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Im Frankfurter Europaviertel öffnete gestern eine neue Kathedrale ihre Pforten… oder besser gesagt: ein Konsumtempel namens SKYLINE PLAZA. Entgegen dem allgemeinen Trend, mittels SUV die Kapazitäten des Parkhauses an die Grenzen zu führen, begab sich der Autor dieser Zeilen mit dem Fahrrad zum neuesten Altar des goldenen Kalbs und sammelte erste Eindrücke.

Auf dem ehemaligen Areal des Güterbahnhofs zwischen Messegelände und Frankenallee entsteht seit einiger Zeit das Europaviertel, eine Mischbebauung vom Reissbrett mit Bürogebäuden, Mietwohnungen und exklusiven Penthouseappartements, Einzelhandel, Grünflächen mit Kinderspielplätzen und Minigolfanlage. Während unsereins früher noch in einer ‚Heimatsiedlung‘ aufwuchs, nennen sich die Gebäudekomplexe hier heutzutage ‚Harmonie‘ oder ‚Skyline Boulevard No. 2‘. Nun gut, in spätestens fünfzehn Jahren werden wir wissen, wie sich diese Verheissungen urbanen Lebens entwickelt haben.

Am Anfang der Europaallee (oder am Ende – je nach Blickrichtung) wurde der Komplex SKYLINE PLAZA hochgezogen – eine Baustelle, die ich schon vor über zehn Jahren in einem Marketingplan berücksichtigen musste, weil dort ein sog. Urban Entertainment Center geplant wurde und an der ich einige Zeit später bei einer temporären Musicalproduktion mitwirkte. Ein Ort mit persönlichem Bezug also – umso gespannter war ich auf das Ergebnis.

Vor etwa einem halben Jahr sorgte schon ein Promo-Spot der Vermarkter des SKYLINE PLAZA für Kopfschütteln. Soweit ich mich erinnere, zeigte die Protagonistin des Videos – eine attraktive, junge Frau – beglückt ihre Freude, bald mitttels der Kreditkarte ihres Ehegatten (dessen Beruf als stellvertretend für den Finanzplatz Frankfurt mehr als deutlichgemacht wurde) wundervolle Tage in der Shoppingmall verbringen zu können (wie hat die Arme vorher ihr Leben verbracht?). Die seltsamsten Dinge sind im iNet verewigt – das Video ist mittlerweile leider unauffindbar (falls Ihr Leser es findet: bitte per Kommentar posten. Es winken sensationelle Preise!!!)…

Beim Betreten des Warentempels die erste Enttäuschung: statt stilsicheren Schönheiten begegne ich dem typischen Fussgängerzonenvolk. Bling-Bling-Kids und Durchschnittsfamilien (zu erkennen an den Männern in Capri-Hose und farbechtem Shirt) durchqueren die ‚heiligen Hallen‘. Das ist keinesfalls abwertend gemeint, aber die Werbekampagne des SKYLINE PLAZA hatte anscheinend eine andere Zielgruppe im Visier. Wobei das wiederum irritiert… die Angebotspalette entspricht ebenfalls dem Fussgängerzonenniveau: von A wie Apollo Optik (oder Asiahung) bis Z wie Zara (oder Zero). Für Statistiker: ca. 60 Filialen der Mode-/Schuhebranche und 35 (!) Filialen Food & Beverage gegenüber ca. 45 sonstigen Geschäften (Kosmetik, Telekommunikation, Dienstleistungen, usw.)…

Architektonisch / konzeptionell gibt es leider auch nichts zu staunen. Das Gebäude ist ein dem Grundstück angepasster Zweckbau (ellipsenförmig) ohne Überraschungen – optisch wirken lediglich Elemente, die man anscheinend von vornherein zum späteren Austausch vorgesehen hat (siehe Fotos der Paneele und Wandverkleidungen), um dem Ganzen immer wieder einen neuen Anstrich zu verpassen. Das Entrée ist völlig unspektakulär – man kommt herein und steht in einer unspektakulären Ladenzeile. Aussagekräftig ist der Gang in die Bereiche zwischen Ladenzeilen und Parkdecks: „Mensch, verlasse diese tote Gegend schnellstmöglich“, lautet die versteckte Botschaft.

