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Dienstagabend, draussen im Stadtwald – in der 28. Spielminute jagt der Dortmunder Reus den Ball per Direktabnahme unhaltbar für Kevin Trapp ins Eck, nachdem schon drei Minuten davor ein unglücklich abgefälschter Ball den Frankfurter Torwart auf dem falschen Fuss erwischte. Spielstand 0:2. Neben mir meint jemand: „Auweia, jetzt gibt’s ’ne Klatsche für uns“.

Zur Faszination beim Fussball gehört, dass für den Fan nicht nur Siege für emotionale Höhepunkte sorgen, sondern auch die Niederlagen. Wir Frankfurter denken voller Melancholie an das Jahr 1992, als in Rostock die Meisterschaft verpasst wurde und erinnern uns, wie wir starr vor Schreck den grausamen Abstieg in der Rückrunde 2010/11 verfolgen mussten. Schalke-Fans haben das ‚Meister der Herzen‘-Trauma, die Bayern die Championsleague-Niederlage gegen ManU von 1999 im Gedächtnis. Solche Erlebnisse prägen den Fan und binden uns noch enger an den Verein.

Und dann gibt es diese anderen Momente wie am gestrigen Abend, die ebenfalls das Faszinosum Fussball ausmachen: das Gefühl, an etwas ganz Besonderem teilzuhaben. Ein einmaliges Spiel. Das Wir-Gefühl. Stolz, Anerkennung und Liebe. Und vielleicht sogar der Beginn einer neuen Ära…

Nach einem unglaublichen Start in die neue Saison empfängt Eintracht Frankfurt nach vier Siegen den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund. Dienstagabend, volles Haus, Flutlichtspiel. Die Eintracht kann mit breiter Brust auftreten und hat nichts zu verlieren: nach den bisherigen erfolgreichen Auftritten der Mannschaft würde jeder eine Niederlage gegen den BVB akzeptieren. Dann lieber am nächsten Sonntag Freiburg schlagen… wir spielen um den Klassenerhalt!

Zur Pause steht es also 0:2. Mario Götze, der für den angeschlagenen Reus kommt, läuft sich auf dem Rasen warm. Mit Grosskreutz und Gündogan werden die Dortmunder im Laufe der zweiten Halbzeit noch weitere Nationalspieler einwechseln, während wir erstaunt verfolgen, wie unser ‚2. Liga-Kader‘ das Spiel nach Wiederanpfiff aufnimmt. Balleroberung, Tempo, Druck nach vorne. Erst Aigner, dann Inui. Plötzlich steht es 2:2 und es sind noch vierzig Minuten zu spielen. Das Waldstadion bebt!

Als kurz darauf ausgerechnet Götze wiederum den BVB in Führung bringt, dauert das Entsetzen auf den Rängen nur wenige Sekunden. Denn alle spüren, dass da unten auf dem Rasen noch etwas passieren wird. Dass die Jungs im Eintrachttrikot nicht die Köpfe hängen lassen. Dass da eine andere Mannschaft auf dem Feld steht – nicht zu vergleichen mit dem, was wir in den vergangenen Jahren alles erlebt haben.

Und so kommt es. Die Jungs stürmen weiter, bringen den BVB ständig in Bedrängnis. Und in der 73. Spielminute gibt es kein Halten mehr: Anderson köpft Oczipkas Flanke ins Dortmunder Tor. Ausgleich. 3:3!

Bambas Treffer symbolisiert die Eintracht dieser Tage: mit dem festen Willen, diesen Kopfball Richtung Tor zu bringen, tankt sich unser Innenverteidiger der Flanke entgegen und wuchtet aus vollem Lauf den Ball ins Netz. Keine Abwehr kann einer solchen Energieleistung etwas entgegensetzen.

