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Am gestrigen Samstag, 21. Juni 2014, wurde das fertiggestellte Graffiti der Aktion im Gedächtnis bleiben (eine Initiative des Frankfurter Fanprojekt) an das Frankfurter Stadtbild übergeben. Moderiert von Axel ‚Beve‘ Hoffmann (u. a. Waldbühne und Eintracht-Museum) fand die Veranstaltung regen Zulauf und präsentierte als Höhepunkt Überraschungsgast Anthony Yeboah, der abschliessend die Fassadenkunst mit seinem Autogramm krönte.

Vielen tausenden Berufspendlern aus der Bürostadt, Fussballfans auf dem Weg ins Waldstadion und Reisenden zwischen Hauptbahnhof und Flughafen wird ab sofort ein nicht zu übersehendes Bekenntnis gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit präsentiert. Eine hervorragende Arbeit, für die wir uns beim Künstler Mathias Weinfurter und den Unterstützern bedanken!

Detaillierte Informationen über das Projekt, alle Links und Bilder der Entstehung sind im vorherigen Artikel Das wird im Gedächtnis bleiben zu finden.

Fotos von der Veranstaltung (© Hackentrick):

Weitere tolle Fotos vom Samstag, sowie Insiderwissen und wie so oft interessante Korrelationen findet Ihr in Beves Artikel Von Bob zu Tony!

In den kommenden vier Wochen werden wieder die Hochglanz-TV-Spots der FIFA mit der Botschaft „say no to racism“ dauerausgestrahlt. Wir ersparen uns jedoch heute eine Kommentierung der Lippenbekenntnisse grosser Sportverbände und blicken lieber auf Projekte, die mit weitaus geringeren Mitteln, dafür jedoch mit Kreativität, Engagement und der richtigen Einstellung tatsächlich etwas bewegen.

So gibt es die Veranstaltungsreihe im Gedächtnis bleiben des Frankfurter Fanprojekt e. V., die 2012 vom DFB mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet wurde. Neben Podiumsveranstaltungen im Fanhaus Louisa, einer Gedenkstättenfahrt nach Ausschwitz, der Beteiligung an der Aktion ‚Stolpersteine‘ u. v. m. entstand im vergangenen Jahr die Idee, den im Gedächtnis bleiben-Preis auszuschreiben, um noch mehr Menschen zu ermutigen, eigene Ideen umzusetzen. Gesucht werden Projekte und Aktionen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Diskriminierung engagieren.

„Eine Frankfurter Hauswand wird zum Wahrzeichen der Toleranz“, so lautet der Beitrag des im Gedächtnis bleiben-Preisträgers des Jahres 2013, Mathias Weinfurter. Und seine Idee ist grandios! Auf einer Hausfassade sollte ein riesiges Graffiti entstehen, bestehend aus dem Zitat „Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien“ und dem Konterfei des ehemaligen Eintracht-Stürmers Anthony Yeboah. Hintergrund des Zitates ist ein in der BILD-Zeitung im Jahre 1990 veröffentlichter ‚Brief an alle Fans‘ von Yeboah, Anthony Baffoe und Souleyman Sané, in dem die drei farbigen Profifussballer den damals zunehmenden Rassismus in den Stadien thematisierten.

Nachdem die Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte eine Hausfassade im Frankfurter Stadtteil Niederrad zur dauerhaften Nutzung zur Verfügung gestellt hat, konnte es am 5. Juni losgehen. Mathias Weinfurter erstellt nun gemeinsam mit den Leuten vom Frankfurter Fanprojekt e. V. mit viel Farbe und über zweihundert Spraydosen das gigantische ‚Wandbild‘, das am 21. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wird!

[Fotos vom 07. Juni – ich werde das nächste Woche aktualisieren. Zum Öffnen der Galerie einfach eines der Bilder anklicken. Alle Fotos: © Hackentrick]

Wir waren nochmal vor Ort – das Endergebnis sieht klasse aus! Fotos vom 19. Juni – © Katja Lenz

Bilder von der offiziellen Übergabe an das Frankfurter Stadtbild: Fassadenmalerei

Auch für 2014 ist ein im Gedächtnis bleiben-Preis ausgeschrieben (Einreichung bis 30. September)! Mehr Infos darüber hier oder eMail an info(at)im-gedaechtnis-bleiben.de.

Und in eigener Sache: Herzlichen Dank an das Frankfurter Fanprojekt e. V. für die Genehmigung der Vorveröffentlichung und den exklusiven Einblick in die Projektunterlagen (@Geiselgangsterin: den die BILD nicht von Euch bekommen hat ;-) )!

[Weiterführende Links: www.frankfurter-fanprojekt.de (inkl. Fanhaus Louisa) | www.im-gedaechtnis-bleiben.de (Ausschreibung des Wettbewerbs) | Säulen im Museum (Anthony Yeboah zu Gast im Eintracht-Museum) | weitere Fotos in den Blogs von beve und stadtkind]

Eigentlich sollte am Dienstagabend (27. August) der Fernseher nur nebenbei über den Verlauf den CL-Spiels PAOK Saloniki gegen FC Schalke 04 informieren – doch dann entpuppte sich das gesamte Abendprogramm des Senders ZDF mal wieder als Anschauungsunterricht für das Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender.

20.25 – 23.00 Uhr: FUSSBALL-LIVE-ÜBERTRAGUNG AUS THESSALONIKI (Sportshow): Seit einem Jahr überträgt das ZDF die Spiele der UEFA Champions League und zahlt für die Übertragungsrechte pro Saison ca. 54 Millionen Euro [1], wofür der Sender mit Recht heftig kritisiert wurde. Die CL ist das Highend-Premium-Hochglanzprodukt der UEFA und wird uns verkauft mit Emotionen, Atmosphäre und packenden Flutlichtduellen der europäischen Spitzenmannschaften. Sehenswerter Fussball vom Feinsten also.

Natürlich konnte das ZDF nichts dafür, dass das Spiel der Schalker in Griechenland auf Anordnung des europäischen Fussballverbands vor leeren Rängen ausgetragen werden musste (‚Geisterspiel‘-Strafe für PAOK) und die Übertragung stimmungstechnisch an einen wochentags im Herbst bei Nieselregen ausgerichteten Freundschaftskick in untersten Ligen erinnerte. Doch beim Anblick des aufgrund der fehlenden Stadionbesucher bizarr wirkenden (von der UEFA vorgeschriebenen) Rituals mit Mannschaftsaufstellung und Hymne auf dem Rasen vor dem Anpfiff wurde einem schnell wieder bewusst, was die Champions League tatsächlich ist: eine durchorganisierte Marketingveranstaltung, um tolle TV-Bilder zu produzieren, die sehr viel Umsatz generieren.

