Wissenschaft als Krisenhelfer?

Montag im Hörsaal V der Goethe-Universität in Frankfurt – die Bürger-Uni lädt im Rahmen der Diskussionsreihe ‚Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte‘ zum Gedankenaustausch ein. Das Thema an diesem Abend ist hochaktuell: Wissenschaft als Krisenhelfer – muss Forschung der Politik und Öffentlichkeit mehr Orientierung geben?

Die von FAZ-Redakteur Sascha Zoske moderierte Veranstaltung beschäftigt sich mit der Rolle der (Wirtschafts-)Wissenschaften angesichts der Finanzkrise und deren Auswirkung auf Politik, Staat und Gesellschaft.

Karlheinz Weimar beim Vortrag

Karlheinz Weimar beim Vortrag

Die Diskussion wird eröffnet mit einem Vortrag des ehemaligen hessischen Finanzministers Karlheinz Weimar. Er beschreibt, weshalb die Politik auf wissenschaftliche Expertise angewiesen ist: „Politiker sind keine Alleskönner“ und benötigen fachmännischen Rat, der gleichzeitig die Entscheidungen der Politik zusätzlich legimitiert. Weimar verdeutlicht jedoch auch die Schwierigkeiten – so gibt es für jedes Thema unterschiedliche wissenschaftliche Positionen. Wem also hört man zu? Wem folgt man? Zudem sind Entscheidungen nie „nur richtig“ oder „nur falsch“, es gibt in der komplexen Welt keine klaren, einfachen Lösungen und man sollte auch immer einen Blick auf unangenehme Nebenwirkungen haben. Er verweist auch auf die Risiken der Auftragsforschung: herrschende Meinungen werden dadurch gestärkt und Manipulation wird ermöglicht.

An dieser Stelle sei mir – bei aller Richtigkeit der Darstellungen durch Karlheinz Weimar – mit einem Schmunzeln der Hinweis gestattet, dass unter ebendiesem damaligen Finanzminister Weimar (wissenschaftliche) Gefälligkeitsgutachten erstellt wurden, mit denen vier Frankfurter Steuerfahnder als „paranoid querulatorisch“ und „anpassungsgestört“ beurteilt und in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurden. Die rechtschaffenen Beamten hatten gegen Besitzer verdeckter Auslandskonten ermittelt und sind dabei wohl einigen Herrschaften in unserem schönen Hessenland zu sehr auf die Füsse getreten (siehe „Psychiater stoppte Steuerfahnder mit dubiosen Gutachten“, spiegel.de vom 17.11.2009)! Erst Jahre später wurden die Gutachten durch unabhängige Stellen kassiert und der verantwortliche Psychiater wegen fehlerhafter Erstattung von Sachverständigengutachten verurteilt.

Die Seite der Wissenschaft wird an diesem Abend durch die Professoren Andreas Hackethal (Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften) und Tilman Allert (Soziologe) vertreten. Während Erstgenannter erläutert, dass zuvorderst Forschung und Lehre die Aufgaben der Wissenschaft seien, Politikberatung keine Priorität habe und diese auch nicht angestrebt werden sollte, betrachtet Allert augenzwinkernd die unterschiedlichen Motivationen von Politik und Forschung („Krisenforschung ist nachträgliche Forschung“).

Die weiteren Ausführungen der beiden Professoren lassen Zweifel aufkommen, ob uns „Universitätsbetriebe“ Antworten auf dringliche Fragen bieten können. Der Soziologe blickt entspannt aus seinem Elfenbeinturm auf Objekte seiner Neugier („Die Akteure der Finanzmärkte sollte man nicht dämonisieren. Das sind sehr interessante Abenteurer unserer Zeit!“), der Fachbereichsleiter für Wirtschaftswissenschaften sichert die Mittel und das Ansehen seines Lehrbetriebes in einem marktwirtschaftlich orientierten Bildungssystem.

