EM-Splitter IV

DAS EINE HALBFINALE…

Schluss mit Tiki-Taka. Beinahe hätten die Portugiesen den spanischen Ballzirkulationszauber zum Erliegen gebracht. Am Ende gewannen die Mannen von Trainer del Bosque aber dann doch und erreichen das EM-Endspiel – wenn auch nur knapp durch Elfmeterschiessen.

Apropos ‚Tiki-Taka‘ (span. tiqui-taca): Für die einen mittlerweile ein gähnend langweiliges Hin- und Hergeschiebe, ist das Kurzpassspiel der Spanier für andere Ausdruck spielerischer Dominanz und Ballbehauptung. Die Franzosen meinten nach dem Ausscheiden im Viertelfinale, es sei „nervig, ständig nur hinterher laufen zu müssen und wenn Du dann selbst mal am Ball bist, hast Du keine Luft mehr„.

So ermüdend es für den einen oder anderen Zuschauer sein mag: Tiki-Taka ist der Tatsache geschuldet, dass sich die Gegner tief am eigenen Strafraum formieren und massive Defensivarbeit leisten. So bleibt den Spaniern nicht anderes übrig, als in typischer Handballmanier den Ball vor dem gegnerischen Tor zirkulieren zu lassen, bis sich endlich eine Lücke für den gefährlichen Pass auftut oder durch eine Eins-gegen-Eins-Situation eine Torchance erzwungen werden kann. Bisher war Spanien erfolgreich damit.

Ein Mittel gegen das übermächtige spanische Mittelfeld scheinen die Portugiesen gefunden zu haben: Sie machten schon an der Mittellinie den Raum eng, störten früh und versuchten, in Ballnähe Überzahlsituationen herzustellen. Dieser kräftezehrenden Taktik fiel dann allerdings das eigene Offensivspiel zum Opfer: Aufgrund der angeschlagenen Physis wurden Angriffsversuche unsauber gespielt und schlampig abgeschlossen. Aber immerhin – hier scheint ein Mittel gefunden!

Trauern verboten

Über die UEFA und die Kommerzialisierung des Fussballs habe ich mich in den bisherigen Artikeln zur Fussball-Europameisterschaft (pardon, ich meinte die UEFA EURO 2012™) immer wieder kritisch geäussert. Ein weiterer Vorfall ist bezeichnend: Aufgrund des Todes des Spielers Miquel Roque von Betis Sevilla (er verstarb vergangenes Wochenende 23-jährig nach Krebsleiden) beantragten die Spanier laut diversen Medienberichten, im Spiel gegen Portugal Trauerflor tragen zu dürfen sowie eine Schweigeminute beim Anpfiff der Partie (die UEFA bestreitet, dass es eine Anfrage bzgl. der Schweigeminute gab, Quelle: Süddeutsche Zeitung).

Spanien mit schwarzer Trauerbinde

Die UEFA gab dem Antrag nicht statt. Die Schweigeminute störte wahrscheinlich den engen Zeitplan für das weltweite Broadcasting (Werbeblock, Nationalhymnen, ‚Respect‘-Kampagne) und für das Verbot der schwarzen Armbinde kann es m. E. nur einen trifftigen Grund geben: Eine interne Absprache mit Ausrüster Adidas (der auch die spanischen Trikots stellt und sehr eng mit der UEFA / FIFA zusammenarbeitet), dass kein Zentimeter der drei werbeträchtigen Streifen bedeckt werden würde. Anders kann ich mir das sture Verhalten der UEFA-Funktionäre nicht erklären…

Sei es drum. Die spanische Mannschaft ignorierte den UEFA-Bescheid und lief dennoch – zumindest in der ersten Halbzeit – mit Trauerflor auf. Wir dürfen darauf gespannt sein, ob auch in diesem Fall eine Strafe ausgesprochen wird.

… UND DAS ANDERE HALBFINALE

Eine der beiden Serien musste enden: Entweder Deutschlands Siegesglück bei fünfzehn Pflichtspielen in Folge oder die statistische Wahrheit, dass ‚wir‘ noch nie ein Turnierspiel gegen Italien gewonnen haben.

Bei Anpfiff am Donnerstagabend ein tiefschwarzer Himmel und Regen über Frankfurt, das kann kein gutes Omen sein. Und dementsprechend bestimmen trotz gutem Start der deutschen Elf die Italiener die Höhepunkte der ersten Halbzeit: Doppelschlag von Balotelli, dem erklärten ‚Enfant terrible‘ der TV-Reporter, der sich bei dieser EM bisher so rebellisch zeigte wie weiland Robert Lembke als Was bin ich?-Gastgeber (ok… zugegebenermassen hatte Herr Lembke die Torjubelpose des Italieners beim zweiten Treffer nicht im Programm). Cleverness vor Jugendstil?

Nach der Pause ein Sturmlauf, der eingewechselte Reuss bringt neuen Schwung und Hoffnung. Doch die Zeit verrinnt und mehr und mehr schwindet die Zuversicht, denn der Fussballkenner weiss: In Führung liegende Italiener werden mit jeder ablaufenden Spielminute schwieriger zu bespielen. Und so kommt es auch: Das Runde will nicht in das Eckige, Aktionen funktionieren unter dem Druck und der Hektik nicht mehr richtig. Da hilft auch Özils Elfmetertreffer in der 90. Minute nicht mehr.

Fünf Nachspielminuten, Kopfball Manuel Neuers als Mittelfeldspieler, Abfiff… und dann Kommentator Steffen Simon: „Es ist aus. Deutschland ist raus…“

•   •   •

Schade. Dennoch: Mein Glückwunsch geht an Italien und Spanien – jetzt wünschen wir uns von den beiden Teams ein tolles Endspiel!

Diskussionen über Löws Mannschaftsaufstellung, einer etwaigen Überheblichkeit aufgrund des deutlichen Sieges über Griechenland, individuelle Fehler einzelner Spieler u. ä. führe ich an dieser Stelle nicht und überlasse dies der Fachpresse. Abschliessende persönliche Analysen und Kommentare folgen in meinem Artikel EM-Splitter V nach dem Endspiel!

[Weiterführende Links: alle EM-Splitter auf einer Seite]

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