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Am gestrigen Samstag, 21. Juni 2014, wurde das fertiggestellte Graffiti der Aktion im Gedächtnis bleiben (eine Initiative des Frankfurter Fanprojekt) an das Frankfurter Stadtbild übergeben. Moderiert von Axel ‚Beve‘ Hoffmann (u. a. Waldbühne und Eintracht-Museum) fand die Veranstaltung regen Zulauf und präsentierte als Höhepunkt Überraschungsgast Anthony Yeboah, der abschliessend die Fassadenkunst mit seinem Autogramm krönte.

Vielen tausenden Berufspendlern aus der Bürostadt, Fussballfans auf dem Weg ins Waldstadion und Reisenden zwischen Hauptbahnhof und Flughafen wird ab sofort ein nicht zu übersehendes Bekenntnis gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit präsentiert. Eine hervorragende Arbeit, für die wir uns beim Künstler Mathias Weinfurter und den Unterstützern bedanken!

Detaillierte Informationen über das Projekt, alle Links und Bilder der Entstehung sind im vorherigen Artikel Das wird im Gedächtnis bleiben zu finden.

Fotos von der Veranstaltung (© Hackentrick):

Weitere tolle Fotos vom Samstag, sowie Insiderwissen und wie so oft interessante Korrelationen findet Ihr in Beves Artikel Von Bob zu Tony!

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In den kommenden vier Wochen werden wieder die Hochglanz-TV-Spots der FIFA mit der Botschaft „say no to racism“ dauerausgestrahlt. Wir ersparen uns jedoch heute eine Kommentierung der Lippenbekenntnisse grosser Sportverbände und blicken lieber auf Projekte, die mit weitaus geringeren Mitteln, dafür jedoch mit Kreativität, Engagement und der richtigen Einstellung tatsächlich etwas bewegen.

So gibt es die Veranstaltungsreihe im Gedächtnis bleiben des Frankfurter Fanprojekt e. V., die 2012 vom DFB mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet wurde. Neben Podiumsveranstaltungen im Fanhaus Louisa, einer Gedenkstättenfahrt nach Ausschwitz, der Beteiligung an der Aktion ‚Stolpersteine‘ u. v. m. entstand im vergangenen Jahr die Idee, den im Gedächtnis bleiben-Preis auszuschreiben, um noch mehr Menschen zu ermutigen, eigene Ideen umzusetzen. Gesucht werden Projekte und Aktionen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Diskriminierung engagieren.

„Eine Frankfurter Hauswand wird zum Wahrzeichen der Toleranz“, so lautet der Beitrag des im Gedächtnis bleiben-Preisträgers des Jahres 2013, Mathias Weinfurter. Und seine Idee ist grandios! Auf einer Hausfassade sollte ein riesiges Graffiti entstehen, bestehend aus dem Zitat „Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien“ und dem Konterfei des ehemaligen Eintracht-Stürmers Anthony Yeboah. Hintergrund des Zitates ist ein in der BILD-Zeitung im Jahre 1990 veröffentlichter ‚Brief an alle Fans‘ von Yeboah, Anthony Baffoe und Souleyman Sané, in dem die drei farbigen Profifussballer den damals zunehmenden Rassismus in den Stadien thematisierten.

Nachdem die Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte eine Hausfassade im Frankfurter Stadtteil Niederrad zur dauerhaften Nutzung zur Verfügung gestellt hat, konnte es am 5. Juni losgehen. Mathias Weinfurter erstellt nun gemeinsam mit den Leuten vom Frankfurter Fanprojekt e. V. mit viel Farbe und über zweihundert Spraydosen das gigantische ‚Wandbild‘, das am 21. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wird!

