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Zukunft

Am vergangenen Samstag fanden im Rahmen der Enthüllungen durch Edward Snowden bundesweit in über 30 Städten Demonstrationen gegen totale Überwachung und für informelle Selbstbestimmung statt. Bei der Protestkundgebung in der Frankfurter Innenstadt, zu der ein parteienübergreifendes Bündnis aufgerufen hatte, versammelten sich etwa 1.000 Teilnehmer und forderten von der Bundesregierung mehr Aufklärung, Unterstützung für Snowden und den Schutz der Bürger vor der Sammelwut der Geheimdienste und grossen Internetkonzerne.

Seitens Berlin sollten wir allerdings nicht allzuviel erwarten: seit 1968 gibt es eine Verwaltungsvereinbarung, die die Bundesregierung verpflichtet, “für die westlichen Siegermächte Post- und Fernmeldeüberwachungen durchzuführen oder von diesen selbst durchführen zu lassen“, wie der Freiburger Historiker Joseph Foschepoth berichtet [1]. Laut Foschepoth gilt die Vereinbarung bis heute unverändert fort. Angesichts Ex-Bundeskanzler Schröders Zugeständnis an George W. Bush (aus der Regierungserklärung 12. Sptember 2001: “Ich habe ihm auch die uneingeschränkte – ich betone: die uneingeschränkte – Solidarität Deutschlands zugesichert“ [2]) und Bundesinnenminister Friedrichs Haltung zu Datenschutzfragen sollte uns das nicht wundern.

Auch die deutsche Wirtschaft wird an einer umfassenden Aufklärung nicht besonders interessiert sein. Zwar geht es nicht nur um geheimdienstliche Aufklärung zwecks Terrorbekämpfung, sondern auch um handfeste Wirtschaftsspionage – doch das Geschäft hat Vorrang. So hat die Deutsche Telekom eingeräumt, im Rahmen der Übernahme des Unternehmens Voicestream (heute: T-Mobile USA) im April 2001 einen Vertrag mit dem US-Justizministerium und dem FBI unterzeichnet zu haben, der den US-Behörden volle Zugriffsrechte auf Verkehrsdaten und Kommunikationsinhalte einräumt. Der Vertrag ist selbstverständlich auch heute noch gültig [3]. Andere Konzerne (u. a. Yahoo) beklagen sich, nicht umfassend die Wahrheit über die Zusammenarbeit mit den Behörden offenlegen zu dürfen.

Snowdens Enthüllungen, die Meldungen und Reaktionen der vergangenen Wochen verdeutlichen, dass unser Verständnis einer freien, modernen Gesellschaft von verschiedenen Interessensgruppen unterschiedlich interpretiert wird. In meinen Augen bedeutet das eine Zäsur, die dringend öffentlich diskutiert werden muss.

Wir müssen reden… über die Arbeit und die Kontrolle der Geheimdienste. Nicht erst seit der NSU-Affäre wird die deutsche Öffentlichkeit von BND und Verfassungsschutz an der Nase herumgeführt, wenn es um Aufarbeitung geht. Die Geschichte der Bundesrepublik ist durchzogen von Ereignissen, bei denen die Rolle der Geheimdienste unaufgeklärt blieb. Inwieweit also entziehen sich die Geheimdienste den parlamentarischen Kontrollgremien? Hinzu kommt: seit 9/11 wurden zum Beispiel die US-amerikanischen Dienste mit unvorstellbaren Finanzmitteln ausgestattet. Das ist ein Machtfaktor, der nicht verschwiegen werden sollte. Und die Aufregung darf sich nicht nur auf die USA fokussieren – das EU-Mitgliedsland Grossbritannien scheint mit seinem Geheimdienstprogramm Tempora noch weitaus intensiver die europäischen Partner abzufischen.

Wir müssen reden… über die Zukunft von Datenverkehr und Internet. Monopolistische Strukturen können nicht förderlich sein. Wenn uns Google und Facebook nur noch zeigen, was wir vermeintlich sehen möchten, ist das Manipulation. Wenn Pläne wie die der Telekom greifen, den Datenverkehr zugunsten eigener kommerzieller Angebote zu begrenzen, verkommt das WorldWideWeb zu einem weiteren Mainstreammedium als Werbeplattform. Ein arabischer Frühling ist dann darüber nicht mehr zu organisieren.

Wir müssen reden… über den Glaube an Big Data und Analyseprogramme, denn nichts anderes steckt hinter der Datensammelwut. Auch in der Technokratie deutscher Amtsstuben, der Politik und Konzerne erliegt man den Verlockungen, die Gesellschaft via Algorithmen auslesen und führen zu können. Das führt unweigerlich in einen Totalitarismus, denn die Lösungen und Entscheidungen basieren nur noch auf den Fragen, die ein Algorithmus beantworten kann. Querdenken, Hinterfragen, Ausnahmen sind dann nicht mehr zulässige Muster.

Es gibt heute schon genug Beispiele, was passiert, wenn Realitäten als mathematisches Modell behandelt werden – siehe der computergestützte Börsenhandel mit seinen plötzlichen, irrationalen Ausschlägen (das geht so weit, dass teilweise der Handel manuell ausgesetzt werden muss). Wie zuverlässig sind die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute (weder die Dotcom-Blase noch der Crash in 2008 wurden vorausgesagt)?

Und wir müssen dringlichst reden… über unser Verhältnis zu Demokratie und Bürgerechte – bestenfalls mit den Nachbarn, Freunden und Bekannten und unseren Abgeordneten in den Parlamenten. Wir müssen darüber reden, was wir als freie Gesellschaft auszuhalten bereit sind (Apropos: Waren das jetzt 5, 7 oder 40 Terroranschläge, Herr Bundesinnenminister?). Wir müssen darüber reden, ob uns ein Freihandelsabkommen mit den USA wichtiger ist als der Schutz vor genmanipulierten Lebensmitteln und der Privatisierung und Ökonomisierung aller Bereiche.

