Benzinpreis – die Quittung

Neben dem Parkhaus-Mord in Emden und dem Einzug des FCB in das Halbfinale der Champions-League stürzen sich diese Woche (nicht nur) die Medien auf ein immer wieder gern diskutiertes Thema: der Benzinpreis. Eine schöne Steilvorlage für Wahrheiten, die mal wieder niemand hören will…

Keine Frage, Tanken ist teuer geworden und für den einen oder anderen sicherlich hart an der Schmerzgrenze. Und natürlich ist die drastische Anhebung der Kraftstoffpreise durch die Mineralöl-konzerne kurz vor Ostern auffällig (wie auch jeden Freitagnachmittag oder zu Ferienbeginn). Dennoch verwundert mich das Entsetzen darüber, die allgemeine Empörung finde ich – gelinde gesagt – lächerlich.

Noch lächerlicher sind die Vorschläge aus einigen Reihen der Politik, der Verteuerung durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale zu begegnen. „Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“, nennt man das wohl. Seien wir mal ehrlich: Statt über teure Spritpreise und die Habgier von BP und Konsorten zu schimpfen, sollten wir unsere Volksvertreter fragen, warum sie jahrzehntelang geschlafen und / oder falsche Entscheidungen getroffen haben.

Vor 40 Jahren hat bereits der Club of Rome in seinem vielbeachteten Bericht ‚Die Grenzen des Wachstums‘ u. a. auch vor der Verknappung der Ressourcen gewarnt. Ein Jahr später, 1973, radelte ich auf dem Rad mit meinem Vater auf der Autobahn vom Monte Scherbelino über das Frankfurter Kreuz zum Flughafen: Autofreier Sonntag im Herbst 1973 infolge einer Ölkrise*! Die Risiken der Ölversorgung (Preisentwicklung / Verknappung) waren also damals schon bekannt – was wurde seitdem unternommen?

Das waren noch Zeiten…

Wir fahren (meistens einzeln) in überdimensionierten Familienpanzern zum Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, weil wir den Kleingeschäften in unserem Wohnumfeld ignorant beim Sterben zugeschaut haben. Wir nehmen befriedigt das Verdummungsmarketing der Automobilkonzerne zur Kenntnis, die uns die Botschaft, dass ein 180 PS-Auto heutzutage statt 16 Liter nur noch 8 Liter schluckt, mit Erfolg verkaufen. Wir lächeln mitleidig über Mitmenschen, die bewusst auf ein Auto verzichten, und nennen sie abwertend ‚Idealisten‘ (oder noch besser: ‚Gutmensch‘).

Unsere Regierungen haben zugeschaut, als die Bahn Kleinstrecken und unrentable Bahnhöfe abgerissen hat. Unsere Regierungen haben zugeschaut, als Kommunen den Nahverkehr privatisiert haben. Unsere Regierungen haben die Abwrackprämie und bis dato die Nichteinführung des Tempolimits zu verantworten. Nur eines haben unsere Regierungen in den vergangenen 40 Jahren nicht hinbekommen: Die zukunftsweisende Mobilitätspolitik.

Stetig bearbeitet vom VDA (Verband der Automobilindustrie) mit den Einflüsterungen „Wachstum“ und „Arbeitsplätze“, haben wir leider die vergangenen Jahrzehnte nicht genutzt, um alternative Verkehrs-konzepte zu schaffen. Auch gesellschaftlich haben wir uns in ein Fiasko begeben: Frage Dich doch mal kurz, liebe Leserin / lieber Leser, ob Du frei davon bist, über das Auto den dazugehörenden Menschen zu beurteilen (nagelneuer Audi A8 / rostiger Ford Fiesta)…

Zukunftsorientierte Verkehrskonzepte liegen in vielen Schubladen, aber es interessiert sich niemand dafür. Wir lassen lieber Gigaliner auf die Strassen, ergötzen uns an den neuesten PS-Boliden und freuen uns über den geplanten Ausbau der A5 zwischen Nordwestkreuz und Friedberg, in der (vergeblichen) Hoffnung, dass uns zukünftig die Feierabendstaus verschonen bei der „freien Fahrt für freie Bürger“.

Die Preise für Rohöl werden weiter steigen – einerseits, weil Börsenspekulation das Preisgefüge anheizt, andererseits, weil die Fördermethoden immer komplizierter und damit teurer werden. Unsere Empörung darüber ist heuchlerisch, denn wir wissen ganz genau, dass wir wider besseren Wissens handeln.

Die Wahrheit ist: Die Benzinpreise sind nur der Anfang der Spirale. Strom und Wasser werden folgen, weil wir jahrzehntelang Alternativmodelle ignorieren und nicht wahrhaben wollen, dass wir uns einschränken müssen. Unser Gewissen beruhigen wir, indem wir einmal im Jahr weltweit für eine Stunde das Licht ausschalten, beim Zähneputzen auf den Wasserverbrauch achten und beim Autokauf den protzigen SUV mit dem geringeren Kraftstoffverbrauch wählen.

Das wird leider nicht reichen. Nach uns die Sintflut…

* Diese Ölkrise basierte zwar auf einer künstlichen Verknappung des Rohstoffs durch die OPEC-Länder aufgrund des Jom-Kippur-Krieges und dadurch extrem steigender Rohölpreise, zeigte jedoch deutlich unsere Abhängigkeit vom Öl.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: