EM-Splitter II

Die Gruppenspiele der UEFA EURO 2012 (formerly known as „Fussball-Europameisterschaft“ oder kurz „EM“) liegen hinter uns, acht Teams packen die Koffer oder befinden sich bereits auf der Heimreise. Zeit für ein persönliches Zwischenfazit.

Dass die Fussballturniere der FIFA und UEFA nur noch eine Plattform für die Werbeindustrie sind und eine grandiose Einnahmequelle für die genannten Ausrichter darstellen, wird gerne übersehen, solange uns packende und unterhaltsame Spiele geboten werden. Wie weit die UEFA geht, um den Werbekunden und Sponsoren, dem weltweiten Fernsehpublikum und den Gastgeberländern das Bild einer wunderschönen, friedlichen, stimmungsvollen EM zu vermitteln, zeigt der ‚Kunstgriff‘, die vor dem Spiel Deutschland gegen Holland aufgezeichnete Szene mit Trainer Löw und dem Balljungen während der Übertragung der Partie in das Live-Bild einzuspielen. Der Zuschauer reibt sich verwundert die Augen und staunt über einen augenscheinlich entspannten, sympathischen Bundes-Jogi beim durchaus packenden Spiel gegen die Niederländer.

Nicht gezeigt wurden uns durch die UEFA dagegen die Bilder von Bengalos in den Fanblöcken, der kroatische ‚Flitzer‘, leere Ränge in den Stadien, die nationalistische Provokation beim Marsch der russischen Fans durch Warschau  oder die Politiker Rebecca Harms und Werner Schulz mit ihrem Banner „Fair Play In Games And Politics“, das sie auf der Tribüne entrollten. Passt halt nicht in’s Bild (mehr zum Thema: FAZ-Artikel Die Herren des Weltbilds vom 03.06.2012)!

Wenn schon ARD und ZDF unkritisch die von der UEFA produzierten Fernsehbilder übernehmen, könnte man sich wenigstens über eine interessante Nebenberichterstattung freuen. Was uns da jedoch mit Waldis Club und dem Duo Katrin Müller-Hohenstein / Oliver Kahn an der Heringsdorfer Landungsbrücke auf Usedom zugemutet wird, ist ein Angriff auf die Würde des Menschen. Waldemar Hartmann sollte sich nur noch der Weissbier-Reklame widmen und das bisher Erhellendste von der Ostseeinsel war Olli Kahns erstes Twittern. Kahns Ankündigung, Tiefsinniges der Welt zu vermelden, folgte die Nachricht: „wir werden #europameister!!!“. Geht es noch infantiler?

Verwundert diese flache, als Show-Veranstaltung konzipierte sog. ‚Vorberichterstattung‘, die bereits zwei Stunden vor Anpfiff beginnt? Die Antwort lautet „nein“. Denn dem ZDF stellt sich keine Qualitäts-frage, sondern lediglich die Überlegung, wie sich möglichst einfach die für hochpreisige Werbeblöcke verkaufbare Zeit bis 20 Uhr mit dem quotenträchtigen Thema ‚Fussball-EM‘ füllen lässt. [Anmerkung: Da das ZDF ab kommende Saison die Übertragungsrechte für die Champions-League erworben hat, steht uns wohl auch in diesem Fall eine gehaltvolle ‚Vorberichterstattung‘ ab 19.30 Uhr bevor. Insofern betrachte ich die EM-Show als Testballon, was dem Fernsehzuschauer so alles zuzumuten ist]

Für Verwirrung sorgte das etwas unglückliche Reglement der UEFA, welche Mannschaften sich bei Punktegleichstand in den Gruppen für das Viertelfinale qualifizieren. So mussten zum Beispiel die Fans der deutschen Nationalmannschaft am vergangenen Sonntag mit Notebooks und Taschen-rechnern ausgestattet Richtung ‚Freiluftgucken‘ ziehen, statt mit Tröten und Fahnen für eine ordentliche „Tschlaaaaand“-Stimmung zu sorgen. Und der Gegner der Deutschen, die dänische Mannschaft, hatte anscheinend völlig den Überblick verloren – statt alles auf eine Karte zu setzen (denn parallel führte Portugal gegen Holland und setzte sich damit vor Dänemark), dachten sie wohl weiterhin, ein Unentschieden würde reichen und beschränkten sich auf ein Abwehrbollwerk vor dem eigenen Tor.

Dass die UEFA mit Strafen gegen die Nationalverbände wegen Fehlverhaltens der jeweiligen Fans um sich schmeisst, wie wir es sonst nur vom DFB gewohnt sind, ist etwas peinlich. Skandalös finde ich jedoch, dass der dänische Spieler Nicklas Bendtner für das Präsentieren seiner Unterhose (nebst Werbeaufschrift) beim Torjubel zur Zahlung von EUR 100.000,- (!) verdonnert wird, während der kroatische Fussballverband für den Einsatz von Pyrotechnik, rassistische Symbole und Sprechchöre seiner Fans um rund EUR 20.000,- günstiger davonkommt. Damit zeigen die Herren Platini & Co. einmal mehr, wo die Prioritäten bei der EM liegen!

Doch diese EM hatte auch schon tolle Highlights zu bieten! Das sensationelle Siegtor des Engländers Danny Welbeck zum 3:2 gegen die Schweden (ein „Volley-Hackentrick“ [sic!] in einem entfesselten, begeisternden und von allen taktischen Zwängen befreiten Spiel nach dem 2:1-Führungstreffer der Skandinavier). Der sagenhafte Wolkenbruch in Donezk. Sehr gastfreundliche Menschen in Polen und der Ukraine. Und der ARD-Kommentator Gerd Gottlob mit seinem „woooaaaah“ bei aufregenden Szenen…

Besonders bewegt haben mich aber die Minuten, als die irischen Fans vor Abpfiff der Partie gegen Spanien und bei einem aussichtslosen 0:4-Rückstand das Lied Fields Of Athenry (ein Folksong über eine Hungersnot im 19. Jahrhundert) anstimmten und selbst nach Beendigung der Begegnung mit dem Singen nicht aufhörten. Kommentator Tom Bartels tat das einzig Richtige und schwieg minutenlang, so dass uns an den heimischen Fernsehgeräten ein einzigartiger Moment geschenkt wurde. Grossartig!

Die Spielorte der EM 2012 (Quelle: wikipedia.de)

Wer die bisherigen Partien der EM 2012 verpasst hat – hier die Zusammenfassungen aller Gruppen-spiele im Schnelldurchlauf:

1ter Abend (Gruppe A): Nicht ganz konsequente Polen im Unglück (Polen vs. Griechenland 1:1) und ein begeisterndes russisches Staatsballett (Tschechien – Russland 1:4). Hat Spass gemacht!

2ter Abend (Gruppe B): Die Dänen lassen Oranje verblassen und unsere Jungs erkämpfen sich mit einer Portion Glück die ersten drei Punkte gegen Portugal. Kommentar von Frau Lenz: „Hätte auch in’s Auge gehen können“. Stimmt genau!

3ter Abend (Gruppe C): Das Duell Spanien gegen Italien war packend und endete mit einem überraschenden Unentschieden (1:1), Irland verliert im verregneten Breslau trotz viel Herzblut gegen abgeklärtere Kroaten mit 1:3. Es bleibt weiterhin unterhaltsam!

4ter Abend (Gruppe D): Franzosen fehlen die Ideen gegen viel zu passive Engländer (1:1) und Shevchenko brilliert mit Doppelschlag auf seiner Abschiedsgala in der Heimat (Ukraine – Schweden 2:1)!

5ter Abend (Gruppe A): Den kurzen, offiziellen EM-Trailer kann ich schon jetzt nicht mehr hören. Und es liegen noch 2 1/2 Wochen vor uns. Zurück zum Sporrrrcht: Böhmischer Blitzstart schockt Hellas (zwei Tore nach 6 Minuten Spielzeit): Griechenland – Tschechien 1:2. Das zweite Spiel – Leidenschaft und Herzblut im Warschauer Hexenkessel: Polen – Russland 1:1 mit einem wirklich geilen Tor von Kuba!

6ter Abend (Gruppe B): Fast hätte sich die schwache Chancenauswertung des Super-Gockels Cristiano Ronaldo gerächt. Doch am Ende heisst es dann doch: Dänemark – Portugal 2:3! Und im zweiten Spiel des Tages straft Mario Gomez alle Kritiker ab: Doppelpack zum 2:1-Sieg gegen Niederlande…

7ter Abend (Gruppe C): Die in der ersten Halbzeit offensivstarken Italiener beschränken sich nach der Pause auf das gewohnte Abwehrspiel und werden von beherzten Kroaten dafür bestraft: ITA – CRO 1:1. Zum zweiten Spiel des Abends: Schade, die irischen Fan-Gesänge werde ich vermissen – sympathische Mannschaft, die der spanischen Dominanz jedoch nichts entgegenzusetzen hatte. Spanien – Irland 4:0!

8ter Abend (Gruppe D): Donner, Blitz und sintflutartiger Regen sorgen für eine einstündige Spiel-unterbrechung und trüben die EM-Chancen der Ukraine – spielerisch bessere Franzosen siegen verdient (UKR – FRA 0:2). Im anderen Gruppenspiel herrscht vor der Pause (Mittelfeld-)Krampf, dann besinnen sich beide Teams auf Tugenden (Kampf & Einsatz) und die Tore sorgen für eine deutliche Belebung der Partie: Schweden und England trennen sich nach neunzig Minuten 2:3 (und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen solchen Siegtreffer gesehen habe – Volley-Hackentrick [sic!] durch Danny Welbeck).

9ter Abend (Gruppe A): Erstaunliche Wendung… Polen kommt mit dem Erfolgsdruck nicht zurecht, verliert durch zu wenig Einsatz gegen Tschechien 0:1 und scheidet damit aus. Hellas gelingt der Coup: Griechenland gewinnt überraschend, aber nicht unverdient gegen Russland 1:0 und schickt den eigentlichen Gruppenfavoriten nachhause!

10ter Abend (Gruppe B): Bei lecker Speis und Trank verfolgen wir das Deutschland-Spiel, der Taschenrechner liegt griffbereit. Benders Siegtor zum 2:1 gegen Dänemark erübrigt dann glücklicherweise das Herumrätseln, ob es für’s Viertelfinale reicht. Im anderen Gruppenspiel schlägt Portugal unsere Nachbarn mit 3:2: Die holländische „Elftal“ muss sieglos die Koffer packen. PS: Da das Ritual jetzt bei allen drei Spielen unserer Nationalmannschaft geholfen hat, muss Frau Lenz auch alle weiteren Deutschland-Spiele mit einem Buch in der Hand verfolgen. Dann klappt’s ganz sicher mit der Europameisterschaft!

11ter Abend (Gruppe C): Beinahe hätte Kroatien die Spanier zu Fall gebracht – am Ende aber siegte dann doch der Favorit (CRO – ESP 0:1). Löw hat hoffentlich seine Schlüsse daraus gezogen… Im Miejski-Stadion gewinnen die Italiener gegen harmlose Iren 2:0, bekleckern sich angesichts einer sehr langweiligen zweiten Spielhälfte jedoch nicht gerade mit Ruhm.

12ter Abend (Gruppe D): War der Ball in vollem Umfang hinter der Linie? Nach Auswertung der ersten Bilder: Ja! Trotzdem egal – die Mannschaft der Ukraine hat in sämtlichen Gruppenspielen nicht genügend Qualität aufweisen können, mit einem 0:1 gegen zurückhaltende Engländer scheidet leider auch der zweite Gastgeber der EM aus… Ebenfalls zurückhaltend, wenn nicht sogar erschreckend schwach präsentierte sich die Équipe Tricolore gegen Schweden und zieht dennoch in das Viertel-finale ein – sehenswert: Das Traumtor von Ibrahimovic (FRA – SWE 0:2)!

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4 Kommentare
  1. Ja, die „Nebenkriegsschauplätze“ werden, wenn nicht gezeigt, dann wenigstens erwähnt, aber in jedem Falle nur nebensächlich behandelt. Wie der Fußball selbst allerdings auch. Sehr enttäuschend bisher dieses Turnier. In allen Belangen.

    • Völlig d’accord! Und das Bitterste ist: Es wird auch zukünftig nicht besser werden…

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