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Am gestrigen Samstag, 21. Juni 2014, wurde das fertiggestellte Graffiti der Aktion im Gedächtnis bleiben (eine Initiative des Frankfurter Fanprojekt) an das Frankfurter Stadtbild übergeben. Moderiert von Axel ‚Beve‘ Hoffmann (u. a. Waldbühne und Eintracht-Museum) fand die Veranstaltung regen Zulauf und präsentierte als Höhepunkt Überraschungsgast Anthony Yeboah, der abschliessend die Fassadenkunst mit seinem Autogramm krönte.

Vielen tausenden Berufspendlern aus der Bürostadt, Fussballfans auf dem Weg ins Waldstadion und Reisenden zwischen Hauptbahnhof und Flughafen wird ab sofort ein nicht zu übersehendes Bekenntnis gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit präsentiert. Eine hervorragende Arbeit, für die wir uns beim Künstler Mathias Weinfurter und den Unterstützern bedanken!

Detaillierte Informationen über das Projekt, alle Links und Bilder der Entstehung sind im vorherigen Artikel Das wird im Gedächtnis bleiben zu finden.

Fotos von der Veranstaltung (© Hackentrick):

Weitere tolle Fotos vom Samstag, sowie Insiderwissen und wie so oft interessante Korrelationen findet Ihr in Beves Artikel Von Bob zu Tony!

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In den kommenden vier Wochen werden wieder die Hochglanz-TV-Spots der FIFA mit der Botschaft „say no to racism“ dauerausgestrahlt. Wir ersparen uns jedoch heute eine Kommentierung der Lippenbekenntnisse grosser Sportverbände und blicken lieber auf Projekte, die mit weitaus geringeren Mitteln, dafür jedoch mit Kreativität, Engagement und der richtigen Einstellung tatsächlich etwas bewegen.

So gibt es die Veranstaltungsreihe im Gedächtnis bleiben des Frankfurter Fanprojekt e. V., die 2012 vom DFB mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet wurde. Neben Podiumsveranstaltungen im Fanhaus Louisa, einer Gedenkstättenfahrt nach Ausschwitz, der Beteiligung an der Aktion ‚Stolpersteine‘ u. v. m. entstand im vergangenen Jahr die Idee, den im Gedächtnis bleiben-Preis auszuschreiben, um noch mehr Menschen zu ermutigen, eigene Ideen umzusetzen. Gesucht werden Projekte und Aktionen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Diskriminierung engagieren.

„Eine Frankfurter Hauswand wird zum Wahrzeichen der Toleranz“, so lautet der Beitrag des im Gedächtnis bleiben-Preisträgers des Jahres 2013, Mathias Weinfurter. Und seine Idee ist grandios! Auf einer Hausfassade sollte ein riesiges Graffiti entstehen, bestehend aus dem Zitat „Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien“ und dem Konterfei des ehemaligen Eintracht-Stürmers Anthony Yeboah. Hintergrund des Zitates ist ein in der BILD-Zeitung im Jahre 1990 veröffentlichter ‚Brief an alle Fans‘ von Yeboah, Anthony Baffoe und Souleyman Sané, in dem die drei farbigen Profifussballer den damals zunehmenden Rassismus in den Stadien thematisierten.

Nachdem die Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte eine Hausfassade im Frankfurter Stadtteil Niederrad zur dauerhaften Nutzung zur Verfügung gestellt hat, konnte es am 5. Juni losgehen. Mathias Weinfurter erstellt nun gemeinsam mit den Leuten vom Frankfurter Fanprojekt e. V. mit viel Farbe und über zweihundert Spraydosen das gigantische ‚Wandbild‘, das am 21. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wird!

[Fotos vom 07. Juni – ich werde das nächste Woche aktualisieren. Zum Öffnen der Galerie einfach eines der Bilder anklicken. Alle Fotos: © Hackentrick]

Wir waren nochmal vor Ort – das Endergebnis sieht klasse aus! Fotos vom 19. Juni – © Katja Lenz

Bilder von der offiziellen Übergabe an das Frankfurter Stadtbild: Fassadenmalerei

Auch für 2014 ist ein im Gedächtnis bleiben-Preis ausgeschrieben (Einreichung bis 30. September)! Mehr Infos darüber hier oder eMail an info(at)im-gedaechtnis-bleiben.de.

Und in eigener Sache: Herzlichen Dank an das Frankfurter Fanprojekt e. V. für die Genehmigung der Vorveröffentlichung und den exklusiven Einblick in die Projektunterlagen (@Geiselgangsterin: den die BILD nicht von Euch bekommen hat ;-) )!

[Weiterführende Links: www.frankfurter-fanprojekt.de (inkl. Fanhaus Louisa) | www.im-gedaechtnis-bleiben.de (Ausschreibung des Wettbewerbs) | Säulen im Museum (Anthony Yeboah zu Gast im Eintracht-Museum) | weitere Fotos in den Blogs von beve und stadtkind]

Eigentlich sollte am Dienstagabend (27. August) der Fernseher nur nebenbei über den Verlauf den CL-Spiels PAOK Saloniki gegen FC Schalke 04 informieren – doch dann entpuppte sich das gesamte Abendprogramm des Senders ZDF mal wieder als Anschauungsunterricht für das Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender.

20.25 – 23.00 Uhr: FUSSBALL-LIVE-ÜBERTRAGUNG AUS THESSALONIKI (Sportshow): Seit einem Jahr überträgt das ZDF die Spiele der UEFA Champions League und zahlt für die Übertragungsrechte pro Saison ca. 54 Millionen Euro [1], wofür der Sender mit Recht heftig kritisiert wurde. Die CL ist das Highend-Premium-Hochglanzprodukt der UEFA und wird uns verkauft mit Emotionen, Atmosphäre und packenden Flutlichtduellen der europäischen Spitzenmannschaften. Sehenswerter Fussball vom Feinsten also.

Natürlich konnte das ZDF nichts dafür, dass das Spiel der Schalker in Griechenland auf Anordnung des europäischen Fussballverbands vor leeren Rängen ausgetragen werden musste (‚Geisterspiel‘-Strafe für PAOK) und die Übertragung stimmungstechnisch an einen wochentags im Herbst bei Nieselregen ausgerichteten Freundschaftskick in untersten Ligen erinnerte. Doch beim Anblick des aufgrund der fehlenden Stadionbesucher bizarr wirkenden (von der UEFA vorgeschriebenen) Rituals mit Mannschaftsaufstellung und Hymne auf dem Rasen vor dem Anpfiff wurde einem schnell wieder bewusst, was die Champions League tatsächlich ist: eine durchorganisierte Marketingveranstaltung, um tolle TV-Bilder zu produzieren, die sehr viel Umsatz generieren.

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

Die Teams vor Anpfiff im leeren Stadion

In der Halbzeitpause: ZDF HEUTE JOURNAL (Nachrichtenshow): Mit der angemessenen Betroffenheit und ernster Stimme verkündet uns Claus Kleber, dass es wohl kein Zurück mehr gibt und Bomben und Marschflugkörper auf Syrien niedergehen werden. Ähnlich wurden uns u. a. schon die Kriege im Irak und Afghanistan angekündigt. Syrien ist übrigens das Land, von dem uns auch das heute journal in etwa so berichtet: „blutige Proteste gegen die Regierung“ (2011), „Assad-Regime zwingt das Land in einen Bürgerkrieg“ (2012), „unterschiedliche Rebellengruppen kämpfen gegen die Regierungseinheiten“ (2013).

Ich erwarte aufgrund der begrenzten Sendezeit der Nachrichtensendung keine detaillierte Berichterstattung, aber kann sich jemand erinnern, wann zur Primetime bei ARD oder ZDF ausführlich, differenziert und genau über Syrien (Ägypten, Libyen, etc.) berichtet wurde? Ich nicht.

