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Das Kloster Eberbach nahe Eltville im hessischen Rheingau zeigt noch bis 27.10. eine ungewöhnliche Ausstellung: die Projektarbeit ‚Die verlorene Bibliothek‘ des Künstlers Hannes Möller!

Klosterbibliotheken waren ein Hort des Wissens. In den Archiven sammelten sich nicht nur religiöse Werke – auch bedeutende Schriften der Antike oder Abhandlungen über zeitgenössische Heilmethoden wurden dort bewahrt. Umso dramatischer, wenn durch Brand oder Plünderung diese Schätze für alle Zeiten verlorengingen.

Die Klosteranlage Eberbach (auch bekannt durch die Dreharbeiten für den Film Im Namen der Rose) wurde 1803 im Rahmen der Säkularisation aufgelöst. Unzählige wertvolle Bücher zerstreuten sich in alle Welt. Hannes Möller ist es auf ungewöhnliche und aufwendige Weise gelungen, zumindest einen Teil der verschwundenen Kostbarkeiten in das Kloster zurückzuholen! Wie er dabei vorgegangen ist und was das Besondere an seinem Projekt ist, präsentiert uns die Fotografin Katja Lenz in ihrem Blogartikel, die mit der Kamera den Künstler bei seiner Arbeit begleitete.

Einfach anklicken: Künstler Hannes Möller und die ‚verlorene Bibliothek‘ (von Katja Lenz)

Hannes Möller (Foto: Katja Lenz)

Hannes Möller (Foto: Katja Lenz)

Dienstagabend, Besuch einer Vernissage in Frankfurt-Niederrad. Vor mir steht ein älterer Herr mit schlohweissem Haar und Gehstock, elegant gekleidet in dunklem Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch. „Verzeihen Sie“, sage ich, „sind Sie nicht auch einer der abgebildeten Herrschaften?“. „Oh ja“, antwortet er und deutet auf eine Gruppe Seniorinnen, die in einer Ecke Platz genommen haben, „und diese charmanten Damen durften ebenfalls Fotomodell spielen!“.

Der Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe e.V. bat sieben bekannte Fotografen, durch künstlerische Annäherung vom Leben im Pflegeheim zu erzählen. Das Ergebnis sind Fotoserien, die sich thematisch gegliedert der Aufgabenstellung nähern und dadurch verschiedene Facetten behandeln. So betrachten wir Bilder, die den Heimalltag dokumentieren, und Fotos, die die Menschen und ihre Vorstellungen beleuchten.

Ein Teil der Arbeiten zeigt fröhliche, lachende Heimbewohner und -mitarbeiter, andere Bilder konfrontieren uns plötzlich mit unseren eigenen Ängsten vor der Zukunft und dem Alter. Werden wir eines Tages in einer ähnlichen Situation sein? Wie werden wir das empfinden? Wer wird uns dabei zur Seite stehen?

Die Fotografin Katja Lenz hat mit ihrer Serie Nähe. Beziehungen im Pflegeheim. eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema gewählt. Dazu sagt sie: „Es war eines der schwierigsten Projekte, welches ich jemals umgesetzt habe. Das Thema Tod, Alter, Sterben und Altenheim ist nun wahrlich kein Alltägliches; locker und unbefangen konnte ich damit nicht umgehen. Als Fotografin musste ich die Balance wahren zwischen professioneller Distanz und Empathie. Ich wollte mich den Menschen im Pflegeheim Praunheim nähern – die Nähe, das Erleben der Gebrechlichkeit, der Verwirrtheit und der Krankheit aber standen im krassen Gegensatz zur nüchternen Betrachtung von Blende, Belichtungszeit und Konzept. Viele Ideen, die ich vor der Realisation hatte, musste ich schnell verwerfen, denn die Bewohner sind eben keine belastbaren ‚Models‘ und hatten mich zuweilen schon nach zehn Minuten wieder vergessen oder konnten sich nicht mehr erinnern, zu welchem Zweck ich die Fotos mache. Und trotzdem gab es viele kleine und wunderbare Momente, absurd und bisweilen urkomisch…aber eine neutrale und professionelle Betrachtung werde ich zu den Fotos nie aufbauen können!“.

