Felix Austria

Eine ganze Nation, die normalerweise nur im Wintersport international Aufsehen erregt, bricht am Sonntagabend in Jubel aus, als der Österreicher Felix Baumgartner nach seinem Sprung aus der Stratosphäre eine blitzsaubere Landung hinlegt und überglücklich in die Kameras winkt.

Felix Baumleitner kurz vor dem Sprung (Quelle: Livestream servustv.com)

Per Heliumballon ist der Extremsportler in einer Raumkapsel auf über 39.000 Meter Höhe aufgestiegen, um dann die Luke zu öffnen und im Raumanzug die kleine Plattform zu betreten. Die Welt hält gebannt den Atem an. Dann der Schritt nach vorne ins Leere. Binnen Sekunden verwandelt sich Baumgartner im freien Fall in ein Geschoss, das mit Mach 1,24 (das entspricht 1.342,8 Stundenkilometer) der Erde entgegenrast. Überschallgeschwindigkeit!

Während der Österreicher am Fallschirm nahe des Flugfeldes Roswell (New Mexico, USA) landet und sich seine Landsleute glücklich in die Arme fallen, wetzen in Deutschland geübte Internetbenutzer bereits die Messer. Schon wenige Minuten nach der Landung sind die Kommentarspalten auf den Onlineseiten der Medien und sozialen Netzwerke prallgefüllt mit abschätzigen Meinungsäusserungen, Kritik und Vorwürfen („…mit dem Geld hätte man was anderes machen können…“). Prima, dass wir uns mal wieder als Nation der Besserwisser outen!

Sicher – ob der Sprung bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse erbracht hat, wie die Veranstalter in zahlreichen Interviews immer wieder betonten, mag bezweifelt werden. Doch darum ging es beim Projekt Red Bull Stratos auch nicht.

Felix Baumgartner, der schon andere aufsehenerregende Fallschirmsprünge durchführte, hatte ein Ziel. Und weil das so spektakulär daherkam und eine hohe Aufmerksamkeit versprach, fanden sich neben dem bekannten Brausegetränkehersteller* aus Salzburg zahlreiche andere Sponsoren, die die fünfjährige Vorbereitung und die Durchführung finanziell unterstützt haben, während die Medien nicht umhin kamen, vom Spektakel zu berichten und sich teilweise vor den PR-Karren spannen liessen.

Wen das nicht interessiert, der schaut halt einfach nicht hin. Baumgartner ist glücklich, die finanziellen Mittel stellte die Privatwirtschaft, die CO²-Belastung war sicher geringer als bei einer Flugschau der Air Force und die bundesdeutschen Autobahnen blieben auch befahrbar. Kein Grund also, um herumzugranteln…

Für uns, die wir via TV, Online-Stream oder Live-Ticker am Stratosphärensprung teilnahmen, war es ein besonderes Ereignis. Und das nicht nur, weil der verregnete Sonntag nichts anderes hergab!

Erstmalig habe ich – die jüngeren Leser mögen mitleidig lächeln – ein derart grosses Ereignis ausschliesslich im Internet verfolgt. Der Stream von servustv.com, ein anderes Fenster für Diskussionen in Live-Chats und Facebook, Informationsvertiefung über Suchmaschinen und Wikipedia. Aufregend…

Neben der (aus beruflichen Aspekten) absolut beeindruckenden Vermarktung und Präsentation des Projekts für mich herausragend: Die Bildqualität der Übertragungen und ‚dabeisein‘ zu können, als Felix Baumgartner durch die Luke stieg und auf die Erde unter sich schaute. Atemberaubend!

Zu allen Zeiten haben sich Menschen mit selbsterbauten Flugmaschinen in die Lüfte erhoben, wollten mit Fortbewegungsmitteln aller Art Geschwindigkeitsrekorde brechen oder haben sich in Gegenden aufgemacht, von denen andere glaubten, dort wäre die Welt zuende und kein Überleben möglich. Das eine oder andere spleenige Abenteuer hat uns dann doch vorangebracht…

[Weiterführende Links: Der Sprung (16 Minuten von n-tv) | Wundervoll: Stratos als LEGO-Motion!!! | Homepage von Felix Baumgartner]

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* Das klar auf Marketing abzielende Sport- und Unterhaltungssponsoring des Konzerns RED BULL ist nicht unumstritten. Dabei versucht die Firma, ihre Förderkonzepte langfristig und nachhaltig anzulegen. Red Bull unterstützt über 600 Sportler, unterhält einen eigenen Formel 1-Rennstall sowie zwei Fussballakademien in Ghana und Brasilien, betreibt u.a. Fussballvereine in Salzburg und Leipzig und bietet den Athleten sogar ein eigenes Diagnose- und Therapiezentrum. Das Engagement gerade in Extremsportarten wird kritisch betrachtet – spielt man hier doch auch immer mit dem Reiz der Gefahr. Die Gründung von RB Leipzig mit dem Ziel, schnellstmöglich in die Bundesliga aufzusteigen, wird vom puristischen Fussballdeutschland als „Retortenverein“ und traditionsloses Investorengehabe angeprangert.   

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4 Kommentare
  1. Kommerzialisierung kultureller Institutionen durch red bull? Na sowas. Aber was bitte wird denn im Kapitalismus nicht kommerzialisiert, zumindest wenn es das Potential hat ein paar Konsumopfer zu liefern?

    • Inwiefern „liefert“ die Red Bull- / Baumgartner-Aktion „Konsumopfer“? Sorry, ich verstehe das Posting nicht…

  2. Ich finde deinen Post sehr gut. Das wird besonders vom deutschen Publikum gerne gemacht: aus thematisch unterschiedlichen Töpfen gerne ein dumpfer Eintopf zusammengerührt. Schade eigentlich, denn so entsteht keine differenzierte Meinung.

    • Themen differenziert zu betrachten ist ungleich mühevoller und aufwendiger, als mal eben pauschal draufloszuhacken. Das Ergebnis von Letztgenanntem nennt man dann ‚Schwarmintelligenz’…

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