Die McDonalds-Bundesliga

Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

•   •   •

[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

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10 Kommentare
  1. Bedrückend und eindrücklich beschrieben.
    Das Einzige, was wirklich hilft und was Leute, die sich all den Unsinn ausdenken trifft: Das Geld in der Tasche halten, den Konsum verweigern! Seis Im Supermarkt, an der Kinokasse oder im Stadion.

    • Einspruch, Herr Ärmel! Etwas zu kurz gedacht – mit Konsumverweigerung beschleunigst Du noch schneller den unschönen Prozess: die Kleinen gehen kaputt, die Grossen mit dem langen Atem springen in die entstehende Lücke. Am Ende hast Du Monopole und mangelnde Vielfalt / Alternativen.
      Selektive, punktuelle Konsumverweigerung funktioniert jedoch leider auch nicht: Erkläre mal einem Jugendlichen, warum seine coole Filiale einer Donut-Kette schädlich für die Volkswirtschaft ist…

    • Einspruch akzeptiert Herr Hackentrick. Ich dachte mir schon beim schreiben, dass ich da der Kurzform wegen Missverständnisse gleich miteinbaue.
      Dein Argument sticht natürlich. Auf den ersten Blick jedenfalls.
      Ich schrieb von Konsumverweigerung bei den „Grossen“. Natürlich kaufe ich: in kleinen Läden, gehe in kleine Kneipen, schaue Filme in Programmkinos. Und ich bin nicht der einzige, der das so macht.
      Und Vielfalt? Das ist das Trugbild und die Illusion, die uns die „Grossen“ beschert haben.
      Ich lebe seit Jahren in Weltgegenden, die vom Gift des Konsums noch nicht gar so sehr verseucht sind. Da gibts weniger Vielfalt“, sprich Auswahl, und siehe: es geht auch. Habe ich viel davon gelernt.
      Ich will auch keinem Jugendlichen was erklären; eher vorleben vielleicht und zeigen, dass es auch anders geht. Ich halte die eigene Einstellung und das eigene Verhalten für wichtiger. Würde ich auf die „Anderen“ schielen, hätte ich mir schon vor Jahren den sprichwörtlichen Strick kaufen müssen. Ich weiss, dass ich alleine die „modernen“ Entwicklungen nicht aufhalten kann, aber es gibt zum Glück noch andere Menschen, die es so oder ähnlich halten. Und es werden mehr. Manche aufgrund ihres Bewusstseins, manche werden durch persönliche Umstände materiell dazu gezwungen.

      Ganz schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Zaphod sagte:

      Bezogen auf den Fußball würde diese Konsumverweigerung heißen: Vergesst die Bundesliga, geht Oberliga gucken. Dann müsste ich mir einen neuen Verein suchen, oder warten bis meiner absteigt. Ich glaub auf Fußball ist das schwer übertragbar, also müssen wir gegen die McDonaldisierung kämpfen.

    • @Zaphod: In letzter Konsequenz werde ich bei anhaltender Entwicklung tatsächlich den Schnitt machen müssen. Auch wenn das bedeutet, nie mehr zur Eintracht ins Stadion zu gehen…

      @Herr Ärmel: Unter Vielfalt verstehe ich nicht prallgefüllte Regale einer Supermarktkette, sondern die Individualität jedes einzelnen Ladens, Cafés oder sonstigen Anbieters. Ansonsten bin ich ganz Deiner Meinung!

  2. Herba sagte:

    Reblogged this on Unkraut vergeht nicht….oder doch? und kommentierte:
    Ich muss zugeben, als ich von den Nacktzelten für die Fans von der anderen Mainseite in München gelesen habe, war ich zuerst leicht amüsiert.
    Dann habe ich mich an meine aktive Stadion-Geher-Zeit erinnert und an unfreundliche Ordner, aggressive Polizisten in voller Kampfmontur (klingt alles erstmal recht harmlos, war es aber nicht immer) und das Gefühl, dass ich Zeuge werde, wie eine Ära (von Leuten, die seit Jahrzehnten ins Stadion gehen die gute alte Zeit genannt) zu Ende geht.
    Dass mein letzter Stadionbesuch Jahre zurückliegt, hängt nicht primär damit zusammen, aber es spielt schon mit rein.
    Ein Wandel ist sicher unumgänglich.
    Das Trauern um vergangene Szenerien mit Flutlicht und Bengalos ist nicht immer hilfreich, aber beklagen kann man schon, dass die Spaßgesellschaft seit längerem auch in Fußballstadien Einzug gehalten hat und man z.B. in der Halbzeitpause dauerbeschalt wird.
    Auch die Gewalt in Stadien, die nur von Minderheiten ausgeübt wird und meiner Meinung nach nicht nur ein Spiegel der Fanszene, sondern unserer gesamten Gesellschaft ist, sollte ein Thema sein, über das man sich Gedanken macht und für das man Lösungen sucht, aber bitte schießt doch nicht gleich mit Kanonen auf Adler…äh Spatzen ;)
    Danke an Hackentricks Universum für diesen nachdenklich machenden Artikel!

    • Das Gefühl, das Du beschreibst, beschleicht mich auch seit längerer Zeit. Die Begeisterung für den Verein und die Stadionbesuche nimmt angesichts der Entwicklung peu à peu ab. Danke für’s Veröffentlichen!

    • Vielleicht sind die Liebe und Treue zum Verein und der Stadionbesuch zwei Dinge, die wir gewohnheitsmässig zusammen denken. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Zeiten sich ändern.
      Wenn ich in ein Stadion gehe, tue ich das wegen des Fussballspiels und der Atmosphäre.
      Die neuere Entwicklung in den Stadien (die ja so neu garnicht ist) mit all dem Brimborium, der Schau und dem unsäglichen Lärm (schlechtestmögliche Musik z.B.) nerven mich mehr als ein paar Leute, die sich nicht benehmen können (oder wollen).
      Diese unschönen Ereignisse am Rande gabs auch früher schon mit schöner Regelmässigkeit selbst in der Kreisliga. Inhaltlich hat sich da für mich nichts geändert, lediglich die Form schlechten Benehmens ist eine andere geworden. Und da liegt für mich auch das derzeitige Problem: Verbände haben lediglich diese Form in ihren Köpfen und nicht den Inhalt. Dabei wird übersehen, dass der Inhalt die Form bestimmt.

    • Herba sagte:

      Nichts zu danken!
      Bei mir spielten schon andere Dinge eine größere Rolle, aber zur Zeit wo finanziell wieder mehr drin wäre, zieht mich trotzdem nichts zurück ins Stadion und ich glaube, daß das wiederum dann schon mit der Entwicklung, die Du beschreibst, zu tun hat.
      Man darf gespannt sein, wo es die nächsten Jahre hingehen wird!

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