Die kompletten Arbeiten der Fotokünstler sind bis März 2013 täglich im Foyer der Hoffmanns Höfe zu betrachten. Bilder der Vernissage vom 11. September 2012 (zum Öffnen der Galerie einer der Fotos anklicken):

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Königreich, in dem ein grosser, dunkler Wald lag. Und weil die Leute sich erzählten, dass dieser Wald verwunschen sei und Menschen, die ihn beträten, für immer verschwinden würden, mieden Reisende und Händler ängstlich das Königreich, was den König sehr traurig stimmte. Also beschloss der Herrscher etwas dagegen zu unternehmen und liess im ganzen Land verkünden, dass derjenige, der das Geheimnis des Waldes offenbaren würde, bis zum Rest seiner Tage mit Ruhm und Reichtum belohnt werden würde.

Davon hörte auch ein holdes Geschwisterpaar – und weil die beiden gerade nichts anderes zu tun hatten und keine Furcht kannten, begaben sie sich in den Wald und durchstreiften das Gehölz. Sie spähten in die Baumwipfel, horchten auf das Wispern der Blätter und äugten zwischen den Stämmen hindurch.

So waren die beiden schon einige Zeit unterwegs, da blieb die Schwester plötzlich stehen und zupfte ihren Begleiter am Ärmel: „Brüderchen, hörst Du das auch?“. Dieser spitzte die Ohren und vernahm eine leise Musik, die von einer Lichtung direkt vor ihnen kam. Langsam näherten die beiden sich der Stelle und sahen ein tanzendes Paar zwischen den Bäumen. Doch während sie noch schauten, brach die Musik plötzlich ab und die Frau und der Mann waren wie vom Erdboden verschluckt.

So zog das Geschwisterpaar weiter, bis sie auf einmal hoch oben zwischen den Ästen ein Baumhaus sahen. Doch die Hütte hatte gar keinen Boden und keinem Menschen konnte es gelingen, zum Baumhaus heraufzuklettern. „Seltsam, Schwesterlein, sehr seltsam“, sprach daraufhin der junge Mann.

Sie gingen immer tiefer in den Wald hinein und je weiter sie liefen, umso mehr verliess sie die Hoffnung, jemals wieder einen Weg hinauszufinden. Und als sie schon der Verzweiflung nahe waren, da entdeckten sie eine lange Reihe bunter Blumen und folgten dieser. Und die Blumen führten sie auf einen Pfad und am Ende des Weges stand ein kleines Zelt mit einem Schild „Infostand Waldkunstpfad“. Und voller Freude über das bestandene Abenteuer genoss das Geschwisterpaar den feilgebotenen Kaffee und wohlschmeckenden Kuchen und bestieg daraufhin die nächste Kutsche in die Stadt. Und wenn sie nicht gestorben sind, so werden sie alle zwei Jahre wieder den Wald betreten, um über kleine und grosse Entdeckungen zu staunen!

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Der 6. Internationale Waldkunstpfad an der Darmstädter Ludwigshöhe ist noch bis 30. September 2012 zu besichtigen. Internationale Künstler beschäftigen sich durch Installationen und Aktionen mit dem Thema ‚Realität und Romantik‘ und verweisen auf die Bedeutung des Waldes als Naherholungsgebiet, Wirtschaftsfaktor und mythenbehaftetes Symbol. Empfohlener Startpunkt: Waldparkplatz an der Klappacher Strasse neben dem Polizeipräsidium.

[Zum Öffnen der Galerie einfach eines der Bilder anklicken! Fotos: Katja Lenz]

Sonntagmorgen, kurz nach halb fünf. Draussen herrscht noch Dunkelheit, es regnet in Strömen. Frau Lenz prüft das Fotoequipment, während ich die Wanderstiefel schnüre. Wir sind in der Klosteranlage BUDDHAS WEG im Odenwald. In wenigen Minuten beginnt die Morgenmeditation für die Teilnehmer des mehrtägigen Seminars, das Frau Lenz mit ihrer Kamera dokumentieren wird.