[Fotos vom 07. Juni – ich werde das nächste Woche aktualisieren. Zum Öffnen der Galerie einfach eines der Bilder anklicken. Alle Fotos: © Hackentrick]

Wir waren nochmal vor Ort – das Endergebnis sieht klasse aus! Fotos vom 19. Juni – © Katja Lenz

Bilder von der offiziellen Übergabe an das Frankfurter Stadtbild: Fassadenmalerei

Auch für 2014 ist ein im Gedächtnis bleiben-Preis ausgeschrieben (Einreichung bis 30. September)! Mehr Infos darüber hier oder eMail an info(at)im-gedaechtnis-bleiben.de.

Und in eigener Sache: Herzlichen Dank an das Frankfurter Fanprojekt e. V. für die Genehmigung der Vorveröffentlichung und den exklusiven Einblick in die Projektunterlagen (@Geiselgangsterin: den die BILD nicht von Euch bekommen hat ;-) )!

[Weiterführende Links: www.frankfurter-fanprojekt.de (inkl. Fanhaus Louisa) | www.im-gedaechtnis-bleiben.de (Ausschreibung des Wettbewerbs) | Säulen im Museum (Anthony Yeboah zu Gast im Eintracht-Museum) | weitere Fotos in den Blogs von beve und stadtkind]

Nur wenige Sekunden dauerte es, dann blieben vom Frankfurter AfE-Turm an der Senckenberganlage nur noch ein Schuttberg und Staubwolken übrig. Nach dem Countdown zeriss am Sonntagmorgen um kurz nach zehn Uhr eine ohrenbetäubende Detonation die Stille und das Gebäude sackte planmässig in sich zusammen. Die Abrissmannschaften hatten es vollbracht – nie zuvor wurde in Europa ein höheres Haus gesprengt und damit zum Einsturz gebracht!

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(Fotos: Hackentrick)

Der 116 Meter hohe AfE-Turm beherbergte bis Anfang 2013 u. a. die Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Diese Fachrichtungen genossen in Frankfurt eine bedeutende Stellung, die durch den Einzug in das zur Bauzeit 1972 höchste Gebäude der Stadt noch unterstrichen wurde. So kann man die Sprengung der Heimat des freien Denkens und der Gesellschaftskritik durchaus auch als tragisches Symbol auffassen. Zumindest aber stimmt es melancholisch, dass neben dem Henninger Turm ein weiterer ‚Riese‘ unserer Kindheit das Stadtbild verlassen hat…

Für etwas Spannung sorgten in der Woche vor dem Abriss vereinzelte Medienberichte, die vermeldeten, dass es in Sprengmeister Eduard Reischs („Krater-Eddi“) beruflicher Laufbahn die eine oder andere Panne gegeben hätte. Doch die knapp 30.000 Schaulustigen, die sich sonntagsmorgens rund um die weiträumige Absperrung einfanden, sahen Präzisionsarbeit – ausgelöst von 950 Kilo Sprengstoff.

Anstelle des AfE-Turms werden zwei Bürohochhäuser errichtet (und wohl auch auch irgendwann wieder abgerissen werden). Mein Vorschlag für die nächsten Projekte: Sprengung der leerstehenden Amtsgebäude an der Berliner Strasse, der Startbahn Nordwest und den hässlichen Abschnitten an der Mainzer Landstrasse. Unsere Stadt soll schöner werden!

Links: Die Sprengung aus Beves Sicht | Impressionen von stadtkindffm

(Zum Öffnen der Galerie einfach ein Bild anklicken | Fotos: Hackentrick)

Für Reisende, die am Dienstagabend den Frankfurter Hauptbahnhof verliessen, muss es ein seltsames Bild gewesen sein: auf dem Vorplatz eine nach oben blickende Menschenansammlung, treibende Beats und eine weibliche Stimme, die dazu Lyrik deklariert. Kunst im öffentlichen Raum – immer eine spannende Angelegenheit!

