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Am vergangenen Samstag fanden im Rahmen der Enthüllungen durch Edward Snowden bundesweit in über 30 Städten Demonstrationen gegen totale Überwachung und für informelle Selbstbestimmung statt. Bei der Protestkundgebung in der Frankfurter Innenstadt, zu der ein parteienübergreifendes Bündnis aufgerufen hatte, versammelten sich etwa 1.000 Teilnehmer und forderten von der Bundesregierung mehr Aufklärung, Unterstützung für Snowden und den Schutz der Bürger vor der Sammelwut der Geheimdienste und grossen Internetkonzerne.

Seitens Berlin sollten wir allerdings nicht allzuviel erwarten: seit 1968 gibt es eine Verwaltungsvereinbarung, die die Bundesregierung verpflichtet, “für die westlichen Siegermächte Post- und Fernmeldeüberwachungen durchzuführen oder von diesen selbst durchführen zu lassen“, wie der Freiburger Historiker Joseph Foschepoth berichtet [1]. Laut Foschepoth gilt die Vereinbarung bis heute unverändert fort. Angesichts Ex-Bundeskanzler Schröders Zugeständnis an George W. Bush (aus der Regierungserklärung 12. Sptember 2001: “Ich habe ihm auch die uneingeschränkte – ich betone: die uneingeschränkte – Solidarität Deutschlands zugesichert“ [2]) und Bundesinnenminister Friedrichs Haltung zu Datenschutzfragen sollte uns das nicht wundern.

Auch die deutsche Wirtschaft wird an einer umfassenden Aufklärung nicht besonders interessiert sein. Zwar geht es nicht nur um geheimdienstliche Aufklärung zwecks Terrorbekämpfung, sondern auch um handfeste Wirtschaftsspionage – doch das Geschäft hat Vorrang. So hat die Deutsche Telekom eingeräumt, im Rahmen der Übernahme des Unternehmens Voicestream (heute: T-Mobile USA) im April 2001 einen Vertrag mit dem US-Justizministerium und dem FBI unterzeichnet zu haben, der den US-Behörden volle Zugriffsrechte auf Verkehrsdaten und Kommunikationsinhalte einräumt. Der Vertrag ist selbstverständlich auch heute noch gültig [3]. Andere Konzerne (u. a. Yahoo) beklagen sich, nicht umfassend die Wahrheit über die Zusammenarbeit mit den Behörden offenlegen zu dürfen.

Snowdens Enthüllungen, die Meldungen und Reaktionen der vergangenen Wochen verdeutlichen, dass unser Verständnis einer freien, modernen Gesellschaft von verschiedenen Interessensgruppen unterschiedlich interpretiert wird. In meinen Augen bedeutet das eine Zäsur, die dringend öffentlich diskutiert werden muss.

Wir müssen reden… über die Arbeit und die Kontrolle der Geheimdienste. Nicht erst seit der NSU-Affäre wird die deutsche Öffentlichkeit von BND und Verfassungsschutz an der Nase herumgeführt, wenn es um Aufarbeitung geht. Die Geschichte der Bundesrepublik ist durchzogen von Ereignissen, bei denen die Rolle der Geheimdienste unaufgeklärt blieb. Inwieweit also entziehen sich die Geheimdienste den parlamentarischen Kontrollgremien? Hinzu kommt: seit 9/11 wurden zum Beispiel die US-amerikanischen Dienste mit unvorstellbaren Finanzmitteln ausgestattet. Das ist ein Machtfaktor, der nicht verschwiegen werden sollte. Und die Aufregung darf sich nicht nur auf die USA fokussieren – das EU-Mitgliedsland Grossbritannien scheint mit seinem Geheimdienstprogramm Tempora noch weitaus intensiver die europäischen Partner abzufischen.

Wir müssen reden… über die Zukunft von Datenverkehr und Internet. Monopolistische Strukturen können nicht förderlich sein. Wenn uns Google und Facebook nur noch zeigen, was wir vermeintlich sehen möchten, ist das Manipulation. Wenn Pläne wie die der Telekom greifen, den Datenverkehr zugunsten eigener kommerzieller Angebote zu begrenzen, verkommt das WorldWideWeb zu einem weiteren Mainstreammedium als Werbeplattform. Ein arabischer Frühling ist dann darüber nicht mehr zu organisieren.