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

In der Halbzeitpause: ZDF HEUTE JOURNAL (Nachrichtenshow): Mit der angemessenen Betroffenheit und ernster Stimme verkündet uns Claus Kleber, dass es wohl kein Zurück mehr gibt und Bomben und Marschflugkörper auf Syrien niedergehen werden. Ähnlich wurden uns u. a. schon die Kriege im Irak und Afghanistan angekündigt. Syrien ist übrigens das Land, von dem uns auch das heute journal in etwa so berichtet: „blutige Proteste gegen die Regierung“ (2011), „Assad-Regime zwingt das Land in einen Bürgerkrieg“ (2012), „unterschiedliche Rebellengruppen kämpfen gegen die Regierungseinheiten“ (2013).

Ich erwarte aufgrund der begrenzten Sendezeit der Nachrichtensendung keine detaillierte Berichterstattung, aber kann sich jemand erinnern, wann zur Primetime bei ARD oder ZDF ausführlich, differenziert und genau über Syrien (Ägypten, Libyen, etc.) berichtet wurde? Ich nicht.

23.00 – 24.00 Uhr – NEUES AUS DER ANSTALT (Comedyshow): Ach, meine ‚Anstalt‘ hat auch schon bessere Tage gesehen. Wo bis letztes Jahr der Bildungsbürger eine satirisch-sarkastisch-intelligente Bestätigung der eigenen kritischen Haltung erhielt (worüber man natürlich auch diskutieren kann), sorgen jetzt Blödelbarden wie Ingo Appelt, Monika Gruber oder Christian Springer für pseudopolitische Schenkelklopfer. Am 1. Oktober wird die Sendung in vorliegender Form letztmalig ausgestrahlt, die beiden Anchormen Priol und Barwasser widmen sich anschliessend anderen Projekten. Sollte man auf den Nachfolger gespannt sein?

00.00 – 00.30 Uhr – ILLNER INTENSIV (Unterhaltungsshow): Endlich Mitternacht, endlich die knallharte Auseinandersetzung mit Politikern. Knackige Fragen und konkrete Antworten zur besten Sendezeit! Vor der strengen Maybrit Illner zeigen die Herren Frank-Walter ‚wir-sind-dagegen-stimmen-aber-dafür‘ Steinmeier (SPD), Volker ‚es-wird-keinen-Schuldenschnitt-für-Griechenland-geben‘ Kauder (CDU) und Gregor ‚wir-machen-das-nicht-mit‘ Gysi (Die Linke) klare Kante und Profil zum Thema Eurokrise… (hüstel)

Man muss es mittlerweile als Verhöhnung des TV-Zuschauers betrachten, wenn zu diesem ernsten Thema die o. a. ‚ausgewiesenen Experten‘ ins Studio geladen und befragt werden und die Moderatorin nicht nachhakt, wenn die Parteienvertreter leere Sprechblasen in die Mikrofone aussondern. Einen Herrn Kauder, der die aktuelle deutsche Politik gegenüber den Schuldenstaaten mit den gängigen Klischees und Phrasen verteidigt, darf man in einem solchen Sendeformat durchaus damit konfrontieren, dass das übliche Modell der Austerität noch nie erfolgreich war (wie es uns leider Weltbank und IWF seit Jahrzehnten beweisen). Und man darf gerne einmal anmerken, dass sogar das theoretische Modell der Ökonomen keine absolute Gültigkeit mehr besitzt, weil dem gefeierten Vorreiter Professor Kenneth Rogoff bei seiner mathematischen Studie zu Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum Datenbank- und Formelfehler unterlaufen sind, wie dieser im Frühjahr diesen Jahres kleinlaut zugeben musste [2].

Wenn ARD und ZDF wissen wollen, wie man Politiker zum Schwitzen bringt und in die Mangel nimmt, sollten sie sich einmal das Format HARDtalk der BBC anschauen [3]!

Zusatzinfos:

[1] in den Medienberichten im April 2011 schwanken die Meldungen zwischen 50 bis 56 Millionen Euro

[2] „…Thomas Herndon, ein Doktorand der Universität Massachusetts, hatte sich die Daten von Rogoff und Reinhart noch einmal vorgenommen und kam zu anderen Ergebnissen. Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten. Er konnte zeigen, dass Rogoff und Reinhart einige Daten in ihrer Studie sehr merkwürdig gewichtet und einzelne Länder, die trotz hoher Schulden kräftig gewachsen waren, ausgeklammert hatten. Außerdem deckte Herndon einen peinlichen Fehler auf: Rogoff und Reinhart hatten eine Formel im Tabellenkalkulationsprogramm Excel falsch programmiert und deshalb wichtige Daten in ihren Rechnungen nicht berücksichtigt…“ (aus ‚Die Ökonomen-Seifenoper‘, Zeit Online vom 28. Mai 2013)

[3] Beispiel: HARDtalk-Interview mit Wolfgang Schäuble: „Greece default will not happen“ (Video)

'illner intensiv' mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

‚illner intensiv‘ mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

4.000. Mindestens. Soviele Postings hagelten auf das Eintracht-Forum herab. Und annähernd jeden einzelnen Kommentar zu den Vorkommnissen am vergangenen Samstag in Leverkusen habe ich in meinen freien Minuten durchgelesen. Die Stellungnahmen der FuFA (Fussball-Fanabteilung der Eintracht), der Ultras Frankfurt, des Nordwestkurven-Rates und des Fansprechergremiums. Die Reaktionen darauf. Die Diskussionen über mögliche Sanktionen. Der Frustabbau im „Spieltags“– und im „Die Bengalo-Zündler in unserem Block kotzen mich an“-Thread. Dazu Blogs, Presseartikel und Gespräche im Freundeskreis. Eine Menge Stoff für lange Winterabende…

Abgesehen davon, dass es diesbezüglich noch eine Menge zu klären gibt, ist es ärgerlich, dass dieses Thema so viel Positives überschattet. Daher – innehalten, ausatmen und den Blick auf Dinge rund um den Fussball richten, die für mich einen Teil der Faszination ausmachen.

