Archiv

Schlagwort-Archive: Kapitalismus

Im Frankfurter Europaviertel öffnete gestern eine neue Kathedrale ihre Pforten… oder besser gesagt: ein Konsumtempel namens SKYLINE PLAZA. Entgegen dem allgemeinen Trend, mittels SUV die Kapazitäten des Parkhauses an die Grenzen zu führen, begab sich der Autor dieser Zeilen mit dem Fahrrad zum neuesten Altar des goldenen Kalbs und sammelte erste Eindrücke.

Auf dem ehemaligen Areal des Güterbahnhofs zwischen Messegelände und Frankenallee entsteht seit einiger Zeit das Europaviertel, eine Mischbebauung vom Reissbrett mit Bürogebäuden, Mietwohnungen und exklusiven Penthouseappartements, Einzelhandel, Grünflächen mit Kinderspielplätzen und Minigolfanlage. Während unsereins früher noch in einer ‚Heimatsiedlung‘ aufwuchs, nennen sich die Gebäudekomplexe hier heutzutage ‚Harmonie‘ oder ‚Skyline Boulevard No. 2‘. Nun gut, in spätestens fünfzehn Jahren werden wir wissen, wie sich diese Verheissungen urbanen Lebens entwickelt haben.

Am Anfang der Europaallee (oder am Ende – je nach Blickrichtung) wurde der Komplex SKYLINE PLAZA hochgezogen – eine Baustelle, die ich schon vor über zehn Jahren in einem Marketingplan berücksichtigen musste, weil dort ein sog. Urban Entertainment Center geplant wurde und an der ich einige Zeit später bei einer temporären Musicalproduktion mitwirkte. Ein Ort mit persönlichem Bezug also – umso gespannter war ich auf das Ergebnis.

Vor etwa einem halben Jahr sorgte schon ein Promo-Spot der Vermarkter des SKYLINE PLAZA für Kopfschütteln. Soweit ich mich erinnere, zeigte die Protagonistin des Videos – eine attraktive, junge Frau – beglückt ihre Freude, bald mitttels der Kreditkarte ihres Ehegatten (dessen Beruf als stellvertretend für den Finanzplatz Frankfurt mehr als deutlichgemacht wurde) wundervolle Tage in der Shoppingmall verbringen zu können (wie hat die Arme vorher ihr Leben verbracht?). Die seltsamsten Dinge sind im iNet verewigt – das Video ist mittlerweile leider unauffindbar (falls Ihr Leser es findet: bitte per Kommentar posten. Es winken sensationelle Preise!!!)…

Beim Betreten des Warentempels die erste Enttäuschung: statt stilsicheren Schönheiten begegne ich dem typischen Fussgängerzonenvolk. Bling-Bling-Kids und Durchschnittsfamilien (zu erkennen an den Männern in Capri-Hose und farbechtem Shirt) durchqueren die ‚heiligen Hallen‘. Das ist keinesfalls abwertend gemeint, aber die Werbekampagne des SKYLINE PLAZA hatte anscheinend eine andere Zielgruppe im Visier. Wobei das wiederum irritiert… die Angebotspalette entspricht ebenfalls dem Fussgängerzonenniveau: von A wie Apollo Optik (oder Asiahung) bis Z wie Zara (oder Zero). Für Statistiker: ca. 60 Filialen der Mode-/Schuhebranche und 35 (!) Filialen Food & Beverage gegenüber ca. 45 sonstigen Geschäften (Kosmetik, Telekommunikation, Dienstleistungen, usw.)…

Architektonisch / konzeptionell gibt es leider auch nichts zu staunen. Das Gebäude ist ein dem Grundstück angepasster Zweckbau (ellipsenförmig) ohne Überraschungen – optisch wirken lediglich Elemente, die man anscheinend von vornherein zum späteren Austausch vorgesehen hat (siehe Fotos der Paneele und Wandverkleidungen), um dem Ganzen immer wieder einen neuen Anstrich zu verpassen. Das Entrée ist völlig unspektakulär – man kommt herein und steht in einer unspektakulären Ladenzeile. Aussagekräftig ist der Gang in die Bereiche zwischen Ladenzeilen und Parkdecks: „Mensch, verlasse diese tote Gegend schnellstmöglich“, lautet die versteckte Botschaft.

Ich werde dieses Einkaufszentrum die nächsten Monate beobachten, weil ich mir nicht sicher bin, ob es sich als Kriegserklärung an die Frankfurter Innenstadt oder das MTZ am Stadtrand versteht (in diesem Zusammenhang habe ich leider vergessen, einen Blick auf die Parkgebühren zu werfen). So frequentiert wie heute – das ist jedoch schon meine Prognose – wird der/die/das SKYLINE PLAZA nie mehr sein!

[Anmerkung: Um auch Positives zu erwähnen… sollte sich der eine oder andere Leser mal in diesen Konsumtempel verirren, empfehle ich den Laden mit selbstgefertigten Kosmetikartikeln (den Namen habe ich leider vergessen – er ist in der ersten Oberetage zu finden) – wunderhübsch gestaltete Auslagenschilder mit höchst originellen Texten („…diese Himbeerbadeschaumkugel ist eine Explosion für ihre Nase…“). Wirklich empfehlenswert! Desweiteren gefällt mir die Idee, das Dach des Gebäudetraktes zu nutzen: Restaurant, Minigolf, viele Sitzmöglichkeiten (findet man heutzutage nicht mehr häufig!), das ist prima durchdacht!] 

Zum Öffnen der Fotogalerie einfach eines der Bilder anklicken!

Es ist wohl zu bezweifeln, dass der 8. Juni 2013 als „Beginn der deutschen Regenschirm-Revolution“ in den Geschichtsbüchern Einzug halten wird oder dass an diesem Tag ein „Frankfurter Frühling“ seinen Anfang nahm. Und dennoch war es ein überwältigendes Zeichen, die vielen Bürger auf der Strasse zu sehen, die gekommen waren, um laut, bunt und fröhlich für Demonstrationsrecht und Demokratie zu protestieren.

