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Am Freitag, 31. August 2012, verbreitet die Nachrichtenagentur Reuters eine Meldung, die daraufhin auch im deutschsprachigen Raum aufgenommen wird (z.B. Angst vor Mega-Crash und Exodus bei Morgan Stanley). Mehrere Dutzend Top-Berater bei Morgan Stanley (grösster Vermögensverwalter der USA) sollen laut Meldung erwägen, das Bankhaus zu verlassen. Als Grund wird die Verärgerung über mangelhafte IT-Infrastruktur, zeitliche Verzögerungen und fehlerhafte Ausführungen bei Transaktionen genannt. Die Agenturen bewerten die Erklärungen angesichts der unüblichen ‚Massenflucht‘ jedoch als zu dünn und greifen die Gerüchte auf, nach denen ein gewaltiger Skandal droht: Bei Morgan Stanley sollen in grossem Umfang Kundengelder veruntreut worden sein, zudem ist von Buchhaltungstricks und erheblichen Verlusten beim Handel mit Credit Default Swaps die Rede. Eine Implosion Morgan Stanleys könne auch die Deutsche Bank und die französische Credit Agricole gefährden – die weltweiten Ausmasse des Kollaps wären dann schlimmer als der Zusammenbruch von Lehman Brother in 2008!

Der Finanzanalyst Jim Willie* berichtet in seinem aktuellen Newsletter Firestorms & Currency Twisters über seine Kenntnisse der Vorgänge. Nachfolgend für alle Interessierten eine Zusammenfassung und Interpretation von Willies Darstellung…

[* Jim Willie – PhD und Lehrberechtigter für Statistik – ist seit über zwanzig Jahren Analyst für das Finanzwesen, arbeitet als unabhängiger Wirtschaftsjournalist, betreibt eine eigene Webseite (goldenjackass.com) und ist u.a. regelmässig als Autor für die Goldseiten tätig.]

Morgan-Stanley-Building, NYC (Foto: Americasroof, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

MORGAN STANLEY IMPLODIERT

Jim Willie kündigt den bevorstehenden Zusammenbruch der US-amerikanischen Bank Morgan Stanley an und sieht dabei eine Wiederholung des Finanzmarktcrashs in 2008. Dabei betont er im aktuellen Fall die grosse kriminelle Energie: Willie verweist auf die Möglichkeit von Kontodiebstahl, Vernichtung von Dokumenten, Plünderung von fremdfinanzierten Positionen und die Verschleierung von Derivatenverlusten (Bilanzfälschung).

Ein kurzer Rückblick: In 2008 brachen die beiden Unternehmen Bear Stearns und Lehman Brothers zusammen. Ersteres bekam ernsthafte Liquiditätsprobleme, da aufgelegte Hedgefonds der Firma Insolvenz anmelden mussten, und Lehman Brothers scheiterte bekanntermassen ebenfalls infolge der Subprime-Krise am erhitzten Immobilienmarkt an Verlusten in Milliardenhöhe.

Willie erinnert daran, dass solche Zusammenbrüche nicht ungenutzt bleiben: Lehman Brothers wurde fallengelassen, Bear Stearns jedoch – und damit auch die Privatkundenkonten der Investmentbank – konnte von JPMorgan Chase zum Ramschpreis von zehn US-Dollar pro Aktie übernommen werden. Die Federal Reserve unterstützte die Übernahme mit einer 29 Mrd.-Dollar-Garantie für etwaige Verlustrisiken! (Persönliche Anmerkung von mir: meines Erachtens ist das so, als ob ich ein ziemlich marodes, jedoch von sehr solventen Mietern bewohntes Altbauwohnhaus in bester Lage für obligatorische EUR 1.000,- erwerbe, und die Deutsche Bundesbank bezahlt die kompletten Sanierungs- und Renovierungsmassnahmen ohne weitere Forderungen.)

Seitdem durfte also JPMorgan Chase mit dem Geld der ‚übernommenen‘ Kunden arbeiten, u. a. über die Finanzunternehmen MF Global (spekulierte u.a. in europäische Staatsanleihen, hat im November 2011 Insolvenz angemeldet und rund 700 Mio. USD Kundengelder veruntreut) und dem Derivatenhändler PFGBest. Dieser musste im Sommer 2012 Insolvenz anmelden – wegen Hinterziehung von Geldern in grossem Stil wurde durch die Finanzaufsicht CFTC eine Anklage erhoben. Über 200 Mio. Dollar sind „einfach verschwunden“, Firmenchef Russell R. Wasendorf sen. unternahm einen Selbstmordversuch.

Lassen wir das kurz sacken und holen Luft, bevor es weitergeht. Bei solchen Zahlen wird mir immer schwindlig…

Jim Willie soll Ende August 2012 erfahren haben, dass sich Fondsmanager und hochrangige Mitarbeiter von Morgan Stanley auf den Zusammenbruch des Unternehmens vorbereiten. Altgediente Mitarbeiter würden ihre Aktienanteile veräussern, andere seien bereits dabei, sich nach neuen Jobs umzusehen. Willie erzählt, dass vergangene Woche die Stimmen lauter wurden, wonach technische Probleme der bankinternen IT-Systeme der Auslöser für die Unruhen seien.

Nach der Fusion mit Dean Witter (1997) und dem Joint-Venture der Brokersparte mit der Citygroup zu Morgan Stanley Smith Barnley (2009) ist Morgan Stanley zum grössten Vermögensverwalter der USA angewachsen und zählt zu den 29 Grossbanken, die vom internationalen Finanzstabilitätsrat als „systematisch bedeutsames Finanzinstitut“ eingestuft wurden. Sprich: Too big to fail.

Willie führt zwei mögliche ‚Probleme‘ auf:

1. Morgan Stanley betreut über 300.000 Privatkundenkonten und betreibt mit diesen Geldern vermögender Kunden hochkomplizierte, hochkomplexe Aktien-, Derivate- und Termingeschäfte. Die Frage stellt sich: Wäre es denkbar, dass ein grosser Teil dieser Konten aufgrund Softwareproblemen nicht mehr darstellbar ist und man diese katastrophal Panne bisher verschleiert hat? Die Causa PFGBest (s. o.) lässt diesen Gedanken zumindest nicht völlig absurd aussehen.

2. Analysten haben im Frühjahr 2011 mit Sorge beobachtet, dass Morgan Stanley mit ca. 8 Billionen (!) USD auf sinkende Zinssätze für US-Anleihen spekuliert hat. Sobald jedoch die USA ihre Staatsdefizite in Billionenhöhe refinanzieren muss, wird diese SWAP-Blase platzen! Auch in diesem Fall wären natürlich die Privatkundenkonten der Morgan Stanley betroffen.

Der Kollaps (‚Lehman 2.0‘) wäre zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr kontrollierbar und würde – da scheinen sich die Fachleute sicher zu sein – das weltweite Finanzsystem in den Abgrund reissen. Die Staaten haben nicht mehr die Reserven, die noch 2008/09 zur Verfügung standen, um ihre Banken zu retten.

Allerdings: noch ist nicht aller Tage Abend! Auch in Jim Willies Artikel fallen Randbemerkungen, die mich – wie bei der spannenden Geschichte Chinesisches Gold und eine Klage – skeptisch stimmen. Ein Blick in diverse Finanzmarkt-Foren zeigt, dass die Reuters-Meldung zwar diskutiert wird. Doch am Aktienkurs für Morgan Stanley ist bis heute keine auffällige Bewegung festzustellen…

(to be continued)

So langsam fällt es immer schwerer, sich intensiv mit den Meldungen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Die On- und Offline-Medien konfrontieren uns täglich mit Empörendem. Während lautstark über Nebenkriegsschauplätze debattiert wird (z. B. religiös motivierte Beschneidungen bei Kindern), hagelt es wieder einmal Berichte über kriminelles oder skandalöses Handeln auf den Finanzmärkten. Aktivisten klopfen sich noch freudestrahlend gegenseitig auf die Schultern, um für das Scheitern des ACTA-Abkommens zu gratulieren – prompt beschliesst unser Parlament einen anderen Ausverkauf der Freiheitsrechte.