Professor Hackethal mag noch so häufig betonen, dass Forschung und Lehre frei und unabhängig sei („Wir sind Beamten, uns kann niemand kündigen!“)… man muss sich einfach nur vergegenwärtigen, dass in den deutschen Universitäten fast ausnahmslos nur eine einzige Lehrmeinung vertreten (und akzeptiert) wird – die vermeintliche Heilslehre vom neoklassischen Wirtschaftsmodell, das seit den 70er Jahren wieder fröhlich das Denken der Ökonomen eingenommen hat. Jahr für Jahr entlassen die Unis entsprechend ‚geschulte‘ Absolventen in die Unternehmen, Anwaltskanzleien, Werbe- und PR-Agenturen, Beraterbüros, die Medien und auch in die Politik. Eigenes Denken, Hinterfragen, das Verlassen von Schemata lehrt der Universitätsbetrieb schon länger nicht mehr – ein Kollateralschaden im Zuge von Standardisierung und Verkürzung der Lehre…

Die Veranstaltungen der Bürger-Universität, die vom Exzellenzcluster Normative Orders unterstützt werden, stehen allen Interessierten offen. Die Themenreihe ‚Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte‘ endet mit der Diskussionsrunde „Occupy – was hat’s gebracht?“ am 28. Januar 2013 (Beginn 19.30 Uhr, Hörsaal V, Hörsaalgebäude der Goethe-Uni, Mertonstrasse 17-21). Alle Wintersemester-Termine der Bürger-Uni im Überblick: buerger.uni-frankfurt.de!

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12 Kommentare
  1. Würde sehr gerne zu deinem Eintrag das eine oder andere anmerken, komme aber im Moment leider nicht dazu. Deswegen zumindest – ein herzliches Danke für den Text! In der Tat wären im Moment – nicht nur im Finanzsektor – Wissenschaftler gefordert und zwar in einem umfassenden Sinn. Leider sind wir aber an den Universitäten gerade dabei, insbesondere die Geisteswissenschaften abzuschaffen. Je mehr überall nach Bildung geschrien wird, desto mehr werden „nutzloses“ Wissen und Intellektualität depraviert. Wo nichts ist, kann es auch keine Öffentlichkeit – schon gar keine Gegenöffentlichkeit – mehr geben. Aber stattdessen haben wir dann ja überall jede Menge Experten, die in Auftrag gegebene Gutachten erstellen. „Tell me anything but what the expert say.“ (Bob Dylan)

    … und siehste, jetzt hab ich ja doch nicht nur danke gesagt, sondern auch etwas „angemerkt.“ ,-))

    lgk

    • Sehr gutes Statement – insbesondere Deine Anmerkung zur Depravation von Intellektualität und Wissen! Da landet man schnell wieder bei dem Thema, dass wir nur noch auf Effizienz und Funktionalität gebügelt werden, damit wir die uns angedachte Rolle erfüllen können… Danke für diesen Gedanken!

  2. Klasse Kommentar von rotundschwarz!
    Und toll, Herr Hackentrick, dass du auf das Thema aufmerksam gemacht hast. Ich könnte so viel dazu schreiben, dass ich erstmal abgewartet habe. Vielleicht dies zur Ergänzung:
    1. Wissenschaftler forschen heute in Marktlücken, um überhaupt einen Platz zu finden, der finanziert wird. Da gehts oft weniger um Foschung als um „Mückenbeine zählen“ – das gilt für alle Wissenschaften.
    2. Wenn dann ein Platz (Lehrstuhl etc.) gefunden ist, gilt: wes Brot ich ess, des Lied ich sing (in Wirtschaft und Politik).
    3. Man sollte heute jeden drauf hinweisen, dass Forschungsergebnisse bezahlt sind, d.h. zum Beispiel in den USA, dass dortige Unternehmen mittlerweile reihenweise über Labors etc. herrschen, die ihnen die Ergebnisse leifern, die uns letzten zum Kauf von Produkten und bewegen sollen und überdies unser Verhalten steuern wollen.
    4. ergo: bei uns wird es nicht sehr viel anders sein. Wenn dir heute ein Unternehmen „wissenschaftlich bewiesen“ Zähneputzen mit einer bestimmten Zahncreme empfiehlt, rät morgen ein anderes zum Zuckeressen, weil es „wissenschaftlich belegt“ ist, dass Zucker gut für die Gesundheit ist.
    5. Für mich sieht das alles nach einem grossen Hamsterrad aus, in dem wir im Interesse von Unternehmen und Parteien fleissig laufen und das eigene Denken vergessen sollen.

