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Eine ganze Nation, die normalerweise nur im Wintersport international Aufsehen erregt, bricht am Sonntagabend in Jubel aus, als der Österreicher Felix Baumgartner nach seinem Sprung aus der Stratosphäre eine blitzsaubere Landung hinlegt und überglücklich in die Kameras winkt.

Felix Baumleitner kurz vor dem Sprung (Quelle: Livestream servustv.com)

Per Heliumballon ist der Extremsportler in einer Raumkapsel auf über 39.000 Meter Höhe aufgestiegen, um dann die Luke zu öffnen und im Raumanzug die kleine Plattform zu betreten. Die Welt hält gebannt den Atem an. Dann der Schritt nach vorne ins Leere. Binnen Sekunden verwandelt sich Baumgartner im freien Fall in ein Geschoss, das mit Mach 1,24 (das entspricht 1.342,8 Stundenkilometer) der Erde entgegenrast. Überschallgeschwindigkeit!

Während der Österreicher am Fallschirm nahe des Flugfeldes Roswell (New Mexico, USA) landet und sich seine Landsleute glücklich in die Arme fallen, wetzen in Deutschland geübte Internetbenutzer bereits die Messer. Schon wenige Minuten nach der Landung sind die Kommentarspalten auf den Onlineseiten der Medien und sozialen Netzwerke prallgefüllt mit abschätzigen Meinungsäusserungen, Kritik und Vorwürfen („…mit dem Geld hätte man was anderes machen können…“). Prima, dass wir uns mal wieder als Nation der Besserwisser outen!

Sicher – ob der Sprung bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse erbracht hat, wie die Veranstalter in zahlreichen Interviews immer wieder betonten, mag bezweifelt werden. Doch darum ging es beim Projekt Red Bull Stratos auch nicht.

Felix Baumgartner, der schon andere aufsehenerregende Fallschirmsprünge durchführte, hatte ein Ziel. Und weil das so spektakulär daherkam und eine hohe Aufmerksamkeit versprach, fanden sich neben dem bekannten Brausegetränkehersteller* aus Salzburg zahlreiche andere Sponsoren, die die fünfjährige Vorbereitung und die Durchführung finanziell unterstützt haben, während die Medien nicht umhin kamen, vom Spektakel zu berichten und sich teilweise vor den PR-Karren spannen liessen.

Wen das nicht interessiert, der schaut halt einfach nicht hin. Baumgartner ist glücklich, die finanziellen Mittel stellte die Privatwirtschaft, die CO²-Belastung war sicher geringer als bei einer Flugschau der Air Force und die bundesdeutschen Autobahnen blieben auch befahrbar. Kein Grund also, um herumzugranteln…

Für uns, die wir via TV, Online-Stream oder Live-Ticker am Stratosphärensprung teilnahmen, war es ein besonderes Ereignis. Und das nicht nur, weil der verregnete Sonntag nichts anderes hergab!

Erstmalig habe ich – die jüngeren Leser mögen mitleidig lächeln – ein derart grosses Ereignis ausschliesslich im Internet verfolgt. Der Stream von servustv.com, ein anderes Fenster für Diskussionen in Live-Chats und Facebook, Informationsvertiefung über Suchmaschinen und Wikipedia. Aufregend…

Neben der (aus beruflichen Aspekten) absolut beeindruckenden Vermarktung und Präsentation des Projekts für mich herausragend: Die Bildqualität der Übertragungen und ‚dabeisein‘ zu können, als Felix Baumgartner durch die Luke stieg und auf die Erde unter sich schaute. Atemberaubend!