Eine Woche zuvor wurde die gerichtlich genehmigte Blockupy-Demo durch ein massives Polizeiaufgebot gestoppt, fast 1.000 Menschen mussten stundenlang im Polizeikessel Pfefferspray- und Schlagstockattacken erleiden (siehe auch Blockupy 2013) und wurden wie Schwerkriminelle abgeführt. Auch anwesende Journalisten, Landtagsabgeordnete und Rettungssanitäter waren empört über das Auftreten der Polizeieinheiten. Die Presse (sogar die BILD-Zeitung) schrieb anschliessend von einem unverhältnismässigen und augenscheinlich geplanten Einsatz und forderte eine Untersuchung des Vorfalls. Boris Rhein von der CDU – als Hessens Innenminister verantwortlich für das Vorgehen der Ordnungskräfte und die tagelange Selbstblockade der Stadt – lobte hingegen seine Truppen und argumentierte, die Massnahmen hätten schlimmere Gewaltakte vermieden, die Bürger geschützt und wären nur gegen die gerichtet gewesen, die gegen die Auflagen für die Demonstration verstiessen hätten. Als Beweise wurden auf der eigens einberufenen Pressekonferenz u. a. von Demonstranten mitgeführte Sonnenbrillen (Vermummung), Regenschirme und Styroporschilder (Passivbewaffnung) vorgeführt…

Um gegen die Sichtweise Boris Rheins und die Vorfälle vom 01. Juni zu protestieren, wurde kurzfristig für den 08. Juni zur Solidaritätsdemonstration aufgerufen. Und was die Veranstalter nicht zu träumen gewagt hätten: ca. 7.000 bis 10.000 Menschen unterschiedlichster Couleur fanden sich am Kundgebungsort Baseler Platz ein, reckten trotzig unzählige bunte Regenschirme in die Höhe, tanzten, präsentierten Schilder aus Styropor und zeigten während des ganzen Demonstrationszuges durch die Innenstadt, was bereits eine Woche zuvor stattfinden sollte: eine friedliche und fröhliche Protestaktion.

Während eine Woche zuvor die Stadt von einem martialisch auftretenden Polizeiaufgebot belagert und mit Nato-Stacheldraht abgeriegelt wurde, waren dieses Mal nur ein paar wenige, sehr freundliche Polizeikräfte in normalen Uniformen zur Begleitung und Verkehrssicherung anwesend. Sehen Sie, Herr Rhein – es geht auch so!

Der letzte Samstag wurde von den Medien als „schwarzer Tag für Frankfurt und die Bürgerrechte“ bezeichnet. Der 08. Juni 2013 aber sollte als kunterbunter Tag für unsere Stadt und ihre Menschen in Erinnerung bleiben. Danke an alle, die dabei waren!.

PS: Dem Fahrer des knallroten Ferraris, der am Opernplatz den Demonstrationszug kreuzte, wünsche ich wirklich, dass sein Wagen keine Kratzer abbekommen hat.

[Zum Öffnen der Galerie eines der Bilder anklicken]

„BLOCKUPY BLOCKIERT BUSSE UND BAHNEN“ (Frankfurter Neue Presse vom 29.05.2013)

Liebe Redaktion der FNP, da läuft etwas verdammt schief in diesem Land, wenn Ihr Euch mit solchen Überschriften freiwillig zum Sprachrohr der Law & Order-Politiker macht und Euren Lesern suggeriert, die Teilnehmer der Frankfurter Blockupy-Aktionen würden Strassenbahnen, Haltestellen und Gleise besetzen, um den öffentlichen Nahverkehr lahmzulegen. Dass die Einschränkungen des Bus- und Bahnverkehrs im vorauseilenden Gehorsam durch die Frankfurter Verkehrsgesellschaft beschlossen wurden, weil für diese Tage wieder ein Ansturm der Hunnen prohezeit wurde, wolltet Ihr Euren Lesern anscheinend vorenthalten…

Generell wurde in den vergangenen Tagen medienübergreifend hauptsächlich darüber berichtet, wo es zu welchen Behinderungen kommen würde. Eine detaillierte Berichterstattung über die Motivation und Beweggründe der Blockupy-Aktivisten? War wohl nicht gewollt…

Wer sich seit vergangenen Mittwoch in der Stadt genau umgesehen hat, ist auch nicht überrascht über die Vorfälle beim gestrigen Demonstrationszug und das Verhalten der Polizeikräfte. Wie bereits im vergangenen Jahr (siehe meine Artikel) hat die Stadt im Vorfeld Horrorszenarien an die Wand gemalt und die Staatsgewalt gegen mündige Bürger aufgefahren.

Die gestrigen persönlichen Erlebnisse am Polizeikessel beim Schauspielhaus (Ecke Neue Mainzer Strasse / Hofstrasse) haben mich erschüttert. Auch die Wahrnehmungen anderer Augenzeugen, die Berichte u. a. durch FAZ („Im Kessel“) und Frankfurter Rundschau („Blockupy-Tage gehen zuende“), Standort und Zeitpunkt des Geschehens lassen die Vermutung zu, dass zumindest eine Störung der völlig friedlichen Demonstration von vornherein geplant war. Dass ‚die Obrigkeit‘ – um mal diesen etwas antiquierten Begriff zu verwenden – mit völlig unverhältnissmässigen Mitteln das Demonstrations- und Versammlungsrecht angegriffen hat, muss in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung und im Hessischen Landtag ein Nachspiel haben. Glücklicherweise haben Abgeordnete aus Stadt und Land gestern am eigenen Leib erfahren dürfen, welche Mittel der Kollege Boris Rhein (Innenminister der Hessischen Landesregierung) gegen kritische Bürger auffährt, so dass das Thema sicher zur Sprache kommen wird.

Meine Sicht: die Blockupy-Teilnehmer stellten während der Aktionstage in Frankfurt trotz der vorhergesagten Schreckensbilder zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr dar. Aber inwieweit das Gedankengut eines Herrn Rhein (Stellungnahme der CDU-Landtagsfraktion) und seiner Erfüllungsgehilfen bei den Ordnungskräften unsere Gesellschaft gefährdet, darüber muss geredet werden!

Mehr Bilder und Berichte auch in den Blogs umamibuecher („Polizeilicher Konjunktiv“) und stadtkindffm („Fotos + Video von Blockupy Frankfurt“ und „Selbstblockade in der Goethestrasse“). Unbedingt lesenswert auch der Erlebnisbericht von Stefan Rudersdorf: „Staatsbürgerkunde“!

NACHTRAG: Am Samstag, 08. Juni 2013, wird zur Demonstration gegen die o. g. Vorkommnisse aufgerufen. Die Kundgebung beginnt um 11.30 Uhr am Baseler Platz, der Protestzug wird pünktlich um 12 Uhr starten. Als Gastredner zugesagt hat u. a. der Kabarettist Urban Priol (Bilder und Bericht unter Blockupy 2013 – das Nachspiel)! 

Egal, ob man nach Hamburg, Frankfurt oder München schaut… in den Grossstädten steigen die Mieten aufgrund der Nachfrage unaufhörlich. Und da dazu noch viel zu viel Kapital im Umlauf ist, heizen diese Mittel auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten den Immobilienmarkt zusätzlich an und beeinflussen die Wohnraumplanung der Kommunen. Das führt dann so weit, dass beispielsweise ein prunkvoller Neubau in der Frankfurter Kaiserstrasse mit 120 qm-Eigentumswohnungen von der Stadt mit öffentlichen Mitteln in Höhe von 750.000 Euro gefördert wird (siehe dazu: fr-online vom 21.12.2012)! Aber diese Entwicklung dürfte erst am Anfang stehen – die Grossstädte werden in den kommenden Jahren noch attraktiver werden: hier gibt es Arbeitsplätze und Infrastruktur, Geld für teure Objekte ist ausreichend vorhanden.

Da wundert es nicht, dass das Münchener Unternehmen Goldgrund Immobilien offen und unverblümt für sein Luxusobjekt im begehrten Stadtteil Schwabing wirbt: den „finanziellen Highperformer“ erwarten im geplanten L’Arche de Munique 540 qm-Luxuswohnungen. „Vor allem aber bieten wir Ihnen in Zeiten sozialer Kälte ein behagliches und sicheres Refugium: Doorman-Service, Double-Carport, Airport-Shuttle-Service und eigenes U-Bahn-Entrée – damit Sie Ihre ganz eigene Münchner Freiheit genießen können“, wird auf der Homepage versprochen. Unter der Überschrift „Privilegien geniessen“ folgt dann die Ausstattung des Wohntraumes: „Unsere repräsentativen und luxuriösen Town-Wohnungen für höchste Ansprüche bieten extrem großzügige Raumaufteilung, gewagte Zimmerfluchten und kompromisslose Klarheit. Klassisch-moderner Look, zertifiziertes Tropenholzparkett, ein japanischer Dachgarten, integrierte Premium-Head-Offices, monatlich wechselnde Ausstellungen in den Ambient-Räumen und eine insgesamt offensive Optik runden Ihr Wohnerlebnis ab. Außerdem wird das umliegende Viertel durch die visuelle Rückkopplung mit dem beeindruckenden Ensemble stark aufgewertet. Durch separate Eingänge ist für die eigentlichen Bewohner und unser diskretes Facility & Subsistence Management ein Maximum an Privatheit und Sicherheit gewährleistet“. Der Preis für Exklusivität im Herzen der Stadt: schlappe 15 Millionen Euro!

Ausschnitt der Goldgrund-Webseite

Ausschnitt der Goldgrund-Webseite

Um den Durchschnittsbürger in der Nachbarschaft nicht zu verärgern und aufkommenden Sozialneid zu unterbinden, betont Goldgrund das eigene Verantwortungsbewusstsein: „Gentle fication – unser Konzept der sanften Aufwertung! Jedes unserer edlen Objekte generiert neue Arbeitsplätze in den Bereichen Subsistence Management, Security und Domestic Responsibility. So ist Goldgrund über die Jahre zu einem der zuverlässigsten Provider in Münchens extrem dynamischer Dienstleistungsbranche geworden. Außerdem bieten wir all unseren Mitarbeitern pfiffig geschnittene Appartements in den unteren Lagen des Arche de Munich: Intelligente Raumausnutzung, verdichtete Architektur, erschwingliche Mieten und die unmittelbare Nähe zum Arbeitgeber garantieren für beide Seiten optimalen Workflow. Durch dieses Konzept einer nachhaltigen Immobilienbewirtschaftung schonen wir die Ressource Bevölkerung und ermöglichen es ihr im gewohnten Umfeld zu verbleiben. Schließlich wollen wir, dass München für alle leuchtet!“

Ressource Bevölkerung, Schaffung neuer Arbeitsplätze in den Bereichen Sicherheit und Hausverwaltung… die zynische, doch elegant verpackte Botschaft wurde von der Zielgruppe prompt verstanden, die Maklerbranche war elektrisiert, konkrete Anfragen von Investoren und potenten Kunden aus dem In- und Ausland liessen nicht auf sich warten. Doch Kaufverträge werden wohl nicht abgeschlossen werden können, denn…

…hinter Goldgrund Immobilien und der Homepage steckt die Kabaretttruppe der Münchener Lach- & Schiessgesellschaft, die mit dem fiktiven Wohnobjekt und den entsprechenden Begrifflichkeiten die Perversion des Luxusbauwahns verdeutlicht! Da bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken…

Weiterführende Links: Homepage der fiktiven Firma Goldgrund | Bericht im Deutschlandfunk über die Satire vom 26.03.2012

Vor einem halben Jahr wurde das Frankfurter OCCUPY-Camp an der EZB polizeilich geräumt. Seitdem ist es ruhig geworden um die Initiative, obwohl die Anlässe zur Gründung der Protestbewegung – das Ohnmachtsgefühl der Bürger, übermächtige Finanzmärkte, eine Politik ohne Lösungen und die demokratiegefährdende Staatsverschuldung – weiterhin hochaktuell sind. Mit der Frage „Was hat’s gebracht – Occupy als Anfang einer neuen Bürgerbewegung?“ schloss daher am Montagabend die Bürger-Universität ihre Wintersemester-Reihe über Demokratie und Finanzmärkte und beleuchtete die bisherigen Erfahrungen sowie die Zukunft der Occupy-Proteste.

Oberbürgermeister Peter Feldmann ermunterte in seiner Eröffnung die Bürger zum Mitwirken und Einmischen – gerade am Finanzplatz Frankfurt sei eine Gegenöffentlichkeit wichtig. Der Wirtschaftshistoriker Prof. Werner Plumpe erinnerte an den nach wie vor dringlichen Handlungsbedarf, denn die Politik wirke lediglich noch an der „Aufrechterhaltung des Verschuldungskomplexes“ mit und gebe Gestaltungsmöglichkeiten auf. Die Transformation vom Rechts- zum Massnahmenstaat sei schon weit vorangeschritten. Ebenso warf er die interessante Frage in den Raum, ob die politischen Vertreter nicht ihre Legitimation verloren hätten, wenn sie durch äussere Zwänge nicht mehr die Interessen ihrer Bürger vertreten könnten.

