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Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

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[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

Heute zwei Themen…

ERSTENS: AKTUELLES ZUM STRATEGIEPAPIER ‚SICHERES STADIONERLEBNIS‘

Am Montag kommentierte ich an dieser Stelle das DFB- / DFL-Strategiepapier SICHERES STADIONERLEBNIS (zum Hauptartikel geht es hier), das deutschlandweit in der Fanszene für Aufregung gesorgt hat. Am gestrigen Dienstag veröffentlichte Eintracht Frankfurt die offizielle Stellungnahme an die Kommission Sicherheit des Ligaverbandes, so wie es auch von allen anderen Profiklubs gefordert wurde.

Am 18. Oktober haben sich Vertreter von Fanbetreuung, FuFA, NWK e.V., Fanprojekt, Fansprechergremium und Ultras Frankfurt 1997 mit Eintracht-Vorstand Axel Hellmann und dem Leiter der Rechtsabteilung, Philipp Reschke, zusammengesetzt. In einer fünfstündigen Sitzung wurden die Meinungen über die Punkte im Strategiepapier vorgetragen und diskutiert. Axel Hellmann versprach, die Kritik der Fans in der Stellungnahme zu berücksichtigen.

Dem gestern veröffentlichten Statement der Eintracht Frankfurt Fussball AG zolle ich vollsten Respekt! Fundiert wird am Vorgehen des DFB und der Kommission Sicherheit Kritik geäussert, der Verein tritt für die Belange der Fans ein und stellt sich schützend vor sie. Man spart nicht mit Vorschlägen und Zustimmung (so sie angebracht ist), macht jedoch gleichzeitig deutlich, dass viele Punkte der Ausarbeitung SICHERES STADIONERLEBNIS fragwürdig sind.

Einige Auszüge aus der Stellungnahme der Eintracht Frankfurt Fussball AG (vom 22. Oktober 2012):

…Kern der Kritik bildet der Vorwurf, bei einer derart fanspezifischen Thematik gerade diejenige Partei, auf deren Mitwirkung alle beteiligten Vereine angewiesen sind und die in Teilen des Papiers („Verhaltenskodex“ / „Fanvereinbarung“) auch unmittelbar nicht nur Objekt sondern sogar Subjekt der vorgeschlagenen Maßnahme ist, nämlich die Fans und Fanvertreter, nicht in den Gesamtprozess miteingebunden zu haben… Die dem entgegenzuhaltende Möglichkeit der Vereine, in den vergangenen zehn Tagen mit der Basis Rücksprache zu halten und den Austausch zu suchen, wird aufgrund des engen Zeitplans nicht als ernst zu nehmender Versuch eines Diskurses gesehen…

Weiter heisst es:

…Wir weisen allerdings auch darauf hin, dass Fußball, Politik und Medien durch die zum Teil undifferenzierte, verallgemeinernde und mitunter unangemessene und überzogene Auseinandersetzung mit den Vorfällen des zurückliegenden Sommers ein bürgerkriegsähnliches Bild von Fußballspielen entwickelt haben, das in keinem Verhältnis zur Realität steht und eine sachliche Diskussion bisweilen nicht mehr zulässt. Eintracht Frankfurt ist sich dabei durchaus auch der eigenen Rolle und Verantwortung bewusst, die wir in dieser Debatte einnehmen, da uns und unseren Anhängern zweifellos eine in positiver wie in negativer Hinsicht beispiel- und anlassgebende Funktion zukommt…

Zum Thema Kollektivbestrafung:

…Effiziente und angemessene Präventivmaßnahmen sind natürlich unerlässlich, können aber nicht an die Stelle der Pflicht zur Täter- und Tatverfolgung treten. Insofern unterstützt und unterstreicht Eintracht Frankfurt in jeder Beziehung diejenigen Ansätze des Papiers, die einem tat- und täterorientierten Sicherheits- und Sanktionsdenken entspringen…

Kleine Spitze in Richtung DFB:

…Gerade die verhärteten Fronten […] zeigen im übrigen, dass eine frühzeitige und sensible Kommunikation unter Einbindung der Fanorganisationen im Vorfeld sicherlich hilfreich und sinnvoll gewesen wäre…

und

…Dass Pyrotechnik mit Gewalt, Diskriminierung und Rassismus durchgehend auf eine Stufe gestellt werde, wird ebenfalls als unangemessen und rechtlich schlicht falsch kritisiert…

Zum Schmunzeln:

…Die Einbeziehung grob beleidigender Inhalte dürfte Ausgangspunkt für zahlreiche inhaltliche und rechtliche Diskussionen sein. Fakt ist sicherlich, dass der Fußball kein sprachlich steriles Produkt ist und im Übrigen auch nie war. Die Maßstäbe des täglichen gesellschaftlichen Zusammenlebens lassen sich gerade im Hinblick auf sprachliche Korrektheit weder auf die Zuschauerränge noch auf das Spielfeld übertragen. Gegenteilige Annahmen sind sicherlich naiv. Der Fußball sollte sich daher keine zu engen Regeln geben und Messlatten auferlegen, die er nicht einzuhalten in der Lage ist…

Auch schön:

…Den Vorschlag, „Fan Awards“ zu verleihen als „Belohnung“ für positives Fanverhalten, sollte man verwerfen. Alle Befragten reagierten auf diesen Vorstoß ausnahmslos mit Befremden. Positives Fanverhalten ist zum überwältigenden Teil eine Selbstverständlichkeit, gelebte Normalität und will dafür auch keinen Preis, sondern verdient aufrichtige und glaubhafte Wertschätzung, zum Beispiel durch eine bessere und ehrliche Einbeziehung in die Diskussion…

Kurz zusammengefasst: Neben konstruktiven Vorschlägen, Zustimmung und Kritik an vielen Punkten schwingt auch der leise Vorwurf mit, dass sich Politik und DFB treiben lassen, die tatsächlichen Sachverhalte falsch eingeschätzt werden und vorgeschlagene Massnahmen an der Realität vorbeigehen. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass eine Diskussion nicht ohne, sondern nur mit den Fans geführt werden kann.

Danke, Eintracht!

Jetzt bleibt vorerst nur zu hoffen, dass nicht geifernde Politiker wie Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (Artikel „Politik setzt Fussball unter Druck“, faz.net vom 22.10.2012) die die Bühne des Fussballs für ihre eigenen Ambitionen ausnutzen, das Heft des Handelns übernehmen…

ZWEITENS: NUR EIN WORT…

…zum (wortwörtlichen) Fall von Lance Armstrong.

Die Beweislast, die die akribisch untersuchende US-Anti-Doping-Behörde USADA vorgelegt hat, ist so erdrückend, dass UCI*-Präsident Pat McQuaid nicht umhinkam, vor den Mikrofonen der versammelten Sportpresse alle sieben (!) Tour de France-Siege Armstrongs ab- und systematisches Doping im Umfeld des Amerikaners anzuerkennen.

Ich frage mich aber: Was wird nun aus dem ehemaligen Radprofi und Journalisten Paul Kimmage, der durch McQuaid und dessen Amtsvorgänger Hein Verbruggen mit einem Prozess überzogen werden soll? Der Ire Kimmage hatte publiziert, dass Lance Armstrong während der Tour de Suisse im Jahre 2001 mehrmals positiv getestet wurde. Aufgrund von Schmiergeldzahlungen Armstrongs an die UCI sollen die Befunde jedoch verheimlicht worden sein. Die Radprofis Floyd Landis und Tyler Hamilton bestätigen diese Geschichte, auch Jörg Jaksche äusserte sich vorgestern in einem Interview dazu.

Verbruggen und McQuaid haben den Journalisten wegen Verleumdung und Darstellung falscher Tatsachen vor Gericht gezogen. Prozessbeginn am Tribunal de l’Est Vaudois in der Schweiz (ganz in der Nähe des UCI-Sitzes) ist der 12. Dezember 2012.

Es wäre wünschenswert, wenn auch diese Angelegenheit geklärt werden würde und Paul Kimmage der Gang vor Gericht erspart bliebe! Seinen Job bei der Sunday Times ist er schon losgeworden, die Kosten für seine Verteidigung werden mühsam durch Spendengelder beglichen…

[Eine Meinung zum Thema Armstrong: Titel gehen jetzt an welche anderen Doping-Sünder? von Uhupardo]

* UCI = Union Cycliste Internationale (Internationaler Radsport-Verband)

Eigentlich sollten uns Fussballfans die vergangenen Tage ungetrübte Freude bereiten… war doch da zuerst dieses äusserst unterhaltsame und denkwürdige 4:4 der Nationalmannschaft vom vergangenen Dienstag, dann die belustigende Heimniederlage von Magaths Millionentruppe, die den Wolfsburgern den letzten Tabellenplatz beschert, die Demontage der bis dahin zweitbesten Defensive der Bundesliga unter stummer Beobachtung durch Campino, das rasante Ruhrpottderby in Dortmund und…

…na klar: der mitreissende 3:1-Sieg unserer Eintracht gegen Hannover 96! Mirko Slomka, der Trainer der Niedersachsen, gesteht im Interview, dass den wie entfesselt aufspielenden Adler nichts entgegenzusetzen war, das Aktuelle Sportstudio verfällt in Lobeshymnen und die BILD-Zeitung titelt (nicht besonders einfallsreich): „Fussball 3000“. Zu sehen, wie die Jungs das unglückliche 0:2 in Mönchengladbach weggesteckt haben und weiterhin an der Philosophie festhalten, mit kompromisslosem Offensivfussball auf Sieg zu spielen, macht unheimlich viel Freude und lässt immer mehr darauf hoffen, dass wir eine begeisternde Saison erleben werden!

Und dennoch legt sich seit zwei Wochen ein Schatten über die Fussballszene. Unter dem Titel ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ erarbeitete die vom Ligaverband neugegründete Kommission Sicherheit, der auch Eintracht-Vorstandsmitglied Axel Hellmann angehört, ein für Bundes- und 2. Liga gültiges Strategiepapier, das – sollte es nicht zu massgeblichen Korrekturen kommen – eine Zäsur für den deutschen Profifussball und die vielfältige Fanszene darstellen dürfte.