Wir müssen reden… über den Glaube an Big Data und Analyseprogramme, denn nichts anderes steckt hinter der Datensammelwut. Auch in der Technokratie deutscher Amtsstuben, der Politik und Konzerne erliegt man den Verlockungen, die Gesellschaft via Algorithmen auslesen und führen zu können. Das führt unweigerlich in einen Totalitarismus, denn die Lösungen und Entscheidungen basieren nur noch auf den Fragen, die ein Algorithmus beantworten kann. Querdenken, Hinterfragen, Ausnahmen sind dann nicht mehr zulässige Muster.

Es gibt heute schon genug Beispiele, was passiert, wenn Realitäten als mathematisches Modell behandelt werden – siehe der computergestützte Börsenhandel mit seinen plötzlichen, irrationalen Ausschlägen (das geht so weit, dass teilweise der Handel manuell ausgesetzt werden muss). Wie zuverlässig sind die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute (weder die Dotcom-Blase noch der Crash in 2008 wurden vorausgesagt)?

Und wir müssen dringlichst reden… über unser Verhältnis zu Demokratie und Bürgerechte – bestenfalls mit den Nachbarn, Freunden und Bekannten und unseren Abgeordneten in den Parlamenten. Wir müssen darüber reden, was wir als freie Gesellschaft auszuhalten bereit sind (Apropos: Waren das jetzt 5, 7 oder 40 Terroranschläge, Herr Bundesinnenminister?). Wir müssen darüber reden, ob uns ein Freihandelsabkommen mit den USA wichtiger ist als der Schutz vor genmanipulierten Lebensmitteln und der Privatisierung und Ökonomisierung aller Bereiche.

Wollen wir darüber reden?

Quellen: [1] Forschungsstudie “Überwachtes Deutschland“ von Joseph Foschepoth, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, 2012… [2] Manuskript der Rede Schröders… [3] Artikel von Patrick Beuth, DIE ZEIT, 23. Juli 2013

(Bilder der Kundgebung StopWatchingUs vom 27. Juli 2013 in Frankfurt am Main. Zum Öffnen der Galerie einfach anklicken)

Die Einladung machte neugierig und versprach einen interessanten Abend:

Stiftung MedienMittwoch

ZEITUNG IN DIGITALEN ZEITEN – DIE ZUKUNFT IST LOKAL

Diskussionsteilnehmer: Ludwig Ederle (Bereichsleiter Digitale Medien bei stimme.net + Heilbronner Stimme), Boris Tomic (Leiter der Stadtredaktion bei Frankfurter Neue Presse), Andreas Törpel (Managing Director bei Media Team OMD) und Dr. Roland Gerschermann (Geschäftsführer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und stellv. Vorsitzender vom Verband Hessischer Zeitungsverleger). Moderation durch Wolfgang J. Borgfeld (Leitender Redakteur Deutscher Fachverlag).

Bald ein Bild aus vergangenen Zeiten? (Foto: Katja Lenz)

Bald ein Bild aus vergangenen Zeiten? (Foto: Katja Lenz)

Die Financial Times Deutschland hat vor kurzem ihr Geschäft eingestellt, die Frankfurter Rundschau taumelt seit geraumer Zeit einer ungewissen Zukunft entgegen, die Westfälische Rundschau (WAZ Verlagsgruppe) entlässt 120 Journalisten und arbeitet zukünftig ohne eigene Lokalredaktion. Das Zeitungssterben ist in der Realität angekommen. Kostendruck und sinkende Umsätze treffen neben den Verlagen auch viele freie Mitarbeiter und Zulieferer, den Handel und natürlich das Druckgewerbe. Umso interessanter ist es, wenn sich Vertreter der Printmedien über mögliche Chancen ihrer Branche äussern, wie es das Motto der Veranstaltung verspricht.

Es gibt tatsächlich Erfolgsmeldungen – so beispielsweise das Lokalblatt The Herald in Jasper (Indiana, USA), das mit Bildreportagen und Fotojournalismus die Leser begeistert und unterhält:

Tages- und Wochenendausgabe THE HAROLD (v. l. n. r.)

Auch Ludwig Ederle von der Heilbronner Stimme äussert sich zufrieden über Abo- und Umsatzzahlen. Seine Regionalzeitung lässt Print und Online zusammenspielen – im Web werden Meldungen mit Videos und Bildergalerien aufgewertet, die anderntags im gedruckten Format ausführlicher behandelt werden.