Mit etwas Verspätung begann nach Einbruch der Dämmerung die Live-Performance „Motoren der Unschuld“ des Trios CIA TORUN & THE OH OH OHS. Die drei nahmen mit ihrem Set (Drums und Synthesizer) Aufstellung auf der Kuppel des Hauptbahnhofs, direkt vor der Skulptur des Atlas, der die Weltkugel trägt. Mit freien Oberkörpern – was mittlerweile leider zwangsläufig mit den Aktionen von Femen assoziiert wird – boten sie dann eine sehr eindringliche und mitreissende Aufführung. Die Künstlerin Cia Torun las und sang ihre Texte („…wir sind geistig und sexuell überintelligent…“), während die beiden musikalischen Begleiter den Vortrag mit Klangsequenzen und scharfen Drumbeats unterlegten (und Teile des Publikums zum Tanzen animierten).

Kameras projizierten die Darbietung auf eine Riesenleinwand an der derzeit wegen Renovierung verkleideten Frontfassade des Hauptbahnhofs, unter anderem kam dabei eine Flugdrohne zum Einsatz, die seitlich der Kuppel schwebte.

Cia Toruns Lyrik handelt vom Individuum in der Moderne, von Liebe, vom eigenen Platz in der Gesellschaft. Ihre Texte beschreiben Empfindungen angesichts der Entmenschlichung des Lebens. Umso interessanter, dass Kunst und reales Leben konkret an Ort und Stelle aufeinandertrafen: die bereits erwähnten Reisenden und die obligatorischen Bahnhofsvorplatz-Verlorenen mischten sich staunend unter das Publikum, ringsum die Lichter und der hektische Feierabendverkehr der Grossstadt, in der Nase als olfaktorische Begleitung der Performance Alkoholwolken, Zigarettenqualm, Parfumduft und der Geruch fettiger Pommes Frites… Die Aufführung inmitten der tobenden Stadt wirkte wie eine Insel. Ein seltsam intimer Ort der Gedanken, der Besinnung, der Konfrontation.

„Angst statt Liebe. Freizeit statt Freiheit. Du gestaltest Deinen Untergang. How much can you take?“ (Textauszug)

[Die ganze Performance als Videoaufzeichnung ist hier zu sehen: motoren.tv (ab 39’30“)]

Bisher waren sie mir im Frankfurter Stadtbild nie aufgefallen: die Luftpumpstationen für Radfahrer. Ein wunderschöner, sonniger und geruhsamer Sonntagnachmittag bot jetzt die Gelegenheit, sich diese Installation einmal genauer anzuschauen.

Die ‚Pumpstation‘ steht unspektakulär am Gehsteigrand – man muss schon genauer hinschauen, um das Stahlrohrgebilde nicht zu übersehen. Ähnlich wie beim Einkaufswagen löst man mittels Pfandmünze (es passen 50 Cent-, 1 oder 2 Euro-Stücke) den Verschluss und entnimmt die mit einer langen Kette gesicherte Handpumpe. Nach verrichteter Tätigkeit wird die Pumpe in die Vorrichtung zurückgeschoben und der Verschluss gibt das Geldstück wieder frei.

Die Luftpumpe funktioniert natürlich nur bei klassischen Fahrradschlauchventilen, was bei uns sogleich zur Debatte führte, ob die Stadt Frankfurt ihre Gelder jetzt flächendeckend für diesen nicht allen Radfahrern dienlichen Service verpulvert, statt beispielsweise das Budget in den Ausbau und die Verbesserung der Radwege zu investieren.

Ein Blick auf die Homepage des Radfahrbüros der Stadt Frankfurt (allgemein interessant: radfahren-ffm.de) klärt auf: die Luftpumpstationen gibt es bisher nur in der Innenstadt an der Hauptwache (TraffiQ-Pavillon), am Merianplatz in Bornheim und in Sachsenhausen (Schweizer Platz). Die Installationen sind eine Stiftung der Stadt zum Wettbewerb des fahrradaktivsten Stadtteils, ein genereller Ausbau ist nicht geplant. Somit brauchen wir uns also (in diesem Fall) keine Sorgen über die städtische Finanzplanung machen!