Hajo Köhn, Initiator der Organisation Occupy Money, die an der Entwicklung von Alternativen für eine faire Geldordnung arbeitet und Aufklärung betreiben möchte, schilderte seine Arbeit an Schulen und in Bürgerforen. Für ihn ist es wichtig, dass ein Austausch stattfindet zwischen denen, die aktiv am Finanzmarkt teilnehmen, und denen, die ihn kritisieren. Nur so könnten aus der von OCCUPY formulierten Kritik Lehren gezogen werden!

Der Philosophieprofessor Axel Honneth richtete seinen Denkanstoss dann direkt an die OCCUPY-Vertreter. Die Bewegung wolle und müsse den „schlafenden Souverän“ (das Volk) wecken, um Diskussionsprozesse und Handeln anzustossen. Sieht sich OCCUPY dabei als Avantgarde einer Bewegung oder als Sammelbecken? Honneth fragt konkret, ob sich die Bewegung über Mittel und Strategien geeinigt hätte, um ihre Mission erfolgreich fortzusetzen. Welche Möglichkeiten würde man sehen, um auf das Finanzsystem und die Politik einzuwirken?

All diese Impulse hätten eine sehr spannende Debatte anstossen können. Doch diese scheiterte an den Hauptakteuren des Abends: weder der auf dem Podium anwesende OCCUPY-Aktivist Jan Umsonst, noch seine Mitstreiter im Publikum waren willens, auf diese Fragen einzugehen, sondern ergingen sich in endlosen Monologen über Kapitalismus, Hunger, Ungerechtigkeit, Umweltverschmutzung, Verarmung und all die anderen Themen, die zwar gerne auf’s Tableau gehören, an diesem Abend aber nicht Inhalt der Diskussion waren.

Man muss leider feststellen: trotz der zahllosen Assambleas und Arbeitsgruppen seit Oktober 2011 hat OCCUPY:FRANKFURT keine Entwürfe und Ideen zu bieten (da sind viele andere Organisationen deutlich weiter) – die AktivistInnen genügen sich weiterhin in der Formulierung von Kritik, wollen oder können jedoch keine Lösungen aufzeigen. Die Bewegung bekam Medienpräsenz, hatte eine Zeit lang die Sympathien der Bevölkerung und motivierte im Maximum 6.000 Menschen zum Strassenprotest (die grösseren Frankfurter Demonstrationen in 2012 wurden von anderen Bündnissen organisiert). Und sonst? OCCUPY:FRANKFURT ist das Camp ohne Camp. Die Frage „was hat’s gebracht?“ ist berechtigt. Nach meinem Eindruck, der sich gestern Abend bestätigte, sind aus dieser Richtung keine relevanten Signale mehr zu erwarten…

[Informationen: alle Blogartikel rund um das Thema Occupy in Hackentricks Schlagwortarchiv. Das nächste offene Treffen von OCCUPY MONEY findet am 04. Februar um 19 Uhr im Frankfurter Restaurant ‚Michas Essen & Trinken‘ statt. Interessenten sind herzlich Willkommen!]

Zum Öffnen der Galerie einfach eines der Bilder anklicken!

Montag im Hörsaal V der Goethe-Universität in Frankfurt – die Bürger-Uni lädt im Rahmen der Diskussionsreihe ‚Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte‘ zum Gedankenaustausch ein. Das Thema an diesem Abend ist hochaktuell: Wissenschaft als Krisenhelfer – muss Forschung der Politik und Öffentlichkeit mehr Orientierung geben?

Die von FAZ-Redakteur Sascha Zoske moderierte Veranstaltung beschäftigt sich mit der Rolle der (Wirtschafts-)Wissenschaften angesichts der Finanzkrise und deren Auswirkung auf Politik, Staat und Gesellschaft.

Karlheinz Weimar beim Vortrag

Karlheinz Weimar beim Vortrag

Die Diskussion wird eröffnet mit einem Vortrag des ehemaligen hessischen Finanzministers Karlheinz Weimar. Er beschreibt, weshalb die Politik auf wissenschaftliche Expertise angewiesen ist: „Politiker sind keine Alleskönner“ und benötigen fachmännischen Rat, der gleichzeitig die Entscheidungen der Politik zusätzlich legimitiert. Weimar verdeutlicht jedoch auch die Schwierigkeiten – so gibt es für jedes Thema unterschiedliche wissenschaftliche Positionen. Wem also hört man zu? Wem folgt man? Zudem sind Entscheidungen nie „nur richtig“ oder „nur falsch“, es gibt in der komplexen Welt keine klaren, einfachen Lösungen und man sollte auch immer einen Blick auf unangenehme Nebenwirkungen haben. Er verweist auch auf die Risiken der Auftragsforschung: herrschende Meinungen werden dadurch gestärkt und Manipulation wird ermöglicht.

An dieser Stelle sei mir – bei aller Richtigkeit der Darstellungen durch Karlheinz Weimar – mit einem Schmunzeln der Hinweis gestattet, dass unter ebendiesem damaligen Finanzminister Weimar (wissenschaftliche) Gefälligkeitsgutachten erstellt wurden, mit denen vier Frankfurter Steuerfahnder als „paranoid querulatorisch“ und „anpassungsgestört“ beurteilt und in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurden. Die rechtschaffenen Beamten hatten gegen Besitzer verdeckter Auslandskonten ermittelt und sind dabei wohl einigen Herrschaften in unserem schönen Hessenland zu sehr auf die Füsse getreten (siehe „Psychiater stoppte Steuerfahnder mit dubiosen Gutachten“, spiegel.de vom 17.11.2009)! Erst Jahre später wurden die Gutachten durch unabhängige Stellen kassiert und der verantwortliche Psychiater wegen fehlerhafter Erstattung von Sachverständigengutachten verurteilt.

Die Seite der Wissenschaft wird an diesem Abend durch die Professoren Andreas Hackethal (Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften) und Tilman Allert (Soziologe) vertreten. Während Erstgenannter erläutert, dass zuvorderst Forschung und Lehre die Aufgaben der Wissenschaft seien, Politikberatung keine Priorität habe und diese auch nicht angestrebt werden sollte, betrachtet Allert augenzwinkernd die unterschiedlichen Motivationen von Politik und Forschung („Krisenforschung ist nachträgliche Forschung“).