23.00 – 24.00 Uhr – NEUES AUS DER ANSTALT (Comedyshow): Ach, meine ‚Anstalt‘ hat auch schon bessere Tage gesehen. Wo bis letztes Jahr der Bildungsbürger eine satirisch-sarkastisch-intelligente Bestätigung der eigenen kritischen Haltung erhielt (worüber man natürlich auch diskutieren kann), sorgen jetzt Blödelbarden wie Ingo Appelt, Monika Gruber oder Christian Springer für pseudopolitische Schenkelklopfer. Am 1. Oktober wird die Sendung in vorliegender Form letztmalig ausgestrahlt, die beiden Anchormen Priol und Barwasser widmen sich anschliessend anderen Projekten. Sollte man auf den Nachfolger gespannt sein?

00.00 – 00.30 Uhr – ILLNER INTENSIV (Unterhaltungsshow): Endlich Mitternacht, endlich die knallharte Auseinandersetzung mit Politikern. Knackige Fragen und konkrete Antworten zur besten Sendezeit! Vor der strengen Maybrit Illner zeigen die Herren Frank-Walter ‚wir-sind-dagegen-stimmen-aber-dafür‘ Steinmeier (SPD), Volker ‚es-wird-keinen-Schuldenschnitt-für-Griechenland-geben‘ Kauder (CDU) und Gregor ‚wir-machen-das-nicht-mit‘ Gysi (Die Linke) klare Kante und Profil zum Thema Eurokrise… (hüstel)

Man muss es mittlerweile als Verhöhnung des TV-Zuschauers betrachten, wenn zu diesem ernsten Thema die o. a. ‚ausgewiesenen Experten‘ ins Studio geladen und befragt werden und die Moderatorin nicht nachhakt, wenn die Parteienvertreter leere Sprechblasen in die Mikrofone aussondern. Einen Herrn Kauder, der die aktuelle deutsche Politik gegenüber den Schuldenstaaten mit den gängigen Klischees und Phrasen verteidigt, darf man in einem solchen Sendeformat durchaus damit konfrontieren, dass das übliche Modell der Austerität noch nie erfolgreich war (wie es uns leider Weltbank und IWF seit Jahrzehnten beweisen). Und man darf gerne einmal anmerken, dass sogar das theoretische Modell der Ökonomen keine absolute Gültigkeit mehr besitzt, weil dem gefeierten Vorreiter Professor Kenneth Rogoff bei seiner mathematischen Studie zu Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum Datenbank- und Formelfehler unterlaufen sind, wie dieser im Frühjahr diesen Jahres kleinlaut zugeben musste [2].

Wenn ARD und ZDF wissen wollen, wie man Politiker zum Schwitzen bringt und in die Mangel nimmt, sollten sie sich einmal das Format HARDtalk der BBC anschauen [3]!

Zusatzinfos:

[1] in den Medienberichten im April 2011 schwanken die Meldungen zwischen 50 bis 56 Millionen Euro

[2] „…Thomas Herndon, ein Doktorand der Universität Massachusetts, hatte sich die Daten von Rogoff und Reinhart noch einmal vorgenommen und kam zu anderen Ergebnissen. Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten. Er konnte zeigen, dass Rogoff und Reinhart einige Daten in ihrer Studie sehr merkwürdig gewichtet und einzelne Länder, die trotz hoher Schulden kräftig gewachsen waren, ausgeklammert hatten. Außerdem deckte Herndon einen peinlichen Fehler auf: Rogoff und Reinhart hatten eine Formel im Tabellenkalkulationsprogramm Excel falsch programmiert und deshalb wichtige Daten in ihren Rechnungen nicht berücksichtigt…“ (aus ‚Die Ökonomen-Seifenoper‘, Zeit Online vom 28. Mai 2013)

[3] Beispiel: HARDtalk-Interview mit Wolfgang Schäuble: „Greece default will not happen“ (Video)

'illner intensiv' mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

‚illner intensiv‘ mit Steinmeier, Kauder, Gysi (v.l.n.r.)

