Chinesisches Gold und eine Klage

Das Internet steckt voller fantastischer Geschichten, Informationen und Skurillitäten und hinter vielen Seiten verbergen sich abstruseste Ansichten oder Theorien, so dass man schon sehr sorgfältig recherchieren sollte, um nicht Halbwahrheiten oder gezielter Desinformation ausgesetzt zu sein. Bei der Recherche über das Thema ‚Fiatgeld‘ stiess ich neulich auf eine Sache, die mich neugierig machte und mich dazu veranlasste, tiefer zu wühlen. Und je mehr ich zu lesen bekam, umso mehr schwankte ich zwischen Heiterkeit und Verwunderung.

Ich will keine Verschwörungstheorien ausbreiten – aber vielleicht amüsiert oder interessiert es den einen oder anderen Leser, über was ich da gestolpert bin. Also einfach zurücklehnen und die Story wie einen guten Rotwein geniessen…

Vorhang auf!

Im Sommer 2009 berichten die Medien (u.a. Die Welt und Spiegel-Online) darüber, dass italienische Zöllner zwei Asiaten festnahmen, die eine Tasche gefüllt mit alten US-Staatsanleihen illegal in die Schweiz ausführen wollten. Das Besondere daran: Die Obligationen beliefen sich auf den unglaub-lichen Nennwert in Höhe von 134,5 Milliarden Dollar – einer Summe, die in dieser Grössenordnung eigentlich nur zwischen Staaten gehandelt wird! Über die Echtheit der Papiere wurden keine Angaben gemacht, die Unterlagen wurden sichergestellt, die Behörden nahmen die Ermittlungen auf. Doch wie so häufig, verschwand die Angelegenheit wieder aus dem Fokus der Medien – Berichte über die Untersuchungsergebnisse blieben aus und von der Sache war nichts mehr zu hören, bis…

…bis am 23. November 2011 am US District Court for the Southern District of New York eine dicke Klageschrift eingereicht wird. Kläger: Der amerikanische Geschäftsmann Neil F. Keenan mit Firmensitz in Bulgarien, vertreten von der Anwaltskanzlei Bleakley, Platt & Schmidt. Beschuldigte: Die Vereinten Nationen, der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, Silvio Berlusconi, das Weltwirtschaftsforum und einige andere illustre Namen bis hin zur US Federal Reserve (die US-Notenbank)!!!

Datenbankeintrag der Klage Neil F. Keenans beim Bezirksgericht New York-Süd

Die Anklageschrift wirft den genannten Personen und Institutionen vor, dem Kläger Finanzpapiere im Wert von 1,1 Billionen (!) Dollar gestohlen zu haben. Dabei soll es sich um US-Staatsanleihen mit Nennwert von 124,5 Mrd. Dollar, japanische Regierungs-Bonds über 19 Mrd. Dollar, sowie ein sog. ‚Kennedy‘-Bond mit Nennwert 1 Mrd. Dollar handeln (das macht zusammen 134,5 Mrd., die Summe der zwei Jahre zuvor an der italienischen Grenze sichergestellten Papiere!).

Durch die über viele Jahre aufgelaufenen Zinsen beliefe sich der Wert der Anleihen jetzt – wie bereits erwähnt – bei 1,1 Billionen Dollar. Neil F. Keenan verlange die Rückgabe der Obligationen und Schadensersatzzahlungen wegen versuchten Betrugs, Vertragsbrüche und Verletzung internationaler Rechte.

Seltsamerweise geht im Medienzirkus diese erstaunenswerte Angelegenheit völlig unter, dabei klingt der Stoff nach grossem Kino. Lediglich der Journalist Dan McCue berichtet Tage später im Courthouse News Service (ein Servicedienstleister für Anwälte und Nachrichtenmedien) mit dem Titel „Bizarre Claim for $ 1 Trillion“ über die komische Geschichte.

Wie also kommt es zu diesem mysteriösen Fall? In der Klage wird auf über 100 Seiten ausführlich dargelegt, dass Neil F. Keenan im Jahr 2009 von einer Gruppe wohlhabender asiatischer Familien und Organisationen ermächtigt wurde, den Ertrag ihrer Wertpapiere für „humanitäre Fonds zur Entwicklung in Afrika und Asien“ einzusetzen. Der Bund dieser Asiaten nennt sich Dragon Family. Der Klageschrift zufolge entzieht sich der Familienbund weitestgehend der Öffentlichkeit, engagiert sich jedoch „nach bestem Wissen und Gewissen“  für Gutes und Hilfreiches. Die hohen Staatsanleihen gelangten in den Besitz des asiatischen Bundes, weil sie vor vielen Jahren Vermögensübertragungen in Gold und anderen Edelmetallen an die US Federal Reserve tätigten. Für eben diese Lieferungen erhielt damals die Dragon Family als Gegenwert die Bonds, die mittlerweile über eine Billion US-Dollar wert seien.

Hm… Eine riesige Geldsumme, eine ominöse Klage vor einem US-amerikanischem Gericht und ein obskurer asiatischer Geheimbund namens Dragon Family, der einen Geschäftsmann mit Sitz in Bulgarien beauftragt, das angesammelte Vermögen zum Wohle der Menschheit auszugeben. Klingt mehr als aufregend!

Taucht man jetzt tiefer in die (fast) unendlichen Weiten des World Wide Web, stösst man schnell auf den Namen Benjamin FulfordFulford lebte lange Zeit in Japan und leitete u. a. das Asien-Büro des Wirtschaftsmagazins FORBES, bis er 2006 die berufliche Karriere abbrach und sich seitdem als freier Autor mit Themen beschäftigt, die uns etwas abstrus vorkommen. Mit einfachen Worten: Die meisten würden ihn als Verschwörungstheoretiker bezeichnen!

Kaum erfährt Benjamin Fulford von der Klage vor dem Bezirksgericht, sieht er darin einen weiteren Beweis einer von ihm schon lange gehegten Theorie: Der Versuch asiatischer und blockfreier Staaten, das globale Finanzsystem auszuhebeln, um eine für alle gerechtere Weltwirtschaft zu ermöglichen!

Eine schöne Geschichte, doch wir wollen Fulfords Ausführungen an dieser Stelle nicht allzu detailliert betrachten, da man dabei schnell über Illuminati, 9/11 oder den beabsichtigten Untergang der Titanic (!) stolpert. Doch auch ohne diese Ausschmückungen sorgt der Plot für Staunen. Fulfords Version in Kurzform:

Durch Handel und Kriege sammeln die führenden Familien Chinas im Lauf der Jahrhunderte enorme Mengen Gold an. Als am Vorabend des zweiten Weltkrieges die Besetzung durch japanische Truppen droht, schliessen sich die Familien zusammen und verschiffen 1938 ihr Gold in die USA. Die US Federal Reserve (Fed) lagert die Bestände ein, nutzt diese zur Stabilisierung des Dollars als weltweite Leitwährung und stellt als Sicherheit für die Chinesen Staatsanleihen aus. Als jedoch nach 60 Jahren Vertragslaufzeit die Chinesen ihr Gold zurückhaben wollen, verweigert die Fed die Herausgabe des Edelmetalls [diverse Leute behaupten, dass ‚ein internationales Zivilgericht‘ die Fed daraufhin zur Rücklieferung des Goldes verdonnert hätte. Am 12. September 2001 sollten die Schiffe dann mit dem Goldschatz Richtung China auslaufen, doch man weiss, was am Vortag geschah (sic!)… Über dieses Gerichtsverfahren habe ich jedoch keine weiteren Informationen gefunden].

Später tauchen die Obligationen an der italienischen Grenze auf, werden konfisziert und zwei Jahre darauf verklagt ein Geschäftsmann wichtige Institutionen und Persönlichkeiten auf Herausgabe eben dieser Wertpapiere…

Was 2009 die beiden Asiaten an der italienischen Grenze vorhatten, ist bis dato ungeklärt. Um uns nicht in den Sumpf abgründiger Theorien zu begeben, bleibt nichts anderes übrig als auf die Aufnahme des von Neil F. Keenan angestrebten Verfahrens am US-Bezirksgericht zu warten. Wir bleiben am Ball…

[Die komplette Klageschrift als .pdf]

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