Ein skurriles Urteil

Wie soll man das verstehen? Nachdem Eintracht Frankfurt gegen das Urteil* des DFB-Kontrollausschuss Einspruch erhoben hat, kam es am Freitag zur Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht. In der achtstündigen Sitzung wird dem Verein von allen Seiten bestätigt, vorbildlich und umfassend alles dafür getan zu haben, um die Sicherheit während der Spiele zu gewährleisten. Mängel seitens der Eintracht seien nicht festzustellen.

[* Teilausschluss von 30.000 Zuschauern beim ersten Saisonheimspiel wegen der Vorkommnisse in den 2.Liga-Partien gegen Aachen, Karlsruhe und 1860 München]

Dennoch urteilt am Abend Richter Hans E. Lorenz, dass es bei dem angekündigten Strafmass bleibt und verhängt zusätzliche EUR 50.000 Geldstrafe. Das Urteil wird begründet mit §9a der DFB-Rechtsordnung („der Verein ist für das Verhalten seiner Fans verantwortlich“).

Die Eintracht hat somit alles richtig gemacht, wird aber trotzdem bestraft. Und eine Begründung für die ‚Sippenhaft‘, mit der 30.000 potentielle Stadionbesucher des Heimspiels gegen Leverkusen konfrontiert werden, wurde gar nicht erst vorgelegt.

Interessant auch eine Randnote: Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses – Anton Nachreiner – verliess direkt nach seinem Plädoyer den Verhandlungssaal Richtung Heimat und bekam so das Schlusswort der Eintracht-Verantwortlichen gar nicht mehr mit. Prozessbeobachter hatten das Gefühl (so lt. Klaus Veit von der Frankfurter Neuen Presse), „dass Nachreiner der Verlauf der Verhandlung egal sei und sein Strafantrag schon vorher feststand“.

Ein Witz.

Nimmt man das Sportgerichtsurteil als Massstab, könnte es zukünftig im übertragenen Sinne also so aussehen:

… wird ein Angetrunkener beim Rumpöbeln in der U-Bahn erwischt, muss der Verkehrsverbund an die Stadt Frankfurt Strafe zahlen und alle Fahrtgäste aus den ersten zwei Waggons haben den Zug sofort zu verlassen!

… wird ein Fahrzeug auf der Autobahn gestoppt, dass durch Drängeln mit der Lichthupe aufgefallen ist, zahlt das Bundesland, das den entsprechenden Autobahnabschnitt betreut, eine Geldstrafe in die Staatskasse. Alle Autofahrer, die sich bis fünf Kilometer hinter dem Rowdie befinden, haben für den Rest des Tages Fahrverbot auf allen Bundesautobahnen!

… bei einem Ladendiebstahl in einem Einkaufcenter zahlt der betroffene Einzelhändler eine Strafe an die Verwaltungsgesellschaft der Shopping-Mall. Allen Anwesenden des gesamten Erdgeschosses wird umgehend ein zweiwöchiges Hausverbot ausgesprochen!

Übertreibe ich gerade?

Der DFB scheint partout am Motto „Strafe muss sein“ festhalten zu wollen. Unterstrichen wird diese bornierte Haltung durch den vergangene Woche präsentierten Verhaltenskodex, den die Innenministerkonferenz gemeinsam mit DFB und DFL ausarbeitete und der in vorgelegter Form das Gefallen der deutschen Profivereine fand. Dass sich der DFB mit seinen Urteilen gerne widerspricht (das Wort Willkür lassen wir mal aussen vor), zeigt der sehr interessante Blogartikel von magischerfc.de an der Causa ‚Kassenrollenwurf‘ auf (übrigens auch wieder mit Hauptdarsteller Anton Nachreiner). Lesenswert: Hoffenheim zahlt die Kasse!

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7 Kommentare
  1. Der Fall wird derzeit in verschiedenen Blogs dokumentiert und kommentiert. Das ist gut so. Aber an der traurigen Wirklichkeit wirds, so befürchte ich, wenig ändern (siehe auch deinen prima Link zu Hoffenheim!). Das ist Vereinsmeierei in übelster Form, wenn sich z.B. ein Bundesligaverein erstmal eine Genehmigung für ein Spiel einholen muss (Strafe für Zuwiderhandlung 30.000 Eurotaler).
    Ich dachte immer, wir hätten derlei kleinliche mittelalterliche Zustände überwunden. Das Zunft- und Gildewesen voller abstruser Bevormundungen, Zwänge und Gängelungen existiert aber leider weiterhin in Form von IHKs, Handwerkskammern, Berufs- und Sportverbänden. Da sitzen machthungrige und geldgierige Männer in eitler Selbstbeweihräucherung. Wann werden die endlich in die Wüste geschickt? Brauchen tut sie doch niemand wirklich…

    • Verbände und Organisationen haben ja durchaus eine Daseinsberechtigung. Problematisch wird es, wenn sie nur noch zum Selbstzweck bestehen. Ich habe auch das Gefühl, dass sich Verbände (insbesondere der DFB) an einer Illusion orientieren, die nichts mit der gesellschaftlichen Realität zu tun hat. Schöne, heile Welt in den Augen der Fussballfunktionäre; die leider vorhandene Aggression und Gewalt wird ausgeblendet und man begegnet ihr mit stümperhaften Verbots- und Strafmassnahmen…

  2. „…Verbände und Organisationen haben ja durchaus eine Daseinsberechtigung…“ Das Wörtchen „durchaus“ ists ;-)
    Genau da setzt meine Kritik hinsichtlich der Daseinsberechtigung von diesen Organisationen an.

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