4.000. Mindestens. Soviele Postings hagelten auf das Eintracht-Forum herab. Und annähernd jeden einzelnen Kommentar zu den Vorkommnissen am vergangenen Samstag in Leverkusen habe ich in meinen freien Minuten durchgelesen. Die Stellungnahmen der FuFA (Fussball-Fanabteilung der Eintracht), der Ultras Frankfurt, des Nordwestkurven-Rates und des Fansprechergremiums. Die Reaktionen darauf. Die Diskussionen über mögliche Sanktionen. Der Frustabbau im „Spieltags“– und im „Die Bengalo-Zündler in unserem Block kotzen mich an“-Thread. Dazu Blogs, Presseartikel und Gespräche im Freundeskreis. Eine Menge Stoff für lange Winterabende…

Abgesehen davon, dass es diesbezüglich noch eine Menge zu klären gibt, ist es ärgerlich, dass dieses Thema so viel Positives überschattet. Daher – innehalten, ausatmen und den Blick auf Dinge rund um den Fussball richten, die für mich einen Teil der Faszination ausmachen.

Am Mittwoch wurden sie feierlich präsentiert: die ‚Säulen der Eintracht‘! Gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main wurden die Fans zur Wahl aufgerufen, welche Spieler aus der Geschichte des Vereins die Stützpfeiler der U-Bahnstation Willy-Brandt-Platz zieren sollten. Das Ergebnis zeigt Euch Beve in seinem Blog: Link zur Fotogalerie! Über das Ergebnis der Abstimmung lässt sich natürlich diskutieren (ich hätte beispielsweise auch gerne Don Alfredo und Dr. Hammer in dieser Form gewürdigt), doch das Wahlmedium Internet und die Begrenzung auf die zwölf zur Verfügung stehenden Pfeiler können nicht jedem gerecht werden. Immerhin… auch der leider schon verstorbene ehemalige Eintracht-Trainer Jörg Berger („…der hätte auch die Titanic gerettet!“) bekam das Votum der Anhänger.

Da zur Einweihung einige der gewählten Spieler nach Frankfurt geladen wurden, nutzten die Macher des Eintracht-Museums um Matthias Thoma sofort die Gunst der Stunde und baten gestern Abend zwei der herausragenden ‚Säulen‘ zum exklusiven Gespräch über ihre Zeit im Stadtwald – das Podium betraten Anthony Yeboah und Bum-Kun Cha!

Das Publikum (aufgrund des zu erwartenden Andrangs war man in das Foyer des Stadion-Business-Bereichs umgezogen) tobte. Ich war sicher nicht der Einzige, der bei den stehenden Ovationen angesichts strahlender Erinnerungen kleine Freudentränen verdrückte. Dann übernahm Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann die Leitung des Abends und die Show…

…wäre beinahe zu einem zähen Abend geworden: Frau Park, die koreanische Dolmetscherin für Bum-Kun Cha, war angesichts der wohl unerwarteten Menschenmassen und der frenetischen Stimmung im Saal nervöser als alle anderen Anwesenden zusammen und brachte kein Wort mehr heraus. Doch aus der ersten Reihe stürmte Chas Ehefrau mit dem poetischen Namen Oh Un Mi (‚Silberne Schönheit‘) die Bühne, schnappte sich das Mikrofon und übernahm für den Rest des Abends die Übersetzung in einer derart mitreissenden und unterhaltsamen Form, dass wir nachträglich – ich bitte um Verzeihung, werte Frau Park – über Frau Parks dem Lampenfieber geschuldeten Black-out dankbar sein konnten.

So kommentierte die silberne Schönheit einen von Bum-Kun Cha mit viel Kichern vorgetragenen längeren koreanischen Monolog, der irgendetwas mit deutschem Essen zu tun hatte und den natürlich keiner der Anwesenden verstehen konnte, mit den Worten: „Das hat mein Mann von Reiner Calmund… der redet auch ohne Punkt und Komma!“. Und bei der Erläuterung von Chas Namen (bedeutet übersetzt Tiger-Wurzel Auto) fügte sie hinzu: „Alle männlichen koreanischen Vornamen sollen Kraft vermitteln… und wenn es nicht so läuft, wird der Name einfach geändert“.

