Brandstifter und Rattenfänger

Da schlägt ein kleiner, hässlicher Film weltweit Wellen und die rechtspopulistische Initiative Pro-Deutschland hat nichts Besseres im Sinn als eine bewusste Provokation der sowieso schon aufgebrachten islamischen Welt, indem sie den ‚Beinahe-Koran-Verbrenner‘ Terry Jones zur Diskussion nach Deutschland einladen wollte und nun plant, den Film öffentlich aufzuführen.

Koran (von Dieter Schütz / pixelio.de)

[Kurze Anmerkung – die Einreise des ‚Hasspredigers‘ Terry Jones [1] wurde verboten. Ich verweise jedoch schmunzelnd auf den Rat, den der Kabarettist Volker Pispers neulich bei seinem Auftritt in der Frankfurter Alten Oper geäussert hat: Jones möge uns doch bitte mit seinem Gegeifere verschonen und – um besondere Wirkung zu entfalten – seine Koranverbrennung anstelle in einem verschlafenen Nest in Florida öffentlich auf einem belebten Marktplatz in Kabul, Islamabad oder Kairo vornehmen. Ein direktes Feedback wäre ihm gewiss!]

Dass die geistigen Tiefflieger der „Pro“-Bewegung zündeln, was das Zeug hergibt (immer schön süffisant mit den Argumenten der freien Meinungsäusserung und künstlerischen Freiheit), ist eine mehr als ärgerliche Angelegenheit. Pro-Deutschland schwimmt im Fahrwasser diverser Meinungsmacher und Politiker, die immer wieder die Angst vor Überfremdung und insbesondere dem Islam schüren. Wir brauchen uns nichts vorzumachen: latente Fremdenfeindlichkeit ist hierzulande gang und gäbe. Ein kleiner Tropfen genügt; ein bisschen Sarrazin hier, ein bisschen bayrischer Stammtisch dort… und schon darf sie immer wieder offen zutage treten. Passend dazu die gestrige Information der Staatsanwaltschaft Köln, dass es im nordrhein-westfälischen Radevormwald mutmassliche materielle und finanzielle Verbindungen zwischen der Partei Pro-NRW und den militanten Rechtsextremisten vom Freundeskreis Rade gibt!

In diesem Zusammenhang ist das völlige Versagen des Staates gegenüber diesen problematischen Tendenzen und Organisationen ein besonderes Ärgernis. Kaum schafft es Pro-Deutschland mit unsäglichen Aktionen in die Medien, schreit die Politik nach Filmaufführungsverbot und scharfen Gesetzesänderungen (auch im Falle von Beleidigung religiöser Gefühle – Pussy Riot 2.0?). Zeitgleich erleben wir fassungslos im NSU-Untersuchungsausschuss, dass die verantwortlichen Organe anscheinend unfähig oder nicht Willens sind, den Staat und seine Bürger vor rechtem Terror zu schützen.

Die vorhandenen Rechtsmittel sollten ausreichend sein, um bei eklatanten Verstössen über entsprechende Möglichkeiten zu verfügen. Weitere Gesetze und Verbote werden nicht das Übel bei der Wurzel packen, sondern zu Ausgrenzung, Radikalisierung und Solidarisierung führen (wo haben wir das schon gehört? Richtig – in der Debatte um Fanausschreitungen beim Fussball!). Wichtiger ist, diese Strömungen ernstzunehmen und in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einzubinden. Wenn eine säkulare, aufgeklärte, demokratische Gesellschaft diesen Schritt nicht schafft, hat sie – man muss es tatsächlich so sehen – leider versagt.

WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN

In Windeseile beherrschten die Nachrichten vom wütenden Mob und brennenden Botschaftsgebäuden die Schlagzeilen. Ein willkommenes Futter für die hiesigen Rechtspopulisten: Seht her, so geht der böse Islam mit unserer Meinungsfreiheit um! Dass der grösste Teil der islamischen Welt nichts mit den aggressiven Demonstrationen zu tun hat und die islamischen Verbände (nicht nur in Deutschland) die Vorfälle deutlich verurteilen, geht im medialen Getöse unter.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Islamistische Eiferer sind ebenso zu verabscheuen, wie rechtspopulistische Brandstifter und religiöse Fundamentalisten auch auf christlicher oder jüdischer Seite. Es ist eine Schande für die Menschheit des 21. Jahrhunderts, dass weltweit Botschaftsangehörige wegen eines idiotischen Filmchens um ihr Leben fürchten müssen. Aber die Gründe für den Aufruhr, den dieser Film verursacht, liegen nicht tendenziell im islamischen Glauben…

Auch wenn man gerne darüber hinweghört, es sei nochmals daran erinnert: Jahrzehntelang haben unsere Industrienationen die islamischen Staaten nur als Rohöllieferant und Absatzmarkt (gerne für Rüstungsgüter aller Art) betrachtet. Um diesen Status nicht zu gefährden, haben wir aus geostrategischen Gründen in diesen Ländern Herrscher aufgebaut, hoffiert und unterstützt, die man nicht gerade als „lupenreine Demokraten“ bezeichnen würde – erinnert sei u. a. an Saddam Hussein, Gaddafi, den Schah von Persien, Mubarak, die Familie Assad oder das Königshaus in Saudi-Arabien. Ebendiese teilweise despotischen Führer haben die Entwicklung ihrer Gesellschaften verhindert und aus machtpolitischen Gründen insbesondere auch die Bildung des Volkes unterdrückt, um die Herrschaft im eigenen Land zu erhalten. Gleichzeitig stützten sich diese Länder auf die Religion, um die autokratischen Herrschaftssysteme traditionell zu begründen und den Menschen das schwere Leben erträglicher zu machen (Karl Marx: „Religion ist das Opium des Volkes“).

Wir dürfen uns von den Umstürzen des arabischen Frühlings nicht blenden lassen: Nicht Demokratie und Säkularisierung waren die Ziele der Demonstranten, sondern sie gingen wegen Perspektivlosigkeit, Hunger und Unrecht auf die Strassen! Der Nährboden für die aktuellen Vorfälle – mangelnde Bildung breiter Bevölkerungsschichten, Religion als fester Lebensbestandteil, Minderwertigkeitsgefühle – bleibt weiterhin bestehen. Gerade deshalb sollten wir nicht mit dem Finger auf einen uns häufig fremd anmutenden Islam deuten, sondern eher darüber nachdenken, wie wir zukünftig politisch, wirtschaftlich und kulturell mit diesen Ländern und den betroffenen Menschen umgehen werden.

In unserem eigenen Stall liegt genug Mist herum (NSU-Untersuchung, NPD & Konsorten, fehlerhafte Integrations- und Einwanderungspolitik), mit dem wir uns dringend beschäftigen müssen. Dem Rechtsstaat und unserer liberalen Gesellschaft ist nicht geholfen, wenn die selbsternannten Sheriffs aus Berlin und Landespolitik mit dem Finger am Abzug drohen! Und den Provokateuren, die unsere Grundrechte missbrauchen und sich vollauf bewusst sind über die Konsequenzen ihrer Aktionen, sollten wir als Gemeinschaft entgegentreten, die deutlich macht, dass wir deren dummes, menschenverachtendes Handeln nicht dulden…

•   •   •

PS: Ohne weiter auf das Machwerk Innocence of Muslims einzugehen – Satire und Ironie sollte dennoch jeder ertragen, ohne gleich zum Hackebeil zu greifen. Aus Frankreich winkt ja schon der nächste Aufruhr [2]. Daher als Grussbotschaft an alle Hitzköpfe abschliessend ein kleines, aber feines Bonmot: „Erschöpfte Islamisten bitten darum, den Propheten nicht so oft zu schmähen!“ (DER POSTILLON vom 19. September 2012).

Quellen: [1] Terry Jones auf wikipedia.de, [2] Satire-Magazin veröffentlicht erneut Mohammed-Karikaturen (tagesschau.de)

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3 Kommentare
  1. Gut analysiert und geschrieben! Ich werde dir mit einem Posting in meinem Blog antworten (schon Morgen?). Du siehst, dein Blog wirkt in die Welt ;-)

    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Danke, Herr Ärmel! Bin auf die ‚Antwort‘ gespannt. Und natürlich wirken unsere Blogs in die Welt: es heisst ja auch „www“ (World Wide Web) und nicht „hww“ (Hessisch Wide Web)! ;-)

    • Lieber Hackentrick: ab 00:01 wird er online sein ;-)

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