Dienstagabend, 22 Uhr. Tabellenzweiter, weiterhin fünf Punkte Vorsprung vor Dortmund. Bisher ungeschlagen in dieser noch jungen Saison (Aue? Wo liegt Aue? Ich kenne dieses Aue nicht!). Und ein Spiel einer Mannschaft, die an sich glaubt, die den Spass am Fussball vermittelt, neunzig Minuten kämpft und für Furore sorgt. Der Ausblick auf die nächsten zwei Gegner (Freiburg und Gladbach) und das verschmitzte Lächeln meines Nebenmannes, weil auch er insgeheim an sechs weitere Punkte denkt.

Ein schönes Gefühl. Hat etwas von Entschädigung für lange, triste Jahre. Wiedergutmachung für den blamablen Abstieg. Ein Streicheln der Fanseele.

Herrlich, diese Vorfreude auf kommenden Sonntag! Da geht es ja wieder nur um den Klassenerhalt…

Links: Gänsehaut-Festspiele (Spielbericht auf 11freunde.de)

Wie soll man das verstehen? Nachdem Eintracht Frankfurt gegen das Urteil* des DFB-Kontrollausschuss Einspruch erhoben hat, kam es am Freitag zur Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht. In der achtstündigen Sitzung wird dem Verein von allen Seiten bestätigt, vorbildlich und umfassend alles dafür getan zu haben, um die Sicherheit während der Spiele zu gewährleisten. Mängel seitens der Eintracht seien nicht festzustellen.

[* Teilausschluss von 30.000 Zuschauern beim ersten Saisonheimspiel wegen der Vorkommnisse in den 2.Liga-Partien gegen Aachen, Karlsruhe und 1860 München]

Dennoch urteilt am Abend Richter Hans E. Lorenz, dass es bei dem angekündigten Strafmass bleibt und verhängt zusätzliche EUR 50.000 Geldstrafe. Das Urteil wird begründet mit §9a der DFB-Rechtsordnung („der Verein ist für das Verhalten seiner Fans verantwortlich“).

Die Eintracht hat somit alles richtig gemacht, wird aber trotzdem bestraft. Und eine Begründung für die ‚Sippenhaft‘, mit der 30.000 potentielle Stadionbesucher des Heimspiels gegen Leverkusen konfrontiert werden, wurde gar nicht erst vorgelegt.

Interessant auch eine Randnote: Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses – Anton Nachreiner – verliess direkt nach seinem Plädoyer den Verhandlungssaal Richtung Heimat und bekam so das Schlusswort der Eintracht-Verantwortlichen gar nicht mehr mit. Prozessbeobachter hatten das Gefühl (so lt. Klaus Veit von der Frankfurter Neuen Presse), „dass Nachreiner der Verlauf der Verhandlung egal sei und sein Strafantrag schon vorher feststand“.

Ein Witz.

Nimmt man das Sportgerichtsurteil als Massstab, könnte es zukünftig im übertragenen Sinne also so aussehen:

… wird ein Angetrunkener beim Rumpöbeln in der U-Bahn erwischt, muss der Verkehrsverbund an die Stadt Frankfurt Strafe zahlen und alle Fahrtgäste aus den ersten zwei Waggons haben den Zug sofort zu verlassen!

… wird ein Fahrzeug auf der Autobahn gestoppt, dass durch Drängeln mit der Lichthupe aufgefallen ist, zahlt das Bundesland, das den entsprechenden Autobahnabschnitt betreut, eine Geldstrafe in die Staatskasse. Alle Autofahrer, die sich bis fünf Kilometer hinter dem Rowdie befinden, haben für den Rest des Tages Fahrverbot auf allen Bundesautobahnen!

… bei einem Ladendiebstahl in einem Einkaufcenter zahlt der betroffene Einzelhändler eine Strafe an die Verwaltungsgesellschaft der Shopping-Mall. Allen Anwesenden des gesamten Erdgeschosses wird umgehend ein zweiwöchiges Hausverbot ausgesprochen!

Übertreibe ich gerade?