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Im Frankfurter Europaviertel öffnete gestern eine neue Kathedrale ihre Pforten… oder besser gesagt: ein Konsumtempel namens SKYLINE PLAZA. Entgegen dem allgemeinen Trend, mittels SUV die Kapazitäten des Parkhauses an die Grenzen zu führen, begab sich der Autor dieser Zeilen mit dem Fahrrad zum neuesten Altar des goldenen Kalbs und sammelte erste Eindrücke.

Auf dem ehemaligen Areal des Güterbahnhofs zwischen Messegelände und Frankenallee entsteht seit einiger Zeit das Europaviertel, eine Mischbebauung vom Reissbrett mit Bürogebäuden, Mietwohnungen und exklusiven Penthouseappartements, Einzelhandel, Grünflächen mit Kinderspielplätzen und Minigolfanlage. Während unsereins früher noch in einer ‚Heimatsiedlung‘ aufwuchs, nennen sich die Gebäudekomplexe hier heutzutage ‚Harmonie‘ oder ‚Skyline Boulevard No. 2‘. Nun gut, in spätestens fünfzehn Jahren werden wir wissen, wie sich diese Verheissungen urbanen Lebens entwickelt haben.

Am Anfang der Europaallee (oder am Ende – je nach Blickrichtung) wurde der Komplex SKYLINE PLAZA hochgezogen – eine Baustelle, die ich schon vor über zehn Jahren in einem Marketingplan berücksichtigen musste, weil dort ein sog. Urban Entertainment Center geplant wurde und an der ich einige Zeit später bei einer temporären Musicalproduktion mitwirkte. Ein Ort mit persönlichem Bezug also – umso gespannter war ich auf das Ergebnis.

Vor etwa einem halben Jahr sorgte schon ein Promo-Spot der Vermarkter des SKYLINE PLAZA für Kopfschütteln. Soweit ich mich erinnere, zeigte die Protagonistin des Videos – eine attraktive, junge Frau – beglückt ihre Freude, bald mitttels der Kreditkarte ihres Ehegatten (dessen Beruf als stellvertretend für den Finanzplatz Frankfurt mehr als deutlichgemacht wurde) wundervolle Tage in der Shoppingmall verbringen zu können (wie hat die Arme vorher ihr Leben verbracht?). Die seltsamsten Dinge sind im iNet verewigt – das Video ist mittlerweile leider unauffindbar (falls Ihr Leser es findet: bitte per Kommentar posten. Es winken sensationelle Preise!!!)…

Beim Betreten des Warentempels die erste Enttäuschung: statt stilsicheren Schönheiten begegne ich dem typischen Fussgängerzonenvolk. Bling-Bling-Kids und Durchschnittsfamilien (zu erkennen an den Männern in Capri-Hose und farbechtem Shirt) durchqueren die ‚heiligen Hallen‘. Das ist keinesfalls abwertend gemeint, aber die Werbekampagne des SKYLINE PLAZA hatte anscheinend eine andere Zielgruppe im Visier. Wobei das wiederum irritiert… die Angebotspalette entspricht ebenfalls dem Fussgängerzonenniveau: von A wie Apollo Optik (oder Asiahung) bis Z wie Zara (oder Zero). Für Statistiker: ca. 60 Filialen der Mode-/Schuhebranche und 35 (!) Filialen Food & Beverage gegenüber ca. 45 sonstigen Geschäften (Kosmetik, Telekommunikation, Dienstleistungen, usw.)…

Architektonisch / konzeptionell gibt es leider auch nichts zu staunen. Das Gebäude ist ein dem Grundstück angepasster Zweckbau (ellipsenförmig) ohne Überraschungen – optisch wirken lediglich Elemente, die man anscheinend von vornherein zum späteren Austausch vorgesehen hat (siehe Fotos der Paneele und Wandverkleidungen), um dem Ganzen immer wieder einen neuen Anstrich zu verpassen. Das Entrée ist völlig unspektakulär – man kommt herein und steht in einer unspektakulären Ladenzeile. Aussagekräftig ist der Gang in die Bereiche zwischen Ladenzeilen und Parkdecks: „Mensch, verlasse diese tote Gegend schnellstmöglich“, lautet die versteckte Botschaft.

