Brave New World

Der Internet-Modehändler MODOMOTO wirbt auf seiner Homepage mit dem Spruch „Nie wieder Shopping-Stress! Shopping frisst unsere Zeit, ist oft anstrengend und alles andere als effektiv“.

Was uns auf den ersten Blick wie ein leicht verunglückter Versuch der verantwortlichen Agentur erscheint, eine anscheinend interessante Geschäftsidee an den Mann zu bringen, macht bei genauerer Betrachtung nachdenklich.

Werbung zielt immer auf ungeschriebene, allgemeingesellschaftliche Vereinbarungen, um weitestgehende Zustimmung und im besten Fall Begeisterung auszulösen. Werbung beobachtet und spielt mit dem Zeitgeist. Grosse Bereiche der Werbebranche und Produktentwicklung beschäftigen sich ausschliesslich damit, unsere Gesellschaft und deren Strömungen zu analysieren, um Zielgruppen, Kommunikationskanäle und die Art der Kundenansprache bestimmen zu können.

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

Wie ist jedoch der Zustand unserer Gesellschaft zu bewerten, wenn – wie in diesem Beispiel – augenscheinlich totale Effizienz und Konformität erstrebenswerte Ziele sind? Der Versandhändler verspricht, durch Zusendung genormter Kleidung modische Ansprüche zu erfüllen (weg mit der Vielfalt) und uns Zeit zu schenken. Zeit wofür?

Nebenbeschäftigungen können nicht gemeint sein. Gespräche mit Freunden führt man ja bekanntlich via Facebook und Skype-Chat, weil auch das bequemer und effizienter ist. Wir hinterfragen oder ergründen nichts, sondern googlen. Man geht nicht mehr ins Kino, sondern bucht den Wunschfilm auf den eigenen Flachbildschirm. Anstatt sich an das Klavier zu setzen, mischen wir vorgefertigte Loops per Audio-Software zum Einheitsgedudel, mit dem dann die moderne, sterile, vollausgestattete Küche beschallt wird, in der die adrette Ehefrau die Tütensuppe erhitzt. So zumindest macht es uns die Werbung vor. Optimierung, Zeitersparnis, Vereinfachung.

Wenn also Müssiggang, das Herumschlendern zwischen Schaufenstern, die vertiefende Beschäftigung mit Künsten oder Kulturellem, mit dem Schönen und Guten, ja allgemein das Geniessen von freier Zeit laut Werbung „alles andere als effektiv“ sein soll, dann hat das Leben zwangsläufig nur einen Sinn: produktiv, vollumfänglich und verlässlich funktionierend der Wirtschafts- und Arbeitswelt zur Verfügung zu stehen. Die darausfolgende Konsequenz: wer diesen Dienst nicht erfüllt, ist nicht Teil der allgemeingültigen Gesellschaftsform.

Liebe Leserin, lieber Leser: Nehme Dir nur zehn Minuten Deiner (wertvollen) Zeit und füge die vielen Mosaiksteinchen der Werbespots, Anzeigen und Promotions zusammen, die Dir gerade spontan einfallen. Siehst Du dann auch ein Bild von Welten, wie wir sie aus Fahrenheit 451, Schöne Neue Welt, 1984 oder Die Insel kennen? Genormte, scheinbar glückliche Menschen, die einem gleichgeschalteten System dienen? Ein bisschen mehr Weichzeichner und die Filme ähneln den Spots der Scientology-Sekte. Erschreckend, oder?

Es braucht keine dämagogischen, böse dreinblickenden Diktatoren, um totalitaristische Formen zu erschaffen. Eine Marktwirtschaft, die auf Optimierung, Produktivität, Effizienz und Kapital basiert, schafft das scheinbar ganz alleine…

•   •   •

[Anmerkung: Der Online-Versand MODOMOTO präsentiert sich als Personal Shopping Service speziell für Männer. Per Internetfragebogen oder Telefonat klärt der Kunde die wichtigsten Eckdaten (z. B. Konfektionsgrössen und Stil), dann stellt der Händler ein Paket aus 8-10 Kleidungsstücken zusammen („…basierend auf Ihrem Geschmack und speziellen Wünschen…“). Nach Empfang der Lieferung probiert man zuhause in Ruhe die Waren („…bekannte und qualitativ erstklassige Marken…“) und schickt kostenfrei die Stücke zurück, die einem nicht gefallen. Dieser Service ist auch als Abonnement erhältlich, so dass allmonatlich ein MODOMOTO-Paket mit Kleidungsempfehlungen eintrifft.]