Natürlich stellt sich die Frage, ob die beiden genannten Beispiele repräsentativ sein können. Im ländlichen Raum finden wir aufgrund der vergleichsweise hohen Heimatverbundenheit eine viel ausgeprägtere Bindung der Leser an die regionale Zeitung, als dies in Ballungszentren der Fall ist. Prinzipiell jedoch ist der Ansatz von The Herald und Heilbronner Stimme, den Schwerpunkt auf Bildsprache und optische Anreize zu legen, sicherlich ein denkbares Mittel, das Printprodukt zu entstauben und konkurrenzfähiger zu machen.

Allerdings – während das Beispiel aus Übersee Qualität und Kosten unter einen Hut bringt, geht die Heilbronner Stimme den bequemeren Weg: der Lokalreporter wird mit Fotohandy ausgestattet, um bei den Recherchen auf dem Volksfest auch für Druckausgabe und Internet zu fotografieren und einen Videoclip des Interviews mit dem Schützenkönig zu produzieren. Das mag zuweilen die Authentizität unterstreichen – doch entgegen Ederles Aussage, dass seine Mitarbeiter das Experiment „mit Begeisterung“ aufgenommen haben, ist auch an den möglichen Qualitätsverfall und die sowieso schon vorhandene Arbeitsintensität bei immer weniger Personal in den Redaktionen zu denken…

Schwer vorstellbar, dass voll ausgelastete Allrounder neben dem Editieren von Texten, Bild- und Videomaterial noch Zeit finden, gewissenhaft dem Stadtkämmerer bei seinen finanziellen Jongliertricks auf die Finger zu schauen. „Qualität“ war an diesem Abend übrigens generell ein stark beanspruchtes Wort (auch durch FNP-Mann Boris Tomic). Wie diese jedoch gewährleistet werden kann angesichts sinkender Auflagen und Werbeeinnahmen, blieb man den interessierten Gästen im Plenarsaal der IHK Frankfurt schuldig.

Gegen Ende der Podiumsdiskussion näherte man sich dann auch der allseits bekannten Lösung aller Probleme, dem heiligen Gral der Zeitungsmacher: „Paid content“. Doch wieder einmal blieb der Begriff eine Wolke, die im Saal über den Köpfen schwebte. Wie zukünftig die Bezahlmodelle für digitale Inhalte erfolgreich ausgestaltet werden können, darüber äusserte man sich auf der Bühne dann lieber doch nicht so konkret…

Fazit des Abends: Die Lokalzeitung könnte Zukunft haben. Kommt nur darauf an, wo und wie.

[Veranstaltungshinweis: Quo vadis, Print? von stadtkindffm]

(Zum Öffnen der Galerie einfach Bild anklicken. Fotos: Katja Lenz)

[Anmerkung: Das interessante Beispiel der Zeitung The Herald war nicht Inhalt der Veranstaltung, sondern wurde mir in einer Facebook-Diskussion empfohlen]

Die Erde ist rund. Oder?

Schon die alten Griechen haben durch die Beobachtung der sichelförmigen Verdunklung des Mondes klug gefolgert, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist. Newton lieferte die physikalischen Gesetze dafür und die grossen naturwissenschaftlichen Gesellschaften entsandten im 18. und 19. Jahrhundert Forscher zur genaueren Vermessung unseres Planeten in die letzten Winkel der Welt.

Als dann die Astro- und Kosmonauten in den 1960er Jahren durch die winzigen Luken ihrer Raumkapseln den Erdball im Weltraum schweben sahen, war der letzte Beweis erbracht: unsere Erde ist tatsächlich rund!

Tatsächlich?

In 2011 konnten die Forscher der ESA (European Space Agency) endlich die enorme Flut an Messdaten auswerten, die sie durch den zweijährigen Flug ihres Satelliten GOCE zur Vermessung der Erdmasse erhielten. Und siehe da: die Erde ist eine unförmige Kartoffel!

Satellit GOCE im Modell (Quelle: ESA)

GOCE wurde im Jahr 2009 in die Erdumlaufbahn geschossen und vermisst seitdem das Gravitationsfeld des Globus. Die Messdaten und Instrumente sind so abartig präzise, als ob man die Geschwindigkeitsveränderung eines Öltankers bestimmen könnte, die durch die ‚Erschütterung‘ einer auftreffenden Schneeflocke hervorgerufen wird.

