Precht – Pop statt Blues im ZDF

Im Juni wurde leider zum letzten Mal das von mir geliebte Nachtstudio ausgestrahlt – und auch das Philosophische Quartett wurde eingestellt. Da sich das ZDF jedoch keine intellektuelle Ausdünnung nachsagen lassen will, wird seit September mit einem neuen Sendeformat der Popstar der Philosophie aufgeboten: Richard David Precht präsentiert allmonatlich zur sonntäglichen späten Stunde die 45-minütige Sendung gleichen Namens: PRECHT.

Döpfner, Precht und Studiodesign

Schon die Wahl des Titels und das (eher seltsame) Ambiente verdeutlichen den Unterschied. Während im unprätentiösen Nachtstudio Moderator Volker Panzer zurückhaltend dem jeweiligen Thema und seinen Gästen Platz schuf, ist in der neuen Sendung der Namenspatron zugleich Star in der Manege. Da entsteht schnell der Eindruck, dass der geladene Gesprächsgast die Precht’schen Thesen nur noch zu reflektieren hat und das Highlight der Show nicht mehr aus Inhalt, sondern aus Precht besteht. Disco-Pop statt Südstaaten-Blues…

Die erste Sendung konnte jedoch gefallen: Richard D. Precht sprach mit dem Hirnforscher Gerald Hüther über das Bildungssystem. Da beide den gleichen Ansatz hatten, entwickelten sich in der gegenseitig befruchteten Diskussion interessante Gedanken, wie zukünftige Modelle gestaltet werden sollten, um unsere Gesellschaft weiter voranzubringen.

Am vergangenen Sonntag begrüsste Precht dann den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Dr. Mathias Döpfner. Die thematische Überschrift des Abends „Gefährliche Freiheit?“ bot genügend Spielraum, um mit dem Gesprächsgast die Sendezeit spannend zu nutzen, denn Döpfner spricht immer wieder davon, dass demokratische Gesellschaften nicht entschieden genug die Freiheit verteidigen und verantworten würden.

Leider lieferte die Sendung zusammengefasst nur Platitüden und Allgemeinheiten. Wo Döpfner eine Vorlage bot, liess Precht sie ungenutzt. Der Moderator suchte bemüht nach Kontroversen und merkte nicht, wenn er seitens Döpfner dennoch Zustimmung bekam. Seinem Gesprächsgast fiel er das eine oder andere Mal ins Wort und rückte monologisierend seine eigenen Thesen in’s Licht. Aus Selbstgefälligkeit? Wenn sich dann doch die Chance zur inhaltlichen Auseinandersetzung auftat, überging Precht dies. So beispielsweise, als er Döpfner hätte fragen können, wie dieser den Gefahren von Intoleranz und Fundamentalismus in unserer Gesellschaft begegnen würde oder als sich der Studiogast hinsichtlich des ausufernden Finanzkapitalismus lediglich auf die Hoffnung beschränkte, die Leistungs- und Verantwortungseliten würden sich selbst durch einen Erkenntnisprozess zurücknehmen und regulieren. Auch diese Aussage blieb unkommentiert im Raum stehen.

Angesichts Herrn Döpfners Vita wäre es angebracht gewesen, auch über die Rolle der Medien zu sprechen. Die für das Hauptthema sowieso zu knappe Sendezeit gab diesem Diskussionsstrang leider keinen Raum.

Den kommenden Folgen der Sendung würde es nicht schaden, wenn Richard David Precht nicht sich und einen populären Gast in den Vordergrund rückt, sondern den Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Thema sucht. Er sollte es eigentlich besser können – sonst gibt es wieder nur Schnellkoch-Philosophie aus der Instanttüte, statt vom Wochenmarkt…

Advertisements
6 Kommentare
  1. Carmen sagte:

    Ich bin ja ein großer Fan von Prechts Büchern ( http://umamibuecher.wordpress.com/2011/07/28/gluck-statt-wachstum/ ) und habe ihn während der vergangenen Buchmesse mit Gerald Hüther zusammen bei Open Talks erlebt ( http://umamibuecher.wordpress.com/2011/10/12/buchmesse-2011-open-talk/ ), aber die Kameraführung in seiner neuen TV-Sendung irritiert mich derartig, dass ich mir das nicht mehr anschaue.

    Aber Precht ist auf der Buchmesse und wird dort mit Harald Welzer den Futurzwei Zukunftsalmanach vorstellen, das wird bestimmt interessant: http://www.zeitverlag.de/veranstaltungen/frankfurter-buchmesse-3/

    • Ich lausche ihm eigentlich auch gerne, aber bei seiner Sendung beschleicht mich das Gefühl, dass das ZDF ihn bei der Konzeption über den Tisch gezogen hat. Da ist er wohl in die Falle ‚Eitelkeit‘ getreten…
      PS: Würde mich freuen, wenn Du von der Buchmesse berichtest! Ich spare mir seit Jahren den Messebesuch, weil mich das Angebot überfordert.

  2. Carmen sagte:

    Ich rate dir hinzugehen! Allein das Angebot im Lesezelt ist es wert, da sitzt du ganz gemütlich in einer Nische und lässt dir vorlesen. Ich bin ab morgen jeden Tag dort und freue mich tierisch drauf.

    • Wie gesagt, die angebotene Fülle der Buchmesse erschlägt mich und am Wochenende ist mir der Andrang dort zu gross. Ich informiere mich halt via Blogs, Deutschlandfunk, Zeitungsfeuilletons u. a. über die Messe…

  3. Die Falle der Eitelkeit und die technischen Sperenzien im Studio finde ich unangemessen. Ich habe allerdings nur die erste Sendung gesehen.

    • Alles Teil der Show. Das ist es ja, was mir nicht gefällt…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: