Kurz erklärt: Olympische Sportarten

Die olympischen Sommerspiele* sind ja neben den teilnehmenden Topathleten, spannenden Wettkämpfen und der Frage, wieso trotz ausverkaufter Tickets mal wieder so viele Tribünenplätze freigeblieben sind, auch deswegen eine Besonderheit, weil Sportarten vor richtig grossem TV-Publikum durchgeführt werden, die normalerweise eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Was für die meisten der teilnehmenden Sportler ein einmaliges Erlebnis und Höhepunkt der Karriere ist, konfrontiert uns Zuschauer jedoch das eine oder andere Mal mit verwirrenden Regeln und seltsamen Ritualen. Daher heute ein besonderer und vor allem kostenfreier Informationsservice für meine Leserinnen und Leser: eine kurze Einführung in einige der typischen olympischen Disziplinen!

FECHTEN   Beim Fechten, das mit den Waffengattungen Säbel, Degen oder Florett ausgetragen wird, versuchen zwei sich feindlich gesinnte Athleten (gekleidet in weissen Schutzanzügen mit Kniebundhosen und Gesichtsschutz) mittels Stich oder Hieb gegenseitig zu treffen, was zu Punkterfolgen führt. Die beiden Kontrahenten trippeln jedoch auf der schmalen, schrill gefärbten Fechtbahn nur herum (weibliche Fechterinnen stossen dabei auch gerne desöfteren spitze Schreie aus) und fuchteln mit der Waffe, während im Hintergrund ständig ein elektronisches Piepsen zu hören ist. Die Aufgabe des Obmannes (Schiedsrichter) besteht darin, unentwegt „en garde“ und „attaque“ zu rufen. Das Duell entscheidet sich dann meistens durch eine blitzschnelle Aktion in allerletzter Sekunde** oder durch Jury-Wertung. Die Goldmedaille gewinnt meistens das Land, das mit Fechttradition so viel zu tun hat wie ich mit der Rosenzucht: China.

SYNCHRON-TURMSPRINGEN   Zwei Frauen oder Männer in bunter Badetracht stehen auf dem 10-Meter-Turm, zählen in Landessprache „3, 2, 1…“ und springen dann herunter. Dabei wirbeln sie so unglaublich schnell durch die Luft, dass der TV-Zuschauer anschliessend eine Super-Slowmotion benötigt, um das Geschehen verfolgen zu können. Das Eintauchen in’s Wasser klingt nach „flubb“ und wird von den Wettkampfrichtern sehr konzentriert beobachtet. Die Goldmedaille geht nämlich an die Nation (immer China), die dabei am wenigsten Wasser verspritzt!

VIELSEITIGKEITSREITEN   Hier herrscht Emanzipation! Mann/Frau und Pferd verschmelzen zu einer edlen Einheit und bewältigen im Mannschaftskampf nacheinander die Disziplinen Dressur, Geländeritt (landschaftlich sehr schön anzuschauen) und Hindernisparcour. Viele Pferde kommen alleine im Ziel an, weil der Reiter unterwegs abgeworfen wird, auf der Tribüne sitzen immer Vertreter des englischen Königshauses. Der Sieg geht an das Land mit dem TV-Kommentator, der uns diese Sportart am euphorischsten präsentiert. Da wir kein Chinesisch verstehen, geht heuer Gold an… Deutschland!

TISCHTENNIS   Diese Sportart funktioniert so: Der Deutsche Spieler Timo Boll muss sich in vielen Spielen an der Tischtennisplatte mit Miniball und gummibeschichtetem Schläger spektakulär gegen die chinesische Elite durchsetzen, um dann im Viertelfinale gegen einen unbekannten Rumänen zu verlieren. Die Goldmedaille geht daher an den Chinesen, der das Glück hatte, nicht auf Boll zu treffen!