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4 Kommentare
  1. Es mag wie ein Schlagwort oder gar eine Parole klingen. Marktwirtschaft und das dahinterstehende Prinzip des Kapitalismus hat vorrangig nur ein Ziel: Profitmaximierung. Es ging von wenigen Ausnahmen in der Frühzeit der Industrialisierung abgesehen, nie um Zeitersparnis (beim Konsumenten) oder darum, das Leben leichter zu machen. Wir sind bei diesem Prozess jetzt an einem Punkt angekommen, an dem jeder, der das sehen will, auch sehen und im eigenen alltäglichen Leben schmerzlich erfahren kann.
    Dein Bild, dass man keinen schauerlich dreinblickenden Diktatoren mehr braucht, zeigt lediglich, wie weit man uns schon gebracht hat.

    Viele Grüsse vom Schwarzen Berg

    • […] „wie weit man uns schon gebracht hat“ […]
      So manch einen schon, aber „uns“ nicht ;-)
      Grüsse aus dem verschneiten Frankfurt!

  2. Du hast recht, dass unsere Welt immer mehr Regeln und Standards aufstellt und das, was abweicht und anders ist, immer weniger (im wahren Wortsinn) „auftaucht“. (Vielleicht ist das ja auch der geheime Sinn ,-) Dazu gehört, dass immer mehr „zeitsparendes“ Equipment notwendig ist, um die Dinge, die wunderbar auch anders funktionieren, so zu erledigen, wie sie den „Regeln“ entsprechen. Wir sparen Zeit, indem wir Dinge tun, die uns die Zeit wegnehmen, damit wir noch mehr Zeit für Dinge haben, mit denen wir die Zeit tot schlagen bzw. Dinge einzukaufen und/oder zu konsumieren, die uns dabei helfen.

    Bin mir nicht so sicher, ob der Aufhänger, den du für den Eintrag gewählt hast, nicht eigentlich etwas anderes zum Ausdruck bringt. „Shopping“ als Zeitvertreib hat ja nichts zu tun mit „vertiefender Beschäftigung mit Künsten oder Kulturellem“, sondern ist ja per se schon ein Beispiel für die von dir beschriebene durch kommerzialisierte Welt. Das „effektive Shopping“ ist dann sozusagen nur noch eins drauf gesetzt: Mit dem Shopping-Service, mit dem wir vorgeblich effektiver shoppen, shoppen wir ja nicht weniger, sondern mehr – verwenden vielmehr Zeit fürs „shoppen“ als wir es sonst täten – effektiver ist vermutlich nur, dass man sich schneller und häufiger für einen Kauf entscheidet, den man sonst vielleicht gar nicht getätigt hätte. Wenn ich den Krempel schon mal zu Hause habe, behalte ich vermutlich auch etwas.

    Habe heute ein schönes Beispiel für „Effektivierung“ gelesen und dabei an deinen Eintrag gedacht: In einem Zeitungskommentar wurde über ein englisches Online-Portal berichtet, bei dem es um effektives Lesen geht. Die – hoho – wichtigsten Werke der Weltliteratur, sind dort komprimiert = sie sind mit einem, maximal zwei Sätzen zusammengefasst. So kann man sich das Lesen von dicken Büchern sparen, man weiß ja, um was es geht, auf den Rest kommt es ja nicht so an. 1A Zeit gespart – und die kann man dann ja anders verwenden. Vielleicht ja zum effektiven Shopping.

    Weihnachtliche :) Grüße, K.

    • Ich habe das Beispiel des Versandhändlers gewählt, weil die Unternehmenskommunikation so schön stellvertretend für den Zustand unserer Gesellschaft ist. Aber Dein Gedanke ist richtig, das ‚Shoppen‘ kann per se schon als problematischer Akt gesehen werden.

      Ein erschütterndes Beispiel, das Du da gefunden hast. „Loch in Erde, Bronze rin – Glocke raus, bimm bimm bimm“ (Schillers Die Glocke in Kurzform). Effizienz gehört für manche Bereiche des Lebens eigentlich schlichtweg verboten – armselige Geister, die sich Literatur in dieser Form reinziehen…

      (Vor-)weihnachtliche Grüsse zurück! („Tabellenvierter hey, hey, hey“)

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