Viel Erfolg, Herr Gauck

Seit der gestrigen Wahl ist es offiziell: Joachim Gauck folgt als neuer Bundespräsident seinem Vorgänger Christian Wulff in’s Schloss Bellevue. Mit viel Vorschusslorbeeren ausgestattet, soll er dem Amt wieder zu Würde und Ansehen verhelfen.

Joachim Gauck – Präsident der Herzen?

Versammelt waren neben Bundestagsabgeordneten und Landtagsparlamentariern natürlich auch wieder Prominente und engagierte Bürger – unter den Wahlmänner/-frauen gesichtet wurden u. a. die Schauspielerin Senta Berger, der griechische König Otto I. („Rehakles“), Filmemacher Sönke Wortmann und der Showmoderator Frank Elstner. Mit dem schönsten Namen glänzte jedoch ein bereits 90-jähriges CDU-Mitglied: Günter-Helge Strickstrack aus Celle.

Von insgesamt 1.228 abgegebenen gültigen Stimmen entfiel die deutliche Mehrheit gleich im ersten Wahlgang auf Herrn Gauck (991 Stimmen), die Kandidatin der Linkspartei, die Publizistin Beate Klarsfeld, errang 126 Stimmen. 108 Enthaltungen wurden gezählt.

Wer jetzt schnell mitgerechnet hat, stellt fest, dass drei Stimmen fehlen – diese gingen an einen Kandidaten der NPD: Olaf Rose. Der 54-jährige Historiker ist NPD-Mitglied im Stadtrat von Pirna und anscheinend ein arger Geschichtsklitterer. Nicht, dass ich ihm einen grösseren Auftritt wünschen würde, aber im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl wurde er durch die Leitmedien wohl totge-schwiegen. Ich zumindest war über den dritten Kandidaten tatsächlich nicht informiert.

Zwischenfrage: Wieso ruft man eigentlich zur Wahl, wenn der Sieger schon vorher feststeht? Vergangene Woche wurde schon über Gaucks Antrittsrede diskutiert…

Wie dem auch sei, Joachim Gauck ist jetzt die Stimme aller Deutschen und wird den Posten – so erhofft es sich die Mehrheit der Bundesbürger – für die Mindestamtszeit der nächsten fünf Jahre besetzen.

Im Vorfeld der Wahl kam diesmal, anders als 2010 bei seiner damaligen Kandidatur gegen Christian Wulff, viel Kritik an Gaucks Person auf. Aus dem Zusammenhang gerissene Zitatfetzen kursierten im Internet, die von Politik und Medien dankbar aufgenommen wurden. Menschen aus seinem Umfeld sagen, dass „Pastor“ Gauck sein Sendungsbewusstsein arg zügeln müsse, um sich nicht jede Woche mit einer grossen, staatstragenden Rede äussern zu wollen. Andere sind der Ansicht, dass er sich zu sehr den Schwerpunkten Demokratie und Freiheit widme, jedoch andere wichtige Themen ignoriere. Gauck wird Eitelkeit vorgeworfen, es entbrennt eine Debatte über sein tatsächliches Wirken als Bürgerrechtler vor 1989 und die Linken lehnen ihn in allen Talkshows kategorisch ab.

Auch der Eindruck, den ich von Joachim Gauck beim Stadtgespräch im Frankfurter Kunstverein gewann, hat persönliche Skepsis hervorgerufen. Doch mittlerweile hat sich mein Bild von Gauck geändert: Ich denke, er wird seine Sache gut machen und ich kann mir vorstellen, dass er für viele (auch für die, die es gar nicht erwarten) ein unbequemer Präsident werden könnte – insbesondere, weil er für Engagement, Beteiligung und Eigeninitiative plädiert. Er hat durchaus das Format, Finger in offene Wunden zu legen und den Menschen auf die Füsse zu treten. Vielleicht konfrontiert er die Menschen sogar mit unangenehmen Wahrheiten; ob er den Mut dazu aufbringt, wird man sehen. Seine konservative Grundhaltung schadet im höchsten Staatsamt allerdings sicher nicht (und nun doch ein ‚Zitatfetzen‘ von Gauck: „Ich bin ein Verfechter der Freiheit. Allerdings nicht für den Freiheitsbegriff, wie ihn ein Pubertierender versteht.“)!

Lassen wir uns einfach überraschen von seiner Präsidentschaft und schrauben die augenscheinlich hohen Erwartungen und die Messlatte ein wenig herunter (denn ansonsten sollten wir erstmal an unsere eigenen Nasen fassen). In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, Herr Gauck, und viel Erfolg als Bundespräsident!

PS: Tauschen möchte ich nicht. Weder mit dem Bundespräsidenten, noch mit der Kanzlerin, Barack Obama oder dem Papst. Ab dem Tag der Wahl hat das ’normale‘ Leben für die Betreffenden ein Ende. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war. Immer unter Beobachtung der Medien, Leibwächter oder Berater, keine Privatsphäre. Auch aus diesem Grund wünsche ich Joachim Gauck alles Gute – er opfert viel für dieses Amt.

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