Der DFB scheint partout am Motto „Strafe muss sein“ festhalten zu wollen. Unterstrichen wird diese bornierte Haltung durch den vergangene Woche präsentierten Verhaltenskodex, den die Innenministerkonferenz gemeinsam mit DFB und DFL ausarbeitete und der in vorgelegter Form das Gefallen der deutschen Profivereine fand. Dass sich der DFB mit seinen Urteilen gerne widerspricht (das Wort Willkür lassen wir mal aussen vor), zeigt der sehr interessante Blogartikel von magischerfc.de an der Causa ‚Kassenrollenwurf‘ auf (übrigens auch wieder mit Hauptdarsteller Anton Nachreiner). Lesenswert: Hoffenheim zahlt die Kasse!

Normalerweise sind die Fussball-Sommerpausen – insbesondere für den Eintracht-Fan – eine eher zähe Angelegenheit (bisherige Ausnahme 2011 aufgrund der Kürze und dem schnellen Handlungsbedarf). Wochenlang dürfen die Anhänger über Ab- und Neuzugänge spekulieren, bis dann kurz vor Ende der Transferfrist der Verein die Namen neuer Spieler präsentiert. Ansonsten: unspektakuläre Meldungen aus den Trainingslagern und von wenig aussagekräftigen Testspielen.

Dieses Jahr ist es deutlich kurzweiliger. Schon frühzeitig hat die Mannschaft durch neue Spieler ein interessantes Profil erhalten, lediglich über die notwendigen Verstärkungen in der Defensive darf noch gerätselt werden. Zwischendurch bekamen wir dann Fussball-EM auf die Mattscheiben geschickt, so dass das Warten auf die Bundesliga erträglicher wurde.

Nächster Höhepunkt die Diskussion über die Suche nach dem neuen Hauptsponsor, in die sich zuletzt sogar die Frankfurter Politik und Boris Rhein (der den Frankfurtern augenscheinlich die Wahlniederlage noch immer nicht verzeiht) einmischten. Eine Biermarke als Trikotwerbung? „Um Gottes Willen, denkt an unsere Kinder!“

Dass KROMBACHER (so wird er wohl ab Donnerstag heissen, der neue Hauptsponsor) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Präsenter der ARD-Sportschau und von Live-Übertragungen willkommen ist, vergessen die politisch-populistischen Schreihälse leider. Und dass BITBURGER (um noch eine andere Brauerei zu nennen) als Hauptsponsor der ach so sauberen und braven Jungs von Bundes-Jogi fungiert, ist den Damen und Herren im Römer und in Wiesbaden anscheinend ebenfalls entgangen. Ausserdem: Unternehmen, die bereit sind, über 5 Millionen Euro in eine Fussballmannschaft zu stecken, wachsen nicht gerade auf den Bäumen. Auch nicht in Frankfurt, der beinahe grünsten Stadt Europas. Zumal der Römer unserer Eintracht durch die horrende Stadionmiete das Wirtschaften nicht einfacher macht…

Ebenfalls interessant wird die Entscheidung beim DFB am kommenden Freitag, nachdem die Eintracht gegen den verhängten Teilausschluss der Fans für das erste Saisonheimspiel (siehe auch „DFB verhängt harte Strafen“) Einspruch eingelegt hat. Wobei das Ergebnis wohl nicht überraschend ausfallen wird…

[NACHTRAG VOM 21. Juli 2012: Nach achtstündiger Verhandlung am 20.07. wurde der Einspruch vom Sportgericht des DFB nicht anerkannt. Trotz des Zugeständnis seitens der Verhandlungsführer, dass Eintracht Frankfurt keine Fehler gemacht habe und sogar vorbildlich in Sachen Sicherheitsmassnahmen und Kommunikation mit den eigenen Fans sei, bestätigte der Ausschuss unter der Leitung von Hans E. Lorenz die Begrenzung auf 20.000 Zuschauer beim ersten Saisonspiel gegen Bayer Leverkusen und verhängte zudem eine Geldstrafe in Höhe von EUR 50.000,- für den Verein. Da die Vertreter der Eintracht in der Sitzung augenscheinlich einen angebotenen Vergleich abgelehnt haben und sich nach der Verhandlung verärgert zur Strafe äusserten, ist damit zu rechnen, dass der Verein in die Berufung vor das DFB-Bundesgerichts gehen wird.]

Bis dann die neuen Defensivspieler präsentiert werden (auch das wird wohl bald geschehen, Trainer Veh pocht darauf!), wenden wir uns der Erquickung halber zwei anderen Themen zu:

BLATTER UND DIE ETHIKREGELN

Schade, dass der Blatter Sepp mit seiner Kampfansage schon wieder zurückgerudert ist. Es wäre sehr interessant zu hören, was er alles als Retourkutsche auf die Korruptionsvorwürfe gegen ihn über die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland zu erzählen hätte – schliesslich war er bei allen Entscheidungen und Vorgängen direkt beteiligt. Dass da einiges nicht ganz sauber verlief und die deutschen Funktionsträger alle Mittel nutzten, wurde schon desöfteren verlautbart, erreichte jedoch nie die grosse Öffentlichkeit. Der FIFA-Präsident hätte da bestimmt mehr Aufmerksamkeit gefunden.

So aber hat der FIFA-Präsident lieber klein beigegeben und sich gestern mit seiner Ethikkommission auf ganz tolle Regeln verständigt, die dann auch ab sofort gelten sollen: Nie mehr Korruption in der FIFA! Totale Transparenz! Absolute Fairness!

Dass dennoch die Schweizer Staatsanwaltschaft im Sauhaufen FIFA mal ordentlich ausmisten und sich dieser Milliardenkonzern endlich internationalen Unternehmensrichtlinien stellen müsste, ist eine ganz persönliche Anmerkung des Autors dieser Zeilen.

FRIEDRICH UND DER VERHALTENSKODEX

Der Bundesinnenminister schoss vorsorglich schon mal einen Warnschuss ab: „Weg mit den Stehplätzen!“. Dann trafen sich gestern die Vertreter aller Profivereine (nur Union Berlin boykottierte die Einladung*), der DFL und des DFB in Berlin zum Sicherheitsgipfel, damit die Vereine den von der Innenministerkonferenz ausgearbeiteten Verhaltenskodex im Kampf gegen Gewalt in deutschen Stadien abnicken durften. Fanvertreter waren nicht eingeladen.

In Kurzform: Der beschlossene ’sog. Verhaltenskodex‘ fordert von den Vereinen zukünftig eine härtere Bestrafung bei Vergehen wie Randale oder Pyrotechnik. Dass die Differenzierung aussen vor gelassen wurde, verwundert nicht. Damit lassen Politik und DFB die Vereine weiterhin im Stich und schieben ihnen eine unlösbare Aufgabe zu. Dass die Vereine diesem widerspruchslos zugestimmt und den vorgelegten Kodex einfach unterzeichnet haben, ist dabei die grösste Enttäuschung.

Die ganze Veranstaltung war reine Symbolik. Und zwischen den Zeilen steckt pure Ahnungs- und Hilflosigkeit im Umgang mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen / Problemen…

Interessant ist übrigens diese Aussage im Kodex: […] „Wir sagen Nein zu Pyrotechnik im Stadion und im Umfeld von Fussballspielen“ […]. Das dürfte dann auch Showeinlagen beim DFB-Pokalfinale oder Länderspielen der Nationalmannschaft betreffen! Oder?

Schnell noch eine Meldung, die ich gerade auf dem Blog von stadtkindffm entdeckte: der Adlerblog wird die Onlinepräsenz niederlegen, da Eintracht Frankfurt aus lizenzrechtlichen Gründen gegen den Blogbetreiber vorgehen wird. Näheres darüber ist hier zu lesen!

