G’schichten aus der Arbeitswelt IV

Ich wähle die zentrale Telefonnummer eines grossen deutschen Finanzmarktunternehmens an, da ich die Durchwahl meines dortigen Ansprechpartners gerade nicht zur Hand habe und mich zu ihm durchstellen lassen will. Statt einer freundlich-charmanten Telefonstimme begrüsst mich ein Sprachcomputer, der mir die Optionen anbietet, mich wahlweise als „Kunde“, „Interessent“ oder „Berater“ weiterbedienen zu lassen.

Eigentlich entspricht „Berater“ dem Grund meines Anrufes am ehesten, will doch das angerufene Unternehmen auf meine Expertise zurückgreifen – gemeint sind jedoch sicher Finanzberater, die mit der Firma zusammenarbeiten. Da auch „Kunde“ und „Interessent“ meinem Anliegen nicht entsprechen, unterbreche ich vorerst das Telefonat und denke kurz nach.

Neugierig macht er ja schon, der Sprachcomputer. Also entscheide ich mich für ein kleines Experiment und drücke auf Wahlwiederholung. „Kunde“ spreche ich deutlich in das Telefon, nachdem mir wiederum die Optionen angeboten wurden. Die (sehr menschliche) Stimme am anderen Ende der Leitung teilt mir mit, dass sie mich leider nicht verstanden hat und bittet um Wiederholung. Ich versuche, das Wort anders zu betonen: „Kuuunde“. Wiederum werde ich nicht verstanden, der Sprachcomputer will mich in eine Warteschleife weiterleiten und vertröstet mich damit, dass irgendwann ein realer, verständnisvoller Mensch das Gespräch und mein Anliegen entgegennimmt.

So leicht gebe ich nicht auf! Erneut wähle ich die Nummer und höre die bereits bekannte Ansage. Diesmal versuche ich es mit „Kuuundeee“  – was prompt vom digitalen Gegenüber akzeptiert wird! Doch schon lauert die nächste Hürde und ich scheitere am Wörtchen „Konto“ (oder „Konnto“? „Konntoo“?). Bevor ich wieder in der Warteschlange lande, lege ich auf…

Vierzehn Mal habe ich spasseshalber die Rufnummer angewählt und aus Neugier diverse Varianten probiert: Schwyzerdütsch und Hessisch („Ei, isch bin Kunnde!“) haben überraschenderweise funktioniert, Bayrisch und englischer Akzent scheiterten bereits im Ansatz. Generell bin ich nie über die dritte Frage des Sprachcomputers hinausgekommen (wieviele er wohl noch hatte?).

Meine Frage an den Leser: Was sagt das uns über den Zustand unserer Gesellschaft, wenn deren Mehrheit es mittlerweile als völlig normal empfindet, bei einem Unternehmen als Kunde / Käufer / Auftraggeber unwürdig behandelt und zu infantiler Kommunikation genötigt zu werden?

Einfach mal kurz darüber nachdenken…

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1 Kommentar
  1. Das kenne ich von Fluglinien. Ich bertreibe da mittlerweile konsequent Konsumverzicht. natürlich nicht, ohne das entsprechend schriftlich mitzuteilen. Dezent eine Telefonnummer hinterlassen, kann man sich in 75% eines Rückrufs sicher sein.
    Gerade erst wieder habe ich das anlässlich der Kündigung eines Telefonanschlusses erlebt. Der Vertrag wurde am Ende wunschgemäss gekündigt.

    Dir eine gute Woche und schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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