    Schöne Grüsse vom dauerverregneten Schwarzen Berg

    • Dann darf ich Dr. Best aus der Werbung auch nicht mehr vertrauen? :-)

      Sehr wichtig Dein Hinweis, dass Wissenschaftler heute Forschungsfelder, die letztendlich lukrativ sind. Und zum Thema bezahlte Forschung im Sinne des Auftragsgeber gibt es ja als bestes Beispiel den Disput ‚Erderwärmung / Klimawandel‘ (auf den wir an dieser Stelle bitte gar nicht näher eingehen wollen!)…

      Unsere Betrachtungen führen immer wieder zu einem Fazit: es ist generell von Nachteil, wenn sich die Dinge gewinnorientierten Ordnungen unterwerfen!

      Liebe Grüsse aus dem
      herrlich verschneiten Frankfurt!

  3. Anthony S. sagte:

    Servus. Bin Recht zufällig auf deinen Blog gestoßen und finde schonmal klasse, dass du Eintracht-Fan bist. Das Thema interessiert wohl die meisten heutzutage. Was man festhalten muss ist, dass nicht wenige sich mit dem Thema profilieren möchten, indem sie dem „Volk“ nach dem Mund reden wollen und/oder Geld damit verdienen möchten.

    „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte“ ist ein passender Name für eine Diskussionserie, die interessierte anlockt, denen oftmals vermutlich die privaten Kontakte fehlen, überhaupt zu verstehen, was Sache ist und wie schnell sich mitunter die Welt (gegen sie) dreht.

    Leider stelle ich fest, dass die Demokratie bzw. ihre Entscheidungen dafür gesorgt haben, dass die Finanzmärkte „so mächtig“ wurden. Komisch finde ich, die Wirtschaftswissenschaften (WiWi) anzugreifen, die doch gerade vor Euro-Krise und Staatsverschuldungen warnen und die Politik weiterhin egalitär handelt oder sich selbst die Handlungsoption entzog. Hier stimmt also etwas nicht.

    Zum Forschungskommentar: Im allgemeinen WiWi-Sektor wird eigentlich nicht geforscht, da die Rahmenbedingungen gesetzt sind.

    Was man vermutlich meinte, ist aber die Interpretation von eigentlich unabhängigen wirtschaftlichen Gutachten durch politische Parteien, um die Wähler zu beeinflussen und das Kapitalismus-/Umverteilungssystem Deutschland gezielt in der Wahlperiode zu ändern – auch mithilfe von Forschern (also ehemaligen Absolventen). Der Gedanke ist nunmal: Wenn ich doch Einfluss auf den Staat ausüben kann, dann doch zu meinem Gunsten. So sind die Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft unabhängig, werden aber von (allen) Parteien für politische Zwecke interpretiert und durch die Medienmacht möglichst so dargestellt, dass die Leute bei der Wahl konkrete Klientelinteressen wählen. Da ich es in meinem Umfeld selber sehe, wissen die meisten Menschen das Geschriebene gar nicht einzuordnen und haben teilweise noch immer eine romantische Beziehung zum Staat & Medien wie dies noch 1960 angesagt war, als man sich auf den Staat noch verlassen konnte.

    Jetzt kann man das ganze in zwei Richtungen weiterdenken. A) Man kann jetzt in jeglicher Nuance weiterforschen, um das parteiideologische System – nicht aller – zu optimieren. Also die Effizienz für die jeweilige Partei-Lobby zu erhöhen. B) Einfach nur festzustellen, dass nationalisierte Politik begann sich mit dem ersten Sozialdemokraten im Amt des Bundeskanzlers aufzulösen.