Zu allen Zeiten haben sich Menschen mit selbsterbauten Flugmaschinen in die Lüfte erhoben, wollten mit Fortbewegungsmitteln aller Art Geschwindigkeitsrekorde brechen oder haben sich in Gegenden aufgemacht, von denen andere glaubten, dort wäre die Welt zuende und kein Überleben möglich. Das eine oder andere spleenige Abenteuer hat uns dann doch vorangebracht…

[Weiterführende Links: Der Sprung (16 Minuten von n-tv) | Wundervoll: Stratos als LEGO-Motion!!! | Homepage von Felix Baumgartner]

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* Das klar auf Marketing abzielende Sport- und Unterhaltungssponsoring des Konzerns RED BULL ist nicht unumstritten. Dabei versucht die Firma, ihre Förderkonzepte langfristig und nachhaltig anzulegen. Red Bull unterstützt über 600 Sportler, unterhält einen eigenen Formel 1-Rennstall sowie zwei Fussballakademien in Ghana und Brasilien, betreibt u.a. Fussballvereine in Salzburg und Leipzig und bietet den Athleten sogar ein eigenes Diagnose- und Therapiezentrum. Das Engagement gerade in Extremsportarten wird kritisch betrachtet – spielt man hier doch auch immer mit dem Reiz der Gefahr. Die Gründung von RB Leipzig mit dem Ziel, schnellstmöglich in die Bundesliga aufzusteigen, wird vom puristischen Fussballdeutschland als „Retortenverein“ und traditionsloses Investorengehabe angeprangert.   

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Afghanistan im Mai 2012 – US-Aussenposten ‚Nangalam‘ in der Provinz Kunar. Die Fotografin Katja Lenz begleitet mit ihrer Kamera zwei Wochen lang eine amerikanische Kampfkompanie nahe der afghanisch-pakistanischen Grenze. Sie erlebt den Alltag im Camp, besucht die umliegenden Dörfer und nimmt an Tag- und Nachtpatrouillen teil. Dieser Artikel mit einigen ihrer Fotos erzählt von der derzeitigen Situation vor Ort – der Abzug der ISAF in 2014 wirft seine Schatten bereits voraus.

Nangalam am Fluss Pesch

Das Dorf Nangalam liegt im Osten des Landes am Fluss Pesch und ist von hohen Bergen umgeben. Die Menschen leben hauptsächlich von der Landwirtschaft (Getreideanbau) und strotzen dem kargen Boden mühsam die Ernte ab.

Der US-Aussenposten nahe beim Dorf kann nur per Helikopter und ausnahmslos nachts angeflogen werden, da in den Tälern nach Nangalam Versorgungskonvois aus anderen Stützpunkten sofort unter Beschuss geraten würden. Bei Einbruch der Dunkelheit bleibt auch das Camp aus Sicherheitsgründen unbeleuchtet. Die dort stationierten, mehrheitlich sehr jungen Soldaten verbringen ihre Zeit – neben den obligatorischen Patrouillen und Ausbildungsstunden – meistens im provisorisch eingerichteten Fitnessraum und mit Computerspielen.

Aufständische Gruppen rund um Nangalam

Der Krieg in Afghanistan bereitet der ISAF trotz militärischer Überlegenheit u. a. deshalb so grosse Probleme, weil es nicht nur einen Feind gibt. Die Gruppierungen der Aufständischen bilden sich aus Taliban, versprengten Al-Qaida-Kämpfern und den autarken Stämmen aus den Seitentälern. Sie folgen Salafisten-Führern oder werden kurzerhand für ein paar Dollar aus den Dörfern rekrutiert, um Schüsse auf die ‚Besatzer‘ abzufeuern und danach wieder auf die Felder zu gehen. Die Abbildung (s. o.) zeigt, von welchen feindlichen Gruppen der Aussenposten Nangalam umgeben ist. Solche Gegner sind nicht greifbar – sie bewegen sich in den unzugänglichen Bergen oder verschwinden in der Zivilbevölkerung.

Bis 2014 wird die ISAF die Truppen vollständig aus Afghanistan abziehen, lediglich Berater und Ausbildungseinheiten verbleiben im Land. Spätestens dann ist die afghanische Armee (ANA) allein auf sich gestellt. Die Alliierten arbeiten heute sehr eng mit den ANA-Streitkräften zusammen, um bei der Ausbildung zu helfen und Unterstützung zu leisten. So lautet auch eine der Auflagen der entsprechenden UN-Resolutionen.