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* Laut Vereinssprecher Christian Arbeit bemängelten die Vertreter von 1. FC Union Berlin die viel zu kurzfristige Vorabinformation über die zu beschliessenden Punkte

Dass da noch etwas kommt, war klar, aber mit einer solch heftigen Strafmassnahme seitens des DFB habe ich nicht gerechnet: Nach etwas längerer ‚Bedenkzeit‘ beantragt der DFB-Kontrollausschuss für die Vorkommnisse im Rahmen der Auswärtsspiele der Eintracht Frankfurt bei Allemania Aachen und Karlsruher SC, sowie für den Platzsturm im Heimspiel gegen 1860 München einen Teilausschluss der Fans für das erste Heimspiel in der kommenden Bundesligasaison 2012/13.

Statt 50.000 Zuschauer in einem vollbesetzten Waldstadion (hin und wieder medial auch als Commerzbank-Arena bezeichnet) – der sommerliche Saisonauftakt ‚zuhause‘ würde sicherlich gegen jeden Gegner die Massen anziehen – sollen laut DFB nur 20.000 Fans dem ersten Spiel beiwohnen dürfen (aufgeteilt in 15.000 Heim- und 5.000 Gästefans). Eintracht Frankfurt drohen damit ca. EUR 500.000 Einnahmeverlust und – emotional noch schlimmer – willkürlich bestrafte 30.000 Fans sollen daran gehindert werden, das Spiel zu sehen.

Damit jedoch nicht genug: 1. FC Köln, Dynamo Dresden und Hertha BSC winken ebenfalls Spiele mit stark beschränkten Zuschauerzahlen, Fortuna Düsseldorf und Karlsruher SC wurden jeweils zu einem Spiel vor komplett leeren Zuschauerrängen verdonnert. Will der DFB ein Exempel statuieren?

Während Berlins Sportgeschäftsführer Michael Preetz bereits Einspruch erhebt, erbittet sich Frankfurts Vorstandsetage gegenüber den Medien noch Zeit für eine Reaktion – erst kommende Woche wolle man sich konkreter zur verhängten Strafe äussern. Und das ist richtig.

Über die Problematik mit Pyrotechnik im Stadion und die Minderzahl Idioten, die es immer wieder schaffen, eine komplette Fanszene in Misskredit zu bringen, habe ich mich bereits mehrfach geäussert (entsprechende Artikel meines Blogs). Und da immer wieder von ‚bürgerkriegsähnlichen Situationen‘ in den Stadien berichtet wird, eine relativierende Zahl dazu: Am ‚berüchtigten‘ Platzsturm der Eintrachtfans beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln (Saison 2011/12) waren 0,5% der Stadion-besucher beteiligt (das Spiel war mit ca. 50.000 Zuschauern ausverkauft)! Die relevanten Folgen: Eine beschädigte High-Tech-Kamera, einige vom Pfefferspray-Einsatz der Polizei verletzte ‚Platzstürmer‘ und der daraufhin erfolgte pauschale Teilausschluss der Fans und Einnahmeverluste beim ersten Zweitligaheimspiel gegen den FC St. Pauli…

Warum werden durch den DFB die Vereine und ’normalen‘ Fans dermassen bestraft? Ahnungs-losigkeit? Hilflosigkeit? Nur mal am Rande: Das Abbrennen eines Bengalos im Stadion lässt sich ebenso wenig vermeiden wie die Schlägerei beim Dorffest. Da nützen alle Vorkehrungen und Gesetz-gebungen nichts. Ist einfach so (um es nochmals klarzustellen: Ich distanziere mich von Gewalt und andere Menschen gefährdende Handlungen) – wer es nicht glaubt, begleite mich demnächst zu einer privaten Stadionführung!

Der Vorstand der Eintracht wäre gut beraten, sich mit den anderen betroffenen Vereinen zusammen-zuschliessen und sich gegen die Beschlüsse des DFB-Kontrollauschuss zu wehren. Und die DFL (u.a. Interessenverbund der deutschen Profi-Vereine) sollte sich endlich gegenüber dem DFB positionieren: Die ‚Rechtsprechung‘ des Deutschen Fussballbundes (die vor einem ordentlichen Gericht an- scheinend keine Chance hätte) ist ein Rundumschlag alter Männer, die vor der Realität die Augen verschliessen.

