„hart aber fair“ vom 9. Juli 2012

Wer den gestrigen ARD-Polittalk „hart aber fair“ mitverfolgt hat, bekam wieder einmal ein Beispiel für den Verfall von Diskussionskultur und Informationspolitik im deutschen Fernsehen zu sehen. Bereits mit dem anspruchsvollen Thema des Abends (Titel der Sendung: „Besser wegschauen und stillhalten – darf uns Syrien so egal sein?“) verhoben sich die Macher der Sendung und die Liste der eingeladenen Gesprächspartner liess erahnen, dass sich die Redaktion an einem Scriptmodell orientierte, das anscheinend derzeit in Mode ist: Sympathischer, aber nicht ernstzunehmender Kritiker gegen eine Übermacht der Meinungshoheit.

Am Thema verhoben hat sich „hart aber fair“ deshalb, weil die Fragestellung, ob sich die restliche Welt für die aktuelle Situation Syriens interessieren sollte, keinen 75-minütigen Sendeplatz erfordert und innerhalb fünf Minuten hätte beantwortet werden können. Die Frage nach dem „weshalb?“ wäre da schon weitaus zeitraubender gewesen.

Der ursprünglichen Fragestellung widmete sich die Sendung jedoch nur in der ersten Fragerunde. Dann lief sie darauf hinaus, wie die Vorgänge in Syrien bewertet werden sollten, resp. was dort überhaupt geschieht. An diesem Punkt hätte „hart aber fair“ durchaus interessant und informativ werden können – dies war jedoch gar nicht beabsichtigt: Das Ziel der ‚Show‘ war augenscheinlich, auf unterhaltsame und vorgespielt seriöse Weise den Publizisten Jürgen Todenhöfer vorzuführen.

Todenhöfer, CDU-Mitglied und engagierter Nahost-Experte, tat sich schon in der Vergangenheit durch eine sehr kritische Haltung zur Rolle des Westens in Afghanistan, im Irak und Libyen hervor. Auch im Falle Syriens warnt er vor einer allzu einseitigen Bewertung der Lage. Seit November 2011 bereiste er mehrmals den Mittelmeerstaat und sprach mit Menschen verschiedenster Fraktionen. Aufgrund seiner Eindrücke plädiert Todenhöfer seitdem dafür, dass – um eine Ausweitung des Bürgerkrieges zu verhindern – dringendst internationale Verhandlungen mit Präsident Assad aufgenommen werden sollten. Er bestätigt die von einzelnen Seiten veröffentlichten Beobachtungen, dass nicht alleine Assads Truppen eine friedlich demonstrierende Bevölkerung zusammenschiessen, sondern auf Seiten der Aufständischen unterschiedliche Interessen verfolgt werden und ebenso Gräueltaten auch an der syrischen Zivilbevölkerung begangen werden (wie Human Rights Watch im aktuellen Report bestätigt).

Im Rahmen seiner Reisen bekam er jetzt die Gelegenheit, ein Interview mit dem syrischen Präsidenten zu führen, dass die Medienwelt zum Anlass nahm, Todenhöfer als Naivling und publizistische Marionette in den Händen des syrischen Diktators darzustellen.

Nun hätte man als verantwortungsbewusste Medienanstalt Jürgen Todenhöfers Mahnungen anhören und mit entsprechend kompetenten Gesprächspartnern eine Diskussion über seine Erfahrungen eröffnen können. Doch das plakative, populistische Konzept der Sendung liess dies nicht zu. Stattdessen wurden Studiogäste eingeladen, deren Motivation von vornherein darin bestand, den Kritiker zum Schweigen zu bringen…

Jörg Armbruster (in Kairo lebender ARD-Korrespondent) fungierte als Sprachrohr der öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Meinungsmacher und verteidigte die allgemein verbreitete Linie seines Arbeitgebers. Claudia Roth vom Bündnis 90 / Die Grünen gefiel sich zum wiederholten Mal in einer nervigen, teils ahnungslosen, teils arroganten Rolle (vom Sender vorgesehen: die Krachnudel). Dem in Berlin lebenden Syrer Ferhad Ahma gestatten wir bedingt die einseitige Sichtweise – er muss durch familiäre und freundschaftliche Kontakte das Geschehen in Syrien auch emotional erleben. Allerdings hätte sich das Mitglied des syrischen Exil-Nationalrates eine Frage des Moderators Frank Plasbergs gefallen lassen müssen (die leider ausblieb): Welche Ziele – abgesehen von der Absetzung Assads – verfolgen eigentlich die Aufständischen, die Rebellen, die Demonstranten, die Oppositionellen?

Last but not least war der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor in der Rolle des Elder Stateman eingeladen. Mehr als kurze Äusserungen über russische Interessen in Syrien und die Gefahren für die ganze Nahost-Region hatte er allerdings nicht beizutragen. Dabei hätte er dem TV-Zuschauer sicherlich einiges über die Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und Katars an syrische Rebellen erzählen können und darüber, warum sich die westliche Welt so sträubt, den Iran in lösungsorientierte Gespräche einzubeziehen.

Schade. Wieder einmal wurde ein ernstes Thema medial geopfert, um eine Unterhaltungssendung zu produzieren. Eine seriöse Diskussion über Syrien wurde seitens der ARD-Redaktion vermieden – die öffentlichen Meinungsbildner haben einen erneuten Punktesieg eingefahren!

[Anmerkung – ich empfehle jedem Interessierten gerne einen sehr informativen Artikel, der den beabsichtigt begrenzten Fokus unserer Medien auf die Situation in Syrien aufzeigt: „Syrien – die andere Wahrheit“ vom 25. April 2011 (sic!) auf dem Blog HINTER DER FICHTE.]

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6 Kommentare
  1. Heute kein inhaltlicher Kommentar, sondern eine blog-organisatorische *g Frage: Wie du vielleicht gesehen hast, haben wir in den letzten Wochen deine eintracht-bezogenen Einträge öfter mal in unserer blogschau im Eintracht-Forum verlinkt, hab dich (nicht nur ,-) deshalb auch im Blogroll in meinem Blog verlinkt, damit dort neue Einträge automatisch angezeigt werden. Seit ein paar Tagen „hängt“ dein Link bzw. es wird ein einige Monate zurückliegender Eintrag als aktuell angezeigt, was ja sehr schade ist. Dies nur als Hinweis – vielleicht gibt es da ja eine technische Ursache und du kannst das ändern?

    Grüße von hier nach da, K.

    • Danke für den Hinweis! Ich habe nicht die geringste Vorstellung, warum der Artikel „Voice of Germany“ in Deinem Blogroll erscheint und weiss auch nicht, wie ich das beeinflussen kann. Es ist lange her, dass ich diesen Artikel mal aktuallisiert habe. Vielleicht ist die einfachste Lösung, Du löschst meinen Blog in Deinem Verzeichnis und setzt ihn nochmal neu rein?

      Einträchtliche Grüsse von da nach hier :-)
      Jazzy

  2. Gelöscht, neu eingefügt, immer noch: The Voice. Huhuhu, das Blogroll-Gespenst geht um. Mal sehen, ob sich was tut, wenn du einen neuen Eintrag einstellst…

    lgk (hier wie da *g)

    • Bin auch gespannt… Na, mal schauen, ob und was mir für einen nächsten Artikel ein- oder auffällt.

    • PS: Es scheint zu funktionieren. In Deinem Blogroll wird der neue Artikel „Buddha im Odenwald“ angezeigt. Prima! :-)

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