RAY 2012

„RAY 2012 präsentiert herausragende, internationale Positionen der zeitgenössischen Fotografie und Videokunst. RAY besteht aus der über drei zentrale Standorte verteilten Hauptausstellung MAKING HISTORY sowie zehn Partnerausstellungen und -projekten in Frankfurt und der Region…“

Hm… Fotografie? Sehr gerne! Der Eröffnungstext der Werbebroschüre schreckt allerdings eher ab, als dass er neugierig macht. Muss man, um RAY zu erleben, zig Termine und Ausstellungsorte wahrnehmen? Wie nähert man sich einem solchen Projekt?

Ich wähle den einfachsten Weg: Einladung zur Führung durch eine Gruppe in einem sozialen Netzwerk. Angeklickt und Teilnahme bestätigt. Sonntags dann der gemeinsame Gang durch die Hauptausstellung MAKING HISTORY. Hier schon der Hinweis: Allein diese Ausstellung erstreckt sich über drei Häuser! Wir starten im Museum für Moderne Kunst, wechseln in’s MMK Zollamt (schräg gegenüber) und wandern anschliessend von dort zum Frankfurter Kunstverein.

Nochmal ‚hm’… MAKING HISTORY ist in der erlebten Schnelldurchlauf-Führung eine sehr verwirrende Angelegenheit. Also nutze ich einen freien Nachmittag, um mir die Ausstellung nochmals anzuschauen (hier ein Hinweis: Das Ticket für EUR 8,- gilt für alle drei Ausstellungsorte und kann auch an mehreren Tagen genutzt werden! Man muss also nicht an einem Tag die ganze Ausstellung in den drei Häusern durchhecheln).

Meine Interpretation, ohne in den Katalog zu schauen: MAKING HISTORY ist der Versuch, die diversen ‚erzählerischen‘ Seiten der Fotografie darzustellen. Geschichtsdeutung und Erlebnis, Wirkung, Manipulation und Inszenierung. Wer reine  ‚Fotokunst‘ sehen will, ist zumindest in dieser Hauptausstellung fehl am Platz.

Die Ausstellung sorgt bei der wiederholten Besichtigung durchaus für emotionale Momente: In den Räumen des Frankfurter Kunstvereins wird die Geschichte des preisgekrönten Fotos von Kevin Carter sehr eindrücklich präsentiert: Das hungernde Kind, beobachtet von einem Geier. Man wankt zwischen Begeisterung und Bestürzung über das Geschehen (zu sehen hinter der Neoninstallation in der obersten Etage. Man beachte das ‚Rot‘- und ‚Grün‘-Zeichen für das chronologisch sinnvolle Betreten der Installation!). Dann die Fotos von Nina Berman, die die Zugreise von Barack Obama zu seiner Amtseinführung begleitete: In ihrer Serie Obama Train zeigt sie die Menschen am Streckenrand, die dem neugewählten Yes We Can-Prediger ihre ganze Hoffnung zeigen, aber dabei nur das erschreckende Bild einer abgestürzten, kaputten USA repräsentieren. Und die ausgestellten Arbeiten im MMK Zollamt, die allesamt das Thema ‚Inszenierung‘ abbilden: Die Celebrities im Wissen ihrer medialen Wirkung, die Fotografen, die für diese Wirkung sorgen. Ein für beide Parteien lohnendes Wechselspiel.

In einien Details schwächelt die Ausstellung – so werden zum Beispiel statt der aussagekräftigen Originale Inszenierungen und Kopien gezeigt (u.a. die Fotos von Manit Sriwanichpoom), die m. E. den eigentlichen Wert des originalen Fotos persiflieren. Aber sei’s drum…

Nachfolgend Eindrücke der Hauptausstellung MAKING HOSTORY (Museum für moderne Kunst, MMK Zollverein, Frankfurter Kunstverein)…

May 1, 2011 (Alfredo Jaar)

Alfredo Jaar spielt in dieser Installation mit dem berühmten Bild aus dem Situation Room des Weissen Haus, das in einem bedeutenden Moment aufgenommen worden sein soll. Das Foto gilt als offizieller Beweis für die Ermordung Osama bin Ladens. Doch was zeigt es uns? Könnten die Damen und Herren nicht auch gerade beim Super-Bowl oder einer Quiz-Sendung zuschauen? Der Künstler stellt – um die Lächerlichkeit dieses ‚Beweisfotos‘ zu verdeutlichen, sein Blankobild daneben, das genauso wenig Beweiskraft hätte.

Tableau von Wachtürmen (Taysir Batnijis)

Diese Wachtürme wurden an der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland fotografiert. Der Verfall der Militärarchitektur soll Hoffnung wecken.

Aus der Serie ‚Afghanistan: Chronotopia‘ (Simon Norfolk)

Sehr interessanter Effekt: Im flüchtigen Vorbeigehen sieht man ein Kornfeld. Nähert man sich dann der Fotografie Simon Norfolks, erkennt man die unzähligen, leeren Patronenhülsen. Und man fragt sich unwillkürlich: Wann wurden sie abgefeuert? Was haben sie angerichtet?

Bunt und lustig (Arbeiten von James Howard)

Ein ganzer Raum voller Kitsch und Verführungen! Der Künstler nutzt als Ausgangsmaterial für seine Arbeiten die Webseiten von Wunderheilern und Sekten, die die Verunsicherten zu sich locken wollen. Botschaften aus einer mir fremden Welt…

Deutsche Momente (Hofmann & Lindholm)

Diese Videoinstallation fand ich originell: Laienschauspieler stellen an Originalschauplätzen Momente der deutschen Geschichte nach und re-inszenieren die bekannten Fotos davon. Die ‚Einzigartigkeit‘ dieser Augenblicke wird jedoch mit der gleich vierfachen Inszenierung des Bildmotivs konfrontiert. Hier zu sehen: Die Verkündung der Koalitionsvereinbarung von 1998 mit Schröder, Fischer, Lafontaine und Sektgläsern.

Dieses Foto zeigt einen Teil der Rauminstallation von Armin Linke. Der Künstler hat eine Vielzahl an Fotos (der Katalog nennt die Zahl 80.000!) des Paparazzi-Fotografen Corrado Calvo gesichtet und Gespräche mit dem Yellow-Press-Zulieferer geführt. Sein Projekt zeigt, dass die in den einschlägigen Medien veröffentlichten Schnappschüsse von A/B/C-Prominenten eigentlich gewollte Inszenierungen sind. Beide Seiten (Fotograf / Prominenter) teilen das Wissen über die ‚Macht‘ der Bilder…

Aids (Oliviero Toscani)

Die Bilder der vieldiskutierten Benetton-Werbung dürfen natürlich bei einer solchen Ausstellung nicht fehlen. Im MMK Zollamt sogar im XXL-Grossformat!

Collage aus der Serie ‚The Disciples‘ (James Mollison)

Äusserst erheiternd und mit zwinkerndem Auge: James Mollison zeigt in seiner Installation, dass gewollte Individualität und Abgrenzung letztendlich auch wiederum nur zu Gruppenbildung und Gleichmacherei führt. Ein Lehrstück über die vermeintliche Einzigartigkeit!

[Anmerkung: Die Ausstellung RAY 2012 ist bis Oktober 2012 in Frankfurt zu sehen. Alle Informationen über das Projekt RAY 2012]

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