Interessant könnte es werden, wenn Initiativen wie der ‚Nordwestkurvenrat‚ geschlossen mit allen Mitgliedern vor ein ordentliches Gericht ziehen und gegen den pauschalen Ausschluss klagen würden – dem DFB dürfte eine Niederlage drohen! Aber das ist – angesichts der aktuelllen Grabenkämpfe in der Fanszene – eher Utopie als Realität. Schade, eigentlich…

[Weiterführende Links: Überraschende Härte (fr-online.de), Wieder vor leeren Rängen (fnp.de) vom 14. Juni 2012]

Über die Medienberichterstattung bei unschönen Nebenerscheinungen im Rahmen von  Fussballspielen habe ich mich bereits desöfteren an dieser Stelle geäussert. Dabei ging es nie um die Bagatellisierung von Vorfällen oder Ausschreitungen, sondern um die Verallge-meinerungen und das pauschale Kriminalisieren ganzer Fangruppen (wenn nicht gar aller Anhänger in den Kurven Deutschlands). Was jetzt aber der KICKER-Chefredakteur Franzke in einem Kommentar zu den Vorfällen beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC von sich gegeben hat, ist – gelinde gesagt – eine Dreistigkeit.

Als Antwort darauf veröffentliche ich hier gerne den offenen Brief eines Eintracht Frankfurt-Fans an das Sportmagazin KICKER, der die widerliche Hetze des ‚Chefredakteurs‘ blossstellt und in dieser Form u.a. im offiziellen Forum der Eintracht publiziert wurde:

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An Kicker online Chefredaktion

Offener Brief

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Franzke,

ich gestehe ehrlich, dass ich selten einen dermaßen unreflektierten, schlecht bis gar nicht recherchierten und schlicht Fakten ignorierenden Kommentar gelesen habe, wie den von Ihnen, Herr Franzke, am 16.05.2012 um 12.35 h verfassten zu dem Geschehen rund um das 2. Relegationsspiel in Düsseldorf.

Zunächst zu meiner Person: Ich bin 51 Jahre alt, als Rechtsanwalt ein Organ der Rechtspflege, nicht vorbestraft, in keiner Stadionsünderkartei, seit 1974 Fan von Eintracht Frankfurt und besuche seit 1974 nahezu jedes Heimspiel und begleite mein Team auch ab und zu bei Auswärtsspielen. Beruflich vertrete ich keine Fans.

Ich erlaube mir im Folgenden Herrn Franzkes Ausführungen Stück für Stück zu zitieren und diese Zitate dann meinerseits zu kommentieren.

Franzke: […] „Zustände wie im Bürgerkrieg beim Bundesliga-Abstieg Frankfurts vor einem Jahr“ […]

Aha, bürgerkriegsähnliche Zustände also. Ich nehme sicher an, dass Sie Herr Franzke bei dem Platzsturm nach dem Kölnspiel dabei waren. Nicht? Ich aber. Bis heute sind eine schwerverletzte Kamera, einige zerstörte Werbebanden und 23 Leichtverletzte, überwiegend durch Pfefferspray und Schlagstöcke festgestellt worden. Nicht dass ich missverstanden werde, ich verurteile Gewalt, Platzsturm und Böller, aber „Bürgerkriegsähnliche Zustände“ ist eine dermaßen unglaubliche Übertreibung, die zugleich Bürgerkriegsopfer verhöhnt, dass mir fast die Sprache wegbleibt.