Ich werde dieses Einkaufszentrum die nächsten Monate beobachten, weil ich mir nicht sicher bin, ob es sich als Kriegserklärung an die Frankfurter Innenstadt oder das MTZ am Stadtrand versteht (in diesem Zusammenhang habe ich leider vergessen, einen Blick auf die Parkgebühren zu werfen). So frequentiert wie heute – das ist jedoch schon meine Prognose – wird der/die/das SKYLINE PLAZA nie mehr sein!

[Anmerkung: Um auch Positives zu erwähnen… sollte sich der eine oder andere Leser mal in diesen Konsumtempel verirren, empfehle ich den Laden mit selbstgefertigten Kosmetikartikeln (den Namen habe ich leider vergessen – er ist in der ersten Oberetage zu finden) – wunderhübsch gestaltete Auslagenschilder mit höchst originellen Texten („…diese Himbeerbadeschaumkugel ist eine Explosion für ihre Nase…“). Wirklich empfehlenswert! Desweiteren gefällt mir die Idee, das Dach des Gebäudetraktes zu nutzen: Restaurant, Minigolf, viele Sitzmöglichkeiten (findet man heutzutage nicht mehr häufig!), das ist prima durchdacht!] 

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Am vergangenen Samstag fanden im Rahmen der Enthüllungen durch Edward Snowden bundesweit in über 30 Städten Demonstrationen gegen totale Überwachung und für informelle Selbstbestimmung statt. Bei der Protestkundgebung in der Frankfurter Innenstadt, zu der ein parteienübergreifendes Bündnis aufgerufen hatte, versammelten sich etwa 1.000 Teilnehmer und forderten von der Bundesregierung mehr Aufklärung, Unterstützung für Snowden und den Schutz der Bürger vor der Sammelwut der Geheimdienste und grossen Internetkonzerne.

Seitens Berlin sollten wir allerdings nicht allzuviel erwarten: seit 1968 gibt es eine Verwaltungsvereinbarung, die die Bundesregierung verpflichtet, “für die westlichen Siegermächte Post- und Fernmeldeüberwachungen durchzuführen oder von diesen selbst durchführen zu lassen“, wie der Freiburger Historiker Joseph Foschepoth berichtet [1]. Laut Foschepoth gilt die Vereinbarung bis heute unverändert fort. Angesichts Ex-Bundeskanzler Schröders Zugeständnis an George W. Bush (aus der Regierungserklärung 12. Sptember 2001: “Ich habe ihm auch die uneingeschränkte – ich betone: die uneingeschränkte – Solidarität Deutschlands zugesichert“ [2]) und Bundesinnenminister Friedrichs Haltung zu Datenschutzfragen sollte uns das nicht wundern.

Auch die deutsche Wirtschaft wird an einer umfassenden Aufklärung nicht besonders interessiert sein. Zwar geht es nicht nur um geheimdienstliche Aufklärung zwecks Terrorbekämpfung, sondern auch um handfeste Wirtschaftsspionage – doch das Geschäft hat Vorrang. So hat die Deutsche Telekom eingeräumt, im Rahmen der Übernahme des Unternehmens Voicestream (heute: T-Mobile USA) im April 2001 einen Vertrag mit dem US-Justizministerium und dem FBI unterzeichnet zu haben, der den US-Behörden volle Zugriffsrechte auf Verkehrsdaten und Kommunikationsinhalte einräumt. Der Vertrag ist selbstverständlich auch heute noch gültig [3]. Andere Konzerne (u. a. Yahoo) beklagen sich, nicht umfassend die Wahrheit über die Zusammenarbeit mit den Behörden offenlegen zu dürfen.

