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Ich wähle die zentrale Telefonnummer eines grossen deutschen Finanzmarktunternehmens an, da ich die Durchwahl meines dortigen Ansprechpartners gerade nicht zur Hand habe und mich zu ihm durchstellen lassen will. Statt einer freundlich-charmanten Telefonstimme begrüsst mich ein Sprachcomputer, der mir die Optionen anbietet, mich wahlweise als „Kunde“, „Interessent“ oder „Berater“ weiterbedienen zu lassen.

Eigentlich entspricht „Berater“ dem Grund meines Anrufes am ehesten, will doch das angerufene Unternehmen auf meine Expertise zurückgreifen – gemeint sind jedoch sicher Finanzberater, die mit der Firma zusammenarbeiten. Da auch „Kunde“ und „Interessent“ meinem Anliegen nicht entsprechen, unterbreche ich vorerst das Telefonat und denke kurz nach.

Neugierig macht er ja schon, der Sprachcomputer. Also entscheide ich mich für ein kleines Experiment und drücke auf Wahlwiederholung. „Kunde“ spreche ich deutlich in das Telefon, nachdem mir wiederum die Optionen angeboten wurden. Die (sehr menschliche) Stimme am anderen Ende der Leitung teilt mir mit, dass sie mich leider nicht verstanden hat und bittet um Wiederholung. Ich versuche, das Wort anders zu betonen: „Kuuunde“. Wiederum werde ich nicht verstanden, der Sprachcomputer will mich in eine Warteschleife weiterleiten und vertröstet mich damit, dass irgendwann ein realer, verständnisvoller Mensch das Gespräch und mein Anliegen entgegennimmt.

So leicht gebe ich nicht auf! Erneut wähle ich die Nummer und höre die bereits bekannte Ansage. Diesmal versuche ich es mit „Kuuundeee“  – was prompt vom digitalen Gegenüber akzeptiert wird! Doch schon lauert die nächste Hürde und ich scheitere am Wörtchen „Konto“ (oder „Konnto“? „Konntoo“?). Bevor ich wieder in der Warteschlange lande, lege ich auf…

Vierzehn Mal habe ich spasseshalber die Rufnummer angewählt und aus Neugier diverse Varianten probiert: Schwyzerdütsch und Hessisch („Ei, isch bin Kunnde!“) haben überraschenderweise funktioniert, Bayrisch und englischer Akzent scheiterten bereits im Ansatz. Generell bin ich nie über die dritte Frage des Sprachcomputers hinausgekommen (wieviele er wohl noch hatte?).

Meine Frage an den Leser: Was sagt das uns über den Zustand unserer Gesellschaft, wenn deren Mehrheit es mittlerweile als völlig normal empfindet, bei einem Unternehmen als Kunde / Käufer / Auftraggeber unwürdig behandelt und zu infantiler Kommunikation genötigt zu werden?

Einfach mal kurz darüber nachdenken…

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Irgendwie ist das schon pervers… In unserem Unternehmen gibt es eine Kollegin, die tatsächlich Grund zur Freude hat, wenn wir Mitarbeitern kündigen müssen. Grund:  Unsere Empfangsdame hat dann nämlich früher Feierabend, weil sie die Kündigungen (per Einschreiben) noch zur Postfiliale bringt.

Apropos: Mich nimmt es jedes Mal ziemlich mit, wenn ich einem Mitarbeiter während der Probezeit mitteilen muss, dass wir die Zusammenarbeit beenden müssen, weil der Kunde unzufrieden ist. Häufig sind sie glücklich und hoffnungsvoll in den neuen Job gestartet – die Kündigung ist dann immer ein herber Rückschlag. Eigentlich müsste ich mich emotional völlig davon lösen, kann es jedoch nicht. Zu viel Empathie?

Bin gerade völlig perplex. Was ist das heute für ein seltsamer Tag?

 

FALL 1

06.09., Anruf bei Kunde X: „Hallo, Frau Müller, ich habe die passende Kandidatin für die Stelle als Personalsachbearbeiterin gefunden! Das Bewerberprofil habe ich Ihnen gerade zugeschickt„.

Antwort Frau Müller: „Habe ich schon gesehen. Prima, das passt super! Kann sich die Dame morgen Vormittag um 9.30 Uhr bei uns vorstellen?

Anruf bei Frau Z.: „Frau Z., die Firma X möchte Sie morgen Vormittag persönlich kennenlernen. Können Sie den Termin wahrnehmen?

Antwort Frau Z.: „Juhuuu! Ja, natürlich bin ich morgen pünktlich dort. Herzlichen Dank!

07.09., 9.30 Uhr, Anruf von Frau Z.: „Es tut mir leid, aber ich stehe gerade vor dem Eingang von Firma X und habe so schlimmen Muskelkater in den Beinen, dass ich den Weg ins Büro von Frau Müller zum Vorstellungsgespräch nicht schaffe. Ich fahre jetzt wieder heim„.

Meine Antwort: „………..“

 

 

FALL 2

Anruf von Frau S. aus F.: „Guten Morgen, hier ist Frau S.. Wie geht es Ihnen?

Meine Antwort: „Frau S., Sie leben ja noch! Ich habe Sie in den vergangenen Wochen verzweifelt versucht zu erreichen, weil ich so gute Jobs für Sie hatte. Was war denn los?

Antwort Frau S.: „Es tut mir schrecklich leid, aber ich hatte Ihre Nummer unter einem Firmennamen gespeichert, mit dem ich nichts mehr zu tun haben wollte und habe deshalb nie das Gespräch angenommen oder zurückgerufen. Hatte mich schon gewundert, warum die mich so hartnäckig antelefonieren.

Meine Antwort: „………..“