Der Traum geht weiter

Dienstagabend, draussen im Stadtwald – in der 28. Spielminute jagt der Dortmunder Reus den Ball per Direktabnahme unhaltbar für Kevin Trapp ins Eck, nachdem schon drei Minuten davor ein unglücklich abgefälschter Ball den Frankfurter Torwart auf dem falschen Fuss erwischte. Spielstand 0:2. Neben mir meint jemand: „Auweia, jetzt gibt’s ’ne Klatsche für uns“.

Zur Faszination beim Fussball gehört, dass für den Fan nicht nur Siege für emotionale Höhepunkte sorgen, sondern auch die Niederlagen. Wir Frankfurter denken voller Melancholie an das Jahr 1992, als in Rostock die Meisterschaft verpasst wurde und erinnern uns, wie wir starr vor Schreck den grausamen Abstieg in der Rückrunde 2010/11 verfolgen mussten. Schalke-Fans haben das ‚Meister der Herzen‘-Trauma, die Bayern die Championsleague-Niederlage gegen ManU von 1999 im Gedächtnis. Solche Erlebnisse prägen den Fan und binden uns noch enger an den Verein.

Und dann gibt es diese anderen Momente wie am gestrigen Abend, die ebenfalls das Faszinosum Fussball ausmachen: das Gefühl, an etwas ganz Besonderem teilzuhaben. Ein einmaliges Spiel. Das Wir-Gefühl. Stolz, Anerkennung und Liebe. Und vielleicht sogar der Beginn einer neuen Ära…

Nach einem unglaublichen Start in die neue Saison empfängt Eintracht Frankfurt nach vier Siegen den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund. Dienstagabend, volles Haus, Flutlichtspiel. Die Eintracht kann mit breiter Brust auftreten und hat nichts zu verlieren: nach den bisherigen erfolgreichen Auftritten der Mannschaft würde jeder eine Niederlage gegen den BVB akzeptieren. Dann lieber am nächsten Sonntag Freiburg schlagen… wir spielen um den Klassenerhalt!

Zur Pause steht es also 0:2. Mario Götze, der für den angeschlagenen Reus kommt, läuft sich auf dem Rasen warm. Mit Grosskreutz und Gündogan werden die Dortmunder im Laufe der zweiten Halbzeit noch weitere Nationalspieler einwechseln, während wir erstaunt verfolgen, wie unser ‚2. Liga-Kader‘ das Spiel nach Wiederanpfiff aufnimmt. Balleroberung, Tempo, Druck nach vorne. Erst Aigner, dann Inui. Plötzlich steht es 2:2 und es sind noch vierzig Minuten zu spielen. Das Waldstadion bebt!

Als kurz darauf ausgerechnet Götze wiederum den BVB in Führung bringt, dauert das Entsetzen auf den Rängen nur wenige Sekunden. Denn alle spüren, dass da unten auf dem Rasen noch etwas passieren wird. Dass die Jungs im Eintrachttrikot nicht die Köpfe hängen lassen. Dass da eine andere Mannschaft auf dem Feld steht – nicht zu vergleichen mit dem, was wir in den vergangenen Jahren alles erlebt haben.

Und so kommt es. Die Jungs stürmen weiter, bringen den BVB ständig in Bedrängnis. Und in der 73. Spielminute gibt es kein Halten mehr: Anderson köpft Oczipkas Flanke ins Dortmunder Tor. Ausgleich. 3:3!

Bambas Treffer symbolisiert die Eintracht dieser Tage: mit dem festen Willen, diesen Kopfball Richtung Tor zu bringen, tankt sich unser Innenverteidiger der Flanke entgegen und wuchtet aus vollem Lauf den Ball ins Netz. Keine Abwehr kann einer solchen Energieleistung etwas entgegensetzen.

Dienstagabend, 22 Uhr. Tabellenzweiter, weiterhin fünf Punkte Vorsprung vor Dortmund. Bisher ungeschlagen in dieser noch jungen Saison (Aue? Wo liegt Aue? Ich kenne dieses Aue nicht!). Und ein Spiel einer Mannschaft, die an sich glaubt, die den Spass am Fussball vermittelt, neunzig Minuten kämpft und für Furore sorgt. Der Ausblick auf die nächsten zwei Gegner (Freiburg und Gladbach) und das verschmitzte Lächeln meines Nebenmannes, weil auch er insgeheim an sechs weitere Punkte denkt.

Ein schönes Gefühl. Hat etwas von Entschädigung für lange, triste Jahre. Wiedergutmachung für den blamablen Abstieg. Ein Streicheln der Fanseele.

Herrlich, diese Vorfreude auf kommenden Sonntag! Da geht es ja wieder nur um den Klassenerhalt…

Links: Gänsehaut-Festspiele (Spielbericht auf 11freunde.de)

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7 Kommentare
  1. obwohl nur im Live Ticker verfolgt – das Spiel war superspannend! Ich bin für die nächsten recht optimistisch ;-)

    • Mit Deinem Optimismus liegst Du bisher richtig. Heute im Heimspiel Freiburg geschlagen. Langsam wird’s unheimlich :-)

    • „Ooooh, wie ist das schöööön“! Nach dem Gladbach-Spiel wird das Saisonziel neu definiert ;-)

  2. Gegen Abend hätte ich den Strand gerne gegen einen Liveticker getauscht. Anschliessend noch feine Meerestiere in einem feinen kleinen Restaurant. Dort lief der Teletext. Ergebnisse aus der ganzen Welt – sogar Meppen.
    Wo war das Ergebnis der Eintracht? Wurde einfach nicht angezeigt. Mein Sohn frotzelte schon.
    Die innere Stimme rief: 2:1. Aber für wen? Dazu schwieg sie. Als wir eben nach Hause kamen liefen die entscheidenden Szenen auf einem arabischen Sender. Schöööön – – weiter so Eintracht!

    • Strand vor Augen und Meerestiere auf dem Teller sind verlockend! Aber das SGE-Spiel nicht auf dem Teletext? Die Redaktion glaubt wahrscheinlich auch, das wäre nur ein Traum :-) Sogar die New York Times hat am vergangenen Mittwoch einen Artikel über Vehs Jungs gebracht!

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