Nach Auswertung der Daten liegt also seit 2011 eine Karte vor, die die Masseverteilung der Erde detailliert darstellt. Wie unförmig sich darauf unser blauer Planet präsentiert, lässt sich auf der faszinierenden, animierten Seite der ESA bestaunen: die GOCE-Erdgravitationskarte!

Der Internet-Modehändler MODOMOTO wirbt auf seiner Homepage mit dem Spruch „Nie wieder Shopping-Stress! Shopping frisst unsere Zeit, ist oft anstrengend und alles andere als effektiv“.

Was uns auf den ersten Blick wie ein leicht verunglückter Versuch der verantwortlichen Agentur erscheint, eine anscheinend interessante Geschäftsidee an den Mann zu bringen, macht bei genauerer Betrachtung nachdenklich.

Werbung zielt immer auf ungeschriebene, allgemeingesellschaftliche Vereinbarungen, um weitestgehende Zustimmung und im besten Fall Begeisterung auszulösen. Werbung beobachtet und spielt mit dem Zeitgeist. Grosse Bereiche der Werbebranche und Produktentwicklung beschäftigen sich ausschliesslich damit, unsere Gesellschaft und deren Strömungen zu analysieren, um Zielgruppen, Kommunikationskanäle und die Art der Kundenansprache bestimmen zu können.

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

Wie ist jedoch der Zustand unserer Gesellschaft zu bewerten, wenn – wie in diesem Beispiel – augenscheinlich totale Effizienz und Konformität erstrebenswerte Ziele sind? Der Versandhändler verspricht, durch Zusendung genormter Kleidung modische Ansprüche zu erfüllen (weg mit der Vielfalt) und uns Zeit zu schenken. Zeit wofür?

Nebenbeschäftigungen können nicht gemeint sein. Gespräche mit Freunden führt man ja bekanntlich via Facebook und Skype-Chat, weil auch das bequemer und effizienter ist. Wir hinterfragen oder ergründen nichts, sondern googlen. Man geht nicht mehr ins Kino, sondern bucht den Wunschfilm auf den eigenen Flachbildschirm. Anstatt sich an das Klavier zu setzen, mischen wir vorgefertigte Loops per Audio-Software zum Einheitsgedudel, mit dem dann die moderne, sterile, vollausgestattete Küche beschallt wird, in der die adrette Ehefrau die Tütensuppe erhitzt. So zumindest macht es uns die Werbung vor. Optimierung, Zeitersparnis, Vereinfachung.

Wenn also Müssiggang, das Herumschlendern zwischen Schaufenstern, die vertiefende Beschäftigung mit Künsten oder Kulturellem, mit dem Schönen und Guten, ja allgemein das Geniessen von freier Zeit laut Werbung „alles andere als effektiv“ sein soll, dann hat das Leben zwangsläufig nur einen Sinn: produktiv, vollumfänglich und verlässlich funktionierend der Wirtschafts- und Arbeitswelt zur Verfügung zu stehen. Die darausfolgende Konsequenz: wer diesen Dienst nicht erfüllt, ist nicht Teil der allgemeingültigen Gesellschaftsform.

Liebe Leserin, lieber Leser: Nehme Dir nur zehn Minuten Deiner (wertvollen) Zeit und füge die vielen Mosaiksteinchen der Werbespots, Anzeigen und Promotions zusammen, die Dir gerade spontan einfallen. Siehst Du dann auch ein Bild von Welten, wie wir sie aus Fahrenheit 451, Schöne Neue Welt, 1984 oder Die Insel kennen? Genormte, scheinbar glückliche Menschen, die einem gleichgeschalteten System dienen? Ein bisschen mehr Weichzeichner und die Filme ähneln den Spots der Scientology-Sekte. Erschreckend, oder?

Es braucht keine dämagogischen, böse dreinblickenden Diktatoren, um totalitaristische Formen zu erschaffen. Eine Marktwirtschaft, die auf Optimierung, Produktivität, Effizienz und Kapital basiert, schafft das scheinbar ganz alleine…

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[Anmerkung: Der Online-Versand MODOMOTO präsentiert sich als Personal Shopping Service speziell für Männer. Per Internetfragebogen oder Telefonat klärt der Kunde die wichtigsten Eckdaten (z. B. Konfektionsgrössen und Stil), dann stellt der Händler ein Paket aus 8-10 Kleidungsstücken zusammen („…basierend auf Ihrem Geschmack und speziellen Wünschen…“). Nach Empfang der Lieferung probiert man zuhause in Ruhe die Waren („…bekannte und qualitativ erstklassige Marken…“) und schickt kostenfrei die Stücke zurück, die einem nicht gefallen. Dieser Service ist auch als Abonnement erhältlich, so dass allmonatlich ein MODOMOTO-Paket mit Kleidungsempfehlungen eintrifft.]

