EZB wächst und wächst

[Vorab: Falls jemand hier aufgrund der Überschrift eine politische Betrachtung der Europäischen Zentralbank erwartet hat… ich bitte um Verzeihung. Dennoch – die geneigten Leser werden es feststellen – habe ich mit der Überschrift nicht vorsätzlich in die Irre geleitet!]

Es ist eine Wohltat, Deutschland mal für einige Tage den Rücken zuzuwenden. An der französischen Atlantikküste war ich fernab vom Gejammer über zu wenig Goldmedaillen, hohe Benzinpreise, sommerliche Hitze und Regen oder Merkel & Konsorten. „Savoir-vivre“, die Kunst, Lust und Last im Alltag zu verquicken, ist zwar keine alleinige Erfindung unserer westlichen Nachbarn, darf jedoch gerne auch hierzulande noch öfters übernommen werden. Ich habe es sehr genossen, dass sich zentrale Fragen des Lebens darauf reduzieren, ob die Wassertemperaturen zum Baden einladen und mit welcher kulinarischen Köstlichkeit man sich abends für die (wenigen) Mühen des Tages belohnt!

Doch kommen wir zurück zur Überschrift… Vor dem Abstecher an’s Meer war ich Anfang August an der Frankfurter Baustelle des neuen Gebäudekomplexes der Europäischen Zentralbank (EZB), habe ein bisschen fotografiert und wollte einen Artikel darüber schreiben, der (auch geprägt durch die polizeiliche Räumung des Occupy-Camps) sicherlich bissig ausgefallen wäre. Mangels Zeit und abgelenkt durch die Olympia-Beschallung ist es dann jedoch (gottseidank) nicht dazu gekommen.

Ein Mensch aus Paris, Marseilles oder Lyon würde – bei aller Kritik am Gesamtthema – voller Stolz und Freude den Neubau in seiner Stadt präsentieren. Wir Frankfurter sind da etwas griesgrämiger. Daher nehmen wir uns heute ein Beispiel an unseren Nachbarn, proben noch ganz unter dem Eindruck der sonnenbeschienenen Meeresküste und dem guten Rotwein etwas „laissez-faire“ und lassen den Blick voller Gelassenheit über die Baustelle schweifen.

DIE NEUE EZB

Kurze Vorabbemerkung für Nicht-Frankfurter: Die neuen Gebäude der EZB entstehen nicht im bekannten Bankenviertel (obwohl auch dort wieder gebaggert und gehämmert wird), sondern als Solitäre im Osten der Stadt auf dem Gelände der ehemaligen Grossmarkthalle nahe am Mainufer (Stadtteil Ostend).

Die Baustelle ist riesig – ich schätze das Areal auf ein Drittel des Messegeländes. Nach Fertigstellung werden hier über 2.300 Menschen ihre neuen Büros beziehen. Neben den Gebäuden umfasst das Bauvorhaben auch die neue Mainbrücke Ost, die gerade installiert wird (Artikel über das „Einschwimmen“ der Brücke), um den Verkehrsfluss für die bestehenden Ausfallstrassen im Zaum zu halten. Durch die Brücke werden die Mitarbeiter der EZB den Frankfurter Flughafen in neuen Rekordzeiten erreichen!

Auf dem Gelände entstehen zwei markante, miteinander verbundene und etwas schräge Bürotürme (Nordturm 185 Meter Höhe, Südturm 165 m), die inklusive Antenne eine Gesamthöhe von 220 Metern erreichen werden. Pressezentrum (für die PK’s), Kantine und Konferenzräume wird die umgestaltete ehemalige Grossmarkthalle von 1928 beherbergen, die auf der Nordseite zu Füssen der Türme liegt (und derzeit kaum erkennbar ist). Die Verbindung zwischen ehemaliger Halle und Hochhäusern stellt das futuristische Foyergebäude dar, das wie ein gefallener Keil zwischen die Gebäude platziert wird. Die Entwürfe für den gesamten Komplex stammen vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au.

Die Vorarbeiten auf dem Areal begannen 2008 (der eigentliche Bau in 2010), im Jahr 2014 soll die neue EZB bezogen werden.

Auffällig sind der meterhohe Sicherheitszaun und die Überwachungskameras rund um die Baustelle. Kennt man die derzeitigen Frankfurter Standorte der EZB (mitten in der Innenstadt ohne Sperrflächen) und die doch sehr entspannten, offenen Eingangssituationen (etwas ältere, gemütliche Sicherheitsdienstler vor den Türen), überkommt einen die Erkenntnis: Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Zaun auch nach Fertigstellung des Neubaus Bestand haben wird. Ein Occupy-Camp zu Füssen der EZB oder Protestaktionen direkt vor dem Eingang wird es nie mehr geben und kein von Menschenhand geschleuderter Farbbeutel wird jemals eines der Zentralbankfenster erreichen können. Grossräumig gesichert und abgeriegelt – eine europäische Institution schottet sich ab.

Aber wir wollten uns ja nicht aufregen, sondern gelassen bleiben: drücken wir also erstmal der europäischen Einheitswährung die Daumen, sonst stellt sich die dringende Frage der zukünftigen Nutzung der tollen Gebäude!

(Zum Öffnen der Gallerie eines der Bilder anklicken!)

Weiterführende Links: Details über das Bauvorhaben | Graffitis am Bauzaun

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