Tschüss, Herr Wulff

Gerne würde man den Bundespräsidenten Christian Wulff in diesem Blog weitestgehend ignorieren – wird doch in den Online- und Printmedien zur Genüge darüber berichtet. Ausgeleuchtet wurden bisher das vermeintliche Vorleben seiner Frau als Prostituierte, seine Beziehungen zur niedersächsischen Wirtschaft und natürlich die Kreditgeschichte inklusive der versuchten Einflussnahme auf die Berichterstattung der BILD-Zeitung. Es ist durchaus vorstellbar, dass noch so einiges an die Oberfläche geraten wird. Im Zeichen des Weihnachtsfriedens und „um das Amt des Bundespräsidenten nicht zu beschädigen“ haben Insider anscheinend bisher die Füsse still gehalten, was sich nun ändern dürfte. Das Feuer wurde spätestens gestern eröffnet. 

Die Frage nach einem Rücktritt Wulffs stellt sich gar nicht mehr. Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur der ZEIT) schrieb dazu bereits vor zwei Wochen sinngemäss sehr richtig, dass ein Politiker in seinem Amt dann nicht mehr tragbar ist, wenn er aufgrund seiner Verfehlungen den auferlegten Auftrag nicht mehr in voller Gänze wahrnehmen kann (siehe Leitartikel DIE ZEIT vom 22.12.11, Printausgabe Nr. 52). Allein Wulffs Angriff auf die Pressefreiheit und seine Lüge gegenüber einem Landesparlament machen ihn daher als moralisch oberste Instanz des Staates unglaubwürdig. Gut möglich, dass er noch diese Woche seinen Rücktritt bekannt gibt.

Ein Aspekt in dieser Angelegenheit verdient jedoch noch einen kurzen Blick: Wie schon im sprich-wörtlichen ‚Fall‘ des von (fast) allen geliebten Freiherr Karl-Theodor, zeigt sich auch in der ‚Affäre Wulff‘ ein erschreckendes Beispiel katastrophalen Krisenmanagements. In Zeiten hochkomplexer und intensiver Öffentlichkeitsarbeit bei Konzernen, Verbänden und prominenten Einzelpersonen sollte man annehmen dürfen, dass sich ein Bundespräsident mit kompetenten Beratern umgibt, um im Krisenfall stabilisierend, vertrauensschaffend und deeskalierend die Situation zu lenken – und nicht getrieben zu werden. Vielleicht wäre Christian Wulff sogar gestärkt aus der Sache herausgekommen. Doch bei Guttenberg und Wulff waren Herumlavieren, Leugnen und – wenn es anders nicht mehr ging – scheibchenweise Eingeständnisse zu beobachten. Kein klares Bekenntnis zu den eigenen Fehlern! PR-technisch betrachtet ein Desaster. Hat sie niemand davor gewarnt?

Dabei hat insbesondere beim Freiherrn die Eigen-PR im Rahmen des Aufstiegs doch wundervoll funktioniert (aktuell 530.000 mal ‚Gefällt mir‘ auf der Facebook-Seite Wir wollen Guttenberg zurückzeigen noch heute die Wirkung auf die Anhängerschaft). Haben im Krisenfall die Berater versagt oder sind Wulff und Karl-Theodor so hoch geflogen, dass sie die Bodenhaftung verloren haben? Ist es die steile Karriere, die beratungsresistent macht? Ist man als Aufsteiger ausnahmslos umgeben von Schmeichlern, Ja-Sagern und Opportunisten, von denen kein der eigenen Meinung abweichender Rat kommt, weil diese selbst im Strom nach oben getrieben werden wollen? Oder sind unsere Karrieristen in Politik und Wirtschaft mittlerweile tatsächlich so sehr darauf konditioniert, dass auf keinen Fall Fehler und Schwächen gezeigt werden dürfen?

Erfolgsmenschen wie beispielsweise die Herren Dirk Jens Nonnenmacher, Carsten Maschmeyer oder Thomas Middelhoff werden als ‚Macher‘ gefeiert und hofiert, sie finden mittlerweile öffentlich viel zu viel Anerkennung und Gewicht. Schuld daran sind auch die Medien, die Glanz und Gloria natürlich gerne aufnehmen. Am Ende der Aufsteigerkarrieren wartet meistens – wenn nicht der Staatsanwalt – so zumindest ein erheblicher Imageverlust. Es wäre längst Zeit für ein gesellschaftliches Umdenken hin zu Moral und Anstand, das Ehren der Bescheidenheit, aber das wird leider nicht geschehen.

Und zum Schluss: Sehr geehrter Herr Wulff, falls Sie mit den hehren Worten „um dem Amt des Bundespräsidenten keinen Schaden zuzufügen“ Ihren Rücktritt bekanntgeben: Sie haben dem Amt bereits geschadet, als Sie wider besseren Wissens die Präsidentschaftskandidatur dafür angenommen haben! Mit freundlichen Grüssen, Hackentrick

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