Am Mittwoch wurden sie feierlich präsentiert: die ‚Säulen der Eintracht‘! Gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main wurden die Fans zur Wahl aufgerufen, welche Spieler aus der Geschichte des Vereins die Stützpfeiler der U-Bahnstation Willy-Brandt-Platz zieren sollten. Das Ergebnis zeigt Euch Beve in seinem Blog: Link zur Fotogalerie! Über das Ergebnis der Abstimmung lässt sich natürlich diskutieren (ich hätte beispielsweise auch gerne Don Alfredo und Dr. Hammer in dieser Form gewürdigt), doch das Wahlmedium Internet und die Begrenzung auf die zwölf zur Verfügung stehenden Pfeiler können nicht jedem gerecht werden. Immerhin… auch der leider schon verstorbene ehemalige Eintracht-Trainer Jörg Berger („…der hätte auch die Titanic gerettet!“) bekam das Votum der Anhänger.

Da zur Einweihung einige der gewählten Spieler nach Frankfurt geladen wurden, nutzten die Macher des Eintracht-Museums um Matthias Thoma sofort die Gunst der Stunde und baten gestern Abend zwei der herausragenden ‚Säulen‘ zum exklusiven Gespräch über ihre Zeit im Stadtwald – das Podium betraten Anthony Yeboah und Bum-Kun Cha!

Das Publikum (aufgrund des zu erwartenden Andrangs war man in das Foyer des Stadion-Business-Bereichs umgezogen) tobte. Ich war sicher nicht der Einzige, der bei den stehenden Ovationen angesichts strahlender Erinnerungen kleine Freudentränen verdrückte. Dann übernahm Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann die Leitung des Abends und die Show…

…wäre beinahe zu einem zähen Abend geworden: Frau Park, die koreanische Dolmetscherin für Bum-Kun Cha, war angesichts der wohl unerwarteten Menschenmassen und der frenetischen Stimmung im Saal nervöser als alle anderen Anwesenden zusammen und brachte kein Wort mehr heraus. Doch aus der ersten Reihe stürmte Chas Ehefrau mit dem poetischen Namen Oh Un Mi (‚Silberne Schönheit‘) die Bühne, schnappte sich das Mikrofon und übernahm für den Rest des Abends die Übersetzung in einer derart mitreissenden und unterhaltsamen Form, dass wir nachträglich – ich bitte um Verzeihung, werte Frau Park – über Frau Parks dem Lampenfieber geschuldeten Black-out dankbar sein konnten.

So kommentierte die silberne Schönheit einen von Bum-Kun Cha mit viel Kichern vorgetragenen längeren koreanischen Monolog, der irgendetwas mit deutschem Essen zu tun hatte und den natürlich keiner der Anwesenden verstehen konnte, mit den Worten: „Das hat mein Mann von Reiner Calmund… der redet auch ohne Punkt und Komma!“. Und bei der Erläuterung von Chas Namen (bedeutet übersetzt Tiger-Wurzel Auto) fügte sie hinzu: „Alle männlichen koreanischen Vornamen sollen Kraft vermitteln… und wenn es nicht so läuft, wird der Name einfach geändert“.

Bum-Kun Cha, einer der allerersten Asiaten in einer europäischen Liga. So wie ich ihn als Fussballer in Erinnerung habe, wirkte er auch gestern Abend. Ein feiner, hochanständiger Mensch. Aber dass er sich nicht mehr an die damaligen mannschaftsinternen Schnapszechereien in der Erlenbacher Kneipe erinnern konnte, die Axel Hoffmann investigativ aufdeckte, war wohl der Anwesenheit seiner Gattin geschuldet…

Anthony ‚Toni‘ Yeboah würde ich glauben, dass er einfach ein Trikot überzieht und zu alter Form auflaufen kann – die zwanzig Jahre sind scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen. Vorab bedankte er sich gerührt für den tollen Empfang an diesem Abend – etwas in dieser Art hätte er auf all seinen Stationen im Fussball nie erlebt! Ich kauf’s ihm ab – wo sonst gibt es den Fanclub DIE ZEUGEN YEBOAHS? Einer der ‚Jünger‘ kam als Überraschungsgast auf die Bühne und präsentierte zu aller Erstaunen sein Rückentattoo: „Eintracht Frankfurt – 9 – Anthony Yeboah“!

Anthonys Erinnerungen an die alte Heimat Riederwald? „Auslaufen“. Und was meint er zu den Beschimpfungen, die er als farbiger Spieler damals ertragen musste? „Die haben sich halt geärgert, weil ich so gut war, aber nach dem Spiel wollten sie alle ein Autogramm von mir“.

Und dann, am Ende des Abends, kommt von dem wie immer erfrischenden Moderator Hoffmann endlich die ersehnte Mutter aller Fragen*: „Anthony, wie siehst Du das heute mit Heynckes, der damaligen Suspendierung und dem Ende Deiner Frankfurter Karriere 1995?“

Stille im Saal. Kein Kameraklicken ist mehr zu hören. Fünfhundert Eintrachtfans halten kollektiv den Atem an. Anthony nimmt das Mikrofon… schaut zu uns… schaut uns länger an… und sagt: „Ich wollte nicht gehen. Aber dann ging es nicht anders.“

Fussballer können so wunderbar diplomatisch sein!

* Zugegeben: die Über-Mutter aller Fragen lautet immer noch: Wo sind die Detari-Millionen?

Mehr über den gestrigen Abend auch bei stadtkindffm: Ein Abend im Museum

[Link zum Blogartikel über den Museumsabend mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein im November 2012]

12.12.2012 – ein Datum, wie geschaffen für feierliche Einweihungen, Geburten oder den hochzeitlichen Gang auf’s Standesamt. Ein Datum, an das man gerne zurück denkt.

Vielen von uns wird der 12. Dezember jedoch als trauriger Tag in Erinnerung bleiben: am gestrigen Mittwoch vollführten DFB, DFL und die Vereine des deutschen Profifussballs in einem Frankfurter Kongresssaal einvernehmlich und wissentlich den Anfang vom Ende der bisherigen, einzigartigen Fankultur in unseren Fussballstadien.

Zugegeben: die Zäsur findet bereits seit geraumer Zeit statt – schleichend und von den meisten unbemerkt. Doch mit der gestrigen Beschlussfassung über das Konzept Sicheres Stadionerlebnis wird jetzt offiziell und verbindlich ein Handlungsspielraum eröffnet, der – wenn’s blöd läuft – am Ende nur Verlierer haben kann.

(Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

(Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

Zum Verständnis – der Begriff „Fankultur“ beschreibt eine sehr komplexe Angelegenheit und Fussballfans sind keine homogene Masse (allein schon das zeigt, dass einige der Massnahmen des Sicherheitskonzeptes völlig an den Realitäten vorbeigedacht sind). Es gibt viele, die auf die günstigen Stehplatzangebote angewiesen sind, es gibt viele, die in der Gruppe ihre Mannschaft lautstark unterstützen wollen, es gibt viele, die die Mühen der Auswärtsfahrten auf sich nehmen und es gibt viele, die mit Kreativität den gegnerischen Anhängern zeigen wollen, wer der „Herr im Hause“ ist. Und es gibt natürlich auch diejenigen, die gegen den Ausverkauf des Fussballs oder das Establishment rebellieren wollen und / oder durch pubertäre Hormonausschüttungen oder Alkoholkonsum Grenzen überschreiten – wie eigentlich überall, wo sich Menschenmassen einfinden.