RINGEN / JUDO   Die beiden Disziplinen unterscheiden sich nur in der Kleidung der Athleten (beim Ringen wird ein Badeanzug aus der Kaiserzeit getragen, beim Judo ein Frottee-Pyjama mit Gürtel), während die Ringrichter immer im sommerlichen Zweiteiler auftreten. Die Kämpfer (häufig werden sie als „griechisch-römisch“ bezeichnet, obwohl sie beispielsweise aus Burkina-Faso kommen) betatschen, schubsen oder umklammern sich auf einer gepolsterten Matte. Gehen die Athleten bei ihren Spielereien zu Boden, versuchen sie durch aussergewöhnliche Umarmungen und skurille Grimassen die Gunst der Punktrichter zu gewinnen. Wird die Goldmedaille ausnahmsweise nicht an China verliehen, finden sich alternativ andere asiatische Nationen.

SKEET-SCHIESSEN   Die Schützin / der Schütze steht mit einem Schrotgewehr reglos auf einer Wiese. Plötzlich – in Sekundenbruchteilen – reisst sie / er die Waffe empor und gibt einen Schuss ab. Der Zuschauer sieht eine pinkfarbene Staubwolke am Himmel. Das seltsame Treiben währt eine halbe Stunde, dann wird die Siegerin / der Sieger verkündet (nicht immer aus China, wahrscheinlich eher diejenigen mit dem coolsten Gehörschutz).

GEWICHTHEBEN   Die Sportler treten auf eine Bühne und stemmen mit durchaus sehenswerter Mimik tonnenschwere Hanteln in die Höhe. Die Namen der Sieger (meist osteuropäisch oder asiatisch) brauchen wir uns nicht zu merken: spätestens ein Jahr später wird die Goldmedaille wegen Dopings aberkannt.

HOCKEY   Sehr interessant! Auf einem triefend nassen Kunstrasen versuchen zwei Mannschaften, den kleinen Ball mittels Holzknüppel im gegnerischen Strafraum an die Beine der Kontrahenten zu schlagen, um eine Strafecke herauszuholen (Strafecken sind im Hockey anscheinend das Ein und Alles!). Aber Achtung: der von den auffallend hübschen Hockey-Spielerinnen begeisterte Zuschauer kann sich fürchterlich erschrecken, wenn er mit dem Anblick des Mundschutzes konfrontiert wird, der sich beim Torjubel der Sportlerinnen offenbart!

BADMINTON   Eigentlich eine sportivere Variante der beliebten Strandbeschäftigung Federball und irgendwie ein Mix aus Tennis und Volleyball. Im olympischen Turnier wird jedoch nicht der Punktgewinn angestrebt, sondern die peinlichste und auffälligste Niederlage***. Nebenbei lernen wir bei den Live-Übertragungen, dass das Spielgerät mit genau sechzehn Gänsefedern bestückt ist, die ausschliesslich vom linken Flügel der Tiere entnommen werden! Da nicht alle chinesischen Teams disqualifiziert wurden***, geht auch hier die Goldmedaille in’s Reich der Mitte.

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* Nie den Begriff Olympiade für die Wettkämpfe verwenden, sonst outet man sich als Unwissender! Eine Olympiade bezeichnet den Zeitraum zwischen zwei olympischen Spielen.

** Eine Sekunde ist im Fechtsport relativ und kann schon mal etwas länger dauern (siehe das Degen-Halbfinale Britta Heidemanns gegen die Südkoreanerin Shin A Lam)

*** Der Badminton-Weltverband hat gestern vier Damendoppel disqualifiziert, da diese in ihren letzten Gruppenrundenspielen absichtlich verlieren wollten, um in der kommenden K.O.-Runde auf leichtere Gegner zu treffen. Da diese Haltung gegen die Statuten verstösst („…im fairen Wettkampf immer das Beste zu geben…“), wurden Teams von Südkorea (2x), China und Indonesien von den weiteren Spielen ausgeschlossen und nachhause geschickt.

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1 Kommentar
  1. Endlich kapiere ich mal, um was es bei den erklärten Sportarten geht.
    Vielen Dank – Klasse geschrieben ;-)

    Sonnige Grüsse vom Schwarzen Berg

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