In Nangalam lädt Bataillonskommandeur Adil Turab – der als Mudschaheddin bereits gegen die Sowjetarmee kämpfte – seine amerikanischen Kollegen zum wöchentlichen Tee ein. Man bespricht die Lage und weitere Planungen. Turab weiss, was in den nächsten Jahren auf ihn und seine Männer zukommen wird und warnt eindringlich vor den Konsequenzen, sollte die Weltgemeinschaft seinem Land den Rücken zukehren.

Warnende Worte: Bataillonskommandeur Adil Turab

Turabs Einheiten übernehmen schon jetzt einen immer grösseren Teil der Aufgaben in der Region. Die Kampfeinsätze gegen die Aufständischen werden zunehmend von afghanischen Soldaten durch-geführt, während sich die US-Kompanie mehr und mehr auf Beobachtung verlegt, aus der Distanz sichert und Luft- oder Artillerieunterstützung leistet. Die Zeit der grossen NATO-Offensiven im Rahmen der OEF (Operation Enduring Freedom) scheint endgültig vorbei.

US-Soldat beobachtet die Berghänge

Gefechtsstand in Nangalam

Mörsereinsatz

Der Ausbildung der ANA-Soldaten wird mittlerweile eine hohe Priorität eingeräumt. Diese Männer werden demnächst ohne fremde Unterstützung die Aufständischen bekämpfen und den afghanischen Staat sichern müssen. Ein Grossteil der Soldaten kommt aus ärmlichen Verhältnissen – viele lernen erst in der Armee lesen und schreiben. Die Amerikaner unterweisen sie im Umgang mit Kartenmaterial und lehren die Handhabung der verschiedenen Waffengattungen.

ANA-Soldaten erhalten eine Einweisung

Afghanisch-amerikanische Freizeit im Camp

ANA und US-Army auf einem Beobachtungsposten

Zuvor sehr aggressiv aufgetreten, verfolgen die USA seit 2009 einen Strategiewechsel, zu dem auch ein intensiverer Kontakt zur afghanischen Bevölkerung und den Funktionsträgern zählt. Um mit den Frauen und Mädchen auf den Dörfern näher kommunizieren zu können, hat die US-Armee die FET-Einheiten (Female Engagement Teams) installiert. Die Soldatinnen – die teilweise auch Paschtunisch sprechen – knüpfen Kontakte zum weiblichen Teil der Einheimischen und erkundigen sich nach medizinischem Bedarf, alltäglichen Problemen oder Fortschritten in der Schule.

Gespräch mit Distriktgouverneur

FET-Angehörige mit Dorfkindern

Neugierige Jungs

Welche Zukunft erwartet die beiden Kleinen?

HOFFNUNG ODER SKEPSIS?

Auf den Hügeln rings um Nangalam und dem Aussenposten der US-Kompanie sichert die afghanische Armee in vorgeschobenen Beobachtungsständen die Gegend. Der Dienst in diesen einsamen Vorposten ist hart und entbehrungsreich – teilweise schlafen die Männer mit der Waffe in der Hand direkt hinter den Sandsäcken, um bei plötzlichen Überfällen sofort gefechtsbereit zu sein.

Afghanischer Vorposten in den Bergen

Die Bilder zeigen den Mangel an moderner Ausrüstung und Logistik. In so manchen Gesichtern der ANA-Soldaten sind Skepsis und Hoffnungslosigkeit abzulesen – es wundert nicht bei den Aussichten auf die vor ihnen liegende Zeit. Die Afghanen sind stolze und mutige Kämpfer, sie haben kluge Anführer, und doch kann man es ihnen nicht verdenken, wenn sie schon heute an die Zeit nach dem ISAF-Rückzug denken. Auf die Soldaten warten in entfernten Heimatorten Frauen, Kinder, Familie. Die einfachen Dienstgrade haben sich für den Militärdienst gemeldet, um wenigstens etwas Geld verdienen zu können. Niemand weiss, wie sehr sie sich jetzt noch mit den vielleicht zukünftigen Machthabern anlegen wollen.

