EM-Splitter V – Abpfiff

Schade, das hätte ein über die gesamte Spieldauer aufregendes Endspiel werden können… aber aus dem bis zur 61. Minute sehr packenden Finale ist auf einmal die Luft draussen, als der gerade erst eingewechselte Italiener Thiago Motta verletzt ausscheidet und das Wechselkontingent der Squadra Azzurra bereits erschöpft ist. Italien muss in Unterzahl und mit einem 0:2-Rückstand die letzte halbe Stunde der EM gegen wieder einmal spielstarke Spanier bestreiten. Ein Ding der Unmöglichkeit…

Es kommt, wie es kommen muss. Spanien nutzt die nicht nur numerische Überlegenheit gnadenlos, siegt am Ende 4:0 und wird zum zweiten Mal in Folge Europameister. Und das völlig verdient.

Das 3:0 durch Fernando Torres (84. Spielminute)

Bleibende Eindrücke

Die ganz grossen Emotionen wollten sich dieses Mal nicht einstellen, dafür wurde das Produkt UEFA EURO 2012 von den Verantwortlichen zu sehr präsentiert wie eine Familien-Unterhaltungsshow am Samstagabend. Hübsch aufgepeppt, jugendfrei und hygienisch absolut steril. Die glattgeschliffenen Details des Events reichen von dem Disco-Trallala-Erkennungssong über die manipulative Weltbildregie bis hin zum nervigen Countdown vor Anpfiff der Spiele. Die vor keiner Peinlichkeit zurückschreckende mediale Berichterstattung von der Ferieninsel Usedom (ZDF) und an Waldemar Hartmanns Stammtisch (ARD) wurde bereits ausführlich (auch in diesem Blog) kommentiert. Wer aufmerksam hingeschaut hat, stellt fest, dass die Kommerzialisierung des Fussballs augenscheinlich noch lange nicht an ihre Grenzen gestossen ist. Da wird (auch in der Bundesliga) in den kommenden Jahren noch einiges auf uns zukommen.

Die grosse Aufregung um Julija Tymoschenkos Haftbedingungen und die ‚rechtsstaatlichen‘ Verhältnisse in der Ukraine im Vorfeld der EM war mit dem Anpfiff des Eröffnungsspiel vergessen und verdrängt. Nur kleine Randnotizen hier und dort, obwohl man durchaus die mediale Aufmerksamkeit hätte nutzen können, um auf Missstände im Land der ehemals orangenen Revolution hinzuweisen. Besonders ernüchternd fand ich den anscheinend lustig gemeinten Artikel eines FR-Journalisten, der über seine Erlebnisse beim Einchecken in einem für EM-Übernachtungsgäste bereitgestellten Studentenwohnheim in Kiew berichtete. Unerwähnt blieb leider, dass die Studenten kurzfristig und zwangsweise ihre Zimmer komplett räumen mussten, damit die Stadt diese Übernachtungs-möglichkeiten teuer an die Fussballtouristen vermieten konnte.

Die Schiedsrichterassistenten an der Torauslinie… schon bei den Europapokalspielen 2011/12 sorgten sie für Diskussionen. Bei der EM gab es mindestens zwei gravierende Fehlentscheidungen der Referees, die durch die vermeintlichen Helfer an der Torlinie nicht revidiert wurden. Anstatt den Spielern den Händeschüttel-Marathon vor Anpfiff aufzuzwingen (aus dem guten, alten Schiri-Trio ist mittlerweile eine vielköpfige Mannschaft geworden), muss endlich eine Entscheidung her: Moderne Technik (zumindest zur Strafraumüberwachung) oder back to the roots – aber bitte Schluss mit Massnahmen, die den Schiedsrichtern (die insgesamt übrigens im Vergleich zur WM 2010 sehr gute Leistungen zeigten) mehr schaden als helfen!

Über das Niveau der Spiele lässt sich lange fachsimpeln. In Kurzform: Bis auf wenige Ausnahmen mehrheitlich eher mittelmässiger Fussball – entweder der taktischen Ausrichtung geschuldet, öfters jedoch dem Unvermögen der teilnehmenden Mannschaften. Die Aufstockung von 16 auf 24 Teams bei der nächsten EM 2016 verheisst da keine qualitative Besserung…

Ginge es um die Darbietung der Nationalhymnen, wäre Italien verdientermassen Europameister. Wie ein Gianluigi Buffon, die italienische Torwartlegende, mit geschlossenen Augen Fratelli d’Italia schmettert, hat Klasse! Zugegebenermassen ist die Musik vom Feinsten. Erinnert an Puccinis Overtüren. Sehr fein!

Ach, es gäbe noch vieles zu berichten: Über die seltsame Stimmung in den Stadien. Über die braven Jungs unserer Nationalmannschaft. Über die plötzlich aufkommende Debatte über Löws fachlichen Fähigkeiten. Über koordiniertes Rudelgucken mit schwarz-rot-goldenen Fahnen in den deutschen Städten, der Patriotismusdebatte und dem entsprechenden Zusammenhang mit den Übergriffen auf italienische Fans in Wuppertal.

Aber jetzt wird abgepfiffen: Schluss. Aus. Vorbei.

[Alle EM-Splitter auf einen Blick: Klick!]

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