Auszug aus dem Strategiepapier ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ (zum Vergrössern anklicken)

Eine hervorragende Bewertung des Papiers findet der interessierte Leser im Blog BEVES WELT (Artikel „Fussball, Fans und Sicherheit“), der man sich uneingeschränkt anschliessen kann.

[Anmerkung: alle weiteren und aktuelleren Artikel zum Thema hier im Blogarchiv]

Nur eines zum Inhalt – in der Einleitung der Ausarbeitung heisst es wortwörtlich auf Seite 5: […] „Beim Blick auf die Veranstaltungslage in den höchsten deutschen Spielklassen ist festzustellen, dass Infrastruktur und Spielorganisation im Zusammenspiel aller Sicherheitsträger sowie der Zuschauerservice bereits heute auf höchstem Niveau ist und Probleme lokal gelöst werden […]

Und: […] „Ziel ist es, das Stadionerlebnis sowohl in der subjektiven Wahrnehmung als auch in der objektiven Beurteilung weiterhin sicher zu gestalten“ […] (Hervorhebungen durch den Autor des Blogs)

Dem o. g. Eingeständnis, dass bereits heute alles bestens geregelt ist, folgt dann jedoch ein drastischer Forderungskatalog, der Repressalien, Kollektivbestrafungen, eine Gängelung der Fans und fragwürdige Eingriffe in Persönlichkeitsrechte beinhaltet. Kostengünstige Stehplätze, Fahnen, Fanclubs und Auswärtsfahrten werden plötzlich als Privilegien gesehen, die auch bei Einzelverstössen jederzeit zu entziehen sind. Das ist in dieser Form nicht hinzunehmen und betrifft nicht nur den im Fanclub organisierten Kurvensteher, sondern jeden Fussballbegeisterten, der den Stadionbesuch der sterilen Sportsbar mit Sky-TV vorzieht.

Einerseits implizieren die vorgeschlagenen Massnahmen, dass in den Stadien im deutschen Profifussball die gerne zitierten ‚bürgerkriegsähnlichen Zustände‘ herrschen. Andererseits können DFB und Politik bis zum heutigen Tage den vermeintlichen Anstieg von Gewalt im Rahmen von Fussballspielen nur mit subjektiven Eindrücken belegen. Insbesondere diesen Punkt nehmen die Verantwortlichen von Union Berlin zum Anlass, um sich in ihrer Stellungnahme zum Strategiepapier gegen die Vorschläge von DFB / DFL zu stellen (siehe Positionierung des Präsidiums 1. FC Union Berlin eV.).

Die Antwort der ‚Eisernen‘ – der sich offiziell in ähnlicher Form u. a. mittlerweile auch die Vereine Hertha BSC, FC Augsburg, VfL Wolfsburg, Fortuna Düsseldorf und FC St. Pauli angeschlossen haben – verdeutlicht, dass „DFB und DFL offenkundig einer Fehleinschätzung der gegenwärtigen Tendenzen und darauf aufbauend falschen Schlussfolgerungen unterliegen“. Weiter heisst es bei Union Berlin: […] „Als Hauptargument wird derzeit wieder eine vermeintliche Eskalation von Gewalt in den und um die Fußballstadien angeführt, die sich jedoch durch exakte und belastbare Zahlen kaum nachweisen lässt (so fehlt es bis heute an einer nachvollziehbaren Aufschlüsselung der Verletztenstatistik bei Fußballspielen, ebenso wie in der öffentlichen Diskussion ausgeblendet wird, dass selbst bei unbereinigter Statistik beispielsweise das Münchener Oktoberfest im Vergleich zum Bundesligafußball eine „Bürgerkriegszone“ darstellen müsste). Hinzu kommt, dass das vermeintliche subjektive Bedrohungsgefühl zumindest aus der Masse der fast zwanzig Millionen Stadionbesucher gar nicht artikuliert wird, sondern ebenfalls fragwürdig leichtsinnig und unbewiesen ins Feld geführt wird“ […]

Wir fragen uns, wie es zu der Schieflage in der Bewertung der Situation durch DFB und DFL kommt? Vielleicht hilft ein kurzer Blick zurück…

ARD-Poster ‚Helden‘

Sommer 2011: Gegen Ende der Vorsaison kommt es zu einigen Vorfällen (auch in Frankfurt), die von den Medien unverhältnismässig aufgebauscht werden. Die Politik mischt sich ein, so auch Hessens Innenminister Boris Rhein. Erste Forderungen zur Bändigung der „Chaoten und Randalierer“ werden laut. Der DFB verhängt unsinnige Pauschalstrafen gegen Fans und Vereine. Dennoch startet die ARD-Sportschau – augenscheinlich noch berauscht von der Berichterstattung über das Sommerfest der Frauen-WM im eigenen Lande – mit einer peinlichen City-Poster-Kampagne die Vermarktung der kommenden Saison. Werbewirksame und bewusst eingesetzte Verstärker: emotionalisierte Fans und Leuchtmittel (siehe Abb.)!

