Leben. Im Pflegeheim.

Dienstagabend, Besuch einer Vernissage in Frankfurt-Niederrad. Vor mir steht ein älterer Herr mit schlohweissem Haar und Gehstock, elegant gekleidet in dunklem Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch. „Verzeihen Sie“, sage ich, „sind Sie nicht auch einer der abgebildeten Herrschaften?“. „Oh ja“, antwortet er und deutet auf eine Gruppe Seniorinnen, die in einer Ecke Platz genommen haben, „und diese charmanten Damen durften ebenfalls Fotomodell spielen!“.

Der Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe e.V. bat sieben bekannte Fotografen, durch künstlerische Annäherung vom Leben im Pflegeheim zu erzählen. Das Ergebnis sind Fotoserien, die sich thematisch gegliedert der Aufgabenstellung nähern und dadurch verschiedene Facetten behandeln. So betrachten wir Bilder, die den Heimalltag dokumentieren, und Fotos, die die Menschen und ihre Vorstellungen beleuchten.

Ein Teil der Arbeiten zeigt fröhliche, lachende Heimbewohner und -mitarbeiter, andere Bilder konfrontieren uns plötzlich mit unseren eigenen Ängsten vor der Zukunft und dem Alter. Werden wir eines Tages in einer ähnlichen Situation sein? Wie werden wir das empfinden? Wer wird uns dabei zur Seite stehen?

Die Fotografin Katja Lenz hat mit ihrer Serie Nähe. Beziehungen im Pflegeheim. eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema gewählt. Dazu sagt sie: „Es war eines der schwierigsten Projekte, welches ich jemals umgesetzt habe. Das Thema Tod, Alter, Sterben und Altenheim ist nun wahrlich kein Alltägliches; locker und unbefangen konnte ich damit nicht umgehen. Als Fotografin musste ich die Balance wahren zwischen professioneller Distanz und Empathie. Ich wollte mich den Menschen im Pflegeheim Praunheim nähern – die Nähe, das Erleben der Gebrechlichkeit, der Verwirrtheit und der Krankheit aber standen im krassen Gegensatz zur nüchternen Betrachtung von Blende, Belichtungszeit und Konzept. Viele Ideen, die ich vor der Realisation hatte, musste ich schnell verwerfen, denn die Bewohner sind eben keine belastbaren ‚Models‘ und hatten mich zuweilen schon nach zehn Minuten wieder vergessen oder konnten sich nicht mehr erinnern, zu welchem Zweck ich die Fotos mache. Und trotzdem gab es viele kleine und wunderbare Momente, absurd und bisweilen urkomisch…aber eine neutrale und professionelle Betrachtung werde ich zu den Fotos nie aufbauen können!“.

Die kompletten Arbeiten der Fotokünstler sind bis März 2013 täglich im Foyer der Hoffmanns Höfe zu betrachten. Bilder der Vernissage vom 11. September 2012 (zum Öffnen der Galerie einer der Fotos anklicken):

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3 Kommentare
  1. Auch für diesen wertvollen Hinweis und die Fotos danke ich dir. Ich freue mich, dass neben der z.Zt. überall ins Kraut schiessenden StrassenFotografie auch wichtiges andere fotografiert wird.
    Ich habe das Netz angesucht, aber nirgends Hinweise auf die von dir nicht erwähnten Lichtbildner gefunden.

    • Dann helfe ich Dir an dieser Stelle – die am Projekt beteiligten Künstler heissen: Uwe Schober, Katja Lenz, Oana Szekely, Farideh Diehl, Kai Hartmann, Manuel Hauptmannl und Kai Schröer…

    • Vielen Dank dafür.

      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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