Unteroffizier der ANA

Feldbetten im Vorposten

ANA-Soldaten auf ihrer ‚Stube‘

Afghanische ‚Feldküche‘

Man wird den Eindruck nicht los, dass wenig Hoffnung für Afghanistan besteht. Nach dem Abzug der NATO und der ISAF-Truppen steht eine bisher schlecht ausgebildete, mangelhaft ausgerüstete und nur teilweise motivierte afghanische Armee verschiedensten Interessengruppen gegenüber, die ihre baldige Chance wittern. Wir wissen nicht, ob diese aufständischen Gruppierungen durch den anhaltenden Krieg und die militärischen OEF-Offensiven (von Obamas Drohnenangriffen ganz zu schweigen) der vergangenen Jahre entschieden geschwächt wurden. Oder warten sie bereits ungeduldig auf den Rückzug der westlichen Soldaten, um mit geballter Kraft Afghanistan in das Chaos zu stürzen?

Die nächsten Monate, die kommenden zwei Jahre werden sehr wahrscheinlich die Zukunft Afghanistans entscheiden…

Der Abzug naht: „Good luck, Afghanistan!“

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In eigener Sache:

Katja Lenz in Afghanistan (Mai 2012)

Die Fotografin Katja Lenz, bei der ich mich nochmals auch an dieser Stelle sehr für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial bedanke (und über deren unbeschadete Rückkehr ich sehr froh bin), hat die Reise in das Kriegsgebiet unternommen, um diese bisher fremde und für uns so ganz andere Welt kennenzulernen. Einerseits das ferne Afghanistan mit seiner eigenen Geschichte und Kultur, andererseits die in sich geschlossene Welt der US-Militärmaschinerie. Sie wollte Eindrücke gewinnen vom Alltag in dem kriegsleidenden Land und vom Leben im Schatten der ständigen Bedrohungen – ihr Ansinnen war es nicht, medienwirksame Kriegsbilder abzuliefern.

Mein Artikel ist nur ein kleiner Ausschnitt der Eindrücke, die Katja auf ihrer Reise gesammelt hat. Wirklich beeindruckende Bilder präsentiert sie in den Fotoserien auf ihrem Webblog:

Ein Blick in die Gesichter der Menschen, die in der Kriegssituation leben, arbeiten oder ihren Dienst leisten müssen, zeigt uns die eindrückliche Portraitserie FACES. Eine Auswahl eindrucksvoller Bilder aus dem afghanischen Alltag lässt uns erstaunen. In der sehr ausdrucksstarken Serie I HAVE A DREAM schildern fünf Soldaten eines US-Platoons in Nangalam Träume und Hoffnungen. Und STRANGERS ist der Blick durch das Panzerglas eines Patrouillenfahrzeuges auf die Menschen in dieser Krisenregion – die Distanz zwischen Supermacht und den Einheimischen wird allzu deutlich.

[Fotos: Katja Lenz | Text: der Autor dieses Blogs]

Bei allem Engagement für mehr Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden auf Erden: Wir dürfen nicht vergessen, dass der Mensch nur eines von vielen Lebewesen auf diesem Planeten Erde ist. Also widmeten wir uns neulich voller Elan dem Schutz von Natur und Tierwelt!

Situation: Auszug von Mutter L. aus Häuschen mit kleinem Gartenteich

Aktion: Umsetzen der im Teich lebenden Molche in einen nahgelegenen Tümpel

Ablauf: Nach kurzer Autofahrt angekommen, begrüsst uns die im bereits leerstehenden Häuschen wachende Katze P. mit einem vorwurfsvollen Blick. Augenscheinlich haben wir vergessen, ein Leckerchen mitzubringen. Flugs laden wir das Molch-Rettungs-Equipment (diverse Eimer und Köcher) aus dem Wagen und wenden uns dem Teich zu.

Frau L. bei der Molchjagd

Teichmolche (aus der Familie der Lurche) sind blitzgescheite Geschöpfe. Bei drohender Gefahr – und als solche mussten sie uns wahrnehmen – verkriechen sie sich unter Wasser zwischen Schling-pflanzen und Steinen. Frau L. beginnt also intensivst, den Grund des kleinen Gewässers mit dem Köcher und anderem Werkzeug zu bearbeiten, während der Autor dieser Zeilen zigaretterauchend beobachtet, ob die Profilsohlen von Frau L.’s Stiefel dem glittschigen Rand des Teiches standhalten.