    Das muss man nicht bewerten, aber es ist wie der Flaschengeist bereits entweicht. Daher meinst du Hackentrick möglicherweise auch etwas anderes, als „gewinnorientierte Ordnung“ (außer du bist Marxist). Es ist schlicht nicht mehr im Interesse, dass jeder Deutsche bzw. das Bürgertum mithält, woran jeder aber selbst Schuld ist. Daran sind aber nicht die WiWi-Absolventen Schuld, wo auch nur die wenigsten dieses System tatsächlich so lesen können. Daran ist auch nicht die Globalisierung Schuld, aber sehr wohl die Lobbyarbeit, nationales Wachstum zu bekämpfen, weil die Rendite im Ausland höher ist.

    Versucht man relativ offen darüber zu reden und ist irgendein Wahnsinniger anwesend, kommt erstmal die Nazi-Keule raus. Und dementsprechend nutzt der Rest, der nicht auf den Kopf gefallen ist, das ganze eben aus und handelt 1:1 zu seinem Vorteil. Und je dümmer die Masse, desto mehr greifen die ominösen 1%, eher 0,5%, zusätzlich zu ihrem normalen Einkommen ab. Das kann man jetzt weiterdenken wie man will. Entscheidend ist, dass dadurch umso weniger für die übrigen Deutschen als Kuchen übrig bleibt, unabhängig von dem Arbeitslohn, aber abhängig von den Weltmarktpreisen und damit dem Wohlstandsniveau. Zaubern kann niemand, aber „Schummeln“ können einige wenige. Jedenfalls verstehen die meisten einfach die Spielregeln nicht, da ihnen eben die ominöse wirtschaftliche Bildung fehlt.

    Ganz schön lang…ich weiß schon, warum ich lieber diskutiere, statt Texte zu verfassen :)

  4. Hmmmm, Anthony – mir fällt es schwer, darauf zu antworten, weil sich mir Deine ‚Message‘ nicht ganz erschliesst… Ich versuche es dennoch:

    Punkt 1 – […] „dass die Demokratie bzw. ihre Entscheidungen dafür gesorgt haben, dass die Finanzmärkte “so mächtig” wurden“ […]
    Was willst Du damit mitteilen? Dass Demokratie per se keine geeignete Staatsform ist?

    Punkt 2 – […] „Zum Forschungskommentar: Im allgemeinen WiWi-Sektor wird eigentlich nicht geforscht, da die Rahmenbedingungen gesetzt sind. Was man vermutlich meinte, ist aber die Interpretation von eigentlich unabhängigen wirtschaftlichen Gutachten durch politische Parteien, um die Wähler zu beeinflussen und das Kapitalismus-/Umverteilungssystem Deutschland gezielt in der Wahlperiode zu ändern – auch mithilfe von Forschern (also ehemaligen Absolventen)“ […]
    Ich glaube, genau das habe ich in meinem Blogartikel deutlich gemacht…

    Punkt 3 – […] „Da ich es in meinem Umfeld selber sehe, wissen die meisten Menschen das Geschriebene gar nicht einzuordnen und haben teilweise noch immer eine romantische Beziehung zum Staat & Medien wie dies noch 1960 angesagt war, als man sich auf den Staat noch verlassen konnte“ […]
    Das ist – gelinde gesagt – romantisierender Unsinn. 1960 und drumherum wurde seitens des ‚Staats‘ geschummelt, betrogen und selbstverleugnerisch eigene Schuld weggewischt. Ein dermassen spiessbürgerliches, die eigene Vergangenheit verdrängendes Deutschland will – zumindest in meinen Kreisen – niemand!

    Punkt 4 – […] „Daher meinst du Hackentrick möglicherweise auch etwas anderes, als “gewinnorientierte Ordnung” (außer du bist Marxist)“ […]
    Spätestens jetzt mag ich diese Diskussion nicht mehr. Du denkst – wenn ich Dich richtig verstehe – in Schemata, die völlig überholt und unsinnig sind. Ich beschreibe in vielen Artikeln meines Blogs einen schleichenden Totalitarismus – nicht durch irgendwelche Gruppen bestimmt, sondern durch das Wirtschaftssystem bedingt. In meinen Augen gefährlicher als eine Diktatur – da weiss man wenigstens, wer der Feind ist!
    Und ich mahne vor Fundamentalismen – weil diese keine Lösung darstellen, sondern Probleme hervorrufen. Uns erwarten viele, viele Aufgaben. Einfache Antworten gibt es darauf nicht…