Ich werde dieses Einkaufszentrum die nächsten Monate beobachten, weil ich mir nicht sicher bin, ob es sich als Kriegserklärung an die Frankfurter Innenstadt oder das MTZ am Stadtrand versteht (in diesem Zusammenhang habe ich leider vergessen, einen Blick auf die Parkgebühren zu werfen). So frequentiert wie heute – das ist jedoch schon meine Prognose – wird der/die/das SKYLINE PLAZA nie mehr sein!

[Anmerkung: Um auch Positives zu erwähnen… sollte sich der eine oder andere Leser mal in diesen Konsumtempel verirren, empfehle ich den Laden mit selbstgefertigten Kosmetikartikeln (den Namen habe ich leider vergessen – er ist in der ersten Oberetage zu finden) – wunderhübsch gestaltete Auslagenschilder mit höchst originellen Texten („…diese Himbeerbadeschaumkugel ist eine Explosion für ihre Nase…“). Wirklich empfehlenswert! Desweiteren gefällt mir die Idee, das Dach des Gebäudetraktes zu nutzen: Restaurant, Minigolf, viele Sitzmöglichkeiten (findet man heutzutage nicht mehr häufig!), das ist prima durchdacht!] 

Zum Öffnen der Fotogalerie einfach eines der Bilder anklicken!

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In unserem schönen Frankfurt waren dieser Tage zwei Themen in aller Munde: „Ei, was e Hitz!“ (hochdt.: „Puh, diese hochsommerlichen Temperaturen…“) und „Gehste aach annen Maa, um beim Eischwimme der Brick zuzugugge?“ (hochdt.: „Findest Du Dich auch am Mainufer ein, um dem Einschwimmen der neuen Brücke beizuwohnen?“).

Brücken werden errichtet oder erbaut. Man kann Brücken schlagen (zwischenmenschlich). Es gibt Fussgängerbrücken, Kommandobrücken und Brücken für Flugzeuge oder Schiffe! Wir kennen hängende, schwingende und auch schwimmende Konstruktionen (Grüsse an alle Pioniersoldaten). Aber ‚einschwimmende‘? Also nichts wie hin und zugeschaut!

Das neue Brückenprojekt im Rahmen der EZB-Bauplanung umfasst mehrere Arbeiten. Neben der neuen Mainbrücke Ost wird deren nördliche Zufahrt über das Osthafenbecken, die denkmalgeschützte 101-jährige Honsellbrücke im Jugendstil, renoviert und das umliegende Gelände unter dem Namen Hafenpark aufgepeppt (samt Nutzung der sog. Vorlandbögen der Honsellbrücke mit Café und Kunstgalerie).

So soll’s werden (v.l.n.r.: Vorlandbögen, Honsellbrücke und neue Mainbrücke Ost)

Die Installation der neuen Brücke ist der eigentliche Hingucker. In den vergangenen Monaten wurde auf der Hafenmole am nördlichen Ufer die 175 m lange und 24 m breite Brücke samt Fahrbahnen und Brückenbogen parallel zum Fluss zusammengesetzt. Zeitgleich wurden mainaufwärts auf beiden Uferseiten die Brückenköpfe errichtet. Alles bereit für’s Einschwimmen!

Montag, 20. August 2012: Die 2.200 Tonnen schwere Brückenkonstruktion wird von zwei Schwerlastwagen angehoben und um 90° auf der Baustelle gedreht, so dass sie senkrecht zur Kaimauer aufliegt. Am Südufer östlich der Deutschherrnbrücke hat man sich auf die Neugier der Bevölkerung vorbereitet: Fahrradständer, Liegestühle, Absperrungen, Info- und Gastronomiezelte werden bereitgestellt.