Nach einer Viertelstunde befindet sich schon eine Menge Wasserflora in den mitgebrachten Eimern – von Molchen jedoch keine Spur. Während Frau L.’s Kleidung langsam die Farbe der geborgenen Wasserpflanzen annimmt, beobachtet der Autor dieser Zeilen zigaretterauchend, ob Frau L.’s Mütze demnächst den Gesetzen der Schwerkraft folgt.

Kein Molch in Sicht

Um die Suche nach den Molchen zu vereinfachen, beginnt Frau L. vorsichtig etwas Wasser aus dem Teich abzulassen (unter Einsatz schwersten Gartenwerkzeuges und Zerstörung der Teichfolie). Der Autor dieser Zeilen beobachtet derweil, inwieweit der Wasserpegel während einer Zigarettenlänge sinkt.

Jetzt sind auch die tiefsten Stellen erreichbar; Frau L. macht sich wieder mit dem Köcher an die Arbeit, fördert jedoch wiederum nur Grün- und Braunzeugs vom Grund. Kein einziger Molch lässt sich blicken.

Katze P. – weiss sie mehr, als sie vorgibt?

Wehmütig brechen wir die Aktion ab und fahren traurig nach Hause. Unterwegs entstehen Ideen, wie man die Molche doch noch finden könnte (Bagger, Molchlockruf-Pfeiffe). Doch vorerst herrscht nur Trübsal…

Heute dann ein Blick in Wikipedia: […] im Oktober oder November ziehen sich die Tiere in frostsichere terrestrische Unterschlüpfe zurück, bevor sie ab Februar wieder zu den Laichgewässern wandern […]

Ich gehe dann erstmal eine Rauchen ;-)

Viertausendvierhundertachtundsiebzig Meter über dem Meeresspiegel. Ich habe es geschafft – ich stand auf dem berühmten Matterhorn bei Zermatt  im Schweizer Kanton Wallis. Nicht das Dach der Welt, aber für mich der Berg der Berge (siehe Beiträge ‚Gipfelstürmer I + II‚)!

Hinaufgetrieben hat mich der sehnlichste Wunsch, nach vielen Jahren alpiner Kletter- und Wanderei endlich einen 4.000er zu besteigen. Die notwendigen Voraussetzungen waren mir bekannt, zwei Jahre lang hat mich das Thema schon beschäftigt. Dann, nach der endgültigen Buchung von Hotelzimmer, Bergführer und Zugfahrt stand dem Vorhaben nichts mehr im Wege. Am 24. September ging es los…

Sonntag, 25.09.: Am Morgen nach der Ankunft per Bahn und einer angenehmen Übernachtung verschlinge ich förmlich das Frühstück – mich zieht es nach draussen auf die Gassen Zermatts. Um eine Hausecke herum, eine zweite… und plötzlich taucht er vor mir auf: Mein Ziel, der Berg, thront majestätisch in der Morgensonne. Ein Bild, wie man es von unzähligen Postkarten kennt. Kein Gipfel eingereiht neben vielen anderen, sondern der alleinstehende, riesige, monolythische ‚Toblerone‘-Block mit seiner berühmten Pyramidenform. Mein Herz klopft – vor Aufregung und vor Freude…

Am Vormittag treffe ich Beni, meinen Bergführer, im Alpin Center. Kurze Besprechung, Ausrüstungs-check. Beni wird die Schwarzseebahn nehmen und mich am Abend im Berghaus Matterhorn erwarten. Ich ziehe es vor, den Weg von Zermatt über den Schwarzsee hoch zur Hütte (3.260 m) komplett zu Fuß zu gehen – ich mag den ‚ehrlichen‘ Aufstieg und die damit verbundene Entschleunigung. Ausserdem bekomme ich dadurch nochmal ein kleines Aufwärmtraining.