Wollen wir darüber reden?

Quellen: [1] Forschungsstudie “Überwachtes Deutschland“ von Joseph Foschepoth, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, 2012… [2] Manuskript der Rede Schröders… [3] Artikel von Patrick Beuth, DIE ZEIT, 23. Juli 2013

(Bilder der Kundgebung StopWatchingUs vom 27. Juli 2013 in Frankfurt am Main. Zum Öffnen der Galerie einfach anklicken)

Die Einladung machte neugierig und versprach einen interessanten Abend:

Stiftung MedienMittwoch

ZEITUNG IN DIGITALEN ZEITEN – DIE ZUKUNFT IST LOKAL

Diskussionsteilnehmer: Ludwig Ederle (Bereichsleiter Digitale Medien bei stimme.net + Heilbronner Stimme), Boris Tomic (Leiter der Stadtredaktion bei Frankfurter Neue Presse), Andreas Törpel (Managing Director bei Media Team OMD) und Dr. Roland Gerschermann (Geschäftsführer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und stellv. Vorsitzender vom Verband Hessischer Zeitungsverleger). Moderation durch Wolfgang J. Borgfeld (Leitender Redakteur Deutscher Fachverlag).

Bald ein Bild aus vergangenen Zeiten? (Foto: Katja Lenz)

Bald ein Bild aus vergangenen Zeiten? (Foto: Katja Lenz)

Die Financial Times Deutschland hat vor kurzem ihr Geschäft eingestellt, die Frankfurter Rundschau taumelt seit geraumer Zeit einer ungewissen Zukunft entgegen, die Westfälische Rundschau (WAZ Verlagsgruppe) entlässt 120 Journalisten und arbeitet zukünftig ohne eigene Lokalredaktion. Das Zeitungssterben ist in der Realität angekommen. Kostendruck und sinkende Umsätze treffen neben den Verlagen auch viele freie Mitarbeiter und Zulieferer, den Handel und natürlich das Druckgewerbe. Umso interessanter ist es, wenn sich Vertreter der Printmedien über mögliche Chancen ihrer Branche äussern, wie es das Motto der Veranstaltung verspricht.

Es gibt tatsächlich Erfolgsmeldungen – so beispielsweise das Lokalblatt The Herald in Jasper (Indiana, USA), das mit Bildreportagen und Fotojournalismus die Leser begeistert und unterhält:

Tages- und Wochenendausgabe THE HAROLD (v. l. n. r.)

Auch Ludwig Ederle von der Heilbronner Stimme äussert sich zufrieden über Abo- und Umsatzzahlen. Seine Regionalzeitung lässt Print und Online zusammenspielen – im Web werden Meldungen mit Videos und Bildergalerien aufgewertet, die anderntags im gedruckten Format ausführlicher behandelt werden.

Natürlich stellt sich die Frage, ob die beiden genannten Beispiele repräsentativ sein können. Im ländlichen Raum finden wir aufgrund der vergleichsweise hohen Heimatverbundenheit eine viel ausgeprägtere Bindung der Leser an die regionale Zeitung, als dies in Ballungszentren der Fall ist. Prinzipiell jedoch ist der Ansatz von The Herald und Heilbronner Stimme, den Schwerpunkt auf Bildsprache und optische Anreize zu legen, sicherlich ein denkbares Mittel, das Printprodukt zu entstauben und konkurrenzfähiger zu machen.

Allerdings – während das Beispiel aus Übersee Qualität und Kosten unter einen Hut bringt, geht die Heilbronner Stimme den bequemeren Weg: der Lokalreporter wird mit Fotohandy ausgestattet, um bei den Recherchen auf dem Volksfest auch für Druckausgabe und Internet zu fotografieren und einen Videoclip des Interviews mit dem Schützenkönig zu produzieren. Das mag zuweilen die Authentizität unterstreichen – doch entgegen Ederles Aussage, dass seine Mitarbeiter das Experiment „mit Begeisterung“ aufgenommen haben, ist auch an den möglichen Qualitätsverfall und die sowieso schon vorhandene Arbeitsintensität bei immer weniger Personal in den Redaktionen zu denken…

Schwer vorstellbar, dass voll ausgelastete Allrounder neben dem Editieren von Texten, Bild- und Videomaterial noch Zeit finden, gewissenhaft dem Stadtkämmerer bei seinen finanziellen Jongliertricks auf die Finger zu schauen. „Qualität“ war an diesem Abend übrigens generell ein stark beanspruchtes Wort (auch durch FNP-Mann Boris Tomic). Wie diese jedoch gewährleistet werden kann angesichts sinkender Auflagen und Werbeeinnahmen, blieb man den interessierten Gästen im Plenarsaal der IHK Frankfurt schuldig.

Gegen Ende der Podiumsdiskussion näherte man sich dann auch der allseits bekannten Lösung aller Probleme, dem heiligen Gral der Zeitungsmacher: „Paid content“. Doch wieder einmal blieb der Begriff eine Wolke, die im Saal über den Köpfen schwebte. Wie zukünftig die Bezahlmodelle für digitale Inhalte erfolgreich ausgestaltet werden können, darüber äusserte man sich auf der Bühne dann lieber doch nicht so konkret…

Fazit des Abends: Die Lokalzeitung könnte Zukunft haben. Kommt nur darauf an, wo und wie.

[Veranstaltungshinweis: Quo vadis, Print? von stadtkindffm]

(Zum Öffnen der Galerie einfach Bild anklicken. Fotos: Katja Lenz)

[Anmerkung: Das interessante Beispiel der Zeitung The Herald war nicht Inhalt der Veranstaltung, sondern wurde mir in einer Facebook-Diskussion empfohlen]

Vor einem Jahr wagte ich den Blick in die Glaskugel und machte Voraussagen für 2012 (Blogartikel „Wetten, dass…?“). Da ich dem 21.12. noch nicht so recht traue, prüfen wir lieber heute schon, inwieweit meine Prognosen eingetroffen sind!

Eichhörnchen Hans-Dietrich (Foto: Katja Lenz)*

Eichhörnchen Hans-Dietrich (Foto: Katja Lenz)*

Ich schrieb am 22. Dezember 2011:

WETTEN, DASS…

…es in 2012 wieder mindestens eine verheerende Naturkatastrophe geben wird, die weltweite Hilfe erfordert?

Zugegeben, diese Vorhersage war nicht schwer, denn jedes Jahr erleben wir grössere Naturereignisse. Dieses Mal u. a. die Erdbeben in Italien und auf den Philippinen, sowie Hurricane Sandy, der nicht nur an der US-Ostküste, sondern insbesondere auf einigen Karibikinseln schwere Schäden anrichtete.

…ich im kommenden Jahr entgegen meinen Beteuerungen doch wieder einen 4.000er besteige?

Schade, daraus wurde leider nichts. Geplant war die Besteigung des Aletschhorns, musste jedoch wegen Witterungsunwägbarkeiten abgesagt werden.

…der Euro das Jahr 2012 überlebt (das Frankfurter Occupy-Camp an der EZB allerdings nicht, da es wegen ständig steigenden Zulaufs in den Grüneburgpark umziehen muss)?

Trotz böser Schrammen ist der Euro immer noch gültiges Zahlungsmittel. Das Frankfurter Zeltlager der Occupy-Bewegung wurde am 06. August auf Anordnung des Ordnungsdezernates durch Polizeikräfte endgültig geräumt, allerdings ohne eine Alternative aushandeln zu können. Seitdem ist seitens der Protestler nicht mehr viel zu hören.

…für die Gottschalk-Nachfolge bei Wetten, dass…? ein gemischtes Duo präsentiert wird?

Naja, diese RTL-Nudel aus Berlin-Marzahn zählt wohl nicht als gleichberechtigter Teil eines Moderatorenduos (ist die überhaupt noch dabei?). Mein Tipp ging eher in Richtung Lanz & Hunziker. Damit lag ich wohl daneben… auch egal.

…es in 2012 weder einen Krieg im Iran, noch in Nordkorea geben wird, dafür allerdings die Gewalt in Afghanistan eskaliert?

Im Iran und in Nordkorea blieb es friedlich. Im Falle Afghanistans verweise ich freundlich auf meinen Artikel „Afghanistan – unknown future“. Wer sich regelmässig über dieses Land informieren möchte, dem empfehle ich die Seite Pajhwok Afghan News – auf der englischsprachigen Nachrichtenseite gibt es täglich News über Sport, Kultur, Gesellschaft, Politik und… Krieg.

…die deutsche Fussballnationalmannschaft im Sommer nicht Europameister wird (und den Krakeelern das “T’schlaaand” sehr früh im Hals stecken bleibt)?

Da ich das 0:1 durch den Italiener Balotelli im Halbfinale als „sehr früh“ interpretiere (fiel ja auch schon in der 20. Minute), deute ich meine Prognose in ihrer Gesamtheit als völlig korrekt :-)  Die EM war – bis auf kleine Anmerkungen – dennoch unterhaltsam. Übrigens: der Suchbegriff „Ronaldo Frisur“ ist einer der häufigsten, die ich in meiner Blogstatistik finde…

…die Weihnachtsansprache 2012 vielleicht von Joachim Gauck gehalten wird, jedoch auf keinen Fall von Christian Wulff?

Na, wenn das mal keine klare Vorhersage war!

…mindestens eine der Pseudo-Polit-Talkshows der ARD abgesetzt wird (ich tippe auf Anne Will)?

Leider, leider… das ist nicht eingetroffen – die Unterhaltungsshows von Plasberg bis Maischberger belästigen uns weiterhin. Wohltuende und empfehlenswerte Alternative: die Phoenix-Runde oder Unter den Linden auf dem Sender… na? PHOENIX!

…Barack Obama die Präsidentschaftswahlen 2012 in den USA gewinnt?

War das vor einem Jahr einfach oder schwer zu prognostizieren? Bei mir überwog einfach die Angst vor Republikanern, die von der Tea Party-Bewegung getrieben werden.

…die Eintracht im nächsten Mai als klarer Tabellenführer in die Bundesliga aufsteigt, obwohl derzeit alles von den Fortunen und Greuther Fürth schwärmt?

Ok, mit der Zweitligameisterschaft hat es nicht hingehauen (jedoch mit dem Aufstieg), aber dafür schwärmt jetzt alles von der Eintracht. Weiter so!

…es im März in der einen oder anderen deutschen Grossstadt nochmals schneit, dafür aber der Sommer viel zu heiss und trocken wird?

Zwar gab es im Februar eine richtige Kältewelle, doch von März-Schnee in München, Köln oder Hamburg ist mir nichts bekannt. Und die Vorhersage für den Sommer… *räusper*

…ich auch im kommenden Jahr keine einzige Folge Dschungelcamp oder DSDS anschauen werde?

Bingo! Glücklicherweise habe ich nicht auch The Voice Of Germany aufgeführt, die ersten zwei, drei Sendungen musste ich aus persönlichen Gründen anschalten.

…es in einigen europäischen Ländern zu erheblichen sozialen Unruhen kommen wird?

Wenn man das Geschehen über einen längeren Zeitraum beobachtet hat, konnte man nur zur Schlussfolgerung kommen, dass es in den südlichen Ländern Europas zu massiven Protesten kommt. Wer meint, man könne die Vorgänge noch nicht als soziale Unruhen bezeichnen, dem sei beispielsweise Uhupardos Blog zum Schlaumachen empfohlen!

…zumindest auch der nächste Klangwechsel des John Cage-Projektes in Halberstadt am 05. Juli 2012 tatsächlich stattfindet?

Ob die Aufführung der Komposition ORGAN² / ASLSP tatsächlich wie geplant bis in das Jahr 2640 andauern wird, weiss natürlich niemand. Aber vergangenen Juli durfte ich Augenzeuge des Klangwechsels sein. Eine beeindruckende Sache!

…sich der kommende Frankfurter OB Boris Rhein zum Entsetzen seiner Bürger mit der Eingemeindung Offenbachs auseinandersetzen muss, da weder Hanau noch Darmstadt bereit sind, sich des Elends anzunehmen?

Da weder Boris Rhein zum Oberbürgermeister Frankfurts gewählt wurde, noch eine Eingemeindung Offenbachs anstand (obwohl… soooo schlecht ist die östlich gelegene Gemeinde ja auch nicht), war meine Vorhersage völlig daneben. Aber den Kelch B. Rhein sehe ich gerne vorüberziehen.

…im nächsten Jahr Silvio Berlusconi, Sepp Blatter und der syrische Präsident Baschar al-Assad jeweils vor Gericht stehen werden

Signore Bunga-Bunga hat es bereits erwischt und ein weiterer Prozess steht für ihn noch an (dennoch drängt es ihn in Italiens höchstes Staatsamt zurück). Der Blatter Sepp muss sich derweil einer hausinternen Kommission für Good Governance stellen und mit al-Assad will auch keiner von uns tauschen. Aber seien wir genau – in 2012 erwischte die Gerichtsbarkeit nur Berlusconi. Die beiden anderen folgen in 2013. Versprochen!

…die Welt dann doch nicht am 21. Dezember 2012 untergehen wird?

Tja, das werden wir dann sehen…

Fazit: Kein schlechter Blick in die Glaskugel! Für den grossen Lottogewinn reicht die Trefferquote noch nicht, aber als Wahrsager in der Jahrmarktsbude würde ich bestimmt eine gute Figur abgeben.

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* Das Eichhörnchen Hans-Dietrich kommt täglich bei Frau Lenz vorbei, um sich Nüsse abzuholen und für die Kamera zu posieren. Der kleine Kerl hat mittlerweile Prominentenstatus erlangt – und sogar eine eigene Facebookseite!

 

Der Internet-Modehändler MODOMOTO wirbt auf seiner Homepage mit dem Spruch „Nie wieder Shopping-Stress! Shopping frisst unsere Zeit, ist oft anstrengend und alles andere als effektiv“.

Was uns auf den ersten Blick wie ein leicht verunglückter Versuch der verantwortlichen Agentur erscheint, eine anscheinend interessante Geschäftsidee an den Mann zu bringen, macht bei genauerer Betrachtung nachdenklich.

Werbung zielt immer auf ungeschriebene, allgemeingesellschaftliche Vereinbarungen, um weitestgehende Zustimmung und im besten Fall Begeisterung auszulösen. Werbung beobachtet und spielt mit dem Zeitgeist. Grosse Bereiche der Werbebranche und Produktentwicklung beschäftigen sich ausschliesslich damit, unsere Gesellschaft und deren Strömungen zu analysieren, um Zielgruppen, Kommunikationskanäle und die Art der Kundenansprache bestimmen zu können.

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

Wie ist jedoch der Zustand unserer Gesellschaft zu bewerten, wenn – wie in diesem Beispiel – augenscheinlich totale Effizienz und Konformität erstrebenswerte Ziele sind? Der Versandhändler verspricht, durch Zusendung genormter Kleidung modische Ansprüche zu erfüllen (weg mit der Vielfalt) und uns Zeit zu schenken. Zeit wofür?

Nebenbeschäftigungen können nicht gemeint sein. Gespräche mit Freunden führt man ja bekanntlich via Facebook und Skype-Chat, weil auch das bequemer und effizienter ist. Wir hinterfragen oder ergründen nichts, sondern googlen. Man geht nicht mehr ins Kino, sondern bucht den Wunschfilm auf den eigenen Flachbildschirm. Anstatt sich an das Klavier zu setzen, mischen wir vorgefertigte Loops per Audio-Software zum Einheitsgedudel, mit dem dann die moderne, sterile, vollausgestattete Küche beschallt wird, in der die adrette Ehefrau die Tütensuppe erhitzt. So zumindest macht es uns die Werbung vor. Optimierung, Zeitersparnis, Vereinfachung.

Wenn also Müssiggang, das Herumschlendern zwischen Schaufenstern, die vertiefende Beschäftigung mit Künsten oder Kulturellem, mit dem Schönen und Guten, ja allgemein das Geniessen von freier Zeit laut Werbung „alles andere als effektiv“ sein soll, dann hat das Leben zwangsläufig nur einen Sinn: produktiv, vollumfänglich und verlässlich funktionierend der Wirtschafts- und Arbeitswelt zur Verfügung zu stehen. Die darausfolgende Konsequenz: wer diesen Dienst nicht erfüllt, ist nicht Teil der allgemeingültigen Gesellschaftsform.

Liebe Leserin, lieber Leser: Nehme Dir nur zehn Minuten Deiner (wertvollen) Zeit und füge die vielen Mosaiksteinchen der Werbespots, Anzeigen und Promotions zusammen, die Dir gerade spontan einfallen. Siehst Du dann auch ein Bild von Welten, wie wir sie aus Fahrenheit 451, Schöne Neue Welt, 1984 oder Die Insel kennen? Genormte, scheinbar glückliche Menschen, die einem gleichgeschalteten System dienen? Ein bisschen mehr Weichzeichner und die Filme ähneln den Spots der Scientology-Sekte. Erschreckend, oder?