Franzke: […] „Und täglich wird in Fan-Foren auf der einen Seite zu Gewalt aufgerufen“ […]

Tatsächlich? Ich bin ständiger Leser im Eintracht-Forum und habe dort noch nie einen Aufruf zur Gewalt gelesen. Können Sie, Herr Franzke, mir eine der Quellen, die Ihnen ja ganz offensichtlich zur Verfügung stehen nennen, in denen zur Gewalt aufgerufen wird? Ich bin auch öfter im Kölner Brett oder zuletzt im Forum von Hertha BSC Berlin „unterwegs gewesen“. Auch dort habe ich keinen „Aufruf zur Gewalt“ finden können. Ich fürchte, Sie werden Heerscharen von Praktikanten ungezählte Fan-Foren durchsuchen lassen müssen, um auch nur eine Spur eines Gewaltaufrufs zu finden. Ich empfinde diese Behauptung ohne Quellenangabe als nicht seriösen Journalismus.

Franzke: […] „Dabei geben die Gewalttäter in den Kurven oder hinter den Toren längst den Ton an“ […]

Ich vermute, dass Sie, Herr Franzke, noch nie in der Kurve gestanden haben. Wie kommen Sie darauf, dass dort die „Gewalttäter“ den Ton angeben würden? Fanbeauftragte, Ultras und Soziologen sagen anderes.

Franzke: […] „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Wer Straftaten duldet und gefasst wird, muss mit einer Bestrafung rechnen“ […]

Jetzt wird es pervers und Sie verlassen den Grundsatz unserer Verfassung. Wer also daneben steht macht sich strafbar? Das kann nicht Ihr Ernst sein. Eine Strafbarkeit wegen Unterlassens gibt es nur und ausschließlich in dem äußerst eingeschränkten Bereich der unterlassenen Hilfeleistung. Und ohne hier einen Exkurs starten zu wollen: Fußballfans, die einfach daneben stehen, machen sich ganz sicher nicht strafbar. Ich denke, es ist nicht zu viel verlangt, wenn ein Chefredakteur eine Grund-recherche betreibt, bevor solch haltlose Behauptungen veröffentlicht werden.

Franzke: […] „In den Blöcken, in denen Hooligans unter Applaus ihre kriminellen Taten planen und ausführen, helfen nur noch strengste Sanktionen.“ […]

Auf den Begriff der kriminellen Taten komme ich noch zu sprechen. Die Verwendung des Begriffs Hooligans im Zusammenhang von Bengalos, Böller und Platzsturm zeigt lediglich auf, dass Sie hier auf eine populistische Schiene aufspringen, ohne sich mit dem Begriff des Hooligans auch nur ansatzweise beschäftigt zu haben. Ich empfehle dringend auch hier in eine Grundsatzrecherche einzusteigen.

Franzke: […] „Aktuell sieht es danach aus, dass – als erste Maßnahme – die Fans wieder hinter Zäunen verbannt werden, wie das in den achtziger Jahren der Fall war“ […]

Es erschließt sich mir nicht, woher Sie diese Information haben. In ernstzunehmenden Quellen war hierüber nichts zu lesen. Es spricht auch rein gar nichts dafür, dass diese Maßnahme ergriffen wird, da die Abschaffung der Zäune Reaktionen auf Katastrophen wie Heysel, Hillsborough, etc. waren. Falls Sie mit den Begriffen nichts anfangen können, empfehle ich wiederum eine Recherche.

Franzke: […] „Warum sollen Bayern München, Schalke 04 oder Borussia Dortmund bestraft werden wegen Vereinen wie zum Beispiel Köln und Frankfurt, die einen wachsenden Teil ihrer Stehplatzbesucher nicht in den Griff bekommen?“ […]

Aha, die Kölner und Frankfurter sind die Bösen, die anderen genannten die Guten. Auch hier hilft eine Recherche, sofern Sie das Pokalfinale, in dem Fans von Dortmund reichlich Bengalos verbrannt haben, schon vergessen haben. Schauen Sie doch einfach mal in die Statistik der DFB-Strafen. Sie werden staunen, wer da ganz oben mit dabei ist. Nur am Rande sei angemerkt, dass es bei dem Dortmunder Platzsturm 2011 zu wesentlich mehr Verletzten und höherem Sachschaden kam, als beim Frankfurter Platzsturm gegen Köln. Herrje, es kann doch nicht so schwer sein, mal nachzuschlagen, bevor man so erkennbar falsche Aussagen trifft.