Gegen halb eins am Mittag breche ich auf. Ständig den Blick Richtung Matterhorn, das sich nur langsam nähert, aber immer bedrohlicher vor mir auftürmt (so scheint es mir) und an dem sich mehr und mehr die Wolken festkrallen. Leichte, nachmittägliche Schneeschauer wurden durch den Wetterdienst angekündigt. Und tatsächlich fängt es ab Schwarzsee erst an zu tröpfeln, dann zu schneeg’rieseln. Kurz nach 17 Uhr erreiche ich über den Klettersteig die Hörnli-Hütte / Berghaus Matterhorn, meine Laune ist am Boden. Hört es in der Nacht wirklich auf zu schneien? Wartetage mit Bergführer sind im Budget nicht drin…

Am Abend gibt es die obligatorischen Spaghetti und die Gespräche mit den anderen Bergsteigern, die morgen den Gipfelsturm wagen wollen. Kurz vor zehn rauche ich draussen die letzte Zigarette und versuche, etwas vom Berg zu erspähen, der sich direkt vor mir aufbaut. Der leichte Schneefall hat aufgehört, aber es ist zu dunkel, wolkenverhangen und saukalt. Nur schemenhaft nehme ich das Ungetüm vor mir war. Anschliessend krieche ich in den Schlafsack – ich habe Sorge, vor lauter Aufregung den kurzen, aber notwendigen Schlaf nicht zu bekommen, aber die Weissbier helfen dann doch beim Einschlummern (ein allseits beliebtes Mittel auf den Berghütten).

Montag, 26.09., 3.45 Uhr: Ich bin froh, dass ich nach Gesprächen und dem Studium vieler Alpinistenforen trotz der Witterungsunwägbarkeiten den späten Termin gewählt habe. Während der Hochsaison gestaltet sich der Aufbruch zum Gipfel anscheinend zu einem wahren Ellenbogenkampf, Gedränge und Gehetze – bis zu 150 Seilschaften versuchen dann täglich, als erstes den Einstieg zu erreichen (von denen dann tatsächlich nur ca. 30 den Gipfel schaffen, die anderen scheitern aus zeitlichen Gründen). So sind wir in dieser Nacht nur elf oder zwölf Teams à zwei Kletterer und können ruhig die letzten Vorbereitungen treffen. Als ich vor die Berghütte trete, geht mein Herz schneller. Hauchdünn liegt Neuschnee auf den Felsen, es ist kalt, aber der Himmel ist sternenklar. Beni und ich seilen uns an, lassen die Helmlampen erstrahlen und machen die ersten Schritte auf den Hang zu.

Unsere Route ist der Klassiker der Matterhornbesteigung: Wir gehen den Hörnligrat (der Weg der Erstbesteigung und die einfachste Variante). Man kann auch von der italienischen Seite herauf-kommen, man kann die anderen Grate wählen oder direkt durch die Wände klettern. Vor letzterem mache ich einen großen Bogen und habe ich einfach nur tiefsten Respekt – mir fehlt das Naturell und das notwendige Können.

Schon zu Beginn des Einstieges zeigt sich, dass das Matterhorn tatsächlich den Beschreibungen entspricht: Während man bei der Betrachtung aus der Entfernung oder von Abbildungen meinen könnte, der Berg sei ein äusserst massiver, komprimierter Felsblock, stelle ich jetzt fest, dass es sich um einen gigantischen Geröllhaufen handelt, den anscheinend nur das ewige Eis zusammenhält. Hoffen wir, dass die Erderwärmung nicht allzu schnell voranschreitet – denn eines Tages wird dann die Schweiz um ein Wahrzeichen ärmer werden…

Die Route führt Beni, der voransteigt und sichert, und mich zuerst durch zwei, drei Felsgänge, danach beginnt die richtige Plackerei durch Eis und Fels. Schnell ist mir warmgeworden und in meinem Kopf formt sich immer mehr der Gedanke, wie ich die nächsten Stunden diese Schinderei fröhlich durch-stehen soll. Was treibe ich hier? Warum dieser Quatsch? Die Antwort erspare ich mir an dieser Stelle – sie ist einen eigenen Beitrag wert. Alle Kletterer, hochalpinen Bergwanderer und Kraxler aller Art wissen, was ich meine.