Kein Wunder also, wenn sich immer mehr Menschen überfordert fühlen und das Handeln gerne anderen überlassen. Zu gross die Flut an bestürzenden Vorgängen in relevanten Bereichen. Kleiner Auszug gefällig? Bitte schön…

Die täglich neuesten Verlautbarungen aus dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Causa NSU werden an anderer Stelle breit kommentiert. Vergangene Woche folgte nun die Anhörung des mittlerweile zurückgetretenen Verfassungsschutzpräsidenten Fromm und des für die ‚Reisswolf-Affäre‘ verantwortlichen Referatsleiters. Dass dieser Referatsleiter zu wichtigen Fragen die Aussage verweigert, halte ich schlicht für eine Respektlosigkeit gegenüber Parlament und Bürger. Aufmerksam hinhören sollte man allerdings, wenn uns jetzt als Zwischenfazit des Untersuchungsausschusses „Schlampigkeit und Inkompetenz der staatlichen Sicherheitsbehörden“ verkauft werden soll. Die bisher bekanntgewordenen Vorgänge im Rahmen der NSU-Affäre sprechen da eine ganz andere Sprache!

Dass sich in diesem Zusammenhang übrigens unser geliebter Ministerpräsident Volker Bouffier jovial im Talkshow-Sessel räkelt und landesväterlich aus seinem politischen Leben plaudert, während bekanntgegeben wird, dass er die Untersuchungen zum Kasseler NSU-Mord aus dem Jahr 2006 behinderte, ist weniger verwunderlich: Der Mann hat in seinem bisherigen Werdegang bereits mehr handfeste Skandale überstanden, als so manche meiner jeweiligen Lebensgefährtinnen Schuhe im Schrank hatten.

Während am Abend… im TV das EM-Halbfinalspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Italiener übertragen wurde, winkten ein paar wenige Abgeordnete im Bundestag das Gesetz zur Fortentwicklung des Meldewesens in Windeseile durch. Dass der Staat seine Bürger als Ware begreift, ist mehr als ein Skandal. Der Journalist Günther Lachmann kommentiert dies in seinem Blogartikel lesenswert in aller Kürze und Schärfe – und liefert das Beweismittel für die Unverfrorenheit des Parlamentes direkt mit. Vom Gedanken, der Staat würde seine Bürger schützen und seine Aufgaben ernstnehmen, verabschieden wir uns hiermit endgültig.     

Ganz grosses Kino… bietet uns seit Wochen der Vatikan. Den Anfang machten die unter der Bezeichnung Vatileaks gestreuten Internas und die Entlassung Gotti Tedeschis, des Chefs der IOR (Istituto per le Opere di Religione – Institut für die religiösen Werke), mittlerweile ist die italienische Staatsanwaltschaft wegen Verdachts der illegalen Geldwäsche tätig und die Mailänder Filiale der US-Bank JPMorgan Chase hat ein Transferkonto des Vatikans wegen auffälliger Finanztransaktionen schliessen lassen. Über dieses Konto sollen im Namen der Vatikanbank über eine Milliarde Euro aus dubiosen Quellen reingewaschen worden sein.

Dass hinter den Mauern des Kirchenstaates insbesondere bei Geldgeschäften nicht alles ganz sauber abläuft, ist keine Neuigkeit. Immerhin geht es um sehr viel Geld – mindestens fünf Milliarden Euro soll die Einlagensumme bei der IOR betragen. Allein in 2010 profitierte die katholische Kirche davon durch eine Ausschüttung von 55 Millionen Euro [1]! Die aktuellen Verdachtsmomente haben jedoch eine neue Qualität erreicht: Vergangene Woche hat das Gremium Moneyval (Expertenkomitee des Europarats zur Bewertung von Massnahmen in der Geldwäschebekämpfung) ein bisher unveröffentlichtes Gutachten vorgelegt, das bewerten soll, ob die Vatikanbank die Kriterien internationaler Anti-Geldwäsche-Standards erfüllt. Die IOR erhält einen Monat Zeit, um das Gutachten zu kommentieren, Anfang August erfolgt dann die Veröffentlichung beider Statements [2].

Wo wir gerade beim Geld sind… Angesichts der ständig neuen erschütternden Meldungen aus dem globalen Finanzmarkt bleibt uns anscheinend nur noch ein resignierendes Schulterzucken übrig. Der Ruf nach Zerschlagung des bestehenden Systems oder zumindest nach strengster Regulierung bleibt weiterhin folgenlos. Jüngster Fall: Die Manipulationen des Interbanken-Zinssatz (LIBOR) durch Geldhäuser [3]. Räumt endlich diesen Saustall auf!