Franzke: […] „Dass sich Sicherheits- und Fanbeauftragte von DFB und DFL in jüngerer Vergangenheit auf die Diskussion um Pyrotechnik in den Stadien eingelassen haben, gegen alle gesetzlichen Bestimmungen, war fahrlässig und verantwortungslos“ […]

Auch die Behauptung „gegen alle gesetzlichen Bestimmungen“ ist schlicht falsch. Selbstverständlich wäre ein kontrolliertes Abbrennen außerhalb der Blöcke vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel durch Feuerwerker zulässig gewesen. So wird es ja bei Länderspielen auch häufig gemacht. Ob sich die Parteien auf so eine Vorgehensweise hätten einigen können, weiß ich nicht. Aber eine Diskussion hierüber war definitiv nicht gegen alle gesetzlichen Bestimmungen.

Ganz generell schreiben Sie, Herr Franzke, mehrfach von Kriminellen. Wen genau meinen Sie damit? Den Bengalozündler, den Böllerwerfer, den Platzstürmer? In dem einen oder anderen Fall kann tatsächlich eine Straftat vorliegen, aber je nach Verwendung könnte auch nur eine Ordnungswidrigkeit bestehen. Ist dann ein Falschparker auch ein Krimineller?

Und lassen Sie mich bitte abschließend ein Fazit ziehen. Es war seit 1974 noch nie ungefährlicher ein Fußballstadion zu besuchen, als es heute der Fall ist. Der mediale Hype, der zur Zeit um die „lebensbedrohenden“ Umstände durch „Kriminelle“ gemacht wird, liegt auch viel an so schlecht recherchierten Kommentaren wie dem Ihrigen. Mein Brief soll nichts verharmlosen und selbst-verständlich sind gerade in letzter Zeit zu viele Auffälligkeiten vorgekommen, soll doch der Sport m. E. im Vordergrund stehen, aber ein bisschen Information würde nicht schaden, bevor Sie einen Kommentar abgeben. Ich erwarte von Ihnen, Herr Franzke, als Journalisten, dass Sie Ihre Aussagen anhand meiner Kommentierung mal überprüfen und die erkennbar falschen Behauptungen zurücknehmen. Andernfalls werde ich den Kicker nach fast 40 Jahren kündigen, denn von einem Fachblatt erwarte ich eine Recherche, bevor etwas kommentiert wird.

Mit freundlichen Grüßen

XXX

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Ich schliesse mich der Meinung des Verfassers des offenen Briefes uneingeschränkt an. Dass in diesem Fall sogar in der Chefredaktion eines angesehenen Fussballfachmagazins nicht recherchiert und undifferenziert verallgemeinert wird, ist nichts anderes als dummer Populismus und ein grober Verstoss gegen die Sorgfaltspflicht! Dass Herr Franzke dazu noch das Bild der ‚vorbildlichen‘ Dortmunder und Bayern (passt ja so gut in die Event- & Entertainment-Berichterstattung) bemüht, um andere Vereine / Fans zu diskreditieren, ist schon fast Verleumdung.

Unerträgliche Stimmungsmache wird jedoch nicht nur im Rahmen des Fussballs gepflegt. Überall dort, wo dem Staat oder den im vorauseilenden Gehorsam handelnden Medien etwas gegen den Schöne-Heile-Welt-Strich geht (oder Konsum und Wirtschaftswachstum gefährdet werden), wird dämagogisiert. Bestes Beispiel ist auch die Vorberichterstattung und pauschale Kriminalisierung friedfertiger Bürger im Rahmen der BLOCKUPY FRANKFURT-Aktionstage. Opalkatze macht das im Blogartikel Blockupy: Ich bin empört sehr deutlich!