Die weiteren Ausführungen der beiden Professoren lassen Zweifel aufkommen, ob uns „Universitätsbetriebe“ Antworten auf dringliche Fragen bieten können. Der Soziologe blickt entspannt aus seinem Elfenbeinturm auf Objekte seiner Neugier („Die Akteure der Finanzmärkte sollte man nicht dämonisieren. Das sind sehr interessante Abenteurer unserer Zeit!“), der Fachbereichsleiter für Wirtschaftswissenschaften sichert die Mittel und das Ansehen seines Lehrbetriebes in einem marktwirtschaftlich orientierten Bildungssystem.

Professor Hackethal mag noch so häufig betonen, dass Forschung und Lehre frei und unabhängig sei („Wir sind Beamten, uns kann niemand kündigen!“)… man muss sich einfach nur vergegenwärtigen, dass in den deutschen Universitäten fast ausnahmslos nur eine einzige Lehrmeinung vertreten (und akzeptiert) wird – die vermeintliche Heilslehre vom neoklassischen Wirtschaftsmodell, das seit den 70er Jahren wieder fröhlich das Denken der Ökonomen eingenommen hat. Jahr für Jahr entlassen die Unis entsprechend ‚geschulte‘ Absolventen in die Unternehmen, Anwaltskanzleien, Werbe- und PR-Agenturen, Beraterbüros, die Medien und auch in die Politik. Eigenes Denken, Hinterfragen, das Verlassen von Schemata lehrt der Universitätsbetrieb schon länger nicht mehr – ein Kollateralschaden im Zuge von Standardisierung und Verkürzung der Lehre…

Die Veranstaltungen der Bürger-Universität, die vom Exzellenzcluster Normative Orders unterstützt werden, stehen allen Interessierten offen. Die Themenreihe ‚Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte‘ endet mit der Diskussionsrunde „Occupy – was hat’s gebracht?“ am 28. Januar 2013 (Beginn 19.30 Uhr, Hörsaal V, Hörsaalgebäude der Goethe-Uni, Mertonstrasse 17-21). Alle Wintersemester-Termine der Bürger-Uni im Überblick: buerger.uni-frankfurt.de!

Der Internet-Modehändler MODOMOTO wirbt auf seiner Homepage mit dem Spruch „Nie wieder Shopping-Stress! Shopping frisst unsere Zeit, ist oft anstrengend und alles andere als effektiv“.

Was uns auf den ersten Blick wie ein leicht verunglückter Versuch der verantwortlichen Agentur erscheint, eine anscheinend interessante Geschäftsidee an den Mann zu bringen, macht bei genauerer Betrachtung nachdenklich.

Werbung zielt immer auf ungeschriebene, allgemeingesellschaftliche Vereinbarungen, um weitestgehende Zustimmung und im besten Fall Begeisterung auszulösen. Werbung beobachtet und spielt mit dem Zeitgeist. Grosse Bereiche der Werbebranche und Produktentwicklung beschäftigen sich ausschliesslich damit, unsere Gesellschaft und deren Strömungen zu analysieren, um Zielgruppen, Kommunikationskanäle und die Art der Kundenansprache bestimmen zu können.

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

(Quelle: Ingo Anstötz / pixelio.de)

Wie ist jedoch der Zustand unserer Gesellschaft zu bewerten, wenn – wie in diesem Beispiel – augenscheinlich totale Effizienz und Konformität erstrebenswerte Ziele sind? Der Versandhändler verspricht, durch Zusendung genormter Kleidung modische Ansprüche zu erfüllen (weg mit der Vielfalt) und uns Zeit zu schenken. Zeit wofür?

Nebenbeschäftigungen können nicht gemeint sein. Gespräche mit Freunden führt man ja bekanntlich via Facebook und Skype-Chat, weil auch das bequemer und effizienter ist. Wir hinterfragen oder ergründen nichts, sondern googlen. Man geht nicht mehr ins Kino, sondern bucht den Wunschfilm auf den eigenen Flachbildschirm. Anstatt sich an das Klavier zu setzen, mischen wir vorgefertigte Loops per Audio-Software zum Einheitsgedudel, mit dem dann die moderne, sterile, vollausgestattete Küche beschallt wird, in der die adrette Ehefrau die Tütensuppe erhitzt. So zumindest macht es uns die Werbung vor. Optimierung, Zeitersparnis, Vereinfachung.

Wenn also Müssiggang, das Herumschlendern zwischen Schaufenstern, die vertiefende Beschäftigung mit Künsten oder Kulturellem, mit dem Schönen und Guten, ja allgemein das Geniessen von freier Zeit laut Werbung „alles andere als effektiv“ sein soll, dann hat das Leben zwangsläufig nur einen Sinn: produktiv, vollumfänglich und verlässlich funktionierend der Wirtschafts- und Arbeitswelt zur Verfügung zu stehen. Die darausfolgende Konsequenz: wer diesen Dienst nicht erfüllt, ist nicht Teil der allgemeingültigen Gesellschaftsform.

Liebe Leserin, lieber Leser: Nehme Dir nur zehn Minuten Deiner (wertvollen) Zeit und füge die vielen Mosaiksteinchen der Werbespots, Anzeigen und Promotions zusammen, die Dir gerade spontan einfallen. Siehst Du dann auch ein Bild von Welten, wie wir sie aus Fahrenheit 451, Schöne Neue Welt, 1984 oder Die Insel kennen? Genormte, scheinbar glückliche Menschen, die einem gleichgeschalteten System dienen? Ein bisschen mehr Weichzeichner und die Filme ähneln den Spots der Scientology-Sekte. Erschreckend, oder?

Es braucht keine dämagogischen, böse dreinblickenden Diktatoren, um totalitaristische Formen zu erschaffen. Eine Marktwirtschaft, die auf Optimierung, Produktivität, Effizienz und Kapital basiert, schafft das scheinbar ganz alleine…

•   •   •

[Anmerkung: Der Online-Versand MODOMOTO präsentiert sich als Personal Shopping Service speziell für Männer. Per Internetfragebogen oder Telefonat klärt der Kunde die wichtigsten Eckdaten (z. B. Konfektionsgrössen und Stil), dann stellt der Händler ein Paket aus 8-10 Kleidungsstücken zusammen („…basierend auf Ihrem Geschmack und speziellen Wünschen…“). Nach Empfang der Lieferung probiert man zuhause in Ruhe die Waren („…bekannte und qualitativ erstklassige Marken…“) und schickt kostenfrei die Stücke zurück, die einem nicht gefallen. Dieser Service ist auch als Abonnement erhältlich, so dass allmonatlich ein MODOMOTO-Paket mit Kleidungsempfehlungen eintrifft.]