Dienstag, 21. August 2012: Die Brücke wird Meter für Meter langsam auf zwei im Fluss schwimmende Pontons geschoben. Das Verschieben wird wegen nächtlicher Gewitterwarnungen am späten Nachmittag für Sicherungsarbeiten unterbrochen.

Mittwoch, 22. August 2012: Noch immer liegt die Brücke auf der nördlichen Kaimauer auf. Bei Schwimmponton II gibt es technische Probleme – er muss noch einmal herausgezogen werden. Dennoch verharren wieder viele Schaulustige stundenlang am Ufer und beobachten bei schönstem Wetter die Szenerie. Am späten Abend sind die Arbeiten an Ponton II abgeschlossen, er wird wieder unter die Brücke geschoben und verschweisst.

Donnerstag, 23. August 2012: Mit einem Tag Verspätung ist es soweit – die Brücke ’schwimmt‘ am frühen Morgen auf beiden Pontons. Gegen 8:30 Uhr drehen Seilwinden die Konstruktion in die Strömung und ziehen sie dann flussaufwärts zum eigentlichen Bestimmungsort. Über vier Stunden später haben die Schwimmpontons mit ihrer gewaltigen Last die Position an den Brückenköpfen erreicht.

Kurz vor 15 Uhr ist die Brücke korrekt ausgerichtet. Die Pontons werden vorsichtig geflutet, so dass die Brücke langsam absinkt. Um 16:15 Uhr ist es geschafft: nach vier Tagen ‚Einschwimmen‘ liegt die Brücke auf den Widerlagern der Brückenköpfe auf!

Schwimmprüfung bestanden – Frankfurt hat eine neue Brücke!

Der etwas sperrige Name Neue Mainbrücke Ost (oder Osthafenbrücke) findet jedoch nicht meinen Gefallen. Mir würde eine Ehrung für verdiente Frankfurter besser gefallen: Robert Gernhardt-BrückeBeltz-BridgeAlfred-Pfaff-Gedächtnissteg… Oder – wie mein Kumpel Dirk B. vorschlägt, um an die EZB-Banker zu gemahnen, die zukünftig über die neue Brücke die Stadt in Windeseile verlassen können: Fluchtbrücke…

[Zum Öffnen der Fotogalerie einfach ein Bild anklicken! Die mit „Cam“ untertitelten Bilder sind Screenshots von der Baustellenwebcam der Stadt Frankfurt am Main.]

[Vorab: Falls jemand hier aufgrund der Überschrift eine politische Betrachtung der Europäischen Zentralbank erwartet hat… ich bitte um Verzeihung. Dennoch – die geneigten Leser werden es feststellen – habe ich mit der Überschrift nicht vorsätzlich in die Irre geleitet!]

Es ist eine Wohltat, Deutschland mal für einige Tage den Rücken zuzuwenden. An der französischen Atlantikküste war ich fernab vom Gejammer über zu wenig Goldmedaillen, hohe Benzinpreise, sommerliche Hitze und Regen oder Merkel & Konsorten. „Savoir-vivre“, die Kunst, Lust und Last im Alltag zu verquicken, ist zwar keine alleinige Erfindung unserer westlichen Nachbarn, darf jedoch gerne auch hierzulande noch öfters übernommen werden. Ich habe es sehr genossen, dass sich zentrale Fragen des Lebens darauf reduzieren, ob die Wassertemperaturen zum Baden einladen und mit welcher kulinarischen Köstlichkeit man sich abends für die (wenigen) Mühen des Tages belohnt!

Doch kommen wir zurück zur Überschrift… Vor dem Abstecher an’s Meer war ich Anfang August an der Frankfurter Baustelle des neuen Gebäudekomplexes der Europäischen Zentralbank (EZB), habe ein bisschen fotografiert und wollte einen Artikel darüber schreiben, der (auch geprägt durch die polizeiliche Räumung des Occupy-Camps) sicherlich bissig ausgefallen wäre. Mangels Zeit und abgelenkt durch die Olympia-Beschallung ist es dann jedoch (gottseidank) nicht dazu gekommen.