All diese Leute – übrigens männlich wie weiblich, jung wie alt – sind Zielsubjekte des Strategiepapiers, das jetzt abgesegnet wurde. Wir alle, die wir dazugehören, müssen uns fragen, warum wir augenscheinlich als Gefahr in den Stadien betrachtet werden…

Die Diskussion über die Fragwürdigkeit des Sicherheitskonzepts muss man auf zwei Ebenen führen: Die eine Ebene ist das politische Momentum, über das ich bereits in anderen Blogartikeln zum Thema (Sammlung aller Artikel) nachgedacht habe. Die Motivation der Politiker und der vorauseilende Gehorsam der Medien, die Fussballstadien zu Orten von Gewaltexzessen aufzubauschen, wird an vielen Stellen im iNet fein durchleuchtet. Stellvertretend dafür das Interview mit dem Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes auf tagesschau.de („…einige Innenminister versuchen, sich auf dem Rücken von Polizeibeamten und Fans zu profilieren…“) oder die Aussage unseres kenntnislosen, dafür jedoch umso populistischer auftretenden Boris Rhein (Innenminister des Landes Hessen): „Die Gewalt, die um den Fussball herum und in den Stadien stattfindet, muss uns ernste Sorgen machen“ (Hessenschau, 12. Dezember 2012)!

Die zweite Ebene zur Debatte bilden die Punkte des DFL-Papiers (hier die überarbeitete, offizielle Version für den 12.12. und die sechzehn Änderungsanträge als .pdf-File). Zwar wurden im Vergleich zur ursprünglichen Version, die für den deutschlandweiten Aufruhr sorgte, einige Änderungen vorgenommen und die Berücksichtigung der Fanbelange wird deutlicher betont, doch sind strittige Punkte (u. a. Vollkontrollen, Sippenhaft, Kartenkontingentbegrenzungen) weiterhin vorhanden, wenn auch ’softer‘ formuliert. Experten kritisieren weiterhin die teilweise unwürdigen und rechtlich bedenklichen Vorschläge.

Das Papier zeigt in der Gesamtheit zwei Problemfelder, die m. E. langfristige Folgen haben werden:

1. Die Definition von ‚Spielen mit erhöhtem Risiko‘ und die daraus abzuleitenden Vorkehrungen werden den jeweiligen Heimvereinen überlassen (siehe §32 des Strategiepapiers). Den Spielraum für entsprechende Massnahmen hat beispielsweise schon der FC Bayern München für sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt genutzt – obwohl es keine Belege für etwaige Gefahren gab (siehe Blogartikel „Die McDonalds-Bundesliga“)! Wann verstösst ein Spruchband gegen die Regularien? Wann und warum werden pauschal Fans von Besuchen der Auswärtsspiele ausgeschlossen? Das Sicherheitskonzept hat Schwachstellen, die Auslegungssache sind und willkürlichen Handlungen Raum bieten.

2. Wenn es jemand tatsächlich darauf anlegt, wird keine der Massnahmen des Papiers Verstösse verhindern können (z. B. auch ausserhalb der Stadien). Durch den vorschnellen Katalog hat man sich jedoch gegenüber den (absurden) Forderungen der Politik um weitere Gesprächsmöglichkeiten gebracht – der Fussball wurde dadurch schon jetzt leichtsinnigerweise ausgeliefert und wird bei Bedarf wiederum als Spielball von anderweitigen Interessen dienen.

Wie die Fanszenen auf die gestrige Enttäuschung reagieren werden, bleibt Spekulation. Die Aktion „12:12 – ohne Stimme keine Stimmung“ und die Petition „Ich fühl‘ mich sicher“ (mit bereits über 73.000 Unterschriften!) sorgen für deutschlandweite Aufmerksamkeit, konnten aber die voreilige Abstimmung über das Sicherheitskonzept nicht verhindern. Die Hardliner in der Politik lauern derweil auf frustbedingte Ausbrüche, um die richtig dicke Keule auszufahren! Kommt es aus verschiedensten Gründen zur Eskalation, steuern wir kurzerhand gen Italien (Kurzform: Verbote, Repressalien => leere Ränge), anstatt schrittchenweise die gerne zitierten ‚englischen Verhältnisse‘ zu bekommen.

Eines sollte jedoch jedem Fussballfan und Otto Normalverbaucher langsam klar werden: es geht nicht allein um die überzogende Gewaltdebatte, sondern um gesellschaftspolitische Aspekte! 

[Weiterführende Links zum Thema: abschliessende Stellungnahme zur Beschlussfassung am 12.12. durch den Vorstand der Eintracht Frankfurt Fussball AG | Fanaktionsseite 12doppelpunkt12.de mit Online-Petition | div. Artikel auf stadionwelt.de]

Ein Vorschlag aus Polen für die Hardliner der aktuellen Sicherheitsdebatte, wie man marodierendes und brandschatzendes Barbarenvolk (aka „sog. Fussballfans“) unter Kontrolle bekommt: Warum so viel Mühe mit dem Strategiepapier Sicheres Stadionerlebnis, wenn es doch das Tribünenmodell Polska Anti-Randalski gibt!

Die Gästetribüne

Da kommt Stimmung auf

Kein Witz – diese vollumgitterte Tribüne existiert tatsächlich! Mangels leerer Kassen spart sich der kleine polnische Verein MKS Orzel Przweworsk teure Ordner und hat sich stattdessen für diese aberwitzige Lösung entschieden. Die Gästefans werden bei Ankunft hineingeleitet, dann wird der Käfig dichtgemacht. Rainer Wendt (Scharfmacher und Vorsitzender DPolG) hätte seine wahre Freude daran!

Hat mal jemand die eMail-Adresse der EU-Menschenrechtskommission?