    PS: Mit dem Begriff „die Deutschen“ kann ich nichts anfangen. Wer soll das sein? Dickbäuchige Dümmlinge an den Stränden Europas? Saufende Kameraden, die in Ostdeutschland Jagd auf jeden Andersdenkenden machen? Die RTL2-glotzenden, selbsternannten Biedermänner? Elitäre Esoteriker, die mit Zweifeln an Deutschlans Souveränität, Engelgeld und obskuren Erfindungen Sekten gründen?

    • Schön, dass du auf den obigen Kommentar eingehst. Ich war mir offen gesagt, etwas unsicher, wie ich den verstehen soll.
      1. wird in den WiWi natürlich geforscht (ich deutete es an) – bester Beweis ist der Nobelpreis für WiWi, der für die Erforschung von ökonomischen Phänomenen vergeben wird. Im übrigen ist der Satz „…Im allgemeinen WiWi-Sektor wird eigentlich nicht geforscht, da die Rahmenbedingungen gesetzt sind…“ eine contradictio in adiecto. Forschung bestimmt den Rahmen, innerhalb dessen die Diskurse einer Wissenschaft stattfinden.
      2. Hinsichtlich der Medien um 1960 hast du, Hackentrick dich geäussert. Grundlegend dazu: Medien dienen dazu, Informationen zu steuern. Mit dem Niedergang feudal hierarchischer Strukturen (der Befehl kam von oben! – notfalls von Gott) wurden neue Strategien notwendig. Ohne „Buchdruck“ wäre Luthers Reformation unmöglich gewesen, denn zu dieser Zeit wurden (gedruckte) Flugschriften zum neuen Massenmedium. Was die Medien um 1960 betrifft verweise ich auf die „Spiegel-Affäre“. Auch hierbei gings um Deutungsmacht. Damals wie heute hat sich da wenig verändert.
      3. Was den Glauben an den Staat betrifft hat sich auch wenig verändert. Man glaubt nicht an ihn folgt aber den Aussagen und vorgegebenen Regeln (und Befehlen), die man durch die Medien emfängt. Wie anders wären z.B. Kriege in den beiden letzten Jahrhunderten möglich gewesen.

      Zu einzelnen Aussagen des Kommentar von Anthony S. wäre noch manches zu sagen. Vorher würde ich aber gerne wissen, was der Beitrag in nuce aussagen will

      Schöne Grüsse vom verregneten Schwarzen Berg

    • Anthony S. sagte:

      Ui, gleich zwei Antworten.

      Punkt 1: Nein. „Kritik“ an den Urteilen der Demokratie impliziert nicht, dass ich die Demokratie schlecht finde. Der Punkt ist nur, man hat langfristig mit den Wahlen der 70er und 80er Jahre den Kurs für Deutschland radikal verändert. Dies wirkt nach und es ist meines Ermessens nur unserem Mittelstand und national-reinvestierenden Unternehmen zu verdanken, dass wir nicht so ausgesaugt dastehen wie teilweise England und die USA. Man muss aber mit Demokratischen Urteilen leben, auch wenn 50% im besoffenen Zustand gewählt haben. Es ist schwierig, gegen ausgeprägte Lobbyinteressen nachträglich eben diesen 50% klarzumachen, dass sie da mitunter einen riesigen Fehler gemacht haben. Aber in der Sekunde hat sich die Welt schon 100-erte Male gedreht.

      Punkt 2: An Hackentrick, ja. An Herr Ärmel: Ich wollte damit ausdrücken, dass für das Staatssystem (Soziale Marktwirtschaft) bereits die grundsätzliche Forschung abgeschlossen ist. Dieses System hat man aber Mitte der 70er Jahre zu erheblichen Teilen verlassen und baut seit einiger Zeit jetzt wieder einen Zwischenweg hin zu mehr Marktwirtschaft. Geforscht wird hinsichtlich der Optimierung x-beliebiger Fälle in Bereichen wie z.B. in der Wirtschaftsinformatik. Viele Leute haben kein richtiges Bild von der Wissenschaft und glauben, dass systemische Fehler überhaupt existieren und ausgemerzt gehören. Richtig ist aber, dass konkrete politische Entscheidungen bestimmte Entwicklungen begünstigen und tut man dies vorsätzlich, ist das m.E. auch Korruption.

