Doping (Folge 872)

Nachdem vor einer Woche Teile der vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Auftrag gegebenen Studie Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation [1] veröffentlicht wurden, rauscht es wieder im Blätterwald. Während die Macher der Studie (u. a. Historiker der Berliner Humboldt-Universität) zusammenfassend von „systemischer Dopingforschung“ sprechen, titeln die Medien „systematisches Staatsdoping“ und kommentieren Themen (Dopingversuche an Jugendlichen, Doping im Fussball), die sich durch die aktuell veröffentlichte Forschungsarbeit (noch) gar nicht wissenschaftlich korrekt belegen lassen.

Das Problem dabei: die Debatte wird jetzt wieder nur kurzzeitig sehr laut geführt und hängt sich an den verfälschenden Tönen der Medienberichterstattung auf, anstatt auf die eigentlichen Inhalte der Studie einzugehen. Damit macht man es den Beschwichtigern und Leugnern des westdeutschen Dopingsystems einfach, die Arbeit der Forschungsgruppe zu diskreditieren. Anschliessend wird Aktionismus bewiesen, man bildet Kommissionen und Ausschüsse und präsentiert am Ende schön klingende Grundsatzerklärungen. Dann kann wieder Ruhe eintreten.

Wie einfach man es den Verharmlosern macht, zeigt der Verlauf des Talks in der Jubiläumsausgabe des Aktuellen Sportstudio [2]. Der Moderator Michael Steinbrecher konfrontiert Studiogast Franz ‚Kaiser‘ Beckenbauer mit dessen Kommentar im STERN vom Mai 1977.

Steinbrecher: „Sie schrieben damals, ‚medizinisch ist heute in der Bundesliga praktisch noch alles erlaubt, was den Spieler zu Höchst- und Dauerleistung treibt‘. Dann erklären Sie, warum Sie das für bedenklich halten und sagen dann ganz klar, ’nicht alles was heute mit Fussballprofis gemacht wird ist harmlos, die Grenzen zum Doping sind fliessend‘. Warum kann man im Nachhinein nicht offen darüber reden, wenn das früher offensichtlich so war?“

Beckenbauer (etwas verwirrt): „Das hab ich gesagt? Kann es sein, dass ich einen Doppelgänger habe? (Steinbrecher zeigt ihm die Kopie des damaligen STERN-Artikels) Ja… ich bin natürlich überrascht über dieses… Kunstwerk. Aber ich war immer der Meinung, Doping im Fussball macht keinen Sinn […]. Ich war zwanzig Jahre Profi. Ich wurde noch von keinem irgendwie genötigt, etwas zu nehmen, was ich nicht wusste, was es ist. Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. Vitaminspritze – keine Ahnung. Der Doktor hat gesagt ‚Vitaminspritze‘ […].“ (Studiopublikum lacht)

Steinbrecher: „Also Sie haben etwas bekommen, wussten aber nicht, was drin war?“

Beckenbauer: „Ich bin kein Arzt. Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. (zum lachenden Publikum) Ja, was ist da jetzt?“

Der zweite Studiogast Rudi ‚Tante Käthe‘ Völler springt dem stammelnden Kaiser hilfreich zur Seite, indem er darüber schwadroniert, dass Dopingkontrollen im Fussball erst in den achtziger Jahren durchgeführt wurden. Das Thema versandet. Es wäre wohl auch naiv zu glauben, die Lichtgestalt Beckenbauer dürfe durch einen ZDF-Moderator ungestraft vor laufenden Kameras gegrillt werden!

Dass von staatlicher Seite in Westdeutschland das Doping gefördert und mit Steuergeldern unterstützt wurde, ist auch kein ganz so neues Thema, wie es uns die aktuelle Medienerregung verkaufen will. Zwischenergebnisse der o. g. Forschungsarbeit wurden bereits in den Jahren 2010 bis 2012 öffentlich diskutiert. Jahre vorher gab es schon detaillierte Recherchen über das bundesdeutsche Dopingsystem: Doping im Spitzensport von Treutlein / Singler (2000) und Doping Dokumente – von der Forschung zum Betrug von Berendonk / Franke (1991). Aber diese Veröffentlichungen wurden durch entsprechende Ausschüsse gezogen bis sie weichgespült waren und die allgemeine Erregung nachliess. Keiner der westdeutschen Honorationen und Mediziner in den Verbänden und Institutionen musste Konsequenzen fürchten, während ostdeutsche Sportler und Trainer namentlich genannt und öffentlich geteert und gefedert wurden. Geschichte wird vom Sieger geschrieben. Und die Sieger verhindern weiter erfolgreich, dass Doping zum Straftatbestand erklärt wird!