Es braucht keine dämagogischen, böse dreinblickenden Diktatoren, um totalitaristische Formen zu erschaffen. Eine Marktwirtschaft, die auf Optimierung, Produktivität, Effizienz und Kapital basiert, schafft das scheinbar ganz alleine…

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[Anmerkung: Der Online-Versand MODOMOTO präsentiert sich als Personal Shopping Service speziell für Männer. Per Internetfragebogen oder Telefonat klärt der Kunde die wichtigsten Eckdaten (z. B. Konfektionsgrössen und Stil), dann stellt der Händler ein Paket aus 8-10 Kleidungsstücken zusammen („…basierend auf Ihrem Geschmack und speziellen Wünschen…“). Nach Empfang der Lieferung probiert man zuhause in Ruhe die Waren („…bekannte und qualitativ erstklassige Marken…“) und schickt kostenfrei die Stücke zurück, die einem nicht gefallen. Dieser Service ist auch als Abonnement erhältlich, so dass allmonatlich ein MODOMOTO-Paket mit Kleidungsempfehlungen eintrifft.]

Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

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[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

Im Juni wurde leider zum letzten Mal das von mir geliebte Nachtstudio ausgestrahlt – und auch das Philosophische Quartett wurde eingestellt. Da sich das ZDF jedoch keine intellektuelle Ausdünnung nachsagen lassen will, wird seit September mit einem neuen Sendeformat der Popstar der Philosophie aufgeboten: Richard David Precht präsentiert allmonatlich zur sonntäglichen späten Stunde die 45-minütige Sendung gleichen Namens: PRECHT.

Döpfner, Precht und Studiodesign

Schon die Wahl des Titels und das (eher seltsame) Ambiente verdeutlichen den Unterschied. Während im unprätentiösen Nachtstudio Moderator Volker Panzer zurückhaltend dem jeweiligen Thema und seinen Gästen Platz schuf, ist in der neuen Sendung der Namenspatron zugleich Star in der Manege. Da entsteht schnell der Eindruck, dass der geladene Gesprächsgast die Precht’schen Thesen nur noch zu reflektieren hat und das Highlight der Show nicht mehr aus Inhalt, sondern aus Precht besteht. Disco-Pop statt Südstaaten-Blues…

Die erste Sendung konnte jedoch gefallen: Richard D. Precht sprach mit dem Hirnforscher Gerald Hüther über das Bildungssystem. Da beide den gleichen Ansatz hatten, entwickelten sich in der gegenseitig befruchteten Diskussion interessante Gedanken, wie zukünftige Modelle gestaltet werden sollten, um unsere Gesellschaft weiter voranzubringen.

Am vergangenen Sonntag begrüsste Precht dann den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Dr. Mathias Döpfner. Die thematische Überschrift des Abends „Gefährliche Freiheit?“ bot genügend Spielraum, um mit dem Gesprächsgast die Sendezeit spannend zu nutzen, denn Döpfner spricht immer wieder davon, dass demokratische Gesellschaften nicht entschieden genug die Freiheit verteidigen und verantworten würden.

Leider lieferte die Sendung zusammengefasst nur Platitüden und Allgemeinheiten. Wo Döpfner eine Vorlage bot, liess Precht sie ungenutzt. Der Moderator suchte bemüht nach Kontroversen und merkte nicht, wenn er seitens Döpfner dennoch Zustimmung bekam. Seinem Gesprächsgast fiel er das eine oder andere Mal ins Wort und rückte monologisierend seine eigenen Thesen in’s Licht. Aus Selbstgefälligkeit? Wenn sich dann doch die Chance zur inhaltlichen Auseinandersetzung auftat, überging Precht dies. So beispielsweise, als er Döpfner hätte fragen können, wie dieser den Gefahren von Intoleranz und Fundamentalismus in unserer Gesellschaft begegnen würde oder als sich der Studiogast hinsichtlich des ausufernden Finanzkapitalismus lediglich auf die Hoffnung beschränkte, die Leistungs- und Verantwortungseliten würden sich selbst durch einen Erkenntnisprozess zurücknehmen und regulieren. Auch diese Aussage blieb unkommentiert im Raum stehen.

Angesichts Herrn Döpfners Vita wäre es angebracht gewesen, auch über die Rolle der Medien zu sprechen. Die für das Hauptthema sowieso zu knappe Sendezeit gab diesem Diskussionsstrang leider keinen Raum.

Den kommenden Folgen der Sendung würde es nicht schaden, wenn Richard David Precht nicht sich und einen populären Gast in den Vordergrund rückt, sondern den Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Thema sucht. Er sollte es eigentlich besser können – sonst gibt es wieder nur Schnellkoch-Philosophie aus der Instanttüte, statt vom Wochenmarkt…

Wenn jemand siebenhundert Kilometer Hin- und Rückfahrt auf sich nimmt, um live vor Ort mitzuerleben, wie drei Orgeltöne in einer alten Kirchenruine verstummen, hat entweder nicht alle Tassen im Schrank oder ist von einer Sache so fasziniert und begeistert, dass er gerne den Aufwand dafür in Kauf nimmt.

Für mich beanspruche ich Letztgenanntes. Am gestrigen Donnerstagabend wurde der zwölfte Klangwechsel beim Halberstädter John-Cage-Projekt vorgenommen. Das Projekt, das im September 2001 startete, ist der Versuch, die Spielanweisung „as slow as possible“ von Cages Orgel-Komposition ORGAN² / ASLSP wortwörtlich umzusetzen – das ursprünglich fünfminütige Musikstück wurde auf eine Aufführungsdauer von 639 Jahren hochgerechnet!