Tage hat es gebraucht, um einigermassen sachlich über das Thema schreiben zu können. Die Herren vom DFB, der bayrischen Polizei und des FC Bayern München haben es schon fein hinbekommen: eine Demonstration der Macht und Geringschätzung gegenüber den Fussballfans. Ein Fingerzeig, wie man in den Entscheidungsgremien über Dinge wie Rechtsstaatlichkeit oder Diskussionsprozesse denkt. Und Teile unserer Medienlandschaft geben derweil den Hofberichterstatter – ob aus Kalkül oder aus Dummheit…

Vergangene Woche wurde durch den DFB die Partie der Eintracht Frankfurt in der Münchner Allianz-Arena zum Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, obwohl es in all den vergangenen Jahren in München nie zu bedenklichen Vorfällen durch Frankfurter Fans gekommen ist und auch letzten Samstag nichts darauf hindeutete.

Zu den Massnahmen, um das Bayernstadion vor dem herbeigeschworenen Angriff durch die Horden vom Main zu schützen, zählten u. a. neben dem Einsatz des besonders martialisch auftretenden Unterstützungskommando (USK) der bayrischen Polizei auch Vollkörperkontrollen der Zuschauer in eigens dafür aufgestellten Zelten am Gästeeingang. Diese willkürlichen Durchsuchungen – die auch umstrittener Inhalt des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis sind – werden von verschiedenen Expertenseiten als rechtswidrig betrachtet. Dass diese Kontrollmassnahme ausgerechnet gegen die Frankfurter Anhänger angewandt wird, deren Verein explizit Kritik am DFL-Strategiepapier erhoben hat… nun ja, wen wundert’s?

Nach dem Spiel hatte es der FC Bayern eilig, die frohe Botschaft auf der eigenen Homepage zu verkünden (s. Abb.). Alles richtig gemacht, Bürgerkrieg verhindert! Zitat von der Vereins-Webseite: „DFB und Polizei befinden FCB-Massnahmen für gut“.

Homepage FC Bayern München (Ausschnitt)

Als PR-Fachmann kann man aus beruflicher Sicht die Kommunikationsstrategie des FC Bayern nachvollziehen, auch wenn die Haltung der Münchner äusserst bedenklich ist (siehe Artikel Erniedrigung vor dem Münchner Stadion, neues-deutschland.de vom 13. November 2012). Was jedoch anschliessend u. a. die BILD-Zeitung, die Nachrichtendienste dpa und sid oder die Süddeutsche Zeitung aus der Sache machten, ist mehr als ein Ärgernis.

Zitat BILD-Zeitung vom 11. November 2012:

[…] „Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Massnahme: ’30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen‘. Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfefferspray gefunden“ […]

Dazu kommentiert der BILD-Blog kritisch: „22 Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von 30 bis 40 Anhängern gefunden worden wären, wie man es aus dem BILD-Bericht herauslesen könnte. Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern heute […] bestätigten“. Der vollständige Artikel auf bildblog.de: Messerwisser. Über die Funde wurde bis dato übrigens nichts Genaueres mitgeteilt. Bei 70.000 Zuschauern kann es durchaus passieren, dass der eine oder andere Besucher vergisst, vor dem Stadionbesuch sein kleines Schweizer Taschenmesser vom Schlüsselbund zu lösen. Und in wievielen Damenhandtaschen wohl Pfefferspray zu finden ist? 

Doch zu spät – die Artikel waren online oder bereits gedruckt und die Allgemeinheit wetzte die Messer. Die Online-Kommentare gossen eimerweise Gift und Galle über die ‚kriminellen‘ Eintrachtfans und die – für alle Stadiongänger – bedenklichen Kontrollmassnahmen wurden gelobt und für richtig befunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell der deutsche Michel im Fahrwasser der BILD-Zeitung dazu bereit ist, Errungenschaften der Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit über Bord zu schmeissen…

Das traurige Zwischenfazit: Während viele Vereine und Fanvertretungen, sowie Experten der Polizei und Rechts- und Sozialwissenschaften den Dialog empfehlen und gemeinsame Ergebnisse erarbeiten wollen, hauen unterdessen die Hardliner ohne Rücksicht auf Argumente provozierend dazwischen. Das Dilemma ist, dass auf den gegensätzlichen Seiten gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungen bestehen. Warum ist das so?

Ein Gedankengang

(Sonore Stimme aus dem Off) „Seit einer Weile schon rührte Jendrizcek in seinem Espresso Frappuccino Light blended beverage, während seine Augen konzentriert den Zeilen auf dem iPad folgten. Ab und an hob er den Blick und schaute sich lächelnd im Café um: Schauspieler und Tänzerinnen, Schriftsteller und Dichter sassen alleine, zu zweit oder in Gruppen an den Tischchen, lasen rauchend die Displaydarstellungen ihrer Tablets, unterhielten sich oder suchten die Aufmerksamkeit der Bedienung, um eine neue Bestellung aufzugeben. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und präsentierte weitere bekannte oder unbekannte Gesichter aus dem Universum der Wiener Künstler- und Intellektuellenszene. Gab es Eindrücklicheres im Leben, als sich den ganzen Tag im gut besuchten Starbucks am Karlsplatz in dieser vielversprechenden Atmosphäre der Bohème versinken zu lassen? Plötzlich zuckte Jendrizcek erschrocken zusammen: Sein iPhone meldete surrend den Eingang neuer Nachrichten…“

Klingt etwas seltsam und unpassend, oder?

Vor siebzehn Jahren beschrieb der US-amerikanische Professor George Ritzer seine soziologischen Beobachtungen mit dem Begriff der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ [1]. Anhand des Geschäftsmodells der expandierenden Fast-Food-Kette erklärte er die tiefgreifenden Veränderungen, die unsere Industrienationen durch Optimierung, Standardisierung und Effizienz erfahren (siehe auch „Der Informationscrash“ von Max Otte [2]) . Kunden sind nicht mehr König, sondern zahlende Abnehmer. Alles, was den laufenden Geschäftsbetrieb stören könnte, wird entfernt oder den gewünschten Prozessen angepasst (auch die Kunden).