Snowdens Enthüllungen, die Meldungen und Reaktionen der vergangenen Wochen verdeutlichen, dass unser Verständnis einer freien, modernen Gesellschaft von verschiedenen Interessensgruppen unterschiedlich interpretiert wird. In meinen Augen bedeutet das eine Zäsur, die dringend öffentlich diskutiert werden muss.

Wir müssen reden… über die Arbeit und die Kontrolle der Geheimdienste. Nicht erst seit der NSU-Affäre wird die deutsche Öffentlichkeit von BND und Verfassungsschutz an der Nase herumgeführt, wenn es um Aufarbeitung geht. Die Geschichte der Bundesrepublik ist durchzogen von Ereignissen, bei denen die Rolle der Geheimdienste unaufgeklärt blieb. Inwieweit also entziehen sich die Geheimdienste den parlamentarischen Kontrollgremien? Hinzu kommt: seit 9/11 wurden zum Beispiel die US-amerikanischen Dienste mit unvorstellbaren Finanzmitteln ausgestattet. Das ist ein Machtfaktor, der nicht verschwiegen werden sollte. Und die Aufregung darf sich nicht nur auf die USA fokussieren – das EU-Mitgliedsland Grossbritannien scheint mit seinem Geheimdienstprogramm Tempora noch weitaus intensiver die europäischen Partner abzufischen.

Wir müssen reden… über die Zukunft von Datenverkehr und Internet. Monopolistische Strukturen können nicht förderlich sein. Wenn uns Google und Facebook nur noch zeigen, was wir vermeintlich sehen möchten, ist das Manipulation. Wenn Pläne wie die der Telekom greifen, den Datenverkehr zugunsten eigener kommerzieller Angebote zu begrenzen, verkommt das WorldWideWeb zu einem weiteren Mainstreammedium als Werbeplattform. Ein arabischer Frühling ist dann darüber nicht mehr zu organisieren.

Wir müssen reden… über den Glaube an Big Data und Analyseprogramme, denn nichts anderes steckt hinter der Datensammelwut. Auch in der Technokratie deutscher Amtsstuben, der Politik und Konzerne erliegt man den Verlockungen, die Gesellschaft via Algorithmen auslesen und führen zu können. Das führt unweigerlich in einen Totalitarismus, denn die Lösungen und Entscheidungen basieren nur noch auf den Fragen, die ein Algorithmus beantworten kann. Querdenken, Hinterfragen, Ausnahmen sind dann nicht mehr zulässige Muster.

Es gibt heute schon genug Beispiele, was passiert, wenn Realitäten als mathematisches Modell behandelt werden – siehe der computergestützte Börsenhandel mit seinen plötzlichen, irrationalen Ausschlägen (das geht so weit, dass teilweise der Handel manuell ausgesetzt werden muss). Wie zuverlässig sind die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute (weder die Dotcom-Blase noch der Crash in 2008 wurden vorausgesagt)?

Und wir müssen dringlichst reden… über unser Verhältnis zu Demokratie und Bürgerechte – bestenfalls mit den Nachbarn, Freunden und Bekannten und unseren Abgeordneten in den Parlamenten. Wir müssen darüber reden, was wir als freie Gesellschaft auszuhalten bereit sind (Apropos: Waren das jetzt 5, 7 oder 40 Terroranschläge, Herr Bundesinnenminister?). Wir müssen darüber reden, ob uns ein Freihandelsabkommen mit den USA wichtiger ist als der Schutz vor genmanipulierten Lebensmitteln und der Privatisierung und Ökonomisierung aller Bereiche.

Wollen wir darüber reden?

Quellen: [1] Forschungsstudie “Überwachtes Deutschland“ von Joseph Foschepoth, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, 2012… [2] Manuskript der Rede Schröders… [3] Artikel von Patrick Beuth, DIE ZEIT, 23. Juli 2013

(Bilder der Kundgebung StopWatchingUs vom 27. Juli 2013 in Frankfurt am Main. Zum Öffnen der Galerie einfach anklicken)