Da man von keinem Musiker verlangen kann, über Jahre hinweg an einer Orgel die jeweiligen in der Partitur aufgeführten Töne zu halten und sich irgendwann von einem Nachfolger ablösen zu lassen, haben die Begründer des Projektes auf eine andere Form der Darbietung zurückgegriffen. In der Kirchenruine in Halberstadt wurde eine einfache Konstruktion aus einem riesigem Blasebalg installiert, der auswechselbare Orgelpfeiffen mit Luft antreibt. So werden zum entsprechenden Zeitpunkt eines Notenwechsels nur die jeweiligen Pfeiffen eingesetzt oder entfernt, das Halten der Töne übernimmt die ‚Orgel‘ selbst.

Schätzungsweise 200 Interessierte versammelten sich um die Orgelkonstruktion in der Burchardikirche, lauschten für fünf Minuten nochmals andächtig dem bis dahin anhaltenden Fünfklang, dann wurden die Pfeiffen für die Töne a‘, c“ und fis“ entfernt. Jetzt sind nur noch die beiden Töne C und Des zu hören, bevor sich am 05. Oktober 2013 drei neue Töne dazugesellen. Der Klang wird dann bis zum Jahr 2020 anhalten, dann erklingen zwei weitere Töne. Das wird bis 2640 so weitergehen – wenn alles klappt! Denn der Förderverein des John-Cage-Projektes stellt sich einer enormen Aufgabe: Zum einen ist er über Generationen auf engagierten Nachwuchs angewiesen, zum anderen stellt sich das Projekt der Konfrontation mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung… werden in kommenden Jahrzehnten / Jahrhunderten noch Verständnis, Toleranz und Unterstützung für diese Form der Kunst bestehen?

Apropos Unterstützung: Da der Förderverein auf private Spenden angewiesen ist, bietet er u. a. die Möglichkeit, Pate für eines der 639 Aufführungsjahre zu werden. Ab EUR 1.000,- wird eine Einzelperson oder Gruppe mittels Erinnerungstafel inklusive individuellem Text in der Burchardikirche verewigt. Dazu die humorvolle Anmerkung in der Begrüssungsrede: „Das ist von längerer Dauer als jeder Grabstein heutzutage!“. Und auch symbolträchtiger als jedes Liebesschloss am Eisernen Steg!

[Alles über das John-Cage-Projekt in Halberstadt: aslsp.org]

(Zum Öffnen der Gallerie ein Bild anklicken)

Als ich Anfang Januar den Artikel über die Steampunk-Bewegung schrieb, betrachtete ich hauptsächlich die spielerischen und romantisierenden Aspekte dieser Szene. Dass aber vielleicht doch eine tiefere Botschaft dahintersteckt, wurde mir letztens beim Schmökern in den aktuellen ‚Hausnachrichten‘ von MANUFACTUM („Es gibt sie noch, die guten Dinge“) bewusst.

Von der Kaffeemaschine über das Telefon bis zu unseren Autos – ohne elektronische Steuerungen sind für uns viele Produkte kaum noch vorstellbar. Auch beim Umgang mit Problemen (beispielsweise Klima- oder Energiepolitik) vertrauen wir auf technische Lösungen (früher oder später) und machen uns von ihrem Funktionieren abhängig.

Die Frage, die sich dabei stellt: Ist moderne Technik immer die bessere und auch günstigere Variante und daher allem anderen vorzuziehen?

Mittlerweile wird viel von der tatsächlichen Energiebilanz eines Gerätes gesprochen, damit sind neben dem Energieverbrauch auch der energetische Aufwand im Herstellungs- und Distributions-prozess gemeint. Fachleute berechnen für die Produkte den jeweiligen sogenannten ökologischen Fussabdruck (engl. Product Carbon Footprint) und bringen damit einen neuen Ansatz in die Debatte: Sind wir eigentlich bereit, den wahren Preis für die von uns gekauften Gegenstände zu akzeptieren? So benötigt man zum Beispiel für die Produktion eines Mikrochips unter anderem ca. 32 Liter Wasser, das Brauen und Abfüllen einer kleinen Flasche Bier kostet 75 Liter Wasser (sic!) und die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts kommt sogar auf 2.000 Liter! Die realen Preise an der Supermarktkasse verdeutlichen diesen Ressourcenverbrauch allerdings nicht…

Was Steampunk mit dem Thema zu tun hat? Vielleicht ist die Bewegung nicht nur eine zugegebenermassen etwas verschrobene Spielerei mit der Ästhetik des Dampfmaschinen-Zeitalters, sondern auch der unbewusste Versuch, eine Antwort auf unseren heutigen Energiehunger zu finden: Low- statt High-Tech.

‚Low-Tech‘ kann eine mögliche Alternative sein. Manuell und mechanisch, statt automatisch und elektrisch. Vier Tage Seereise, statt acht Stunden Flugzeit. Weniger umwelt- / rohstoffbelastend und sicherlich wertefördernd. Sind wir bereit, Verzicht zu leisten?

In den MANUFACTUM-Hausnachrichten wird über Kris De Deckers äusserst interessante, englisch-sprachige Internetseite Lowtechmagazine.com berichtet. De Decker greift auf Althergebrachtes, Bewährtes und Vergessenes zurück, untersucht die Energieeffizienz verschiedener Technologien und Systeme und berichtet über stiefmütterlich behandelte Lösungsansätze. Ein die Realitäten verkennender Träumer? Wohl nur für die Menschen, die ihre Komfortzone nicht verlassen wollen und den Einflüsterungen unserer Wohlstandsmaschinerie gedankenlos gehorchen. Kris De Decker greift altes Ingenieurswissen auf und untersucht akribisch Möglichkeiten, wie wir schonend und effizient Dinge ‚besser‘ machen könnten. Wer sich intensiv über propagierte Öko-Mythen, alternative Maschinen und Antriebsmöglichkeiten informieren möchte, ist auf seiner Webseite bestens aufgehoben!

