Unterhaltungssender ZDF

Eigentlich sollte am Dienstagabend (27. August) der Fernseher nur nebenbei über den Verlauf den CL-Spiels PAOK Saloniki gegen FC Schalke 04 informieren – doch dann entpuppte sich das gesamte Abendprogramm des Senders ZDF mal wieder als Anschauungsunterricht für das Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender.

20.25 – 23.00 Uhr: FUSSBALL-LIVE-ÜBERTRAGUNG AUS THESSALONIKI (Sportshow): Seit einem Jahr überträgt das ZDF die Spiele der UEFA Champions League und zahlt für die Übertragungsrechte pro Saison ca. 54 Millionen Euro [1], wofür der Sender mit Recht heftig kritisiert wurde. Die CL ist das Highend-Premium-Hochglanzprodukt der UEFA und wird uns verkauft mit Emotionen, Atmosphäre und packenden Flutlichtduellen der europäischen Spitzenmannschaften. Sehenswerter Fussball vom Feinsten also.

Natürlich konnte das ZDF nichts dafür, dass das Spiel der Schalker in Griechenland auf Anordnung des europäischen Fussballverbands vor leeren Rängen ausgetragen werden musste (‚Geisterspiel‘-Strafe für PAOK) und die Übertragung stimmungstechnisch an einen wochentags im Herbst bei Nieselregen ausgerichteten Freundschaftskick in untersten Ligen erinnerte. Doch beim Anblick des aufgrund der fehlenden Stadionbesucher bizarr wirkenden (von der UEFA vorgeschriebenen) Rituals mit Mannschaftsaufstellung und Hymne auf dem Rasen vor dem Anpfiff wurde einem schnell wieder bewusst, was die Champions League tatsächlich ist: eine durchorganisierte Marketingveranstaltung, um tolle TV-Bilder zu produzieren, die sehr viel Umsatz generieren.

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

In der Halbzeitpause: ZDF HEUTE JOURNAL (Nachrichtenshow): Mit der angemessenen Betroffenheit und ernster Stimme verkündet uns Claus Kleber, dass es wohl kein Zurück mehr gibt und Bomben und Marschflugkörper auf Syrien niedergehen werden. Ähnlich wurden uns u. a. schon die Kriege im Irak und Afghanistan angekündigt. Syrien ist übrigens das Land, von dem uns auch das heute journal in etwa so berichtet: „blutige Proteste gegen die Regierung“ (2011), „Assad-Regime zwingt das Land in einen Bürgerkrieg“ (2012), „unterschiedliche Rebellengruppen kämpfen gegen die Regierungseinheiten“ (2013).

Ich erwarte aufgrund der begrenzten Sendezeit der Nachrichtensendung keine detaillierte Berichterstattung, aber kann sich jemand erinnern, wann zur Primetime bei ARD oder ZDF ausführlich, differenziert und genau über Syrien (Ägypten, Libyen, etc.) berichtet wurde? Ich nicht.

23.00 – 24.00 Uhr – NEUES AUS DER ANSTALT (Comedyshow): Ach, meine ‚Anstalt‘ hat auch schon bessere Tage gesehen. Wo bis letztes Jahr der Bildungsbürger eine satirisch-sarkastisch-intelligente Bestätigung der eigenen kritischen Haltung erhielt (worüber man natürlich auch diskutieren kann), sorgen jetzt Blödelbarden wie Ingo Appelt, Monika Gruber oder Christian Springer für pseudopolitische Schenkelklopfer. Am 1. Oktober wird die Sendung in vorliegender Form letztmalig ausgestrahlt, die beiden Anchormen Priol und Barwasser widmen sich anschliessend anderen Projekten. Sollte man auf den Nachfolger gespannt sein?

00.00 – 00.30 Uhr – ILLNER INTENSIV (Unterhaltungsshow): Endlich Mitternacht, endlich die knallharte Auseinandersetzung mit Politikern. Knackige Fragen und konkrete Antworten zur besten Sendezeit! Vor der strengen Maybrit Illner zeigen die Herren Frank-Walter ‚wir-sind-dagegen-stimmen-aber-dafür‘ Steinmeier (SPD), Volker ‚es-wird-keinen-Schuldenschnitt-für-Griechenland-geben‘ Kauder (CDU) und Gregor ‚wir-machen-das-nicht-mit‘ Gysi (Die Linke) klare Kante und Profil zum Thema Eurokrise… (hüstel)

Man muss es mittlerweile als Verhöhnung des TV-Zuschauers betrachten, wenn zu diesem ernsten Thema die o. a. ‚ausgewiesenen Experten‘ ins Studio geladen und befragt werden und die Moderatorin nicht nachhakt, wenn die Parteienvertreter leere Sprechblasen in die Mikrofone aussondern. Einen Herrn Kauder, der die aktuelle deutsche Politik gegenüber den Schuldenstaaten mit den gängigen Klischees und Phrasen verteidigt, darf man in einem solchen Sendeformat durchaus damit konfrontieren, dass das übliche Modell der Austerität noch nie erfolgreich war (wie es uns leider Weltbank und IWF seit Jahrzehnten beweisen). Und man darf gerne einmal anmerken, dass sogar das theoretische Modell der Ökonomen keine absolute Gültigkeit mehr besitzt, weil dem gefeierten Vorreiter Professor Kenneth Rogoff bei seiner mathematischen Studie zu Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum Datenbank- und Formelfehler unterlaufen sind, wie dieser im Frühjahr diesen Jahres kleinlaut zugeben musste [2].

Wenn ARD und ZDF wissen wollen, wie man Politiker zum Schwitzen bringt und in die Mangel nimmt, sollten sie sich einmal das Format HARDtalk der BBC anschauen [3]!

Zusatzinfos:

[1] in den Medienberichten im April 2011 schwanken die Meldungen zwischen 50 bis 56 Millionen Euro

[2] „…Thomas Herndon, ein Doktorand der Universität Massachusetts, hatte sich die Daten von Rogoff und Reinhart noch einmal vorgenommen und kam zu anderen Ergebnissen. Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten. Er konnte zeigen, dass Rogoff und Reinhart einige Daten in ihrer Studie sehr merkwürdig gewichtet und einzelne Länder, die trotz hoher Schulden kräftig gewachsen waren, ausgeklammert hatten. Außerdem deckte Herndon einen peinlichen Fehler auf: Rogoff und Reinhart hatten eine Formel im Tabellenkalkulationsprogramm Excel falsch programmiert und deshalb wichtige Daten in ihren Rechnungen nicht berücksichtigt…“ (aus ‚Die Ökonomen-Seifenoper‘, Zeit Online vom 28. Mai 2013)

[3] Beispiel: HARDtalk-Interview mit Wolfgang Schäuble: „Greece default will not happen“ (Video)

'illner intensiv' mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

‚illner intensiv‘ mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

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2 Kommentare
  1. Vielen Dank für die aussagekräftige Zusammenfassung eines Leidensabends vor dem TV. Gut geschrieben! Zum Glück habe ich das Programm nicht ansehen müssen und zum Glück habe ich eine gute Verdauung, das liest sich ja wie ein verschreibungspflichtiges starkes Abführmittel.

    Schöne Grüße aus Lummerland

    • ‚Leidensabend‘ trifft es richtig. Aus medienpolitischen Gründen muss ich mir das halt öfters mal antun. Leider…

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