[Anmerkung: Dieses Fundstück entstammt der TV-Dokumentation „Verrückt nach Fussball – Groundhopping“, die am 22. Oktober 2012 auf ZDFinfo ausgestrahlt wurde. Empfehlenswert ist der 45-minütige Teil 2 der Doku, der die Entstehung der Ultra-Szene erläutert und die aktuelle Fan-Situation in Italien zeigt: „Verrückt nach Fussball – Teil 2“]

Mario Barth (Comedian), Roland Berger (Berater), Sarah Connor (Sängerin), Frank Elstner (TV-Moderator), David Garett (Violinist), Dietmar Hopp (Unternehmer), Maria Höfl-Riesch (Skirennläuferin), Wolfgang Joop (Modedesigner), Wladimir Klitschko (Profiboxer), Lady Bitch Ray (Rapperin), Udo Lindenberg (Rockmusiker), Carmen Nebel (TV-Moderatorin), Katharina Saalfrank (Super-Nanny), Til Schweiger (Schauspieler), Richard von Weizäcker (Bundespräsident a. D.), Mesut Özil (Fussballprofi)…

Was sich liest wie die Gästeliste einer x-beliebigen Charity-Veranstaltung, ist ein Teil der Prominenten, die sich an der Werbekampagne für die BILD-Zeitung beteiligt haben (komplettes Verzeichnis siehe unten). Ist zwar ein alter Hut, sollte aber immer wieder hervorgeholt werden. Denn was die BILD-Zeitung momentan mal wieder betreibt, ist – um deutlich zu werden – eine Sauerei.

Ich hätte mich hier im Blog gerne mit einem angenehmeren Thema beschäftigt und nicht schon wieder die Vorgänge rund um die sportpolitische Auseinandersetzung mit dem Strategiepapier „Sicheres Stadionerlebnis“ auf dem Tisch. Aber das aktuelle Vorgehen des Massenblattes gegenüber der Eintracht Frankfurt und deren Anhang bedarf einer Kommentierung. Über die Qualität der BILD-Berichterstattung soll es dabei nicht gehen, vielmehr ist die Motivation, die dahintersteckt, eine Betrachtung wert.

Nur zur Erinnerung: Eintracht Frankfurt gehört zu den wenigen Klubs, die sich deutlich, sachlich und konstruktiv gegen die Vorschläge der DFB-/DFL-Sicherheitskommission ausgesprochen haben (Infos zum Statement der Eintr. Frankfurt Fussball AG). Da war es schon auffällig, dass die BILD-Zeitung nach dem Spiel Bayern München gegen Frankfurt als Hofberichterstatter der Hardliner Details aus dem Polizeibericht bewusst falsch darstellten, um die von Fanvertretungen und auch Rechtsexperten heftig kritisierten Körperkontrollen nachträglich (und im Sinne von FC Bayern, Verband und Politik) zu rechtfertigen. Gegenwind kam aus allen Ecken, so dass BILD um die Veröffentlichung einer Richtigstellung nicht umhinkam (siehe dazu: Messerwisser auf bildblog.de).

Einen Lerneffekt auf die BILD-Redaktion hatte das jedoch nicht: in dieser Woche erschien der übliche Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) – eine Statistik der Saison 2011/12 über Polizeieinsätze und Strafverfolgung ohne Nennung einzelner Vereine – mit der Kernaussage „Anstieg der Fangewalt in den deutschen Profifussballligen“. Dass diese Interpretation der Zahlen bedenklich und nicht haltbar ist, beschreiben u. a. das Magazin 11 Freunde (Link zum Artikel), SPON und FAZ. Was aber macht BILD daraus?

„Eintracht-Fans Platz 1 in der Gewalttabelle des deutschen Fussballs!“, titelt das Schmierblatt am 21. November scharf, obwohl die Zahlen des ZIS-Berichts diese Aussage gar nicht zulassen. Und um noch einen draufzusetzen, legt BILD am gestrigen Donnerstag nach: unter der Überschrift „Gewalt-Fans prügeln im Kokain-Rausch“ füllt die Zeitung die bekannt wenigen Zeilen mit Falschdarstellungen, um den rabiaten Angriff gegen die Eintracht-Fans und den Verein fortzusetzen.

Schlagzeile auf bild.de (22. November 2012)

Man muss das Vorgehen der BILD-Zeitung in diesem Fall mittlerweile in Verbindung setzen mit der für den 12. Dezember anberaumten nächsten Sicherheitskonferenz des DFB mit den Vereinen. Die Politik macht derweil Druck und mahnt härtere Massnahmen gegen Stadionbesucher an. Es scheint nicht weit hergeholt, dass man sich darauf geeinigt hat, via BILD-Zeitung die gegensätzlichen Lager (Befürworter / Gegner der Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis) zu spalten und die Kritiker in Argumentationsnot zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass das in dieser offensichtlichen und plakativen Form nicht gelingt – eine sachliche Diskussion wäre angebrachter und zielführender.

Die BILD-Zeitung und andere Medien fallen bereits seit geraumer Zeit durch eine völlig überzeichnete, polarisierende Berichterstattung über die Fans im deutschen Fussball auf. Aus Protest gegen die vom DFB geplanten Massnahmen und die Behandlung durch die Presse werden an den kommenden drei Spieltagen deutschlandweit in den Profiligen die Fankurven jeweils nach Anpfiff der Partien zwölf Minuten und zwölf Sekunden lang schweigen (Aktion 12:12 – der zwölfte Mann wehrt sich)!

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Weiterführende Links: Liste „Wer wirbt für BILD?“ | Bildblog.de (kritische Medienbeobachtung) | Jahresbericht der ZIS 2011/12 (.pdf-File) | Ohne Stimme keine Stimmung (12:12-Protest)

Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

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[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

Heute zwei Themen…

ERSTENS: AKTUELLES ZUM STRATEGIEPAPIER ‚SICHERES STADIONERLEBNIS‘

Am Montag kommentierte ich an dieser Stelle das DFB- / DFL-Strategiepapier SICHERES STADIONERLEBNIS (zum Hauptartikel geht es hier), das deutschlandweit in der Fanszene für Aufregung gesorgt hat. Am gestrigen Dienstag veröffentlichte Eintracht Frankfurt die offizielle Stellungnahme an die Kommission Sicherheit des Ligaverbandes, so wie es auch von allen anderen Profiklubs gefordert wurde.

Am 18. Oktober haben sich Vertreter von Fanbetreuung, FuFA, NWK e.V., Fanprojekt, Fansprechergremium und Ultras Frankfurt 1997 mit Eintracht-Vorstand Axel Hellmann und dem Leiter der Rechtsabteilung, Philipp Reschke, zusammengesetzt. In einer fünfstündigen Sitzung wurden die Meinungen über die Punkte im Strategiepapier vorgetragen und diskutiert. Axel Hellmann versprach, die Kritik der Fans in der Stellungnahme zu berücksichtigen.