Passend dazu finde ich auch zwei Blogeinträge, die mit Umdenken und Innehalten zu tun haben: Carmen von umamibuecher.wordpress.com präsentiert ein Sachbuch, das die moralischen Fragen der Ökonomie und der Teufelskreise Wachstum und Wohlstand behandelt. Und auf katjalenz.wordpress.com betrachten wir eine meditative Fotostrecke, die im Rahmen eines Aufenthaltes in einem buddhistischen Kloster entstanden ist. Entschleunigen, Ruhen, Abschalten, Energie sammeln…

Triptychon von Katja Lenz

Neben dem Parkhaus-Mord in Emden und dem Einzug des FCB in das Halbfinale der Champions-League stürzen sich diese Woche (nicht nur) die Medien auf ein immer wieder gern diskutiertes Thema: der Benzinpreis. Eine schöne Steilvorlage für Wahrheiten, die mal wieder niemand hören will…

Keine Frage, Tanken ist teuer geworden und für den einen oder anderen sicherlich hart an der Schmerzgrenze. Und natürlich ist die drastische Anhebung der Kraftstoffpreise durch die Mineralöl-konzerne kurz vor Ostern auffällig (wie auch jeden Freitagnachmittag oder zu Ferienbeginn). Dennoch verwundert mich das Entsetzen darüber, die allgemeine Empörung finde ich – gelinde gesagt – lächerlich.

Noch lächerlicher sind die Vorschläge aus einigen Reihen der Politik, der Verteuerung durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale zu begegnen. „Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“, nennt man das wohl. Seien wir mal ehrlich: Statt über teure Spritpreise und die Habgier von BP und Konsorten zu schimpfen, sollten wir unsere Volksvertreter fragen, warum sie jahrzehntelang geschlafen und / oder falsche Entscheidungen getroffen haben.

Vor 40 Jahren hat bereits der Club of Rome in seinem vielbeachteten Bericht ‚Die Grenzen des Wachstums‘ u. a. auch vor der Verknappung der Ressourcen gewarnt. Ein Jahr später, 1973, radelte ich auf dem Rad mit meinem Vater auf der Autobahn vom Monte Scherbelino über das Frankfurter Kreuz zum Flughafen: Autofreier Sonntag im Herbst 1973 infolge einer Ölkrise*! Die Risiken der Ölversorgung (Preisentwicklung / Verknappung) waren also damals schon bekannt – was wurde seitdem unternommen?

Das waren noch Zeiten…

Wir fahren (meistens einzeln) in überdimensionierten Familienpanzern zum Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, weil wir den Kleingeschäften in unserem Wohnumfeld ignorant beim Sterben zugeschaut haben. Wir nehmen befriedigt das Verdummungsmarketing der Automobilkonzerne zur Kenntnis, die uns die Botschaft, dass ein 180 PS-Auto heutzutage statt 16 Liter nur noch 8 Liter schluckt, mit Erfolg verkaufen. Wir lächeln mitleidig über Mitmenschen, die bewusst auf ein Auto verzichten, und nennen sie abwertend ‚Idealisten‘ (oder noch besser: ‚Gutmensch‘).

Unsere Regierungen haben zugeschaut, als die Bahn Kleinstrecken und unrentable Bahnhöfe abgerissen hat. Unsere Regierungen haben zugeschaut, als Kommunen den Nahverkehr privatisiert haben. Unsere Regierungen haben die Abwrackprämie und bis dato die Nichteinführung des Tempolimits zu verantworten. Nur eines haben unsere Regierungen in den vergangenen 40 Jahren nicht hinbekommen: Die zukunftsweisende Mobilitätspolitik.

Stetig bearbeitet vom VDA (Verband der Automobilindustrie) mit den Einflüsterungen „Wachstum“ und „Arbeitsplätze“, haben wir leider die vergangenen Jahrzehnte nicht genutzt, um alternative Verkehrs-konzepte zu schaffen. Auch gesellschaftlich haben wir uns in ein Fiasko begeben: Frage Dich doch mal kurz, liebe Leserin / lieber Leser, ob Du frei davon bist, über das Auto den dazugehörenden Menschen zu beurteilen (nagelneuer Audi A8 / rostiger Ford Fiesta)…

Zukunftsorientierte Verkehrskonzepte liegen in vielen Schubladen, aber es interessiert sich niemand dafür. Wir lassen lieber Gigaliner auf die Strassen, ergötzen uns an den neuesten PS-Boliden und freuen uns über den geplanten Ausbau der A5 zwischen Nordwestkreuz und Friedberg, in der (vergeblichen) Hoffnung, dass uns zukünftig die Feierabendstaus verschonen bei der „freien Fahrt für freie Bürger“.

Die Preise für Rohöl werden weiter steigen – einerseits, weil Börsenspekulation das Preisgefüge anheizt, andererseits, weil die Fördermethoden immer komplizierter und damit teurer werden. Unsere Empörung darüber ist heuchlerisch, denn wir wissen ganz genau, dass wir wider besseren Wissens handeln.

Die Wahrheit ist: Die Benzinpreise sind nur der Anfang der Spirale. Strom und Wasser werden folgen, weil wir jahrzehntelang Alternativmodelle ignorieren und nicht wahrhaben wollen, dass wir uns einschränken müssen. Unser Gewissen beruhigen wir, indem wir einmal im Jahr weltweit für eine Stunde das Licht ausschalten, beim Zähneputzen auf den Wasserverbrauch achten und beim Autokauf den protzigen SUV mit dem geringeren Kraftstoffverbrauch wählen.

Das wird leider nicht reichen. Nach uns die Sintflut…

* Diese Ölkrise basierte zwar auf einer künstlichen Verknappung des Rohstoffs durch die OPEC-Länder aufgrund des Jom-Kippur-Krieges und dadurch extrem steigender Rohölpreise, zeigte jedoch deutlich unsere Abhängigkeit vom Öl.