Ein Mensch aus Paris, Marseilles oder Lyon würde – bei aller Kritik am Gesamtthema – voller Stolz und Freude den Neubau in seiner Stadt präsentieren. Wir Frankfurter sind da etwas griesgrämiger. Daher nehmen wir uns heute ein Beispiel an unseren Nachbarn, proben noch ganz unter dem Eindruck der sonnenbeschienenen Meeresküste und dem guten Rotwein etwas „laissez-faire“ und lassen den Blick voller Gelassenheit über die Baustelle schweifen.

DIE NEUE EZB

Kurze Vorabbemerkung für Nicht-Frankfurter: Die neuen Gebäude der EZB entstehen nicht im bekannten Bankenviertel (obwohl auch dort wieder gebaggert und gehämmert wird), sondern als Solitäre im Osten der Stadt auf dem Gelände der ehemaligen Grossmarkthalle nahe am Mainufer (Stadtteil Ostend).

Die Baustelle ist riesig – ich schätze das Areal auf ein Drittel des Messegeländes. Nach Fertigstellung werden hier über 2.300 Menschen ihre neuen Büros beziehen. Neben den Gebäuden umfasst das Bauvorhaben auch die neue Mainbrücke Ost, die gerade installiert wird (Artikel über das „Einschwimmen“ der Brücke), um den Verkehrsfluss für die bestehenden Ausfallstrassen im Zaum zu halten. Durch die Brücke werden die Mitarbeiter der EZB den Frankfurter Flughafen in neuen Rekordzeiten erreichen!

Auf dem Gelände entstehen zwei markante, miteinander verbundene und etwas schräge Bürotürme (Nordturm 185 Meter Höhe, Südturm 165 m), die inklusive Antenne eine Gesamthöhe von 220 Metern erreichen werden. Pressezentrum (für die PK’s), Kantine und Konferenzräume wird die umgestaltete ehemalige Grossmarkthalle von 1928 beherbergen, die auf der Nordseite zu Füssen der Türme liegt (und derzeit kaum erkennbar ist). Die Verbindung zwischen ehemaliger Halle und Hochhäusern stellt das futuristische Foyergebäude dar, das wie ein gefallener Keil zwischen die Gebäude platziert wird. Die Entwürfe für den gesamten Komplex stammen vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au.

Die Vorarbeiten auf dem Areal begannen 2008 (der eigentliche Bau in 2010), im Jahr 2014 soll die neue EZB bezogen werden.

Auffällig sind der meterhohe Sicherheitszaun und die Überwachungskameras rund um die Baustelle. Kennt man die derzeitigen Frankfurter Standorte der EZB (mitten in der Innenstadt ohne Sperrflächen) und die doch sehr entspannten, offenen Eingangssituationen (etwas ältere, gemütliche Sicherheitsdienstler vor den Türen), überkommt einen die Erkenntnis: Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Zaun auch nach Fertigstellung des Neubaus Bestand haben wird. Ein Occupy-Camp zu Füssen der EZB oder Protestaktionen direkt vor dem Eingang wird es nie mehr geben und kein von Menschenhand geschleuderter Farbbeutel wird jemals eines der Zentralbankfenster erreichen können. Grossräumig gesichert und abgeriegelt – eine europäische Institution schottet sich ab.

Aber wir wollten uns ja nicht aufregen, sondern gelassen bleiben: drücken wir also erstmal der europäischen Einheitswährung die Daumen, sonst stellt sich die dringende Frage der zukünftigen Nutzung der tollen Gebäude!

(Zum Öffnen der Gallerie eines der Bilder anklicken!)

Weiterführende Links: Details über das Bauvorhaben | Graffitis am Bauzaun