Mein Weg zu Buddha führt zu dieser nachtschlafenden Zeit nicht in die Halle für meditative Übungen. Ich werde die Gunst der frühen Stunde nutzen und zuerst durch den gerade erwachenden, regennassen Wald streifen. Am Vorabend überkam mich die Vision, wie ein zweiter Andreas Kieling [1] im dunklen, deutschen Tann auf Wildschweine, Füchse und Rotwild zu stossen. Fasziniert von dem Gedanken ziehe ich den Regenponcho über.

Hinter dem Teehaus des buddhistischen Zentrums führt mich ein kleiner Pfad den Hardberg steil hinauf. Nach etwa zwanzig Minuten stosse ich auf einen Kiesweg, dem ich weiter folge – nicht ohne immer wieder nach rechts oder links in den dichten Mischwald einzutauchen, um still zu verharren und die Umgebung zu beobachten. Aber ausser dem Prasseln der Regentropfen auf meinem Überwurf ist kein Laut zu vernehmen – die Tierwelt meidet meine Pfade (bis auf ein später den Weg kreuzendes Reh und ein Eichhörnchen auf einem Baumstamm, das sich partout nicht fotografieren lassen will und ständig hin und her springt). So begebe ich mich nach zwei Stunden auf den Rückweg, um das Frühstück im Kloster nicht zu verpassen…

DAS KLOSTER

BUDDHAS WEG (vietnam. Phat Dao) ist ein buddhistisches Kloster- und Heilzentrum in der Nähe von Wald-Michelbach. Der Abt des Klosters, der Ehrwürdige Thich Thien Son, wurde 2002 in Frankfurt am Main mit der Gründung einer vietnamesischen Gemeinde beauftragt. Doch die bezogene Pagode Phat Hue in der Hanauer Landstrasse reichte bald nicht mehr aus, um allen Interessierten Platz für Seminare und Workshops zu bieten. So suchte man zusätzliche Räumlichkeiten und erwarb eine zum Verkauf stehende ehemalige Heilklinik im Odenwald, die seitdem für den eigenen Bedarf umgestaltet wird.

Abt, Nonnen und Mönche bewohnen das Zentrum ganzjährig, üben dort das harmonische Zusammenleben, geistiges Training und die Bewusstseinsschulung. Dem spirituellen Leben kann man als Gast jederzeit für einige Tage beiwohnen, das Kloster freut sich über jeden Besucher. Für Übernachtungs- oder Tagesgäste wurden Zimmer und ein Teehaus eingerichtet. Zudem bietet das buddhistische Zentrum eine Praxis für Naturheilverfahren, die sich an den Methoden der Traditionellen Chinesische Medizin (TCM) orientiert (Akupunkturen, Massageanwendungen, Aromatherapien, usw.).

DER WEG ZUR STILLE

Das Kloster lebt und lehrt die über tausend Jahre alte vietnamesische Zen-Tradition, die vom chinesischen Meister Lin-Chi begründet wurde. Im Mittelpunkt steht dabei das Erlangen der Klarheit über den eigenen Geist, verbunden mit achtsamem und fürsorglichem Handeln im Alltag. Ziel ist, bei allem Tun die innere Ruhe zu finden, in der eigenen Mitte zu verweilen und den Augenblick so wahrzunehmen, wie er wirklich ist. Hauptbestandteil der spirituellen Übungen ist dabei die Meditation. Die Kunst des Zen ist der Weg zur Stille…

DER WEG ZU SICH

Neben klösterlicher Gemeinschaft und Heilpraxis bietet das Zentrum eine ganze Reihe von Seminaren und Workshops. Auf dem Programm stehen u. a. Qi Gong und Tai Chi, Heilfasten, Lach-Yoga, Burnout-Coachings und Zen-Kurse. Höhepunkte des Jahres sind jedoch die drei- bis zehntägigen Meditationsretreats. Eines dieser Seminare erleben wir während unseres Besuchs im Kloster.

