Raus mit den Pfeiffen

Wenn jemand siebenhundert Kilometer Hin- und Rückfahrt auf sich nimmt, um live vor Ort mitzuerleben, wie drei Orgeltöne in einer alten Kirchenruine verstummen, hat entweder nicht alle Tassen im Schrank oder ist von einer Sache so fasziniert und begeistert, dass er gerne den Aufwand dafür in Kauf nimmt.

Für mich beanspruche ich Letztgenanntes. Am gestrigen Donnerstagabend wurde der zwölfte Klangwechsel beim Halberstädter John-Cage-Projekt vorgenommen. Das Projekt, das im September 2001 startete, ist der Versuch, die Spielanweisung „as slow as possible“ von Cages Orgel-Komposition ORGAN² / ASLSP wortwörtlich umzusetzen – das ursprünglich fünfminütige Musikstück wurde auf eine Aufführungsdauer von 639 Jahren hochgerechnet!

Da man von keinem Musiker verlangen kann, über Jahre hinweg an einer Orgel die jeweiligen in der Partitur aufgeführten Töne zu halten und sich irgendwann von einem Nachfolger ablösen zu lassen, haben die Begründer des Projektes auf eine andere Form der Darbietung zurückgegriffen. In der Kirchenruine in Halberstadt wurde eine einfache Konstruktion aus einem riesigem Blasebalg installiert, der auswechselbare Orgelpfeiffen mit Luft antreibt. So werden zum entsprechenden Zeitpunkt eines Notenwechsels nur die jeweiligen Pfeiffen eingesetzt oder entfernt, das Halten der Töne übernimmt die ‚Orgel‘ selbst.

Schätzungsweise 200 Interessierte versammelten sich um die Orgelkonstruktion in der Burchardikirche, lauschten für fünf Minuten nochmals andächtig dem bis dahin anhaltenden Fünfklang, dann wurden die Pfeiffen für die Töne a‘, c“ und fis“ entfernt. Jetzt sind nur noch die beiden Töne C und Des zu hören, bevor sich am 05. Oktober 2013 drei neue Töne dazugesellen. Der Klang wird dann bis zum Jahr 2020 anhalten, dann erklingen zwei weitere Töne. Das wird bis 2640 so weitergehen – wenn alles klappt! Denn der Förderverein des John-Cage-Projektes stellt sich einer enormen Aufgabe: Zum einen ist er über Generationen auf engagierten Nachwuchs angewiesen, zum anderen stellt sich das Projekt der Konfrontation mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung… werden in kommenden Jahrzehnten / Jahrhunderten noch Verständnis, Toleranz und Unterstützung für diese Form der Kunst bestehen?

Apropos Unterstützung: Da der Förderverein auf private Spenden angewiesen ist, bietet er u. a. die Möglichkeit, Pate für eines der 639 Aufführungsjahre zu werden. Ab EUR 1.000,- wird eine Einzelperson oder Gruppe mittels Erinnerungstafel inklusive individuellem Text in der Burchardikirche verewigt. Dazu die humorvolle Anmerkung in der Begrüssungsrede: „Das ist von längerer Dauer als jeder Grabstein heutzutage!“. Und auch symbolträchtiger als jedes Liebesschloss am Eisernen Steg!

[Alles über das John-Cage-Projekt in Halberstadt: aslsp.org]

(Zum Öffnen der Gallerie ein Bild anklicken)

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8 Kommentare
  1. Mir gefällt das. Oh ja. Mir gefällt das sogar sehr. Und ein Mensch, der alle Tassen im Schrank hat – dem fehlen zwar keine Tassen, aber dafür ganz viel anderes :-)

    • Recht hast Du… zumal man/frau ja noch wegen ganz anderen Erlebnissen weite Strecken in Kauf nehmen kann. Vorzugsweise samstagsnachmittags zu unseren Adlern (oder freitagsabends… oder sonntags… oder, oder, oder…) ;-)

  2. gereizt sagte:

    Hm, bin nicht so der Orgelkonzertgänger. Ich warte dann doch lieber auf die Single-Auskopplung. Aber vorher siniere ich, wo sich die ASLSP-Idee noch umsetzen ließe. Schöne Idee das.

    • Apropos Single-Auskopplung: Ich habe die Komposition vor Jahren mal aus Neugier auf kurze Spieldauer umgerechnet und mit meinem Equipment eingespielt. Das Stück wird keine Chance haben, in die Charts zu kommen – musikalisch ist das… äh… etwas gewöhnungsbedürftig ;-)
      Aber Deine anderen Umsetzungsideen des ASLSP interessieren mich. Lass es uns wissen, sobald Du Einfälle hast!

  3. Absolut beeindruckend. Manche gigantomanischen Ideen beendrucken mich noch immer. Am 5. Oktober 2013 wäre als wieder mal so ein Tag, um einen Pfeifenwechsel mitzuerleben.
    Was ich schade finde, dass nirgends zu lesen ist, was Cage an Tantiemen für sein bekommt und welchen Betrag er selbst dem Förderverein davon abgibt, um sein Projekt zu realisieren.

    • @Herr Ärmel: Ich finde das Projekt ebenfalls beeindruckend – insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass die Aufführungsdauer bis weit in die Zukunft reicht, die für uns überhaupt nicht kalkulierbar ist (oder wagt jmd. eine konkrete Prognose über die nächsten 50 Jahre hinaus?)!

      Zur Frage der Tantiemen: Wenn sie sich an der Aufführungsdauer orientieren (das ist eher selten der Fall), würde es ordentlich in der Kasse klingeln :-) Doch zur Info: John Cage hat leider nicht mal mehr die Planung des Projektes erlebt – er ist bereits 1992 verstorben…

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