Für den Sonnenaufgang habe ich keinen Blick übrig. Beni drückt auf’s Tempo und wir steigen höher und höher. Als die Solvayhütte – ein kleiner Schutzraum auf einer Felsnische – in’s Blickfeld gerät, weiss ich, dass wir es bald geschafft haben. An der Hütte atmen wir durch, genehmigen uns einen Tee und Müsliriegel. Zum ersten Mal an diesem Morgen löse ich meinen Blick vom nächsten Griff und Tritt und lasse ihn durch die eindrucksvolle Landschaft schweifen. Berge – ich liebe Euch!

Das nächste Stück ist nochmal Schwerstarbeit. Am Fixseil ziehen wir uns mehr nach oben, als dass wir steigen. Mein Atem geht schnell, die dünne Luft macht sich jetzt bemerkbar. Die Oberarme schmerzen. Mangelndes Training.

Montag, 26.09., 8.40 Uhr: Die letzten Schritte oben sind überraschend einfach und unspektakulär. Und plötzlich: Wow, wir stehen auf dem Gipfel! Rechts und links von mir fallen die Wände steil nach unten ab, der Rundumblick hat fast schon etwas von der Perspektive aus einem Flugzeug. So winzig klein ist die Welt drumherum… und doch auch so gewaltig. Ich lasse mich erschöpft, kurzatmig und zitternd in den Schnee sinken, einfach erstmal sitzen und diesen stillen Moment des persönlichen Triumphes geniessen.

Gipfelglück… Es ist schwierig zu beschreiben. Erleichterung, Erschöpfung, innere Leere und gleichzeitig tosende Gedanken. Das Gefühl, etwas Besonderes vollbracht zu haben. Und die persönliche Genugtuung, dass der Wunschtraum erfüllt wurde. Es ist kein Orgasmus, es ist ein leises Jubilieren auf einer innerlichen Welle, die sich wahnsinnig gut anfühlt.

Nach zwanzig Minuten wieder Aufbruch. Der Rückweg führt uns durch die gleiche Route, stellenweise seilen wir uns jedoch ab, um den nachkommenden Seilschaften den Aufstieg nicht zu blockieren und Steinschlag zu vermeiden. An der Hörnlihütte gibt es den anerkennenden Klaps auf die Schulter, einen Schnaps und die erste längere Unterhaltung mit Beni an diesem Tag. Gemeinsam steigen wir dann ab bis nach Zermatt, wo wir kurz nach 17.30 Uhr erschöpft ankommen… Vierzehn Stunden auf den Beinen – ich spüre die Strapazen dieses Tages am ganzen Körper.

Matterhorn (4.477 m)

Heute kam sie per eMail: Die ultimative Bestätigung aus Zermatt… Damit ist die Planungsphase abgeschlossen und das große Ziel rückt in greifbare Nähe – mein 4.000er! Beni, der für sieben Tage mein Bergführer sein wird, bittet nochmals um bestmögliche Vorbereitung (meine lustiggemeinte telefonische Mitteilung, ich sei Kettenraucher und hätte seit 20 Jahren keinen Sport mehr betrieben, hat nachträglich wohl doch Skepsis hervorgerufen *lach*).

Mein Programm für die kommenden Wochen sieht also wie folgt aus: Auf dem Weg in das Büro wird der Fahrstuhl links liegen gelassen und täglich die Treppen erklommen (leichte Herausforderung). Straffe Mountainbike-Ausritte (mittelschwere Herausforderung). Täglich eine Zigarette weniger (sehr schwere Herausforderung). Ansonsten weiter wie bisher – hat ja nie geschadet und mich alle bisherigen Berge hochgeführt. Meine einzige Sorge – das Knie darf mich nicht im Stich lassen.

Beni weist zudem nochmals daraufhin, dass unser Vorhaben ein übles Geduldsspiel werden kann. Neben den unkalkulierbaren Witterungsbedingungen wird er den Zeitpunkt der Besteigung auch davon abhängig machen, wieviel Seilschaften unsere Route gehen werden. Allerdings: Sollte es mit dem „Berg der Berge“ nichts werden, haben wir ausreichend leichtere und ungefährlichere Alternativen in der Nähe. Ein 4.000er ist also so gut wie sicher.

(to be continued)