Im Laufe der Saison 2011/12 wird allerdings jedes in Stadien abgebrannte Bengalo medial genutzt, um eine vermeintliche Eskalation auf den Rängen darzustellen. Platzstürme werden durch TV und Presse plötzlich zu Gewaltexzessen überzeichnet – doch wo genau ist der anscheinend so schlimme Unterschied zwischen den Zuschauern, die unsere Helden 1954 über den Rasen des Berner Wankdorfstadion trugen oder den erst feiernden, dann bestürzten Schalke-Fans bei der Meisterschaft der Herzen 2001, zu den Düsseldorfer Anhängern beim Relegationssieg gegen Hertha BSC 2012? Und wieviele Verletzte gab es beim Aufstiegsjubel der Eintrachtfans vergangene Saison in Aachen? Ach, es gab gar keine?

Im November 2011 bricht der DFB die Gespräche mit der Faninitiative Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren kommentarlos ab (auch wenn ich es ausdrücklich nicht befürworte: dass aus einer Protesthaltung heraus anschliessend in den Stadien noch heftiger gezündelt wird, hat sich der DFB damit wohl selbst zuzuschreiben). Fast gleichzeitig bildet sich die Task Force Sicherheit – auch auf Druck der Politik. Der Sicherheitsgipfel im Juli 2012, in dessen Rahmen die Vereine (Ausnahme Union Berlin) den Verhaltenskodex unterzeichnen, zeigt dann deutlich den eingeschlagenen Weg: die Innenminister der Länder (Bundesinnenminsterkonferenz) und DFB verlangen von den Profiklubs eine klare Haltung und die uneingeschränkte Unterstützung beim, äh… „Kampf gegen den Terror“? Die Vereine scheinen in der Mehrheit diese Richtung mitzugehen.

Wir wollen nichts unter den Teppich kehren. Es gibt auch im Umfeld des Fussballs durchaus erschreckende Auswüchse – zum Beispiel der Überfall auf einen M’gladbacher Fanbus. Doch diese finden in der Mehrheit ausserhalb der Stadien statt und sind nicht dem Fussballfan und den Vereinen pauschal anzulasten. Die vorgeschlagenen Massnahmen des Ligaverbandes greifen jedoch nicht bei Fällen, die generell zu unseren gesellschaftlichen Problemen gehören. Oder verpflichtet der ADAC jeden Autofahrer dazu, Repressalien durch die Verkehrspolizei hinzunehmen, weil es gefährliche Drängler auf Deutschlands Autobahnen gibt? Anderes Beispiel: Würdest Du, lieber Leser, akzeptieren, Dich beim Betreten des Hamburger DOM an einer Einlasskontrolle komplett zu entkleiden und durchsuchen zu lassen, weil es bei dem Volksfest desöfteren Messerstechereien gab?

Leider muss man zusammenfassend feststellen: Die Motivation und die Inhalte des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis zeugen von einer Sichtweise fernab der Realität. In Konferenzräumen und Businesslogen hat sich eine Welt entwickelt, die auf dem Schulterschluss von Medien, Politik, Wirtschaft und Funktionärstum basiert. Wer sich in dieser abgeschotteten Welt bewegt, versteht nicht mehr, was in den Kurven und Rängen des Stadions passiert. Der normale Fan wird mit mitleidvoller Geste als anachronistisch betrachtet. Familienväter mit ihren Kindern sollen Kunden werden, keine Schlachtenbummler mit möglichen Missfallensäusserungen. Kuttenträger sind aus dem Blick der ‚Macher‘ nur noch im Liga-Trailer der DFL existenzberechtigt, um für ein buntes Bild zu sorgen. Alles, was nicht in das Weltbild der Verantwortlichen passt, wird früher oder später verschwinden.

Wohin die Entwicklung zur totalen Kommerzialisierung beispielsweise führen kann, liess sich erst wieder vergangenen Dienstag beim Länderspiel in Berlin beobachten. Erste Halbzeit, Spielstand 3:0, die deutsche Nationalmannschaft bietet ein mitreissendes, sensationelles Match. Auf den Rängen aber herrscht phasenweise eine Totenstille, als ob zur Gedenkminute aufgerufen wurde. Ist das das vom DFB angestrebte Stadionerlebnis?

Die Profivereine haben jetzt pflichtgemäss ihre Stellungnahmen zum Thema eingereicht, die im Dezember auf einer gemeinsamen Konferenz besprochen werden. Seitens der Eintracht wurde bei einem Treffen mit Fanvertretungen vergangenen Donnerstag mitgeteilt, dass deren Meinung im Statement Berücksichtigung findet (Nachtrag vom 22.10.2012: Link zur beachtlichen Stellungnahme s. u.!). Dennoch überwiegt die Skepsis, dass sich eine breite Mehrheit an Vereinen findet, die sich schützend vor die Belange und Bedürfnisse der Fans stellt. Die Stellungnahmen dürften in der Gesamtheit eher zustimmend ausfallen

Der Fussball, so wie wir ihn kennen, steht spätestens jetzt vor einem Scheideweg…

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Liebe LeserInnen: Ich freue mich gerade bei diesem Thema auf Euer Feedback und Hinweise, falls ich eigenen Fehleinschätzungen oder -informationen unterliege! Weitere Entwicklungen in der Causa Sicheres Stadionerlebnis werde ich natürlich in Folgeartikeln begleiten!

NACHTRAG: hier der Link zur überarbeiteten zweiten Version des Konzepts Sicheres Stadionerlebnis mit Gültigkeit für die Konferenz am 12.12.!