Das Retreat besteht aus täglichen Gruppen- und individuellen Meditationen, gemeinsamen Mahlzeiten, Diensten für die Gemeinschaft sowie Unterweisungen in die buddhistische Lehre und Gruppeninterviews. Der kontemplative Tagesablauf (von 5 bis 22 Uhr) ist fest vorgegeben. Während des Retreats, das wir zeitweise begleiten dürfen, gilt für alle Teilnehmer (mit Ausnahme der Gesprächstreffen) ein Schweigegebot – auch im Speisesaal!

Im Rahmen der Retreats werden für die Einführungen in den Buddhismus angesehene Meister eingeladen. An diesem Wochenende erläutert der Ehrwürdige Ajahn Brahm, der in Australien ein Kloster leitet, sehr humorvoll und praktisch die buddhistische Lehre (drei kurze Beispiele seiner Erzählungen, die das buddhistische Denken veranschaulichen, habe ich am Ende dieses Artikels zusammengefasst)!

Um das Klosterzentrum zu besuchen oder an den Workshops teilzunehmen, muss man keineswegs buddhistischen Glaubens sein. Es ist ein Ort für alle Menschen, die im geschützten Raum bei sich selbst ankommen wollen oder Impulse für die eigene, persönliche Lebenssituation suchen.

BUDDHAS WEG – ein Ort für die Sinne und für das Sein.

(Fotos: Katja Lenz und der Autor dieser Zeilen. Zum Öffnen der Galerie ein Bild anklicken)

Alle Informationen über das Kloster und die Veranstaltungstermine finden sich auf der Webseite www.buddhasweg.eu

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ERZÄHLUNGEN DES EHRW. AJAHN BRAHM

Das australische Kloster, das heute durch Ajahn Brahm geleitet wird, musste damals von den Mönchen eigenhändig erbaut werden. Ajahn Brahm übte also das Maurerhandwerk und begann, die erste Mauer hochzuziehen, wobei er sehr darauf achtete, sorgfältig zu arbeiten. Als die Mauer endlich fertig war und er sein Werk sorgsam prüfte, fielen ihm zwei Steine auf, die unregelmässig gesetzt waren. Ajahn Brahm ging zum Abt und bat, die fehlerhafte Arbeit wieder niederreissen zu können, um noch einmal von vorne zu beginnen. Der Abt begleitete ihn zur Mauer und schaute sie an, dann sagte er: „Das ist eine sehr gute Arbeit. Die Mauer bleibt stehen“. Brahm entgegnete: „Seht Ihr nicht die zwei Steine, Meister? Die Mauer ist misslungen!“. Worauf der Abt antwortete: „Ich sehe zwei fehlerhafte Steine. Aber ich sehe auch 998 hervorragend gemauerte Steine. Schaue nicht auf die zwei Unvollkommenheiten, sondern sehe das Viele, was Du gut gemacht hast!“

Ein alter japanischer Mönch hörte von einem Kloster, das den schönsten Garten weit und breit hatte. Also machte er sich auf den Weg und besuchte die Anlage. Dort angekommen, beobachtete er, wie ein junger Mönch in dem Garten jedes einzelne Blatt und jeden Zweig vom Boden aufnahm, lange begutachtete und dann entweder in eine Tonne für den Kompost warf oder sehr prüfend eine Stelle im Garten suchte, um das Stück dort so zu platzieren, dass es der gesamten Harmonie der Anlage diente. Dies ging den ganzen Tag so, bis der Alte zu dem jungen Mönch ging und bewundernd erklärte, dass der Garten wirklich prächtig sei, ja sogar „beinahe“ perfekt. Der junge Mönch blickte bestürzt: „Nur ‚beinahe‘, verehrter Bruder? Was muss ich tun, um den Garten zur Perfektion zu bringen? Ich flehe Euch an, zeigt es mir!“. Daraufhin ging der Alte an einen Baum, spuckte in die Hände, fasste den Stamm und schüttelte so fest, dass der Baum seine Blätter wild über den Garten verteilte. „Jetzt ist Euer Garten perfekt, junger Bruder“.