Immerhin… ein zartes Hoffnungspflänzlein schlängelt sich durch den dicken Sumpf: Die EU will den Hochgeschwindigkeitshandel (HFT: High Frequency Trading) an den Börsen ausbremsen und in den nächsten Wochen neue Vorgaben dafür vorstellen. Der HFT basiert hauptsächlich darauf, dass kurzzeitige Kursdifferenzen mittels automatisierten Handelsprogrammen zur Spekulation genutzt werden können. Dafür sind an den Handelsplätzen beispielsweise die Server der Händler mit kürzesten Direktverbindungen zu den Börsensystemen installiert, weil jeder gewonnene Sekundenbruchteil Handelsvorteile bringt. Eine einzige dieser Transaktionen macht den Braten nicht fett, in der Gesamtheit geht es jedoch um schwindelerregende Summen. So macht zum Beispiel an der London Stock Exchange das High Frequency Trading ein Drittel des Gesamthandels aus!

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Quellen: [1] Der Spiegel, Printausgabe 27/2012, „Konto Nr. 1365“. [2] u. a. auf wirtschaftsblatt.at vom 06. Juli 2012. [3] u. a. auf ftd.de vom 04. Juli 2012.

In der ZDF-Sendung FRONTAL21 vom Dienstagabend, 31. Januar 2011, wurde nun endlich auch einer breiteren Öffentlichkeit berichtet, dass Hedgefonds durch Kreditausfallversicherungen an der Staatspleite Griechenlands viel Geld verdienen werden. Moment… Kreditausfallversicherungen? Haben wir das nicht schon mal gehört, sind das nicht diese Credit Default Swaps (CDS), die 2008 die Finanzkrise verursacht haben?

Ganz genau! Nur geht es diesmal nicht um Immobilienschulden, sondern um die fälligen Kredite eines Staates. Seit 2010 kaufen Hedgefonds von griechischen Banken massiv Kreditausfallversicherungen für die Staatsanleihen – Marktbeobachter sprechen davon, dass sie ihren Einsatz bis um das Zwanzigfache erhöht haben sollen. Durch die starken Aufkäufe ist der Preis der CDS erheblich gestiegen – im Falle einer Staatspleite müssten diese Kreditausfallversicherungen teuer ausbezahlt werden, die Haftung dafür übernimmt der europäische Rettungsschirm.

Während also Europäische Zentralbank und Politiker händeringend nach Lösungen suchen, um die Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen und „das Vertrauen der Märkte wieder zu erlangen“, gibt es mächtige Fraktionen, die daran nicht im Geringsten interessiert sind und durch Spekulation im Katastrophenfall erheblich absahnen. Wundert uns da noch das gleichzeitige Störfeuer durch US-amerikanische Ratingagenturen? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Wieder spielen Credit Default Swaps die Rolle der grossen Geldvernichtung, wieder findet ein Spiel jenseits von Moral und Anstand statt. Was folgt nach Griechenland? Welchen Staat nehmen dann die Hedgefonds als nächstes ins Visier?

Regulierung der Finanzmärkte. Wenn es nicht zum Heulen wäre…

Börse im Ersten (Foto: Katja Lenz)

Passend zum Thema: Foodwatch berichtet, dass die Deutsche Bank nun doch nicht wie angekündigt zum jetzigen Zeitpunkt über den Ausstieg aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln entscheiden wird. „Wir stehen erst am Anfang der von mir zugesagten Überprüfung des Geschäfts“, so Herr Ackermann laut foodwatch.de. Die Deutsche Bank habe jedoch beschlossen, in den kommenden Monaten eine umfassende Studie zum Thema zu erarbeiten. Soso. Und da soll man noch ruhig bleiben?

Tägliche Berichte von der Frankfurter Börse liefert uns bekannterweise die ARD. Für eine Dokumentation über die Arbeit von Radio und TV an der Börse war die Fotografin Katja Lenz einen ganzen Tag auf dem Parkett und berichtet aktuell über ihre Arbeit und das Ergebnis auf dem Lenz’schen Fotoblog. Ein interessanter Einblick!