[Weiterführende Links: das Strategiepapier ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ des Ligaverbandes im .pdf-Format | Politik macht Druck (faz.net vom 22.10.2012) | „Da reden Personen, die keine Ahnung haben“ (11freunde.de-Interview mit Ex-DFB-Sicherheitschef) | Offizielle Stellungnahme der Eintracht Frankfurt Fussball AG]

Dienstagabend, draussen im Stadtwald – in der 28. Spielminute jagt der Dortmunder Reus den Ball per Direktabnahme unhaltbar für Kevin Trapp ins Eck, nachdem schon drei Minuten davor ein unglücklich abgefälschter Ball den Frankfurter Torwart auf dem falschen Fuss erwischte. Spielstand 0:2. Neben mir meint jemand: „Auweia, jetzt gibt’s ’ne Klatsche für uns“.

Zur Faszination beim Fussball gehört, dass für den Fan nicht nur Siege für emotionale Höhepunkte sorgen, sondern auch die Niederlagen. Wir Frankfurter denken voller Melancholie an das Jahr 1992, als in Rostock die Meisterschaft verpasst wurde und erinnern uns, wie wir starr vor Schreck den grausamen Abstieg in der Rückrunde 2010/11 verfolgen mussten. Schalke-Fans haben das ‚Meister der Herzen‘-Trauma, die Bayern die Championsleague-Niederlage gegen ManU von 1999 im Gedächtnis. Solche Erlebnisse prägen den Fan und binden uns noch enger an den Verein.

Und dann gibt es diese anderen Momente wie am gestrigen Abend, die ebenfalls das Faszinosum Fussball ausmachen: das Gefühl, an etwas ganz Besonderem teilzuhaben. Ein einmaliges Spiel. Das Wir-Gefühl. Stolz, Anerkennung und Liebe. Und vielleicht sogar der Beginn einer neuen Ära…

Nach einem unglaublichen Start in die neue Saison empfängt Eintracht Frankfurt nach vier Siegen den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund. Dienstagabend, volles Haus, Flutlichtspiel. Die Eintracht kann mit breiter Brust auftreten und hat nichts zu verlieren: nach den bisherigen erfolgreichen Auftritten der Mannschaft würde jeder eine Niederlage gegen den BVB akzeptieren. Dann lieber am nächsten Sonntag Freiburg schlagen… wir spielen um den Klassenerhalt!

Zur Pause steht es also 0:2. Mario Götze, der für den angeschlagenen Reus kommt, läuft sich auf dem Rasen warm. Mit Grosskreutz und Gündogan werden die Dortmunder im Laufe der zweiten Halbzeit noch weitere Nationalspieler einwechseln, während wir erstaunt verfolgen, wie unser ‚2. Liga-Kader‘ das Spiel nach Wiederanpfiff aufnimmt. Balleroberung, Tempo, Druck nach vorne. Erst Aigner, dann Inui. Plötzlich steht es 2:2 und es sind noch vierzig Minuten zu spielen. Das Waldstadion bebt!

Als kurz darauf ausgerechnet Götze wiederum den BVB in Führung bringt, dauert das Entsetzen auf den Rängen nur wenige Sekunden. Denn alle spüren, dass da unten auf dem Rasen noch etwas passieren wird. Dass die Jungs im Eintrachttrikot nicht die Köpfe hängen lassen. Dass da eine andere Mannschaft auf dem Feld steht – nicht zu vergleichen mit dem, was wir in den vergangenen Jahren alles erlebt haben.

Und so kommt es. Die Jungs stürmen weiter, bringen den BVB ständig in Bedrängnis. Und in der 73. Spielminute gibt es kein Halten mehr: Anderson köpft Oczipkas Flanke ins Dortmunder Tor. Ausgleich. 3:3!

Bambas Treffer symbolisiert die Eintracht dieser Tage: mit dem festen Willen, diesen Kopfball Richtung Tor zu bringen, tankt sich unser Innenverteidiger der Flanke entgegen und wuchtet aus vollem Lauf den Ball ins Netz. Keine Abwehr kann einer solchen Energieleistung etwas entgegensetzen.

Dienstagabend, 22 Uhr. Tabellenzweiter, weiterhin fünf Punkte Vorsprung vor Dortmund. Bisher ungeschlagen in dieser noch jungen Saison (Aue? Wo liegt Aue? Ich kenne dieses Aue nicht!). Und ein Spiel einer Mannschaft, die an sich glaubt, die den Spass am Fussball vermittelt, neunzig Minuten kämpft und für Furore sorgt. Der Ausblick auf die nächsten zwei Gegner (Freiburg und Gladbach) und das verschmitzte Lächeln meines Nebenmannes, weil auch er insgeheim an sechs weitere Punkte denkt.

Ein schönes Gefühl. Hat etwas von Entschädigung für lange, triste Jahre. Wiedergutmachung für den blamablen Abstieg. Ein Streicheln der Fanseele.