Ein westeuropäischer Mönch ging in ein Kloster, das für besonders strenge Formen der Lehre bekannt war. Bald begann ein 60-tägiges Meditations- und Schweigeretreat. Die Mönche durften selbst zur Schlafenszeit die Halle nicht verlassen, sondern betteten sich auf ihre Meditationsmatten, bis der morgendliche Gong sie wieder zur Übung aufrief. Der Mönch erlebte Qualen und Schmerzen, und gegen Ende der sechzig Tage schien die Zeit immer langsamer zu verrinnen. Doch dann ertönte der letzte Gong und der Mönch atmete erleichtert auf. Da sprach der Abt: „Ihr habt sechzig Tage lang die Exerzitien gemeistert. Dafür beglückwünsche ich Euch. Und da einige Mönche so angetan davon sind, werden wir die Meditation um zwei weitere Wochen verlängern!“. Sprachs und schlug den Gong, um die Übung fortzusetzen. Der Mönch war entsetzt und in seinem Geist malte er sich aus, was er mit den Mönchen, die um Verlängerung des Retreats gebeten hatten, anstellen würde. Und als er sich gerade den weiteren Qualen ergeben wollte, ertönte wiederum der Gong und der Abt erklärte das Retreat und Schweigegebot für beendet. Der Mönch sprach seinen Nachbarn verwundert an: „Wie soll ich das verstehen, Bruder? Ich dachte, wir setzen die Übungen fort?“ Worauf der andere Mönch entgegnete: „Denke Dir nichts dabei. Das macht der Abt jedes Jahr so.“

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[1] Andreas Kieling: deutscher Abenteurer und Tierfilmer (u. a. „Mitten im wilden Deutschland“ und „Expeditionen zu den Letzten ihrer Art“  

Afghanistan im Mai 2012 – US-Aussenposten ‚Nangalam‘ in der Provinz Kunar. Die Fotografin Katja Lenz begleitet mit ihrer Kamera zwei Wochen lang eine amerikanische Kampfkompanie nahe der afghanisch-pakistanischen Grenze. Sie erlebt den Alltag im Camp, besucht die umliegenden Dörfer und nimmt an Tag- und Nachtpatrouillen teil. Dieser Artikel mit einigen ihrer Fotos erzählt von der derzeitigen Situation vor Ort – der Abzug der ISAF in 2014 wirft seine Schatten bereits voraus.

Nangalam am Fluss Pesch

Das Dorf Nangalam liegt im Osten des Landes am Fluss Pesch und ist von hohen Bergen umgeben. Die Menschen leben hauptsächlich von der Landwirtschaft (Getreideanbau) und strotzen dem kargen Boden mühsam die Ernte ab.

Der US-Aussenposten nahe beim Dorf kann nur per Helikopter und ausnahmslos nachts angeflogen werden, da in den Tälern nach Nangalam Versorgungskonvois aus anderen Stützpunkten sofort unter Beschuss geraten würden. Bei Einbruch der Dunkelheit bleibt auch das Camp aus Sicherheitsgründen unbeleuchtet. Die dort stationierten, mehrheitlich sehr jungen Soldaten verbringen ihre Zeit – neben den obligatorischen Patrouillen und Ausbildungsstunden – meistens im provisorisch eingerichteten Fitnessraum und mit Computerspielen.

Aufständische Gruppen rund um Nangalam

Der Krieg in Afghanistan bereitet der ISAF trotz militärischer Überlegenheit u. a. deshalb so grosse Probleme, weil es nicht nur einen Feind gibt. Die Gruppierungen der Aufständischen bilden sich aus Taliban, versprengten Al-Qaida-Kämpfern und den autarken Stämmen aus den Seitentälern. Sie folgen Salafisten-Führern oder werden kurzerhand für ein paar Dollar aus den Dörfern rekrutiert, um Schüsse auf die ‚Besatzer‘ abzufeuern und danach wieder auf die Felder zu gehen. Die Abbildung (s. o.) zeigt, von welchen feindlichen Gruppen der Aussenposten Nangalam umgeben ist. Solche Gegner sind nicht greifbar – sie bewegen sich in den unzugänglichen Bergen oder verschwinden in der Zivilbevölkerung.