Bum-Kun Cha, einer der allerersten Asiaten in einer europäischen Liga. So wie ich ihn als Fussballer in Erinnerung habe, wirkte er auch gestern Abend. Ein feiner, hochanständiger Mensch. Aber dass er sich nicht mehr an die damaligen mannschaftsinternen Schnapszechereien in der Erlenbacher Kneipe erinnern konnte, die Axel Hoffmann investigativ aufdeckte, war wohl der Anwesenheit seiner Gattin geschuldet…

Anthony ‚Toni‘ Yeboah würde ich glauben, dass er einfach ein Trikot überzieht und zu alter Form auflaufen kann – die zwanzig Jahre sind scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen. Vorab bedankte er sich gerührt für den tollen Empfang an diesem Abend – etwas in dieser Art hätte er auf all seinen Stationen im Fussball nie erlebt! Ich kauf’s ihm ab – wo sonst gibt es den Fanclub DIE ZEUGEN YEBOAHS? Einer der ‚Jünger‘ kam als Überraschungsgast auf die Bühne und präsentierte zu aller Erstaunen sein Rückentattoo: „Eintracht Frankfurt – 9 – Anthony Yeboah“!

Anthonys Erinnerungen an die alte Heimat Riederwald? „Auslaufen“. Und was meint er zu den Beschimpfungen, die er als farbiger Spieler damals ertragen musste? „Die haben sich halt geärgert, weil ich so gut war, aber nach dem Spiel wollten sie alle ein Autogramm von mir“.

Und dann, am Ende des Abends, kommt von dem wie immer erfrischenden Moderator Hoffmann endlich die ersehnte Mutter aller Fragen*: „Anthony, wie siehst Du das heute mit Heynckes, der damaligen Suspendierung und dem Ende Deiner Frankfurter Karriere 1995?“

Stille im Saal. Kein Kameraklicken ist mehr zu hören. Fünfhundert Eintrachtfans halten kollektiv den Atem an. Anthony nimmt das Mikrofon… schaut zu uns… schaut uns länger an… und sagt: „Ich wollte nicht gehen. Aber dann ging es nicht anders.“

Fussballer können so wunderbar diplomatisch sein!

* Zugegeben: die Über-Mutter aller Fragen lautet immer noch: Wo sind die Detari-Millionen?

Mehr über den gestrigen Abend auch bei stadtkindffm: Ein Abend im Museum

[Link zum Blogartikel über den Museumsabend mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein im November 2012]

12.12.2012 – ein Datum, wie geschaffen für feierliche Einweihungen, Geburten oder den hochzeitlichen Gang auf’s Standesamt. Ein Datum, an das man gerne zurück denkt.

Vielen von uns wird der 12. Dezember jedoch als trauriger Tag in Erinnerung bleiben: am gestrigen Mittwoch vollführten DFB, DFL und die Vereine des deutschen Profifussballs in einem Frankfurter Kongresssaal einvernehmlich und wissentlich den Anfang vom Ende der bisherigen, einzigartigen Fankultur in unseren Fussballstadien.

Zugegeben: die Zäsur findet bereits seit geraumer Zeit statt – schleichend und von den meisten unbemerkt. Doch mit der gestrigen Beschlussfassung über das Konzept Sicheres Stadionerlebnis wird jetzt offiziell und verbindlich ein Handlungsspielraum eröffnet, der – wenn’s blöd läuft – am Ende nur Verlierer haben kann.

(Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

(Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

Zum Verständnis – der Begriff „Fankultur“ beschreibt eine sehr komplexe Angelegenheit und Fussballfans sind keine homogene Masse (allein schon das zeigt, dass einige der Massnahmen des Sicherheitskonzeptes völlig an den Realitäten vorbeigedacht sind). Es gibt viele, die auf die günstigen Stehplatzangebote angewiesen sind, es gibt viele, die in der Gruppe ihre Mannschaft lautstark unterstützen wollen, es gibt viele, die die Mühen der Auswärtsfahrten auf sich nehmen und es gibt viele, die mit Kreativität den gegnerischen Anhängern zeigen wollen, wer der „Herr im Hause“ ist. Und es gibt natürlich auch diejenigen, die gegen den Ausverkauf des Fussballs oder das Establishment rebellieren wollen und / oder durch pubertäre Hormonausschüttungen oder Alkoholkonsum Grenzen überschreiten – wie eigentlich überall, wo sich Menschenmassen einfinden.

All diese Leute – übrigens männlich wie weiblich, jung wie alt – sind Zielsubjekte des Strategiepapiers, das jetzt abgesegnet wurde. Wir alle, die wir dazugehören, müssen uns fragen, warum wir augenscheinlich als Gefahr in den Stadien betrachtet werden…

Die Diskussion über die Fragwürdigkeit des Sicherheitskonzepts muss man auf zwei Ebenen führen: Die eine Ebene ist das politische Momentum, über das ich bereits in anderen Blogartikeln zum Thema (Sammlung aller Artikel) nachgedacht habe. Die Motivation der Politiker und der vorauseilende Gehorsam der Medien, die Fussballstadien zu Orten von Gewaltexzessen aufzubauschen, wird an vielen Stellen im iNet fein durchleuchtet. Stellvertretend dafür das Interview mit dem Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes auf tagesschau.de („…einige Innenminister versuchen, sich auf dem Rücken von Polizeibeamten und Fans zu profilieren…“) oder die Aussage unseres kenntnislosen, dafür jedoch umso populistischer auftretenden Boris Rhein (Innenminister des Landes Hessen): „Die Gewalt, die um den Fussball herum und in den Stadien stattfindet, muss uns ernste Sorgen machen“ (Hessenschau, 12. Dezember 2012)!

Die zweite Ebene zur Debatte bilden die Punkte des DFL-Papiers (hier die überarbeitete, offizielle Version für den 12.12. und die sechzehn Änderungsanträge als .pdf-File). Zwar wurden im Vergleich zur ursprünglichen Version, die für den deutschlandweiten Aufruhr sorgte, einige Änderungen vorgenommen und die Berücksichtigung der Fanbelange wird deutlicher betont, doch sind strittige Punkte (u. a. Vollkontrollen, Sippenhaft, Kartenkontingentbegrenzungen) weiterhin vorhanden, wenn auch ’softer‘ formuliert. Experten kritisieren weiterhin die teilweise unwürdigen und rechtlich bedenklichen Vorschläge.

Das Papier zeigt in der Gesamtheit zwei Problemfelder, die m. E. langfristige Folgen haben werden:

1. Die Definition von ‚Spielen mit erhöhtem Risiko‘ und die daraus abzuleitenden Vorkehrungen werden den jeweiligen Heimvereinen überlassen (siehe §32 des Strategiepapiers). Den Spielraum für entsprechende Massnahmen hat beispielsweise schon der FC Bayern München für sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt genutzt – obwohl es keine Belege für etwaige Gefahren gab (siehe Blogartikel „Die McDonalds-Bundesliga“)! Wann verstösst ein Spruchband gegen die Regularien? Wann und warum werden pauschal Fans von Besuchen der Auswärtsspiele ausgeschlossen? Das Sicherheitskonzept hat Schwachstellen, die Auslegungssache sind und willkürlichen Handlungen Raum bieten.

2. Wenn es jemand tatsächlich darauf anlegt, wird keine der Massnahmen des Papiers Verstösse verhindern können (z. B. auch ausserhalb der Stadien). Durch den vorschnellen Katalog hat man sich jedoch gegenüber den (absurden) Forderungen der Politik um weitere Gesprächsmöglichkeiten gebracht – der Fussball wurde dadurch schon jetzt leichtsinnigerweise ausgeliefert und wird bei Bedarf wiederum als Spielball von anderweitigen Interessen dienen.