      Punkt 3: Spielst du damit auf die Nazi-Vergangenheit an? Mir geht es hierbei darum, dass der Staat teilweise noch abgeschottet war, denn wir reden doch über Finanzmärkte. Darunter fällt auch Punkt 4. Solange die persönlichen Gewinne eben nicht auf Kosten des Nachbars gingen, sondern mitsamt des Nachbars herstellt wurden, gab es doch keine Probleme. Gewinnorientierung wird pauschal nur im Marxismus abgelehnt, durch Interessenspolitik eines starken Staates allerdings den „Herrschenden“ der Wohlstand zugeschoben. Ausufernde Finanzmärkte schaffen allerdings keinen Mehrwert, denn 1.000 Euro Gewinn und Verlust ergeben immer 0 Euro. Finanzmärkte können nur Gewinnmöglichkeiten unterstützen und finanzieren. Ist der Staat hier zu offen, durch politisch-demokratische Entscheidungen, dann konkurriert hier jeder mit jedem auf einem internationalen Level. Da lachen sich China/Hong Kong/Singapur/Makau z.B. ins Fäustchen, die da ganz entschlossen ihre Linie gehen und eben ihrerseits nicht nur vom Aufbau durch westliches Kapital, sondern vom einseitigen Warenstrom profitieren und von verfehlter Politik + dann noch über Finanzierung der Staatsschulden. Und ein Großteil der Deutschen lebt in seiner Idylle gegenüber Vater Staat und fordert sogar mehr davon. Deutsche sind alldiejenigen mit einem deutschen Pass, auch wenn deine Beschreibung passt und nur noch von Träumern und Showmenschen, die ein politisches Amt inne haben, ergänzt gehört. Beschreibt aber niemand aus den oberen 30% der Deutschen, die schuften, schuften, schuften und den Staatsbetrieb am Leben erhalten.

  5. Anthony S. sagte:

    Um das ganze zu verdeutlichen: (Mitlerweile habe ich auch mehr von deinem Blog gelesen Hackentrick.) Es steht einer konservativ-werterhaltenen eine weitestgehend egalitäre Gesellschaft entgegen. Daher deute ich deine Aussage „Du denkst – wenn ich Dich richtig verstehe – in Schemata, die völlig überholt und unsinnig sind. Ich beschreibe in vielen Artikeln meines Blogs einen schleichenden Totalitarismus – nicht durch irgendwelche Gruppen bestimmt, sondern durch das Wirtschaftssystem bedingt.“ eben auch so, denn die Grenzen die es früher einmal gab, existieren nicht mehr und wurden politisch aufgesprengt. Es gibt eben nur die zwei Wege: Entweder ich bin national-werterhaltend und richte den Staat danach aus. Oder ich bin pro-„neue Werte“ fassend aufgrund freien Grenzen. Obwohl Deutschland überwiegend national-konservativ ist, ist den wenigsten klar, welche Politik tatsächlich wertkonservierend wirkt und welche nicht eigentlich diese Werte aushöhlt und in die egalitäre-ich zentrierte Ecke treibt. Darunter fällt vor allem Kritiker mundtot zu machen, die in erster Linie national-konservativ denken und für Kapitalimporte stehen. Und nicht für Kapitalexporte und den Aufbau internationaler Vermögenspositionen.

    Viele Leute greifen dann aber auf alte, hoffnungslos gescheiterte Theoriengebilde zurück wie den Marxismus, den immerhin 2 Millionen Menschen in Deutschland wählen, weil ihnen diese drei Sätze zu viel sind. Daher wünschst du dir vermutlich etwas relativen Stillstand oder einen Ausblick auf eine gewisse Sicherheit, aufgrund einer Zukunftsangst und Unverständnis, was die Welt noch so alles mit sich bringt. Deute ich das richtig?