Dem gestern veröffentlichten Statement der Eintracht Frankfurt Fussball AG zolle ich vollsten Respekt! Fundiert wird am Vorgehen des DFB und der Kommission Sicherheit Kritik geäussert, der Verein tritt für die Belange der Fans ein und stellt sich schützend vor sie. Man spart nicht mit Vorschlägen und Zustimmung (so sie angebracht ist), macht jedoch gleichzeitig deutlich, dass viele Punkte der Ausarbeitung SICHERES STADIONERLEBNIS fragwürdig sind.

Einige Auszüge aus der Stellungnahme der Eintracht Frankfurt Fussball AG (vom 22. Oktober 2012):

…Kern der Kritik bildet der Vorwurf, bei einer derart fanspezifischen Thematik gerade diejenige Partei, auf deren Mitwirkung alle beteiligten Vereine angewiesen sind und die in Teilen des Papiers („Verhaltenskodex“ / „Fanvereinbarung“) auch unmittelbar nicht nur Objekt sondern sogar Subjekt der vorgeschlagenen Maßnahme ist, nämlich die Fans und Fanvertreter, nicht in den Gesamtprozess miteingebunden zu haben… Die dem entgegenzuhaltende Möglichkeit der Vereine, in den vergangenen zehn Tagen mit der Basis Rücksprache zu halten und den Austausch zu suchen, wird aufgrund des engen Zeitplans nicht als ernst zu nehmender Versuch eines Diskurses gesehen…

Weiter heisst es:

…Wir weisen allerdings auch darauf hin, dass Fußball, Politik und Medien durch die zum Teil undifferenzierte, verallgemeinernde und mitunter unangemessene und überzogene Auseinandersetzung mit den Vorfällen des zurückliegenden Sommers ein bürgerkriegsähnliches Bild von Fußballspielen entwickelt haben, das in keinem Verhältnis zur Realität steht und eine sachliche Diskussion bisweilen nicht mehr zulässt. Eintracht Frankfurt ist sich dabei durchaus auch der eigenen Rolle und Verantwortung bewusst, die wir in dieser Debatte einnehmen, da uns und unseren Anhängern zweifellos eine in positiver wie in negativer Hinsicht beispiel- und anlassgebende Funktion zukommt…

Zum Thema Kollektivbestrafung:

…Effiziente und angemessene Präventivmaßnahmen sind natürlich unerlässlich, können aber nicht an die Stelle der Pflicht zur Täter- und Tatverfolgung treten. Insofern unterstützt und unterstreicht Eintracht Frankfurt in jeder Beziehung diejenigen Ansätze des Papiers, die einem tat- und täterorientierten Sicherheits- und Sanktionsdenken entspringen…

Kleine Spitze in Richtung DFB:

…Gerade die verhärteten Fronten […] zeigen im übrigen, dass eine frühzeitige und sensible Kommunikation unter Einbindung der Fanorganisationen im Vorfeld sicherlich hilfreich und sinnvoll gewesen wäre…

und

…Dass Pyrotechnik mit Gewalt, Diskriminierung und Rassismus durchgehend auf eine Stufe gestellt werde, wird ebenfalls als unangemessen und rechtlich schlicht falsch kritisiert…

Zum Schmunzeln:

…Die Einbeziehung grob beleidigender Inhalte dürfte Ausgangspunkt für zahlreiche inhaltliche und rechtliche Diskussionen sein. Fakt ist sicherlich, dass der Fußball kein sprachlich steriles Produkt ist und im Übrigen auch nie war. Die Maßstäbe des täglichen gesellschaftlichen Zusammenlebens lassen sich gerade im Hinblick auf sprachliche Korrektheit weder auf die Zuschauerränge noch auf das Spielfeld übertragen. Gegenteilige Annahmen sind sicherlich naiv. Der Fußball sollte sich daher keine zu engen Regeln geben und Messlatten auferlegen, die er nicht einzuhalten in der Lage ist…

Auch schön:

…Den Vorschlag, „Fan Awards“ zu verleihen als „Belohnung“ für positives Fanverhalten, sollte man verwerfen. Alle Befragten reagierten auf diesen Vorstoß ausnahmslos mit Befremden. Positives Fanverhalten ist zum überwältigenden Teil eine Selbstverständlichkeit, gelebte Normalität und will dafür auch keinen Preis, sondern verdient aufrichtige und glaubhafte Wertschätzung, zum Beispiel durch eine bessere und ehrliche Einbeziehung in die Diskussion…

Kurz zusammengefasst: Neben konstruktiven Vorschlägen, Zustimmung und Kritik an vielen Punkten schwingt auch der leise Vorwurf mit, dass sich Politik und DFB treiben lassen, die tatsächlichen Sachverhalte falsch eingeschätzt werden und vorgeschlagene Massnahmen an der Realität vorbeigehen. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass eine Diskussion nicht ohne, sondern nur mit den Fans geführt werden kann.

Danke, Eintracht!

Jetzt bleibt vorerst nur zu hoffen, dass nicht geifernde Politiker wie Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (Artikel „Politik setzt Fussball unter Druck“, faz.net vom 22.10.2012) die die Bühne des Fussballs für ihre eigenen Ambitionen ausnutzen, das Heft des Handelns übernehmen…

ZWEITENS: NUR EIN WORT…

…zum (wortwörtlichen) Fall von Lance Armstrong.

Die Beweislast, die die akribisch untersuchende US-Anti-Doping-Behörde USADA vorgelegt hat, ist so erdrückend, dass UCI*-Präsident Pat McQuaid nicht umhinkam, vor den Mikrofonen der versammelten Sportpresse alle sieben (!) Tour de France-Siege Armstrongs ab- und systematisches Doping im Umfeld des Amerikaners anzuerkennen.

Ich frage mich aber: Was wird nun aus dem ehemaligen Radprofi und Journalisten Paul Kimmage, der durch McQuaid und dessen Amtsvorgänger Hein Verbruggen mit einem Prozess überzogen werden soll? Der Ire Kimmage hatte publiziert, dass Lance Armstrong während der Tour de Suisse im Jahre 2001 mehrmals positiv getestet wurde. Aufgrund von Schmiergeldzahlungen Armstrongs an die UCI sollen die Befunde jedoch verheimlicht worden sein. Die Radprofis Floyd Landis und Tyler Hamilton bestätigen diese Geschichte, auch Jörg Jaksche äusserte sich vorgestern in einem Interview dazu.

Verbruggen und McQuaid haben den Journalisten wegen Verleumdung und Darstellung falscher Tatsachen vor Gericht gezogen. Prozessbeginn am Tribunal de l’Est Vaudois in der Schweiz (ganz in der Nähe des UCI-Sitzes) ist der 12. Dezember 2012.