Das Beispiel des Hamburgerbräters hat mittlerweile sämtliche Bereiche unseres Lebens durchzogen – als Konsequenz müssen wir nun beispielsweise Service-Hotlines, Discountmärkte, Polit-Talkshows, schlechte Stadioncaterer, Pay-Clever-Karten oder infantiles Social-Media-Gesäusel durch Unternehmen ertragen („Wir berichten: Markus Lanz übernimmt Wetten, dass…? Was meinen Sie dazu?“). Wir sortieren heute ohne Murren als Kunde im Getränkegrosshandel selbst die leere Pfandware zurück und freuen uns wie Kinder über den Gratis-Flaschenöffner beim Kauf der überteuerten Bierkiste. Fachwissen wird kaum mehr benötigt, dafür steigt jedoch die Zahl der Jobs mit geringfügigem Einkommen. Die zahlreichen BWL-Studenten, die seit den Achtzigern Jahr für Jahr unsere Wirtschaft überfluten, sorgen in Werbe- und PR-Agenturen, in den Marketing- und Vertriebsabteilungen der Unternehmen für den Fortbestand dieses Gesellschaftswandels. Und weil das eigentlich alles zum Heulen ist, wird jedes noch so geringe Ereignis zum Event erklärt, auf dass wir uns daran erfreuen (siehe auch „Von Priestern und Stehgeigern“ in diesem Blog)!

Bundesligafussball… das war bisher für mich wie ein Wasserhäuschen (für Nichthessen: Kiosk, Trinkhalle), wo Alt und Jung hinkamen, um Zigaretten oder Colafläschchen zu kaufen, die Trinker Stehbier zechen konnten und der Angestellte auf dem Weg zum Büro kurz Halt machte, um seine Zeitung zu holen. Bunt gemischt und lebensnah. Doch jetzt kommt der genormte Verkaufswürfel mit Rundumverglasung, Allwetterdach und integrierter Bockwursterhitzungsanlage. Die Stehtrinker werden von der Polizei verscheucht und Kinder, die für eine Fünfzig-Cent-Bestellung zehn Minuten brauchen („… hm… und was kosten die Brausestäbchen?“), stören den regen Geschäftsverkehr. Willkommen in der McDonalds-Bundesliga!

•   •   •

[Empfehlenswerte Links zum Thema: „Wir können, wenn wir wollen“ auf publikative.org | „Kontrollen waren Eigentor“ auf derwesten.de] 

[1] George Ritzer: „The McDonaldization of Society“. Thousand Oaks 1995, S. 1 f.

[2] Max Otte: „Der Informationscrash“. Econ 2009, S. 221 ff.

Zerschlagung der Grossbanken. Trennbankensystem. Regulierung der Finanzmärkte. Was bis dato eher als Forderungen vermeintlich linker Spinner belächelt oder Richtung Occupy-Bewegung abgeschoben wurde, beginnt nun auch als ernsthafter Gedanke im politischen und ökonomischen Lager zu reifen.

Im Sommer meldete sich schon SPD-Chef Sigmar Gabriel mit seinem Thesenpapier aus dem Vaterschaftsurlaub und auch Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wird nicht müde, eine Reform des Bankensystems zu fordern: Riskantes Kapitalmarktgeschäft soll deutlich getrennt werden von den Einlagen der Sparer, Verluste der Finanzhäuser dürften nicht durch Steuergelder ausgeglichen werden, Banken sollten sich wieder mehr auf das Kerngeschäft – Finanzierung der Volkswirtschaft – konzentrieren und der globalen Zockerei sollten Zügel angelegt werden. Dass bei vielen grossen Geldinstituten das Kreditgeschäft nur noch zehn bis zwanzig Prozent der Bilanzsumme ausmacht, während der gewaltige Rest durch Hochfrequenzhandel, Spekulation auf Rohstoffe und Lebensmittel, undurchschaubare Derivate und Casino-Wetten getragen wird, stösst nun vermehrt auch unverdächtigen Stimmen aus der deutschen Wirtschaft sauer auf.

Ernst Prost, Unternehmer (Liqui Moly) meint: „Banken haben ihren volkswirtschaftlichen Auftrag in den Mülleimer getreten!“

Bernd Scheifele von Heidelberger Zement äusserte sich dieser Tage wie folgt: „Das normale Bankgeschäft und das Investmentbanking sollten nicht gemeinsam betrieben werden.“

Nikolaus von Bomhard (Münchner Rückversicherung): „Ich bin ein Anhänger des Trennbankenprinzips. Ich würde immer alles so klein machen, dass es nicht mehr ‚too big to fail‘ ist.“

Franz Fehrenbach vom Autozulieferer Bosch sagt: „Wenn ich den Finanzsektor zu regulieren hätte, dann würde ich die Universalbanken abschaffen!“

Und Dierk Hirschel (Chef-Ökonom von ver.di) nimmt ebenfalls Stellung: „Wir müssen Finanzprodukte, die keinen volkswirtschaftlichen Nutzen haben, verbieten.“

Langsam kommt tatsächlich Bewegung in die Sache, denn nun hat auch die EU-Expertengruppe unter der Leitung des finnischen Notenbankchefs Erkki Liikanen, die seit Monaten über Vorschläge zur Reform der Finanzmärkte brütet, ihre Ideen vorgestellt und stösst damit in’s selbe Horn. Bleibt abzuwarten, wie die Bankenvertreter und Brüsseler Lobbyisten darauf reagieren werden, sollte es ihnen tatsächlich an den Kragen gehen…

[Nachtrag – Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen zum Thema: „Kurzfristige Gewinnmaximierung ökonomisch unsinnig“ (auf zeit.de vom 08. November 2012)]

Am Freitag, 31. August 2012, verbreitet die Nachrichtenagentur Reuters eine Meldung, die daraufhin auch im deutschsprachigen Raum aufgenommen wird (z.B. Angst vor Mega-Crash und Exodus bei Morgan Stanley). Mehrere Dutzend Top-Berater bei Morgan Stanley (grösster Vermögensverwalter der USA) sollen laut Meldung erwägen, das Bankhaus zu verlassen. Als Grund wird die Verärgerung über mangelhafte IT-Infrastruktur, zeitliche Verzögerungen und fehlerhafte Ausführungen bei Transaktionen genannt. Die Agenturen bewerten die Erklärungen angesichts der unüblichen ‚Massenflucht‘ jedoch als zu dünn und greifen die Gerüchte auf, nach denen ein gewaltiger Skandal droht: Bei Morgan Stanley sollen in grossem Umfang Kundengelder veruntreut worden sein, zudem ist von Buchhaltungstricks und erheblichen Verlusten beim Handel mit Credit Default Swaps die Rede. Eine Implosion Morgan Stanleys könne auch die Deutsche Bank und die französische Credit Agricole gefährden – die weltweiten Ausmasse des Kollaps wären dann schlimmer als der Zusammenbruch von Lehman Brother in 2008!