Bis 2014 wird die ISAF die Truppen vollständig aus Afghanistan abziehen, lediglich Berater und Ausbildungseinheiten verbleiben im Land. Spätestens dann ist die afghanische Armee (ANA) allein auf sich gestellt. Die Alliierten arbeiten heute sehr eng mit den ANA-Streitkräften zusammen, um bei der Ausbildung zu helfen und Unterstützung zu leisten. So lautet auch eine der Auflagen der entsprechenden UN-Resolutionen.

In Nangalam lädt Bataillonskommandeur Adil Turab – der als Mudschaheddin bereits gegen die Sowjetarmee kämpfte – seine amerikanischen Kollegen zum wöchentlichen Tee ein. Man bespricht die Lage und weitere Planungen. Turab weiss, was in den nächsten Jahren auf ihn und seine Männer zukommen wird und warnt eindringlich vor den Konsequenzen, sollte die Weltgemeinschaft seinem Land den Rücken zukehren.

Warnende Worte: Bataillonskommandeur Adil Turab

Turabs Einheiten übernehmen schon jetzt einen immer grösseren Teil der Aufgaben in der Region. Die Kampfeinsätze gegen die Aufständischen werden zunehmend von afghanischen Soldaten durch-geführt, während sich die US-Kompanie mehr und mehr auf Beobachtung verlegt, aus der Distanz sichert und Luft- oder Artillerieunterstützung leistet. Die Zeit der grossen NATO-Offensiven im Rahmen der OEF (Operation Enduring Freedom) scheint endgültig vorbei.

US-Soldat beobachtet die Berghänge

Gefechtsstand in Nangalam

Mörsereinsatz

Der Ausbildung der ANA-Soldaten wird mittlerweile eine hohe Priorität eingeräumt. Diese Männer werden demnächst ohne fremde Unterstützung die Aufständischen bekämpfen und den afghanischen Staat sichern müssen. Ein Grossteil der Soldaten kommt aus ärmlichen Verhältnissen – viele lernen erst in der Armee lesen und schreiben. Die Amerikaner unterweisen sie im Umgang mit Kartenmaterial und lehren die Handhabung der verschiedenen Waffengattungen.

ANA-Soldaten erhalten eine Einweisung

Afghanisch-amerikanische Freizeit im Camp

ANA und US-Army auf einem Beobachtungsposten

Zuvor sehr aggressiv aufgetreten, verfolgen die USA seit 2009 einen Strategiewechsel, zu dem auch ein intensiverer Kontakt zur afghanischen Bevölkerung und den Funktionsträgern zählt. Um mit den Frauen und Mädchen auf den Dörfern näher kommunizieren zu können, hat die US-Armee die FET-Einheiten (Female Engagement Teams) installiert. Die Soldatinnen – die teilweise auch Paschtunisch sprechen – knüpfen Kontakte zum weiblichen Teil der Einheimischen und erkundigen sich nach medizinischem Bedarf, alltäglichen Problemen oder Fortschritten in der Schule.

Gespräch mit Distriktgouverneur

FET-Angehörige mit Dorfkindern

Neugierige Jungs

Welche Zukunft erwartet die beiden Kleinen?

HOFFNUNG ODER SKEPSIS?

Auf den Hügeln rings um Nangalam und dem Aussenposten der US-Kompanie sichert die afghanische Armee in vorgeschobenen Beobachtungsständen die Gegend. Der Dienst in diesen einsamen Vorposten ist hart und entbehrungsreich – teilweise schlafen die Männer mit der Waffe in der Hand direkt hinter den Sandsäcken, um bei plötzlichen Überfällen sofort gefechtsbereit zu sein.

Afghanischer Vorposten in den Bergen

Die Bilder zeigen den Mangel an moderner Ausrüstung und Logistik. In so manchen Gesichtern der ANA-Soldaten sind Skepsis und Hoffnungslosigkeit abzulesen – es wundert nicht bei den Aussichten auf die vor ihnen liegende Zeit. Die Afghanen sind stolze und mutige Kämpfer, sie haben kluge Anführer, und doch kann man es ihnen nicht verdenken, wenn sie schon heute an die Zeit nach dem ISAF-Rückzug denken. Auf die Soldaten warten in entfernten Heimatorten Frauen, Kinder, Familie. Die einfachen Dienstgrade haben sich für den Militärdienst gemeldet, um wenigstens etwas Geld verdienen zu können. Niemand weiss, wie sehr sie sich jetzt noch mit den vielleicht zukünftigen Machthabern anlegen wollen.