Es wäre wünschenswert, wenn auch diese Angelegenheit geklärt werden würde und Paul Kimmage der Gang vor Gericht erspart bliebe! Seinen Job bei der Sunday Times ist er schon losgeworden, die Kosten für seine Verteidigung werden mühsam durch Spendengelder beglichen…

[Eine Meinung zum Thema Armstrong: Titel gehen jetzt an welche anderen Doping-Sünder? von Uhupardo]

* UCI = Union Cycliste Internationale (Internationaler Radsport-Verband)

Eigentlich sollten uns Fussballfans die vergangenen Tage ungetrübte Freude bereiten… war doch da zuerst dieses äusserst unterhaltsame und denkwürdige 4:4 der Nationalmannschaft vom vergangenen Dienstag, dann die belustigende Heimniederlage von Magaths Millionentruppe, die den Wolfsburgern den letzten Tabellenplatz beschert, die Demontage der bis dahin zweitbesten Defensive der Bundesliga unter stummer Beobachtung durch Campino, das rasante Ruhrpottderby in Dortmund und…

…na klar: der mitreissende 3:1-Sieg unserer Eintracht gegen Hannover 96! Mirko Slomka, der Trainer der Niedersachsen, gesteht im Interview, dass den wie entfesselt aufspielenden Adler nichts entgegenzusetzen war, das Aktuelle Sportstudio verfällt in Lobeshymnen und die BILD-Zeitung titelt (nicht besonders einfallsreich): „Fussball 3000“. Zu sehen, wie die Jungs das unglückliche 0:2 in Mönchengladbach weggesteckt haben und weiterhin an der Philosophie festhalten, mit kompromisslosem Offensivfussball auf Sieg zu spielen, macht unheimlich viel Freude und lässt immer mehr darauf hoffen, dass wir eine begeisternde Saison erleben werden!

Und dennoch legt sich seit zwei Wochen ein Schatten über die Fussballszene. Unter dem Titel ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ erarbeitete die vom Ligaverband neugegründete Kommission Sicherheit, der auch Eintracht-Vorstandsmitglied Axel Hellmann angehört, ein für Bundes- und 2. Liga gültiges Strategiepapier, das – sollte es nicht zu massgeblichen Korrekturen kommen – eine Zäsur für den deutschen Profifussball und die vielfältige Fanszene darstellen dürfte.

Auszug aus dem Strategiepapier ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ (zum Vergrössern anklicken)

Eine hervorragende Bewertung des Papiers findet der interessierte Leser im Blog BEVES WELT (Artikel „Fussball, Fans und Sicherheit“), der man sich uneingeschränkt anschliessen kann.

[Anmerkung: alle weiteren und aktuelleren Artikel zum Thema hier im Blogarchiv]

Nur eines zum Inhalt – in der Einleitung der Ausarbeitung heisst es wortwörtlich auf Seite 5: […] „Beim Blick auf die Veranstaltungslage in den höchsten deutschen Spielklassen ist festzustellen, dass Infrastruktur und Spielorganisation im Zusammenspiel aller Sicherheitsträger sowie der Zuschauerservice bereits heute auf höchstem Niveau ist und Probleme lokal gelöst werden […]

Und: […] „Ziel ist es, das Stadionerlebnis sowohl in der subjektiven Wahrnehmung als auch in der objektiven Beurteilung weiterhin sicher zu gestalten“ […] (Hervorhebungen durch den Autor des Blogs)

Dem o. g. Eingeständnis, dass bereits heute alles bestens geregelt ist, folgt dann jedoch ein drastischer Forderungskatalog, der Repressalien, Kollektivbestrafungen, eine Gängelung der Fans und fragwürdige Eingriffe in Persönlichkeitsrechte beinhaltet. Kostengünstige Stehplätze, Fahnen, Fanclubs und Auswärtsfahrten werden plötzlich als Privilegien gesehen, die auch bei Einzelverstössen jederzeit zu entziehen sind. Das ist in dieser Form nicht hinzunehmen und betrifft nicht nur den im Fanclub organisierten Kurvensteher, sondern jeden Fussballbegeisterten, der den Stadionbesuch der sterilen Sportsbar mit Sky-TV vorzieht.

Einerseits implizieren die vorgeschlagenen Massnahmen, dass in den Stadien im deutschen Profifussball die gerne zitierten ‚bürgerkriegsähnlichen Zustände‘ herrschen. Andererseits können DFB und Politik bis zum heutigen Tage den vermeintlichen Anstieg von Gewalt im Rahmen von Fussballspielen nur mit subjektiven Eindrücken belegen. Insbesondere diesen Punkt nehmen die Verantwortlichen von Union Berlin zum Anlass, um sich in ihrer Stellungnahme zum Strategiepapier gegen die Vorschläge von DFB / DFL zu stellen (siehe Positionierung des Präsidiums 1. FC Union Berlin eV.).

Die Antwort der ‚Eisernen‘ – der sich offiziell in ähnlicher Form u. a. mittlerweile auch die Vereine Hertha BSC, FC Augsburg, VfL Wolfsburg, Fortuna Düsseldorf und FC St. Pauli angeschlossen haben – verdeutlicht, dass „DFB und DFL offenkundig einer Fehleinschätzung der gegenwärtigen Tendenzen und darauf aufbauend falschen Schlussfolgerungen unterliegen“. Weiter heisst es bei Union Berlin: […] „Als Hauptargument wird derzeit wieder eine vermeintliche Eskalation von Gewalt in den und um die Fußballstadien angeführt, die sich jedoch durch exakte und belastbare Zahlen kaum nachweisen lässt (so fehlt es bis heute an einer nachvollziehbaren Aufschlüsselung der Verletztenstatistik bei Fußballspielen, ebenso wie in der öffentlichen Diskussion ausgeblendet wird, dass selbst bei unbereinigter Statistik beispielsweise das Münchener Oktoberfest im Vergleich zum Bundesligafußball eine „Bürgerkriegszone“ darstellen müsste). Hinzu kommt, dass das vermeintliche subjektive Bedrohungsgefühl zumindest aus der Masse der fast zwanzig Millionen Stadionbesucher gar nicht artikuliert wird, sondern ebenfalls fragwürdig leichtsinnig und unbewiesen ins Feld geführt wird“ […]

Wir fragen uns, wie es zu der Schieflage in der Bewertung der Situation durch DFB und DFL kommt? Vielleicht hilft ein kurzer Blick zurück…

ARD-Poster ‚Helden‘

Sommer 2011: Gegen Ende der Vorsaison kommt es zu einigen Vorfällen (auch in Frankfurt), die von den Medien unverhältnismässig aufgebauscht werden. Die Politik mischt sich ein, so auch Hessens Innenminister Boris Rhein. Erste Forderungen zur Bändigung der „Chaoten und Randalierer“ werden laut. Der DFB verhängt unsinnige Pauschalstrafen gegen Fans und Vereine. Dennoch startet die ARD-Sportschau – augenscheinlich noch berauscht von der Berichterstattung über das Sommerfest der Frauen-WM im eigenen Lande – mit einer peinlichen City-Poster-Kampagne die Vermarktung der kommenden Saison. Werbewirksame und bewusst eingesetzte Verstärker: emotionalisierte Fans und Leuchtmittel (siehe Abb.)!