Herrlich, diese Vorfreude auf kommenden Sonntag! Da geht es ja wieder nur um den Klassenerhalt…

Links: Gänsehaut-Festspiele (Spielbericht auf 11freunde.de)

Wie soll man das verstehen? Nachdem Eintracht Frankfurt gegen das Urteil* des DFB-Kontrollausschuss Einspruch erhoben hat, kam es am Freitag zur Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht. In der achtstündigen Sitzung wird dem Verein von allen Seiten bestätigt, vorbildlich und umfassend alles dafür getan zu haben, um die Sicherheit während der Spiele zu gewährleisten. Mängel seitens der Eintracht seien nicht festzustellen.

[* Teilausschluss von 30.000 Zuschauern beim ersten Saisonheimspiel wegen der Vorkommnisse in den 2.Liga-Partien gegen Aachen, Karlsruhe und 1860 München]

Dennoch urteilt am Abend Richter Hans E. Lorenz, dass es bei dem angekündigten Strafmass bleibt und verhängt zusätzliche EUR 50.000 Geldstrafe. Das Urteil wird begründet mit §9a der DFB-Rechtsordnung („der Verein ist für das Verhalten seiner Fans verantwortlich“).

Die Eintracht hat somit alles richtig gemacht, wird aber trotzdem bestraft. Und eine Begründung für die ‚Sippenhaft‘, mit der 30.000 potentielle Stadionbesucher des Heimspiels gegen Leverkusen konfrontiert werden, wurde gar nicht erst vorgelegt.

Interessant auch eine Randnote: Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses – Anton Nachreiner – verliess direkt nach seinem Plädoyer den Verhandlungssaal Richtung Heimat und bekam so das Schlusswort der Eintracht-Verantwortlichen gar nicht mehr mit. Prozessbeobachter hatten das Gefühl (so lt. Klaus Veit von der Frankfurter Neuen Presse), „dass Nachreiner der Verlauf der Verhandlung egal sei und sein Strafantrag schon vorher feststand“.

Ein Witz.

Nimmt man das Sportgerichtsurteil als Massstab, könnte es zukünftig im übertragenen Sinne also so aussehen:

… wird ein Angetrunkener beim Rumpöbeln in der U-Bahn erwischt, muss der Verkehrsverbund an die Stadt Frankfurt Strafe zahlen und alle Fahrtgäste aus den ersten zwei Waggons haben den Zug sofort zu verlassen!

… wird ein Fahrzeug auf der Autobahn gestoppt, dass durch Drängeln mit der Lichthupe aufgefallen ist, zahlt das Bundesland, das den entsprechenden Autobahnabschnitt betreut, eine Geldstrafe in die Staatskasse. Alle Autofahrer, die sich bis fünf Kilometer hinter dem Rowdie befinden, haben für den Rest des Tages Fahrverbot auf allen Bundesautobahnen!

… bei einem Ladendiebstahl in einem Einkaufcenter zahlt der betroffene Einzelhändler eine Strafe an die Verwaltungsgesellschaft der Shopping-Mall. Allen Anwesenden des gesamten Erdgeschosses wird umgehend ein zweiwöchiges Hausverbot ausgesprochen!

Übertreibe ich gerade?

Der DFB scheint partout am Motto „Strafe muss sein“ festhalten zu wollen. Unterstrichen wird diese bornierte Haltung durch den vergangene Woche präsentierten Verhaltenskodex, den die Innenministerkonferenz gemeinsam mit DFB und DFL ausarbeitete und der in vorgelegter Form das Gefallen der deutschen Profivereine fand. Dass sich der DFB mit seinen Urteilen gerne widerspricht (das Wort Willkür lassen wir mal aussen vor), zeigt der sehr interessante Blogartikel von magischerfc.de an der Causa ‚Kassenrollenwurf‘ auf (übrigens auch wieder mit Hauptdarsteller Anton Nachreiner). Lesenswert: Hoffenheim zahlt die Kasse!

Normalerweise sind die Fussball-Sommerpausen – insbesondere für den Eintracht-Fan – eine eher zähe Angelegenheit (bisherige Ausnahme 2011 aufgrund der Kürze und dem schnellen Handlungsbedarf). Wochenlang dürfen die Anhänger über Ab- und Neuzugänge spekulieren, bis dann kurz vor Ende der Transferfrist der Verein die Namen neuer Spieler präsentiert. Ansonsten: unspektakuläre Meldungen aus den Trainingslagern und von wenig aussagekräftigen Testspielen.

Dieses Jahr ist es deutlich kurzweiliger. Schon frühzeitig hat die Mannschaft durch neue Spieler ein interessantes Profil erhalten, lediglich über die notwendigen Verstärkungen in der Defensive darf noch gerätselt werden. Zwischendurch bekamen wir dann Fussball-EM auf die Mattscheiben geschickt, so dass das Warten auf die Bundesliga erträglicher wurde.