“Hier ist Ihre Ausweiskarte und die Besuchernummer. Nehmen Sie im Wartesaal Platz, Sie werden dann aufgerufen!“ • “Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15 werden gebeten, sich umgehend am Beratungsschalter einzufinden. Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15, bitte!“ • “Füllen Sie dieses Formular aus und begeben Sie sich in das Amtsgebäude, dritte Etage!“ • “Bitte händigen Sie mir Ihren ausgefüllten Anmeldebogen aus und legen Sie den Ausweis vor. Das Beratungszimmer betreten Sie erst, sobald das Glockensignal ertönt!“

Rumgerenne, Rumgehetze, Warten, Formulare ausfüllen. Die vorab ausgehändigte Informa-tionsbroschüre rät: “Bitte seien Sie freundlich und geduldig, unsere Mitarbeiter versuchen alles, um einen schnellen Ablauf zu gewährleisten“. Der ganz normale Ämterwahnsinn – diesmal allerdings freiwillig, freitagsabends um 21 Uhr!

(Foto: Katja Lenz)

Wir befinden uns im AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG – einem Projekt im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMON-STRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität konzipiert und durchgeführt wird.

Das Projekt (seit 18. Januar bis 25. März 2012) greift die Situationen auf, in denen wir – das Individuum – die Konfrontation mit dem Ordnungssystem spüren, in das wir eingebunden sind. Dieses System kann durch Repression oder auf der Basis eines demokratischen Regelwerks hergestellt worden sein, das sich freiheitlichen Werten verpflichtet. Dennoch erleben wir gegenwärtig immer häufiger die Momente des Zweifels, des Protests oder der Resignation. Beispiele sind die Occupy-Bewegung, Attac, Stuttgart21, wütende Demonstrationen in Südeuropa und die Revolutionen im arabischen Raum, aber auch die Parolen am Stammtisch, das pauschale ‚die da oben‘, ‚die Banker‘, ‚jaja, die Herren Politiker‘, das Aufblühen des Nationalismus und die sog. Politikverdrossenheit einschliesslich des Nichtwählens.

Das Projekt zeigt durch unterschiedlichste Mittel (z. B. Ausstellung, Vorträge, Darstellende Kunst / Theater / Aktionskunst) auf, wo die Grenzen zum Aufbegehren bestehen oder wie die Mittel des Protest aussehen können. Die komplette Veranstaltungsreihe im kalendarischen Überblick ist hier zu finden.

Freitagabend also der ‚Gang auf’s Amt‘. Der Abend beginnt mit einer Podiumsdiskussion in der Cafébar des Kunstvereins, Thema: In welcher Welt leben wir? Die Professoren Frau Rebentisch (frau verzeihe mir das fehlende „Innen“), Herr Vogl und Herr Honneth debattieren darüber, ob die aktuelle Situation (Politik augenscheinlich vom Finanzmarkt getrieben) systembedingt, bewusst oder aufgrund von Fehlern besteht und welche Möglichkeiten des Änderns in Frage kämen. Sehr erfrischend die gute Moderation durch Rainer Forst, doch leider gibt es ein Zeitlimt und nach anregenden 1 1/2 Stunden muss die sehr interessante Debatte beendet werden – das AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG ruft!

Der Weg, interessierte Bürger zu Gesprächen mit Experten über die Hauptthemen Demokratie und Freiheit, Globale Phänomene und Ökonomie und Gerechtigkeit zu führen, war konzeptionell äusserst spannend, originell und unterhaltsam. In den Räumen des Presseamtes öffnete der Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit den Experten der Goethe-Universität von Freitag bis Sonntag eine ‚Behörde‘ einschliesslich aller bürokratischen Hürden: Das Beantragen von Ausweisen, das Ausfüllen von Formularen, diverse Wege von Schalter zu Schalter und Raum zu Raum und natürlich die obligatorischen Wartezeiten.

Nach dem endlosen Ritt auf dem Amtsschimmel sitzt man dann endlich dem gewünschten Experten gegenüber, in meinem Fall die Volljuristin Monika Bruss, die derzeit am Exzellenzcluster der Goethe-Uni zum Thema Internationales und vergleichendes Urheberrecht promoviert. Genau 20 Minuten bekam ich für ein Gespräch über das Thema Urheberrecht im Digitalzeitalter – obsolet oder notwendig? eingeräumt, dann musste auf Signal der Platz für den nächsten Besucher freigemacht werden. Die Unterhaltung verlief sehr interessant, zumal das Thema auch in diesem Blog vor kurzer Zeit behandelt wurde (siehe hier und hier).

Weitere Gesprächsangebote am Freitagabend waren beispielsweise Frauen im Islam, Paradoxien der Freiheit, Deutsche Aussenpolitik im Wandel, Arbeit und Anerkennung oder die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Neoliberalismus. Für den neugierigen Bürger also eine interessante Palette an Themen, um sich mit Umbruch und Veränderung zu beschäftigen.

Diese Expertengespräche in den Rahmen eines Behördengangs zu packen, halten wir für eine ausgesprochen witzige und durchdachte Idee! Den bürokratischen Verwaltungsakt kann man als stellvertretend für die postdemokratische Technokratie betrachten, auf die wir uns zubewegen. Die anschliessende Unterhaltung mit den Denkanstössen ist dann der Moment des Bruchs. Zudem macht der ‚Amtsbesuch‘ aus Teilnehmern aktiv Mitwirkende an diesem Kunstwerk – mittendrin statt nur dabei!

Beim späteren Gedankenaustausch mit Apfelsaftschorle und Rothaus Tannenzäpfle sind wir uns einig: Eine äusserst gelungener Abend, der Spass und Ernsthaftigkeit hervorragend kombiniert hat!

(Alle Fotos: Katja Lenz)

(Informationen: Frankfurter Kunstverein | Amt für Umbruchsbewältigung)