Wie die Fanszenen auf die gestrige Enttäuschung reagieren werden, bleibt Spekulation. Die Aktion „12:12 – ohne Stimme keine Stimmung“ und die Petition „Ich fühl‘ mich sicher“ (mit bereits über 73.000 Unterschriften!) sorgen für deutschlandweite Aufmerksamkeit, konnten aber die voreilige Abstimmung über das Sicherheitskonzept nicht verhindern. Die Hardliner in der Politik lauern derweil auf frustbedingte Ausbrüche, um die richtig dicke Keule auszufahren! Kommt es aus verschiedensten Gründen zur Eskalation, steuern wir kurzerhand gen Italien (Kurzform: Verbote, Repressalien => leere Ränge), anstatt schrittchenweise die gerne zitierten ‚englischen Verhältnisse‘ zu bekommen.

Eines sollte jedoch jedem Fussballfan und Otto Normalverbaucher langsam klar werden: es geht nicht allein um die überzogende Gewaltdebatte, sondern um gesellschaftspolitische Aspekte! 

[Weiterführende Links zum Thema: abschliessende Stellungnahme zur Beschlussfassung am 12.12. durch den Vorstand der Eintracht Frankfurt Fussball AG | Fanaktionsseite 12doppelpunkt12.de mit Online-Petition | div. Artikel auf stadionwelt.de]

Ein Vorschlag aus Polen für die Hardliner der aktuellen Sicherheitsdebatte, wie man marodierendes und brandschatzendes Barbarenvolk (aka „sog. Fussballfans“) unter Kontrolle bekommt: Warum so viel Mühe mit dem Strategiepapier Sicheres Stadionerlebnis, wenn es doch das Tribünenmodell Polska Anti-Randalski gibt!

Die Gästetribüne

Da kommt Stimmung auf

Kein Witz – diese vollumgitterte Tribüne existiert tatsächlich! Mangels leerer Kassen spart sich der kleine polnische Verein MKS Orzel Przweworsk teure Ordner und hat sich stattdessen für diese aberwitzige Lösung entschieden. Die Gästefans werden bei Ankunft hineingeleitet, dann wird der Käfig dichtgemacht. Rainer Wendt (Scharfmacher und Vorsitzender DPolG) hätte seine wahre Freude daran!

Hat mal jemand die eMail-Adresse der EU-Menschenrechtskommission?

[Anmerkung: Dieses Fundstück entstammt der TV-Dokumentation „Verrückt nach Fussball – Groundhopping“, die am 22. Oktober 2012 auf ZDFinfo ausgestrahlt wurde. Empfehlenswert ist der 45-minütige Teil 2 der Doku, der die Entstehung der Ultra-Szene erläutert und die aktuelle Fan-Situation in Italien zeigt: „Verrückt nach Fussball – Teil 2“]

Mario Barth (Comedian), Roland Berger (Berater), Sarah Connor (Sängerin), Frank Elstner (TV-Moderator), David Garett (Violinist), Dietmar Hopp (Unternehmer), Maria Höfl-Riesch (Skirennläuferin), Wolfgang Joop (Modedesigner), Wladimir Klitschko (Profiboxer), Lady Bitch Ray (Rapperin), Udo Lindenberg (Rockmusiker), Carmen Nebel (TV-Moderatorin), Katharina Saalfrank (Super-Nanny), Til Schweiger (Schauspieler), Richard von Weizäcker (Bundespräsident a. D.), Mesut Özil (Fussballprofi)…

Was sich liest wie die Gästeliste einer x-beliebigen Charity-Veranstaltung, ist ein Teil der Prominenten, die sich an der Werbekampagne für die BILD-Zeitung beteiligt haben (komplettes Verzeichnis siehe unten). Ist zwar ein alter Hut, sollte aber immer wieder hervorgeholt werden. Denn was die BILD-Zeitung momentan mal wieder betreibt, ist – um deutlich zu werden – eine Sauerei.