Nächster Höhepunkt die Diskussion über die Suche nach dem neuen Hauptsponsor, in die sich zuletzt sogar die Frankfurter Politik und Boris Rhein (der den Frankfurtern augenscheinlich die Wahlniederlage noch immer nicht verzeiht) einmischten. Eine Biermarke als Trikotwerbung? „Um Gottes Willen, denkt an unsere Kinder!“

Dass KROMBACHER (so wird er wohl ab Donnerstag heissen, der neue Hauptsponsor) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Präsenter der ARD-Sportschau und von Live-Übertragungen willkommen ist, vergessen die politisch-populistischen Schreihälse leider. Und dass BITBURGER (um noch eine andere Brauerei zu nennen) als Hauptsponsor der ach so sauberen und braven Jungs von Bundes-Jogi fungiert, ist den Damen und Herren im Römer und in Wiesbaden anscheinend ebenfalls entgangen. Ausserdem: Unternehmen, die bereit sind, über 5 Millionen Euro in eine Fussballmannschaft zu stecken, wachsen nicht gerade auf den Bäumen. Auch nicht in Frankfurt, der beinahe grünsten Stadt Europas. Zumal der Römer unserer Eintracht durch die horrende Stadionmiete das Wirtschaften nicht einfacher macht…

Ebenfalls interessant wird die Entscheidung beim DFB am kommenden Freitag, nachdem die Eintracht gegen den verhängten Teilausschluss der Fans für das erste Saisonheimspiel (siehe auch „DFB verhängt harte Strafen“) Einspruch eingelegt hat. Wobei das Ergebnis wohl nicht überraschend ausfallen wird…

[NACHTRAG VOM 21. Juli 2012: Nach achtstündiger Verhandlung am 20.07. wurde der Einspruch vom Sportgericht des DFB nicht anerkannt. Trotz des Zugeständnis seitens der Verhandlungsführer, dass Eintracht Frankfurt keine Fehler gemacht habe und sogar vorbildlich in Sachen Sicherheitsmassnahmen und Kommunikation mit den eigenen Fans sei, bestätigte der Ausschuss unter der Leitung von Hans E. Lorenz die Begrenzung auf 20.000 Zuschauer beim ersten Saisonspiel gegen Bayer Leverkusen und verhängte zudem eine Geldstrafe in Höhe von EUR 50.000,- für den Verein. Da die Vertreter der Eintracht in der Sitzung augenscheinlich einen angebotenen Vergleich abgelehnt haben und sich nach der Verhandlung verärgert zur Strafe äusserten, ist damit zu rechnen, dass der Verein in die Berufung vor das DFB-Bundesgerichts gehen wird.]

Bis dann die neuen Defensivspieler präsentiert werden (auch das wird wohl bald geschehen, Trainer Veh pocht darauf!), wenden wir uns der Erquickung halber zwei anderen Themen zu:

BLATTER UND DIE ETHIKREGELN

Schade, dass der Blatter Sepp mit seiner Kampfansage schon wieder zurückgerudert ist. Es wäre sehr interessant zu hören, was er alles als Retourkutsche auf die Korruptionsvorwürfe gegen ihn über die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland zu erzählen hätte – schliesslich war er bei allen Entscheidungen und Vorgängen direkt beteiligt. Dass da einiges nicht ganz sauber verlief und die deutschen Funktionsträger alle Mittel nutzten, wurde schon desöfteren verlautbart, erreichte jedoch nie die grosse Öffentlichkeit. Der FIFA-Präsident hätte da bestimmt mehr Aufmerksamkeit gefunden.

So aber hat der FIFA-Präsident lieber klein beigegeben und sich gestern mit seiner Ethikkommission auf ganz tolle Regeln verständigt, die dann auch ab sofort gelten sollen: Nie mehr Korruption in der FIFA! Totale Transparenz! Absolute Fairness!

Dass dennoch die Schweizer Staatsanwaltschaft im Sauhaufen FIFA mal ordentlich ausmisten und sich dieser Milliardenkonzern endlich internationalen Unternehmensrichtlinien stellen müsste, ist eine ganz persönliche Anmerkung des Autors dieser Zeilen.

FRIEDRICH UND DER VERHALTENSKODEX

Der Bundesinnenminister schoss vorsorglich schon mal einen Warnschuss ab: „Weg mit den Stehplätzen!“. Dann trafen sich gestern die Vertreter aller Profivereine (nur Union Berlin boykottierte die Einladung*), der DFL und des DFB in Berlin zum Sicherheitsgipfel, damit die Vereine den von der Innenministerkonferenz ausgearbeiteten Verhaltenskodex im Kampf gegen Gewalt in deutschen Stadien abnicken durften. Fanvertreter waren nicht eingeladen.

In Kurzform: Der beschlossene ’sog. Verhaltenskodex‘ fordert von den Vereinen zukünftig eine härtere Bestrafung bei Vergehen wie Randale oder Pyrotechnik. Dass die Differenzierung aussen vor gelassen wurde, verwundert nicht. Damit lassen Politik und DFB die Vereine weiterhin im Stich und schieben ihnen eine unlösbare Aufgabe zu. Dass die Vereine diesem widerspruchslos zugestimmt und den vorgelegten Kodex einfach unterzeichnet haben, ist dabei die grösste Enttäuschung.

Die ganze Veranstaltung war reine Symbolik. Und zwischen den Zeilen steckt pure Ahnungs- und Hilflosigkeit im Umgang mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen / Problemen…

Interessant ist übrigens diese Aussage im Kodex: […] „Wir sagen Nein zu Pyrotechnik im Stadion und im Umfeld von Fussballspielen“ […]. Das dürfte dann auch Showeinlagen beim DFB-Pokalfinale oder Länderspielen der Nationalmannschaft betreffen! Oder?