Der Finanzanalyst Jim Willie* berichtet in seinem aktuellen Newsletter Firestorms & Currency Twisters über seine Kenntnisse der Vorgänge. Nachfolgend für alle Interessierten eine Zusammenfassung und Interpretation von Willies Darstellung…

[* Jim Willie – PhD und Lehrberechtigter für Statistik – ist seit über zwanzig Jahren Analyst für das Finanzwesen, arbeitet als unabhängiger Wirtschaftsjournalist, betreibt eine eigene Webseite (goldenjackass.com) und ist u.a. regelmässig als Autor für die Goldseiten tätig.]

Morgan-Stanley-Building, NYC (Foto: Americasroof, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

MORGAN STANLEY IMPLODIERT

Jim Willie kündigt den bevorstehenden Zusammenbruch der US-amerikanischen Bank Morgan Stanley an und sieht dabei eine Wiederholung des Finanzmarktcrashs in 2008. Dabei betont er im aktuellen Fall die grosse kriminelle Energie: Willie verweist auf die Möglichkeit von Kontodiebstahl, Vernichtung von Dokumenten, Plünderung von fremdfinanzierten Positionen und die Verschleierung von Derivatenverlusten (Bilanzfälschung).

Ein kurzer Rückblick: In 2008 brachen die beiden Unternehmen Bear Stearns und Lehman Brothers zusammen. Ersteres bekam ernsthafte Liquiditätsprobleme, da aufgelegte Hedgefonds der Firma Insolvenz anmelden mussten, und Lehman Brothers scheiterte bekanntermassen ebenfalls infolge der Subprime-Krise am erhitzten Immobilienmarkt an Verlusten in Milliardenhöhe.

Willie erinnert daran, dass solche Zusammenbrüche nicht ungenutzt bleiben: Lehman Brothers wurde fallengelassen, Bear Stearns jedoch – und damit auch die Privatkundenkonten der Investmentbank – konnte von JPMorgan Chase zum Ramschpreis von zehn US-Dollar pro Aktie übernommen werden. Die Federal Reserve unterstützte die Übernahme mit einer 29 Mrd.-Dollar-Garantie für etwaige Verlustrisiken! (Persönliche Anmerkung von mir: meines Erachtens ist das so, als ob ich ein ziemlich marodes, jedoch von sehr solventen Mietern bewohntes Altbauwohnhaus in bester Lage für obligatorische EUR 1.000,- erwerbe, und die Deutsche Bundesbank bezahlt die kompletten Sanierungs- und Renovierungsmassnahmen ohne weitere Forderungen.)

Seitdem durfte also JPMorgan Chase mit dem Geld der ‚übernommenen‘ Kunden arbeiten, u. a. über die Finanzunternehmen MF Global (spekulierte u.a. in europäische Staatsanleihen, hat im November 2011 Insolvenz angemeldet und rund 700 Mio. USD Kundengelder veruntreut) und dem Derivatenhändler PFGBest. Dieser musste im Sommer 2012 Insolvenz anmelden – wegen Hinterziehung von Geldern in grossem Stil wurde durch die Finanzaufsicht CFTC eine Anklage erhoben. Über 200 Mio. Dollar sind „einfach verschwunden“, Firmenchef Russell R. Wasendorf sen. unternahm einen Selbstmordversuch.

Lassen wir das kurz sacken und holen Luft, bevor es weitergeht. Bei solchen Zahlen wird mir immer schwindlig…

Jim Willie soll Ende August 2012 erfahren haben, dass sich Fondsmanager und hochrangige Mitarbeiter von Morgan Stanley auf den Zusammenbruch des Unternehmens vorbereiten. Altgediente Mitarbeiter würden ihre Aktienanteile veräussern, andere seien bereits dabei, sich nach neuen Jobs umzusehen. Willie erzählt, dass vergangene Woche die Stimmen lauter wurden, wonach technische Probleme der bankinternen IT-Systeme der Auslöser für die Unruhen seien.

Nach der Fusion mit Dean Witter (1997) und dem Joint-Venture der Brokersparte mit der Citygroup zu Morgan Stanley Smith Barnley (2009) ist Morgan Stanley zum grössten Vermögensverwalter der USA angewachsen und zählt zu den 29 Grossbanken, die vom internationalen Finanzstabilitätsrat als „systematisch bedeutsames Finanzinstitut“ eingestuft wurden. Sprich: Too big to fail.

Willie führt zwei mögliche ‚Probleme‘ auf:

1. Morgan Stanley betreut über 300.000 Privatkundenkonten und betreibt mit diesen Geldern vermögender Kunden hochkomplizierte, hochkomplexe Aktien-, Derivate- und Termingeschäfte. Die Frage stellt sich: Wäre es denkbar, dass ein grosser Teil dieser Konten aufgrund Softwareproblemen nicht mehr darstellbar ist und man diese katastrophal Panne bisher verschleiert hat? Die Causa PFGBest (s. o.) lässt diesen Gedanken zumindest nicht völlig absurd aussehen.

2. Analysten haben im Frühjahr 2011 mit Sorge beobachtet, dass Morgan Stanley mit ca. 8 Billionen (!) USD auf sinkende Zinssätze für US-Anleihen spekuliert hat. Sobald jedoch die USA ihre Staatsdefizite in Billionenhöhe refinanzieren muss, wird diese SWAP-Blase platzen! Auch in diesem Fall wären natürlich die Privatkundenkonten der Morgan Stanley betroffen.

Der Kollaps (‚Lehman 2.0‘) wäre zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr kontrollierbar und würde – da scheinen sich die Fachleute sicher zu sein – das weltweite Finanzsystem in den Abgrund reissen. Die Staaten haben nicht mehr die Reserven, die noch 2008/09 zur Verfügung standen, um ihre Banken zu retten.

Allerdings: noch ist nicht aller Tage Abend! Auch in Jim Willies Artikel fallen Randbemerkungen, die mich – wie bei der spannenden Geschichte Chinesisches Gold und eine Klage – skeptisch stimmen. Ein Blick in diverse Finanzmarkt-Foren zeigt, dass die Reuters-Meldung zwar diskutiert wird. Doch am Aktienkurs für Morgan Stanley ist bis heute keine auffällige Bewegung festzustellen…

(to be continued)