Afghanistan – unknown future

Afghanistan im Mai 2012 – US-Aussenposten ‚Nangalam‘ in der Provinz Kunar. Die Fotografin Katja Lenz begleitet mit ihrer Kamera zwei Wochen lang eine amerikanische Kampfkompanie nahe der afghanisch-pakistanischen Grenze. Sie erlebt den Alltag im Camp, besucht die umliegenden Dörfer und nimmt an Tag- und Nachtpatrouillen teil. Dieser Artikel mit einigen ihrer Fotos erzählt von der derzeitigen Situation vor Ort – der Abzug der ISAF in 2014 wirft seine Schatten bereits voraus.

Nangalam am Fluss Pesch

Das Dorf Nangalam liegt im Osten des Landes am Fluss Pesch und ist von hohen Bergen umgeben. Die Menschen leben hauptsächlich von der Landwirtschaft (Getreideanbau) und strotzen dem kargen Boden mühsam die Ernte ab.

Der US-Aussenposten nahe beim Dorf kann nur per Helikopter und ausnahmslos nachts angeflogen werden, da in den Tälern nach Nangalam Versorgungskonvois aus anderen Stützpunkten sofort unter Beschuss geraten würden. Bei Einbruch der Dunkelheit bleibt auch das Camp aus Sicherheitsgründen unbeleuchtet. Die dort stationierten, mehrheitlich sehr jungen Soldaten verbringen ihre Zeit – neben den obligatorischen Patrouillen und Ausbildungsstunden – meistens im provisorisch eingerichteten Fitnessraum und mit Computerspielen.

Aufständische Gruppen rund um Nangalam

Der Krieg in Afghanistan bereitet der ISAF trotz militärischer Überlegenheit u. a. deshalb so grosse Probleme, weil es nicht nur einen Feind gibt. Die Gruppierungen der Aufständischen bilden sich aus Taliban, versprengten Al-Qaida-Kämpfern und den autarken Stämmen aus den Seitentälern. Sie folgen Salafisten-Führern oder werden kurzerhand für ein paar Dollar aus den Dörfern rekrutiert, um Schüsse auf die ‚Besatzer‘ abzufeuern und danach wieder auf die Felder zu gehen. Die Abbildung (s. o.) zeigt, von welchen feindlichen Gruppen der Aussenposten Nangalam umgeben ist. Solche Gegner sind nicht greifbar – sie bewegen sich in den unzugänglichen Bergen oder verschwinden in der Zivilbevölkerung.

Bis 2014 wird die ISAF die Truppen vollständig aus Afghanistan abziehen, lediglich Berater und Ausbildungseinheiten verbleiben im Land. Spätestens dann ist die afghanische Armee (ANA) allein auf sich gestellt. Die Alliierten arbeiten heute sehr eng mit den ANA-Streitkräften zusammen, um bei der Ausbildung zu helfen und Unterstützung zu leisten. So lautet auch eine der Auflagen der entsprechenden UN-Resolutionen.

In Nangalam lädt Bataillonskommandeur Adil Turab – der als Mudschaheddin bereits gegen die Sowjetarmee kämpfte – seine amerikanischen Kollegen zum wöchentlichen Tee ein. Man bespricht die Lage und weitere Planungen. Turab weiss, was in den nächsten Jahren auf ihn und seine Männer zukommen wird und warnt eindringlich vor den Konsequenzen, sollte die Weltgemeinschaft seinem Land den Rücken zukehren.

Warnende Worte: Bataillonskommandeur Adil Turab

Turabs Einheiten übernehmen schon jetzt einen immer grösseren Teil der Aufgaben in der Region. Die Kampfeinsätze gegen die Aufständischen werden zunehmend von afghanischen Soldaten durch-geführt, während sich die US-Kompanie mehr und mehr auf Beobachtung verlegt, aus der Distanz sichert und Luft- oder Artillerieunterstützung leistet. Die Zeit der grossen NATO-Offensiven im Rahmen der OEF (Operation Enduring Freedom) scheint endgültig vorbei.

US-Soldat beobachtet die Berghänge

Gefechtsstand in Nangalam

Mörsereinsatz

Der Ausbildung der ANA-Soldaten wird mittlerweile eine hohe Priorität eingeräumt. Diese Männer werden demnächst ohne fremde Unterstützung die Aufständischen bekämpfen und den afghanischen Staat sichern müssen. Ein Grossteil der Soldaten kommt aus ärmlichen Verhältnissen – viele lernen erst in der Armee lesen und schreiben. Die Amerikaner unterweisen sie im Umgang mit Kartenmaterial und lehren die Handhabung der verschiedenen Waffengattungen.

ANA-Soldaten erhalten eine Einweisung

Afghanisch-amerikanische Freizeit im Camp

ANA und US-Army auf einem Beobachtungsposten

Zuvor sehr aggressiv aufgetreten, verfolgen die USA seit 2009 einen Strategiewechsel, zu dem auch ein intensiverer Kontakt zur afghanischen Bevölkerung und den Funktionsträgern zählt. Um mit den Frauen und Mädchen auf den Dörfern näher kommunizieren zu können, hat die US-Armee die FET-Einheiten (Female Engagement Teams) installiert. Die Soldatinnen – die teilweise auch Paschtunisch sprechen – knüpfen Kontakte zum weiblichen Teil der Einheimischen und erkundigen sich nach medizinischem Bedarf, alltäglichen Problemen oder Fortschritten in der Schule.

Gespräch mit Distriktgouverneur

FET-Angehörige mit Dorfkindern

Neugierige Jungs

Welche Zukunft erwartet die beiden Kleinen?