Ich hätte mich hier im Blog gerne mit einem angenehmeren Thema beschäftigt und nicht schon wieder die Vorgänge rund um die sportpolitische Auseinandersetzung mit dem Strategiepapier „Sicheres Stadionerlebnis“ auf dem Tisch. Aber das aktuelle Vorgehen des Massenblattes gegenüber der Eintracht Frankfurt und deren Anhang bedarf einer Kommentierung. Über die Qualität der BILD-Berichterstattung soll es dabei nicht gehen, vielmehr ist die Motivation, die dahintersteckt, eine Betrachtung wert.

Nur zur Erinnerung: Eintracht Frankfurt gehört zu den wenigen Klubs, die sich deutlich, sachlich und konstruktiv gegen die Vorschläge der DFB-/DFL-Sicherheitskommission ausgesprochen haben (Infos zum Statement der Eintr. Frankfurt Fussball AG). Da war es schon auffällig, dass die BILD-Zeitung nach dem Spiel Bayern München gegen Frankfurt als Hofberichterstatter der Hardliner Details aus dem Polizeibericht bewusst falsch darstellten, um die von Fanvertretungen und auch Rechtsexperten heftig kritisierten Körperkontrollen nachträglich (und im Sinne von FC Bayern, Verband und Politik) zu rechtfertigen. Gegenwind kam aus allen Ecken, so dass BILD um die Veröffentlichung einer Richtigstellung nicht umhinkam (siehe dazu: Messerwisser auf bildblog.de).

Einen Lerneffekt auf die BILD-Redaktion hatte das jedoch nicht: in dieser Woche erschien der übliche Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) – eine Statistik der Saison 2011/12 über Polizeieinsätze und Strafverfolgung ohne Nennung einzelner Vereine – mit der Kernaussage „Anstieg der Fangewalt in den deutschen Profifussballligen“. Dass diese Interpretation der Zahlen bedenklich und nicht haltbar ist, beschreiben u. a. das Magazin 11 Freunde (Link zum Artikel), SPON und FAZ. Was aber macht BILD daraus?

„Eintracht-Fans Platz 1 in der Gewalttabelle des deutschen Fussballs!“, titelt das Schmierblatt am 21. November scharf, obwohl die Zahlen des ZIS-Berichts diese Aussage gar nicht zulassen. Und um noch einen draufzusetzen, legt BILD am gestrigen Donnerstag nach: unter der Überschrift „Gewalt-Fans prügeln im Kokain-Rausch“ füllt die Zeitung die bekannt wenigen Zeilen mit Falschdarstellungen, um den rabiaten Angriff gegen die Eintracht-Fans und den Verein fortzusetzen.

Schlagzeile auf bild.de (22. November 2012)

Man muss das Vorgehen der BILD-Zeitung in diesem Fall mittlerweile in Verbindung setzen mit der für den 12. Dezember anberaumten nächsten Sicherheitskonferenz des DFB mit den Vereinen. Die Politik macht derweil Druck und mahnt härtere Massnahmen gegen Stadionbesucher an. Es scheint nicht weit hergeholt, dass man sich darauf geeinigt hat, via BILD-Zeitung die gegensätzlichen Lager (Befürworter / Gegner der Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis) zu spalten und die Kritiker in Argumentationsnot zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass das in dieser offensichtlichen und plakativen Form nicht gelingt – eine sachliche Diskussion wäre angebrachter und zielführender.

Die BILD-Zeitung und andere Medien fallen bereits seit geraumer Zeit durch eine völlig überzeichnete, polarisierende Berichterstattung über die Fans im deutschen Fussball auf. Aus Protest gegen die vom DFB geplanten Massnahmen und die Behandlung durch die Presse werden an den kommenden drei Spieltagen deutschlandweit in den Profiligen die Fankurven jeweils nach Anpfiff der Partien zwölf Minuten und zwölf Sekunden lang schweigen (Aktion 12:12 – der zwölfte Mann wehrt sich)!

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Weiterführende Links: Liste „Wer wirbt für BILD?“ | Bildblog.de (kritische Medienbeobachtung) | Jahresbericht der ZIS 2011/12 (.pdf-File) | Ohne Stimme keine Stimmung (12:12-Protest)