenverachtende, chauvinistische Weltbild scheint auch in Ciudad Juarez die (männliche) Gesellschaft zu beherrschen. Und das im Jahr 2011?

Manchmal wünscht man sich UN-Eingreiftruppen an den wahren Schauplätzen dieser Welt…

Quellen:

[1] Roman 2666 von Roberto Bolano   

[2] Cuidad Juarez

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2 Kommentare
  1. Schnellinger sagte:

    Ist doch alles nicht so schlimm. In der Ukraine werden kleine kulleräugige Hunde ermordet wegen der EM.
    [/sarcasm off]

    • @Schnellinger: Du hast Recht. Was bedeuten schon Gewalt und Verbrechen in einem Land fernab von uns, wo wir doch gerade mit der Nachfolgefrage bei „Wetten, dass…“ beschäftigt sind… ;-)

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