    • Sollte mir Deine Interpretation einen Hauch Naivität unterstellen wollen, weise ich das entschieden zurück. In meinen Artikeln geht es mitnichten um Sozialutopien oder Klassen- und Systemkämpfe. Ich bin weit davon entfernt, über Marxismus und andere Theorien zu diskutieren. Ich weise lediglich auf die Gefahren hin, die die allzu freie Marktwirtschaft durch selbstständig entstehende Prozesse bewirkt. Hier müssen Regularien geschaffen werden, um die Bürger vor den Auswüchsen (und sich selbst) und Nebenwirkungen zu schützen, auch wenn man dabei die Menschen auf unangenehme Wahrheiten (Grenzen des Wachstums, reale Preise, etc.) aufmerksam machen muss.

      Und: ein „zurück zur DM-Mark“, Revisionismus, Marktabschottungen und ähnliche Haltungen sind m. E. keine Debatte wert (auch wenn Du das nicht explizit erwähnt hast). Ebensowenig sehe ich nicht ein, warum man ideelle Grabenkämpfe führen muss, anstelle sich den Aufgaben zuzuwenden. Wenn Du meinst, dass es nur zwei Wege gibt, ist das Deine persönliche Meinung, die ich nicht teile und äusserst destruktiv finde. Um ein aktuelles Beispiel aufzuführen: Bei der ‚Pferdefleisch‘-Geschichte braucht es nicht das Wort „national“, um Verbraucherschutz zu betreiben. Und man ist kein utopischer Spinner, wenn man darauf hinweist, dass jeder mal seine eigenen Einkaufs- und Essgewohnheiten überdenken sollte.

      Ich belasse es jetzt hierbei, denn in Bezug auf den ursprünglichen Artikel führt die Diskussion viel zu weit und in die Irre.

  6. Anthony S. sagte:

    Ich spreche doch hier nicht über dich, sondern über die Gesellschaft. Und deine Unsicherheit/Skepsis nehme ich doch zur Kenntnis. Mit dem Marxismus meinte ich, dass es immer in einem volkswirtschaftlichen, abstrakten Wirtschaftsmodell um Gewinn geht, entgegen einem marxistischen. Grenzen des Wachstums gibt es natürlich in ressourcentechnischer Sicht, wenngleich durch technischen Fortschritt selbst dieses Wachstum stets mehr Raum bekommt, aber auf absehbare Zeit nicht für alle Zeit gelöst ist. Denn zwar finden wir als mehr Öl, doch bleiben wir abhängig und leben noch nicht Zeitalter von Science-Fiction Antrieben und Stromgewinnung. Sorgen machen, dass wir eines Tages ohne Treibstoff dastehen oder alle Bäume weg sind, muss man sich nicht machen. Alleine der USB-Stick hat Millionen Bäume gerettet.

    Es freut mich, dass du gegen Marktabschottungen etc. pp. bist, denn dies ist ein Zeichen von Untergang. Die Gesellschaft befinden sich in einem radikalen Umbau. Es gilt insbesondere viele soziale Probleme unter Einbeziehung der Wissenschaft, Technik und Wirtschaft zu lösen.

    Es gibt nicht nur zwei Möglichkeiten, aber zwei Grundausrichtungen. Eine national-kulturell gesteuerte und eine radikal egalitär-kosmopolitische Ausrichtung. Letztere egalisiert Verbraucherschutz und regionale Werte/Bräuche. Erstere muss sich da erst einmal durchsetzen. Und auch hier ist die Wirtschaft zentral, denn diese richtet sich immer an einem Markt aus. Diese Ausrichtungssache ist sehr wohl politisch zu sehen. Die DM hat damit gar nichts zu tun, aber mit einem System, welches u.a. egalitär ausgleichend wirkt, ist zumindestens die Frage zu stellen, welcher Markt denn zentral sein soll. Das ist in der Tat aber ein Thema, was nichts mit Finanzmärkten, aber auch mit der Politik Deutschlands zusammenhängt.

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