HOFFNUNG ODER SKEPSIS?

Auf den Hügeln rings um Nangalam und dem Aussenposten der US-Kompanie sichert die afghanische Armee in vorgeschobenen Beobachtungsständen die Gegend. Der Dienst in diesen einsamen Vorposten ist hart und entbehrungsreich – teilweise schlafen die Männer mit der Waffe in der Hand direkt hinter den Sandsäcken, um bei plötzlichen Überfällen sofort gefechtsbereit zu sein.

Afghanischer Vorposten in den Bergen

Die Bilder zeigen den Mangel an moderner Ausrüstung und Logistik. In so manchen Gesichtern der ANA-Soldaten sind Skepsis und Hoffnungslosigkeit abzulesen – es wundert nicht bei den Aussichten auf die vor ihnen liegende Zeit. Die Afghanen sind stolze und mutige Kämpfer, sie haben kluge Anführer, und doch kann man es ihnen nicht verdenken, wenn sie schon heute an die Zeit nach dem ISAF-Rückzug denken. Auf die Soldaten warten in entfernten Heimatorten Frauen, Kinder, Familie. Die einfachen Dienstgrade haben sich für den Militärdienst gemeldet, um wenigstens etwas Geld verdienen zu können. Niemand weiss, wie sehr sie sich jetzt noch mit den vielleicht zukünftigen Machthabern anlegen wollen.

Unteroffizier der ANA

Feldbetten im Vorposten

ANA-Soldaten auf ihrer ‚Stube‘

Afghanische ‚Feldküche‘

Man wird den Eindruck nicht los, dass wenig Hoffnung für Afghanistan besteht. Nach dem Abzug der NATO und der ISAF-Truppen steht eine bisher schlecht ausgebildete, mangelhaft ausgerüstete und nur teilweise motivierte afghanische Armee verschiedensten Interessengruppen gegenüber, die ihre baldige Chance wittern. Wir wissen nicht, ob diese aufständischen Gruppierungen durch den anhaltenden Krieg und die militärischen OEF-Offensiven (von Obamas Drohnenangriffen ganz zu schweigen) der vergangenen Jahre entschieden geschwächt wurden. Oder warten sie bereits ungeduldig auf den Rückzug der westlichen Soldaten, um mit geballter Kraft Afghanistan in das Chaos zu stürzen?

Die nächsten Monate, die kommenden zwei Jahre werden sehr wahrscheinlich die Zukunft Afghanistans entscheiden…

Der Abzug naht: „Good luck, Afghanistan!“

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In eigener Sache:

Katja Lenz in Afghanistan (Mai 2012)

Die Fotografin Katja Lenz, bei der ich mich nochmals auch an dieser Stelle sehr für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial bedanke (und über deren unbeschadete Rückkehr ich sehr froh bin), hat die Reise in das Kriegsgebiet unternommen, um diese bisher fremde und für uns so ganz andere Welt kennenzulernen. Einerseits das ferne Afghanistan mit seiner eigenen Geschichte und Kultur, andererseits die in sich geschlossene Welt der US-Militärmaschinerie. Sie wollte Eindrücke gewinnen vom Alltag in dem kriegsleidenden Land und vom Leben im Schatten der ständigen Bedrohungen – ihr Ansinnen war es nicht, medienwirksame Kriegsbilder abzuliefern.

Mein Artikel ist nur ein kleiner Ausschnitt der Eindrücke, die Katja auf ihrer Reise gesammelt hat. Wirklich beeindruckende Bilder präsentiert sie in den Fotoserien auf ihrem Webblog:

Ein Blick in die Gesichter der Menschen, die in der Kriegssituation leben, arbeiten oder ihren Dienst leisten müssen, zeigt uns die eindrückliche Portraitserie FACES. Eine Auswahl eindrucksvoller Bilder aus dem afghanischen Alltag lässt uns erstaunen. In der sehr ausdrucksstarken Serie I HAVE A DREAM schildern fünf Soldaten eines US-Platoons in Nangalam Träume und Hoffnungen. Und STRANGERS ist der Blick durch das Panzerglas eines Patrouillenfahrzeuges auf die Menschen in dieser Krisenregion – die Distanz zwischen Supermacht und den Einheimischen wird allzu deutlich.

[Fotos: Katja Lenz | Text: der Autor dieses Blogs]

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5 Kommentare
  1. Ein hervorragender Artikel zu eindrucksvololen, erklärenden Bildern – einfach nur grossartig. Ich werfe selten mit solchen Komplimenten um mich, aber hier sind sie wirklich angebracht, weil ohne Zeigefinger einfach „gezeigt“ wird. Muchas gracias!

    Ich hatte das Glück, in meinem Leben viele Länder bereisen zu dürfen. Dabei ist mir mehr als einmal aufgefallen, wie wenig ausländisches Militär von einem Land wusste, wenn es dort stationiert war. Praktisch nichts.

    In Afghanistan ist es das Extrem: Eine Besetzung des Landes, ohne den minimalen Einblick in die Machtstrukturen, die Einflusszonen der Stämme, die Dynamik des Landes. Unter solchen Umständen kann man selbst dann nur einen Fehler nach dem anderen machen, wenn man besten Willen voraussetzt.

    Das Ganze ist vom ersten Tag an eine Unmöglichkeit gewesen – und eine Tragik für alle Beteiligten.

    • Völlig richtig, uhupardo. Das Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten erinnert mich an den Elefanten im Porzellanladen – leider müssen aber die Afghanen dann die Scherben alleine beiseite räumen… Und danke für das Lob!

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