Im Laufe der Saison 2011/12 wird allerdings jedes in Stadien abgebrannte Bengalo medial genutzt, um eine vermeintliche Eskalation auf den Rängen darzustellen. Platzstürme werden durch TV und Presse plötzlich zu Gewaltexzessen überzeichnet – doch wo genau ist der anscheinend so schlimme Unterschied zwischen den Zuschauern, die unsere Helden 1954 über den Rasen des Berner Wankdorfstadion trugen oder den erst feiernden, dann bestürzten Schalke-Fans bei der Meisterschaft der Herzen 2001, zu den Düsseldorfer Anhängern beim Relegationssieg gegen Hertha BSC 2012? Und wieviele Verletzte gab es beim Aufstiegsjubel der Eintrachtfans vergangene Saison in Aachen? Ach, es gab gar keine?

Im November 2011 bricht der DFB die Gespräche mit der Faninitiative Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren kommentarlos ab (auch wenn ich es ausdrücklich nicht befürworte: dass aus einer Protesthaltung heraus anschliessend in den Stadien noch heftiger gezündelt wird, hat sich der DFB damit wohl selbst zuzuschreiben). Fast gleichzeitig bildet sich die Task Force Sicherheit – auch auf Druck der Politik. Der Sicherheitsgipfel im Juli 2012, in dessen Rahmen die Vereine (Ausnahme Union Berlin) den Verhaltenskodex unterzeichnen, zeigt dann deutlich den eingeschlagenen Weg: die Innenminister der Länder (Bundesinnenminsterkonferenz) und DFB verlangen von den Profiklubs eine klare Haltung und die uneingeschränkte Unterstützung beim, äh… „Kampf gegen den Terror“? Die Vereine scheinen in der Mehrheit diese Richtung mitzugehen.

Wir wollen nichts unter den Teppich kehren. Es gibt auch im Umfeld des Fussballs durchaus erschreckende Auswüchse – zum Beispiel der Überfall auf einen M’gladbacher Fanbus. Doch diese finden in der Mehrheit ausserhalb der Stadien statt und sind nicht dem Fussballfan und den Vereinen pauschal anzulasten. Die vorgeschlagenen Massnahmen des Ligaverbandes greifen jedoch nicht bei Fällen, die generell zu unseren gesellschaftlichen Problemen gehören. Oder verpflichtet der ADAC jeden Autofahrer dazu, Repressalien durch die Verkehrspolizei hinzunehmen, weil es gefährliche Drängler auf Deutschlands Autobahnen gibt? Anderes Beispiel: Würdest Du, lieber Leser, akzeptieren, Dich beim Betreten des Hamburger DOM an einer Einlasskontrolle komplett zu entkleiden und durchsuchen zu lassen, weil es bei dem Volksfest desöfteren Messerstechereien gab?

Leider muss man zusammenfassend feststellen: Die Motivation und die Inhalte des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis zeugen von einer Sichtweise fernab der Realität. In Konferenzräumen und Businesslogen hat sich eine Welt entwickelt, die auf dem Schulterschluss von Medien, Politik, Wirtschaft und Funktionärstum basiert. Wer sich in dieser abgeschotteten Welt bewegt, versteht nicht mehr, was in den Kurven und Rängen des Stadions passiert. Der normale Fan wird mit mitleidvoller Geste als anachronistisch betrachtet. Familienväter mit ihren Kindern sollen Kunden werden, keine Schlachtenbummler mit möglichen Missfallensäusserungen. Kuttenträger sind aus dem Blick der ‚Macher‘ nur noch im Liga-Trailer der DFL existenzberechtigt, um für ein buntes Bild zu sorgen. Alles, was nicht in das Weltbild der Verantwortlichen passt, wird früher oder später verschwinden.

Wohin die Entwicklung zur totalen Kommerzialisierung beispielsweise führen kann, liess sich erst wieder vergangenen Dienstag beim Länderspiel in Berlin beobachten. Erste Halbzeit, Spielstand 3:0, die deutsche Nationalmannschaft bietet ein mitreissendes, sensationelles Match. Auf den Rängen aber herrscht phasenweise eine Totenstille, als ob zur Gedenkminute aufgerufen wurde. Ist das das vom DFB angestrebte Stadionerlebnis?

Die Profivereine haben jetzt pflichtgemäss ihre Stellungnahmen zum Thema eingereicht, die im Dezember auf einer gemeinsamen Konferenz besprochen werden. Seitens der Eintracht wurde bei einem Treffen mit Fanvertretungen vergangenen Donnerstag mitgeteilt, dass deren Meinung im Statement Berücksichtigung findet (Nachtrag vom 22.10.2012: Link zur beachtlichen Stellungnahme s. u.!). Dennoch überwiegt die Skepsis, dass sich eine breite Mehrheit an Vereinen findet, die sich schützend vor die Belange und Bedürfnisse der Fans stellt. Die Stellungnahmen dürften in der Gesamtheit eher zustimmend ausfallen

Der Fussball, so wie wir ihn kennen, steht spätestens jetzt vor einem Scheideweg…

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Liebe LeserInnen: Ich freue mich gerade bei diesem Thema auf Euer Feedback und Hinweise, falls ich eigenen Fehleinschätzungen oder -informationen unterliege! Weitere Entwicklungen in der Causa Sicheres Stadionerlebnis werde ich natürlich in Folgeartikeln begleiten!

NACHTRAG: hier der Link zur überarbeiteten zweiten Version des Konzepts Sicheres Stadionerlebnis mit Gültigkeit für die Konferenz am 12.12.!

[Weiterführende Links: das Strategiepapier ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ des Ligaverbandes im .pdf-Format | Politik macht Druck (faz.net vom 22.10.2012) | „Da reden Personen, die keine Ahnung haben“ (11freunde.de-Interview mit Ex-DFB-Sicherheitschef) | Offizielle Stellungnahme der Eintracht Frankfurt Fussball AG]