Um Verleumdungsklagen zu vermeiden, äussere ich mich nicht näher über Carsten Maschmeyer (AWD-Gründer, Vorstand der MaschmeyerRürup AG (sic!)). Aber der Hinweis auf diese Buchpromotion darf sein (vom 22. November 2012):

(Quelle: gmx.de)

Maschmeyer, Carsten: SELFMADE. erfolg reich leben

Demnächst können wir dann wohl mit folgenden Werken rechnen…

Berlusconi, Silvio: SELFMADE II. erfolg reich lieben.

Lanz, Markus: SELFMADE III. erfolg reich labern.

zu Guttenberg, Karl-Theodor: SELFMADE IV. erfolg reich kopieren.

Wulff, Christian: SELFMADE V. erfolg reich blamieren.

Wendler, Der: SELFMADE VI. erfolg reich machen.

Hilton, Paris: SELFMADE VII. erfolg reich sein.

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[Wahre Worte zur Spiegel-Bestsellerliste: „Der Spiegel und die Bücher“ auf ngo-online.de]

Eine ganze Nation, die normalerweise nur im Wintersport international Aufsehen erregt, bricht am Sonntagabend in Jubel aus, als der Österreicher Felix Baumgartner nach seinem Sprung aus der Stratosphäre eine blitzsaubere Landung hinlegt und überglücklich in die Kameras winkt.

Felix Baumleitner kurz vor dem Sprung (Quelle: Livestream servustv.com)

Per Heliumballon ist der Extremsportler in einer Raumkapsel auf über 39.000 Meter Höhe aufgestiegen, um dann die Luke zu öffnen und im Raumanzug die kleine Plattform zu betreten. Die Welt hält gebannt den Atem an. Dann der Schritt nach vorne ins Leere. Binnen Sekunden verwandelt sich Baumgartner im freien Fall in ein Geschoss, das mit Mach 1,24 (das entspricht 1.342,8 Stundenkilometer) der Erde entgegenrast. Überschallgeschwindigkeit!

Während der Österreicher am Fallschirm nahe des Flugfeldes Roswell (New Mexico, USA) landet und sich seine Landsleute glücklich in die Arme fallen, wetzen in Deutschland geübte Internetbenutzer bereits die Messer. Schon wenige Minuten nach der Landung sind die Kommentarspalten auf den Onlineseiten der Medien und sozialen Netzwerke prallgefüllt mit abschätzigen Meinungsäusserungen, Kritik und Vorwürfen („…mit dem Geld hätte man was anderes machen können…“). Prima, dass wir uns mal wieder als Nation der Besserwisser outen!

Sicher – ob der Sprung bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse erbracht hat, wie die Veranstalter in zahlreichen Interviews immer wieder betonten, mag bezweifelt werden. Doch darum ging es beim Projekt Red Bull Stratos auch nicht.

Felix Baumgartner, der schon andere aufsehenerregende Fallschirmsprünge durchführte, hatte ein Ziel. Und weil das so spektakulär daherkam und eine hohe Aufmerksamkeit versprach, fanden sich neben dem bekannten Brausegetränkehersteller* aus Salzburg zahlreiche andere Sponsoren, die die fünfjährige Vorbereitung und die Durchführung finanziell unterstützt haben, während die Medien nicht umhin kamen, vom Spektakel zu berichten und sich teilweise vor den PR-Karren spannen liessen.

Wen das nicht interessiert, der schaut halt einfach nicht hin. Baumgartner ist glücklich, die finanziellen Mittel stellte die Privatwirtschaft, die CO²-Belastung war sicher geringer als bei einer Flugschau der Air Force und die bundesdeutschen Autobahnen blieben auch befahrbar. Kein Grund also, um herumzugranteln…

Für uns, die wir via TV, Online-Stream oder Live-Ticker am Stratosphärensprung teilnahmen, war es ein besonderes Ereignis. Und das nicht nur, weil der verregnete Sonntag nichts anderes hergab!

