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Was sich liest wie die Gästeliste einer x-beliebigen Charity-Veranstaltung, ist ein Teil der Prominenten, die sich an der Werbekampagne für die BILD-Zeitung beteiligt haben (komplettes Verzeichnis siehe unten). Ist zwar ein alter Hut, sollte aber immer wieder hervorgeholt werden. Denn was die BILD-Zeitung momentan mal wieder betreibt, ist – um deutlich zu werden – eine Sauerei.

Ich hätte mich hier im Blog gerne mit einem angenehmeren Thema beschäftigt und nicht schon wieder die Vorgänge rund um die sportpolitische Auseinandersetzung mit dem Strategiepapier „Sicheres Stadionerlebnis“ auf dem Tisch. Aber das aktuelle Vorgehen des Massenblattes gegenüber der Eintracht Frankfurt und deren Anhang bedarf einer Kommentierung. Über die Qualität der BILD-Berichterstattung soll es dabei nicht gehen, vielmehr ist die Motivation, die dahintersteckt, eine Betrachtung wert.

Nur zur Erinnerung: Eintracht Frankfurt gehört zu den wenigen Klubs, die sich deutlich, sachlich und konstruktiv gegen die Vorschläge der DFB-/DFL-Sicherheitskommission ausgesprochen haben (Infos zum Statement der Eintr. Frankfurt Fussball AG). Da war es schon auffällig, dass die BILD-Zeitung nach dem Spiel Bayern München gegen Frankfurt als Hofberichterstatter der Hardliner Details aus dem Polizeibericht bewusst falsch darstellten, um die von Fanvertretungen und auch Rechtsexperten heftig kritisierten Körperkontrollen nachträglich (und im Sinne von FC Bayern, Verband und Politik) zu rechtfertigen. Gegenwind kam aus allen Ecken, so dass BILD um die Veröffentlichung einer Richtigstellung nicht umhinkam (siehe dazu: Messerwisser auf bildblog.de).

Einen Lerneffekt auf die BILD-Redaktion hatte das jedoch nicht: in dieser Woche erschien der übliche Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) – eine Statistik der Saison 2011/12 über Polizeieinsätze und Strafverfolgung ohne Nennung einzelner Vereine – mit der Kernaussage „Anstieg der Fangewalt in den deutschen Profifussballligen“. Dass diese Interpretation der Zahlen bedenklich und nicht haltbar ist, beschreiben u. a. das Magazin 11 Freunde (Link zum Artikel), SPON und FAZ. Was aber macht BILD daraus?

„Eintracht-Fans Platz 1 in der Gewalttabelle des deutschen Fussballs!“, titelt das Schmierblatt am 21. November scharf, obwohl die Zahlen des ZIS-Berichts diese Aussage gar nicht zulassen. Und um noch einen draufzusetzen, legt BILD am gestrigen Donnerstag nach: unter der Überschrift „Gewalt-Fans prügeln im Kokain-Rausch“ füllt die Zeitung die bekannt wenigen Zeilen mit Falschdarstellungen, um den rabiaten Angriff gegen die Eintracht-Fans und den Verein fortzusetzen.

Schlagzeile auf bild.de (22. November 2012)

Man muss das Vorgehen der BILD-Zeitung in diesem Fall mittlerweile in Verbindung setzen mit der für den 12. Dezember anberaumten nächsten Sicherheitskonferenz des DFB mit den Vereinen. Die Politik macht derweil Druck und mahnt härtere Massnahmen gegen Stadionbesucher an. Es scheint nicht weit hergeholt, dass man sich darauf geeinigt hat, via BILD-Zeitung die gegensätzlichen Lager (Befürworter / Gegner der Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis) zu spalten und die Kritiker in Argumentationsnot zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass das in dieser offensichtlichen und plakativen Form nicht gelingt – eine sachliche Diskussion wäre angebrachter und zielführender.

Die BILD-Zeitung und andere Medien fallen bereits seit geraumer Zeit durch eine völlig überzeichnete, polarisierende Berichterstattung über die Fans im deutschen Fussball auf. Aus Protest gegen die vom DFB geplanten Massnahmen und die Behandlung durch die Presse werden an den kommenden drei Spieltagen deutschlandweit in den Profiligen die Fankurven jeweils nach Anpfiff der Partien zwölf Minuten und zwölf Sekunden lang schweigen (Aktion 12:12 – der zwölfte Mann wehrt sich)!

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Weiterführende Links: Liste „Wer wirbt für BILD?“ | Bildblog.de (kritische Medienbeobachtung) | Jahresbericht der ZIS 2011/12 (.pdf-File) | Ohne Stimme keine Stimmung (12:12-Protest)

Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

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[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

Im Rahmen des Jubiläums (60 Jahre BILD-Zeitung) wird am 23. Juni deutschlandweit eine kostenfreie Ausgabe des Tagesblattes mit den kurzen Texten und den grossen Überschriften an alle Haushalte verteilt.

Vielen ist die Art und Weise, wie die BILD Journalismus macht und Meinungen manipuliert, nicht sonderlich sympathisch. Knapp 250.000 Menschen haben sich bereits per eMail-Einspruch (via campact.de und Alle gegen BILD gegen die Zulieferung des kostenlosen Exemplares ausgesprochen und bereiten damit der Distribution zumindest ein paar logistische Probleme – wenn nicht gar im Nachspiel (bei dennoch erfolgter Zustellung) juristische Konsequenzen.

Da die ordnungsgemässen Fristen für den eMail-Einspruch jetzt abgelaufen sein dürften, biete ich Euch, werten Lesern, einen besonderen Service (ich versuche es jetzt mal im ‚MANUFACTUM-Sprech*‘):

„Sich am Frühstückstisch aufzuregen ist eine Sache, schöner jedoch ist das aktive Engagement für ein konkretes Ziel – in unserem Falle: Das Verhindern einer Zustellung mehrerer Seiten wertvollen Papiers, das durch den Aufdruck sinnlosen und / oder manipulativen Geplappers unsere Umwelt und unsere Nerven belastet. Die Antwort: In der kleinen Frankfurter Ideenschmiede HACKENTRICK. WORDPRESS.COM, die immer wieder mit interessanten Produkten auf sich aufmerksam macht, haben wir diesen pfiffigen Aufkleber entwerfen lassen, der die Auslieferung des Springer-Pamphlets deutlich erschweren wird.

Unser Protestmittel ist durch sofortigen Ausdruck einsetzbar. Nicht mitgeliefert wird Klebefilm oder andere Befestigungsmittel“.

* Mir gefällt die Textsprache in den Katalogen des (sehr) exklusiven Produktanbieters. Wer ihn nicht kennt: Dort gibt es u. a. noch den Gartenschlauch aus original englischer Fertigung, den leider aus der Mode gekommenen Bleistiftverlängerer und den ultimativen Kulturbeutel (ich bin auch stolzer Besitzer!). Das Preisniveau: Exorbitant. Das Motto: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“! Auf einen direkten Link zum Anbieter wird an dieser Stelle selbstverständlich (ich mache hier doch keine Werbung) verzichtet!

Anklicken, Ausdrucken, ab auf den Briefkasten!

PS (für alle Weiterdenkenden): Mir ist bewusst, dass die Briefkastenaktion ökologische Konsequenzen haben kann (von genervten Zustellern in der Natur entsorgte BILD-Zeitungen). Aber seit wann ist Scheisse ökologisch bedenklich?