Brennende Biester

Sind wir mal ehrlich: Asiatische Reisegruppen sind in Frankfurt nicht in so grosser Zahl anzutreffen, weil sie alle unsere schöne Stadt sehen wollen, sondern weil sich Frankfurt aufgrund des Flughafens als Einfallstor wahlweise für die einwöchige Europareise (München, Wien, Venedig, Zermatt, Strasbourg, Paris) oder die Romantiktour Deutschland (Rothenburg, Neuschwanstein, Heidelberg, Loreley und Rheinschifffahrt, Kölner Dom, Berlin, Dresden) etabliert hat.

Die Übernachtung vor Beginn der Tour kann zwei Optionen bieten: Entweder hat der Reise-veranstalter ein deprimierendes 3-Sterne-Hotel in einem leblosen Gewerbegebiet am Stadtrand Frankfurts gebucht oder die Wahl fiel glücklicherweise auf ein Haus in der Innenstadt. Im zweiten Fall ergibt sich für den Touristen die Möglichkeit, zumindest am Anreiseabend noch schnell Goethehaus, Römer, EZB (inkl. Occupy-Camp) und Hauptwache zu sehen. Wieder zurück in Peking, Tokio oder Seoul, erfreut sich der Reisende an den fotografischen Erinnerungen und erzählt seinen Nachbarn vom „ancient town“ am Main… Prima, das dient dem Stadtmarketing!

Auf den Kopf gestellt (Foto: Hackentrick)

Sollten sich aber vergangenen Freitagabend japanische Touristen aufgemacht haben, um noch schnell das Altstadtareal aufzusuchen, muss sich Frankfurt Sorgen um sein Image machen. Der Besucher – ausgerüstet mit Stadtplan, -führer und Digitalkamera – spaziert ahnungslos auf den Dom zu und stösst als erstes auf ein auf dem Dach liegendes Autowrack… Sekunden später kommt eine in silbernen Overalls gekleidete und behelmte Gruppe brüllend („uuuaaaaaah“) auf das Fahrzeug zugerannt und macht sich brachial am Fahrzeug zu schaffen. Randalierender Mob in Frankfurts Innenstadt? Brennende Autos in der City? Protest, Aufstand, gar eine Revolution?

Nur beinahe – denn wir befinden uns inmitten der Performance von Claudia Bosse: BURNING BEASTS. Seit einigen Tagen hat die Künstlerin in Kooperation mit Studenten des Instituts der Angewandten Theaterwissenschaften (Uni Giessen) auf dem Kaiserweg zwischen Römer und Dom Autowracks installiert, diese mit den Städtenamen der weltweiten Umbruchsbewegungen gekenn-zeichnet (z.B. Athen oder Misrata) und ‚bespielt‘ nun mit ihrer Truppe diese exemplarischen Stätten des Protests.

Die Aktion ist Teil der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität durchgeführt wird und über die in diesem Blog bereits berichtet wurde (Amt für Umbruchsbewältigung und Frankfurter Stadtgespräch).

Die Performance stellt die Frage, was zu tun ist angesichts der globalen Unsicherheiten. Kollektiv schweigen? Die Stimme erheben? Oder radikalere Wege beschreiten? An den einzelnen ‚Stationen‘ der Autowracks (Stätten des Aufstandes) macht die Künstlergruppe sichtbar, welche Formen des Protests denkbar sind. Doch ohne vorherigen Blick in das Programmheft hätte sich uns das Anliegen der Künstlerin nicht unbedingt erschlossen…

Mit der Hoffnung, dass nicht allzuviele Touristen von den Vorgängen erschreckt wurden, erfreut sich der Autor dieser Zeilen mal wieder an den nachfolgenden tollen Fotos von Frau Lenz (nochmals herzlichen Dank an dieser Stelle!) und weist auf das nächste neugierigmachende Event der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN hin: Das 2-Mensch-Ding-Orchester LES TRU am 22. Februar in der Nicolaikirche!

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