Erstmalig habe ich – die jüngeren Leser mögen mitleidig lächeln – ein derart grosses Ereignis ausschliesslich im Internet verfolgt. Der Stream von servustv.com, ein anderes Fenster für Diskussionen in Live-Chats und Facebook, Informationsvertiefung über Suchmaschinen und Wikipedia. Aufregend…

Neben der (aus beruflichen Aspekten) absolut beeindruckenden Vermarktung und Präsentation des Projekts für mich herausragend: Die Bildqualität der Übertragungen und ‚dabeisein‘ zu können, als Felix Baumgartner durch die Luke stieg und auf die Erde unter sich schaute. Atemberaubend!

Zu allen Zeiten haben sich Menschen mit selbsterbauten Flugmaschinen in die Lüfte erhoben, wollten mit Fortbewegungsmitteln aller Art Geschwindigkeitsrekorde brechen oder haben sich in Gegenden aufgemacht, von denen andere glaubten, dort wäre die Welt zuende und kein Überleben möglich. Das eine oder andere spleenige Abenteuer hat uns dann doch vorangebracht…

[Weiterführende Links: Der Sprung (16 Minuten von n-tv) | Wundervoll: Stratos als LEGO-Motion!!! | Homepage von Felix Baumgartner]

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* Das klar auf Marketing abzielende Sport- und Unterhaltungssponsoring des Konzerns RED BULL ist nicht unumstritten. Dabei versucht die Firma, ihre Förderkonzepte langfristig und nachhaltig anzulegen. Red Bull unterstützt über 600 Sportler, unterhält einen eigenen Formel 1-Rennstall sowie zwei Fussballakademien in Ghana und Brasilien, betreibt u.a. Fussballvereine in Salzburg und Leipzig und bietet den Athleten sogar ein eigenes Diagnose- und Therapiezentrum. Das Engagement gerade in Extremsportarten wird kritisch betrachtet – spielt man hier doch auch immer mit dem Reiz der Gefahr. Die Gründung von RB Leipzig mit dem Ziel, schnellstmöglich in die Bundesliga aufzusteigen, wird vom puristischen Fussballdeutschland als „Retortenverein“ und traditionsloses Investorengehabe angeprangert.   

Ab und an schaue ich mir die Zugriffsstatistiken dieses Blogs an (wieviel?, woher?, usw.). Lustig ist dabei immer der Blick auf die Suchbegriffe, durch die diverse Internetuser auf diese Seiten gelangen. Die Highlights der vergangenen Monate:

• „sollen sportvereine für das fehlverhalten ihrer fans stärker bestraft werden?“ – Ich habe noch nie daran gedacht, ganze ausformulierte Sätze in einer Suchmaschine einzugeben

„franfurter göthe universium“ – Göthe? Universium? Und dennoch bei mir gelandet?

„bahn weggefahren“ – Welche Motivation liegt wohl hinter dieser Suchanfrage?

„die nachrichten futh“ – Keine Ahnung, was ‚Futh‘ bedeutet. Ich hoffe, der gefundene Artikel konnte helfen!

„parent gèry“ – Hm… mir ist nicht bewusst, irgendwann auf französisch geblogt zu haben?

„privatsphäre gefährdet durchsichtige vorhänge“ – Klar gefährden durchsichtige Vorhänge die Privatsphäre… Ich weiss nur leider nicht mehr, auf welchen meiner Artikel der Suchende stiess.

„124,5 milliarden“ – Im iNet auf der Suche nach dem Lottogewinn?

„mit skischuhen stadt“ – Mit Joggingschuhen Südpol? Mit Zimtlatschen Mount Everest? Würde gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht!

„nana von hinten“ – Tz tz tz… Der / die verzweifelt Suchende ist dann wohl auf meinen Artikel über die Post-It-Kunst gestossen, in der ich mein Vorhaben beschreibe, ein Motiv aus der ‚Nana‘-Serie von Niki de Saint Phalle auf einer Fensterscheibe zu verewigen. Seine / ihre Enttäuschung wird gross gewesen sein…

…und last, but not least und aktuell von gestern: „wie hacke ich mich in eine bekannte email adresse“ – Mit der Suchanfrage landet mein Blog (die Seite „Über mich“) tatsächlich auf der 2ten Seite der Suchmaschinen! Wer da allerdings welche kriminellen Interessen verfolgt, will ich gar nicht wissen ;-)