Schnell noch eine Meldung, die ich gerade auf dem Blog von stadtkindffm entdeckte: der Adlerblog wird die Onlinepräsenz niederlegen, da Eintracht Frankfurt aus lizenzrechtlichen Gründen gegen den Blogbetreiber vorgehen wird. Näheres darüber ist hier zu lesen!

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* Laut Vereinssprecher Christian Arbeit bemängelten die Vertreter von 1. FC Union Berlin die viel zu kurzfristige Vorabinformation über die zu beschliessenden Punkte

Dass da noch etwas kommt, war klar, aber mit einer solch heftigen Strafmassnahme seitens des DFB habe ich nicht gerechnet: Nach etwas längerer ‚Bedenkzeit‘ beantragt der DFB-Kontrollausschuss für die Vorkommnisse im Rahmen der Auswärtsspiele der Eintracht Frankfurt bei Allemania Aachen und Karlsruher SC, sowie für den Platzsturm im Heimspiel gegen 1860 München einen Teilausschluss der Fans für das erste Heimspiel in der kommenden Bundesligasaison 2012/13.

Statt 50.000 Zuschauer in einem vollbesetzten Waldstadion (hin und wieder medial auch als Commerzbank-Arena bezeichnet) – der sommerliche Saisonauftakt ‚zuhause‘ würde sicherlich gegen jeden Gegner die Massen anziehen – sollen laut DFB nur 20.000 Fans dem ersten Spiel beiwohnen dürfen (aufgeteilt in 15.000 Heim- und 5.000 Gästefans). Eintracht Frankfurt drohen damit ca. EUR 500.000 Einnahmeverlust und – emotional noch schlimmer – willkürlich bestrafte 30.000 Fans sollen daran gehindert werden, das Spiel zu sehen.

Damit jedoch nicht genug: 1. FC Köln, Dynamo Dresden und Hertha BSC winken ebenfalls Spiele mit stark beschränkten Zuschauerzahlen, Fortuna Düsseldorf und Karlsruher SC wurden jeweils zu einem Spiel vor komplett leeren Zuschauerrängen verdonnert. Will der DFB ein Exempel statuieren?

Während Berlins Sportgeschäftsführer Michael Preetz bereits Einspruch erhebt, erbittet sich Frankfurts Vorstandsetage gegenüber den Medien noch Zeit für eine Reaktion – erst kommende Woche wolle man sich konkreter zur verhängten Strafe äussern. Und das ist richtig.

Über die Problematik mit Pyrotechnik im Stadion und die Minderzahl Idioten, die es immer wieder schaffen, eine komplette Fanszene in Misskredit zu bringen, habe ich mich bereits mehrfach geäussert (entsprechende Artikel meines Blogs). Und da immer wieder von ‚bürgerkriegsähnlichen Situationen‘ in den Stadien berichtet wird, eine relativierende Zahl dazu: Am ‚berüchtigten‘ Platzsturm der Eintrachtfans beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln (Saison 2011/12) waren 0,5% der Stadion-besucher beteiligt (das Spiel war mit ca. 50.000 Zuschauern ausverkauft)! Die relevanten Folgen: Eine beschädigte High-Tech-Kamera, einige vom Pfefferspray-Einsatz der Polizei verletzte ‚Platzstürmer‘ und der daraufhin erfolgte pauschale Teilausschluss der Fans und Einnahmeverluste beim ersten Zweitligaheimspiel gegen den FC St. Pauli…

Warum werden durch den DFB die Vereine und ’normalen‘ Fans dermassen bestraft? Ahnungs-losigkeit? Hilflosigkeit? Nur mal am Rande: Das Abbrennen eines Bengalos im Stadion lässt sich ebenso wenig vermeiden wie die Schlägerei beim Dorffest. Da nützen alle Vorkehrungen und Gesetz-gebungen nichts. Ist einfach so (um es nochmals klarzustellen: Ich distanziere mich von Gewalt und andere Menschen gefährdende Handlungen) – wer es nicht glaubt, begleite mich demnächst zu einer privaten Stadionführung!

Der Vorstand der Eintracht wäre gut beraten, sich mit den anderen betroffenen Vereinen zusammen-zuschliessen und sich gegen die Beschlüsse des DFB-Kontrollauschuss zu wehren. Und die DFL (u.a. Interessenverbund der deutschen Profi-Vereine) sollte sich endlich gegenüber dem DFB positionieren: Die ‚Rechtsprechung‘ des Deutschen Fussballbundes (die vor einem ordentlichen Gericht an- scheinend keine Chance hätte) ist ein Rundumschlag alter Männer, die vor der Realität die Augen verschliessen.

Interessant könnte es werden, wenn Initiativen wie der ‚Nordwestkurvenrat‚ geschlossen mit allen Mitgliedern vor ein ordentliches Gericht ziehen und gegen den pauschalen Ausschluss klagen würden – dem DFB dürfte eine Niederlage drohen! Aber das ist – angesichts der aktuelllen Grabenkämpfe in der Fanszene – eher Utopie als Realität. Schade, eigentlich…

[Weiterführende Links: Überraschende Härte (fr-online.de), Wieder vor leeren Rängen (fnp.de) vom 14. Juni 2012]