Wer in kompakter Form gerne mehr über die Hintergründe, Inhalte und Probleme der Studie erfahren möchte, wird im Artikel „Ein zu frühes Urteil“ von Grit Hartmann (Berliner Zeitung vom 04. August 2013) bestens bedient!

Übrigens: Bei allen neu aufflammenden Diskussionen über Doping im Profifussball… eine Bundesligamannschaft ist garantiert völlig dopingfrei – meine Eintracht Frankfurt (Beweis: alle Videoaufzeichnungen der 1:6-Niederlage zum Saisonauftakt gegen Hertha BSC)!

Quellen: [1] Sechs pdf-Dateien sind auf der Seite des BISp abzurufen: Klick… [2] Gesprächsrunde im Aktuellen Sportstudio vom 10. August 2013 mit Mario Götze, Franz Beckenbauer und Rudi Völler: Kapitel „Einladung war wie eine Heiligsprechung“ in der ZDF-Mediathek

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5 Kommentare
  1. Was nicht sein darf, das kann auch nicht (gewesen) sein! Und Leuten wie dem Beckenbauer glaube ich das. Als andere Kinder lesen und schreiben lernten, hat der Fussball gespielt. Was hätte er einem Arzt auch entgegenhalten sollen auf die Aufforderung hin: Du, Franz, nimm einmal deine Vitaminspritze. Fussballer in jenen Zeiten haben mehr Tore geschossen und weniger gedacht. Ist doch auch ihr Beruf, oder?
    Und die DDR-Sportler? Ich bitte dich, das ist was ganz anders, die waren ja schliesslich auch Kommunisten.

    Schöne Grüße ausm 8er Bembel

    • […] „Und die DDR-Sportler? Ich bitte dich, das ist was ganz anders, die waren ja schliesslich auch Kommunisten“ […] Wie bereits im Artikel geschrieben, Geschichte wird vom Sieger diktiert ;-)

      Nebenfrage: Wie kann man aus einem 8er-Bembel grüssen???

    • Wieder alles richtig. Gegen die Strippenzieher in den Verbänden kommt man schwer an.

      Nicht immer wird die Geschichte von den Siegern geschrieben. Und wenn, kommts auch drauf an, wie man die Quellen liest. Sag ich mal so als Historiker.
      Ausm 8-er Bembel? Stimmt, das ist kompliziert – in diesem Fall waren Teile des Bembels in mir…

  2. Schnellinger sagte:

    »Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. (zum lachenden Publikum) Ja, was ist da jetzt?”«

    Ich möchte sehen wie ein Jan Ullrich im ASS sitzt, diesen Satz sagt, und das selbe verblödete Publikum aber auf einmal seine moralische Empörung samt Mistgabeln zur Schau stellt und nicht mehr lacht. Aber, hey, is halt der Kaiser, Herrschaftszeiten, Lichtgestalt, is denn schon Weihnachten…..
    Fuck all those hypocrites. Schafe.

    • Apropos Jan Ullrich: Ist ganz interessant, was Günter Wallraff über die Gespräche mit Ullrich berichtet. Er hat lange Interviews für ein Buchprojekt (das dann leider vor Veröffentlichung nicht authorisiert wurde) mit ihm geführt, in denen der Radsportler die eigene Dopinggeschichte und die Machenschaften dahinter schilderte. Bezeichnend ist, dass Radsportverbandspräsident Scharping – der sich in Erfolgszeiten an ‚Ulle‘ rangeschmissen hat, jedwedes klärende Gespräch nach Ullrichs Fall abgelehnt hat.

      Es dürfte eine wahre Sisyphusarbeit sein, den ganzen selbstherrlichen und überheblichen Figuren in Verbänden und Institutionen die Masken vom Gesicht zu reissen und es bedarf eine Menge Mut dazu. Der Ex-Radprofi und heute als Journalist arbeitende Ire Paul Kimmage wurde fast in den finanziellen Ruin getrieben, weil er es wagte, in einer britischen Tageszeitung bereits ein Jahr vor Armstrongs Geständnis über die vom UCI verheimlichte positive Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 zu berichten. Die Täter: Hein Verbruggen (damaliger Präsident des UCI) und Pat McQuaid (Nachfolger, weiterhin im Amt).

      Was passiert wohl mit Journalisten in Deutschland, die den bei uns mit Bundesverdienstkreuz behängten Würdenträgern zu nahe rücken? Der Herr Mollath weiss bestimmt die Antwort!

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