Von Priestern und Stehgeigern

Bombastischer Kitsch: Die Priester

Sonntagabend, der Werbeblock im TV sorgt für einen herzhaften Lacher: Zwischen Auto- und Mobilfunkspots erklingen auf einmal sakrale Melodien und Texte, unterbaut von massiver Synthesizerwucht (eine Mischung aus Hans Zimmer und Jean-Michel Jarre mit einem Spritzer Metallica-Ballade) – viel Hall, viel Ehr‘. Und aus dem Off verkündet eine an Werner Reinke erinnernde Stimme: „Die Priester. Jetzt mit ihrem Debütalbum Spiritus Dei!

Die Priester – drei musizierende, katholische Geistliche, die ihre Mission sicher ernst nehmen – reihen sich frisch zur Weihnachtszeit nahtlos ein in all die Erscheinungen der vergangenen Jahre: Hüpfende und steppende Iren, die jeweils ‚besten‘ Violinisten der Welt (vermarktungstechnisch von Nigel Kennedy bis David Garrett), tränenrührende oder actiongeladene Musicalproduktionen, die diesmal wirklich grössten 1.380 Hits der Amigos auf fünf CD’s, die zehn, zwanzig, fünfzig Tenöre… die Aufzählung könnte unendlich fortgesetzt werden.

Diese pompös aufgeladenen und hochstilisierten Nichtigkeiten fügen sich wunderbar ein in die Musicalisierung der Gesellschaft, wie sie der Autor Matthias Politycki vor kurzer Zeit in einem Essay beschrieb. Das Mittelmass wird zum Event erklärt, Nebensächlichkeiten (z.B. das Aufkochen einer Tütensuppe) erhalten durch die Machart der Werbespots den Rang eines Höhepunktes im Kalenderjahr. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Meldungen über Bushidos Bambi-Verleihung oder das x-te Adoptivbaby von Hollywood-Größen den eigentlich wichtigen Themen keinen Raum lassen. Die weitere Konsequenz: Der geneigte Leser / Zuschauer / Hörer / User verliert die Lust und Geduld, sich im vom Wohlfühl- und Erregungs-Entertainment befeuerten Nachrichtendschungel mit Ernsthaftem auseinanderzusetzen.

Das Mittelmass wird gefeiert. Kultur und Stil gehen dabei verloren, Ästhetik und Anstand werden übergangen. Wir gehen nicht mehr auf die Weihnachtsmärkte, um den Duft von Bratäpfeln und Feuerzangenbowle einzuatmen, sondern weil es zum Lifestyle gehört. Wir fahren nicht das Auto, das für unseren jeweiligen Bedarf das Praktischste wäre, sondern kaufen oder leasen ein Image. Wir erleben tatsächliche Höhepunkte (die Hochzeit von Freunden, Reisen, usw.) nicht in dem Moment des Erlebens, sondern erst im Nachhinein in den Displays unserer Smartphones, Kameras und Computer.

Lustig, welche Gedankengänge ein Werbespot an einem Sonntagabend bewirken kann…

Weblinks: [1] Gesangstrio Die Priester [2] Radiomoderator Werner Reinke [3] Essayist Matthias Politycki

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