Unteroffizier der ANA

Feldbetten im Vorposten

ANA-Soldaten auf ihrer ‚Stube‘

Afghanische ‚Feldküche‘

Man wird den Eindruck nicht los, dass wenig Hoffnung für Afghanistan besteht. Nach dem Abzug der NATO und der ISAF-Truppen steht eine bisher schlecht ausgebildete, mangelhaft ausgerüstete und nur teilweise motivierte afghanische Armee verschiedensten Interessengruppen gegenüber, die ihre baldige Chance wittern. Wir wissen nicht, ob diese aufständischen Gruppierungen durch den anhaltenden Krieg und die militärischen OEF-Offensiven (von Obamas Drohnenangriffen ganz zu schweigen) der vergangenen Jahre entschieden geschwächt wurden. Oder warten sie bereits ungeduldig auf den Rückzug der westlichen Soldaten, um mit geballter Kraft Afghanistan in das Chaos zu stürzen?

Die nächsten Monate, die kommenden zwei Jahre werden sehr wahrscheinlich die Zukunft Afghanistans entscheiden…

Der Abzug naht: „Good luck, Afghanistan!“

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In eigener Sache:

Katja Lenz in Afghanistan (Mai 2012)

Die Fotografin Katja Lenz, bei der ich mich nochmals auch an dieser Stelle sehr für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial bedanke (und über deren unbeschadete Rückkehr ich sehr froh bin), hat die Reise in das Kriegsgebiet unternommen, um diese bisher fremde und für uns so ganz andere Welt kennenzulernen. Einerseits das ferne Afghanistan mit seiner eigenen Geschichte und Kultur, andererseits die in sich geschlossene Welt der US-Militärmaschinerie. Sie wollte Eindrücke gewinnen vom Alltag in dem kriegsleidenden Land und vom Leben im Schatten der ständigen Bedrohungen – ihr Ansinnen war es nicht, medienwirksame Kriegsbilder abzuliefern.

Mein Artikel ist nur ein kleiner Ausschnitt der Eindrücke, die Katja auf ihrer Reise gesammelt hat. Wirklich beeindruckende Bilder präsentiert sie in den Fotoserien auf ihrem Webblog:

Ein Blick in die Gesichter der Menschen, die in der Kriegssituation leben, arbeiten oder ihren Dienst leisten müssen, zeigt uns die eindrückliche Portraitserie FACES. Eine Auswahl eindrucksvoller Bilder aus dem afghanischen Alltag lässt uns erstaunen. In der sehr ausdrucksstarken Serie I HAVE A DREAM schildern fünf Soldaten eines US-Platoons in Nangalam Träume und Hoffnungen. Und STRANGERS ist der Blick durch das Panzerglas eines Patrouillenfahrzeuges auf die Menschen in dieser Krisenregion – die Distanz zwischen Supermacht und den Einheimischen wird allzu deutlich.

[Fotos: Katja Lenz | Text: der Autor dieses Blogs]

Als ich Anfang Januar den Artikel über die Steampunk-Bewegung schrieb, betrachtete ich hauptsächlich die spielerischen und romantisierenden Aspekte dieser Szene. Dass aber vielleicht doch eine tiefere Botschaft dahintersteckt, wurde mir letztens beim Schmökern in den aktuellen ‚Hausnachrichten‘ von MANUFACTUM („Es gibt sie noch, die guten Dinge“) bewusst.

Von der Kaffeemaschine über das Telefon bis zu unseren Autos – ohne elektronische Steuerungen sind für uns viele Produkte kaum noch vorstellbar. Auch beim Umgang mit Problemen (beispielsweise Klima- oder Energiepolitik) vertrauen wir auf technische Lösungen (früher oder später) und machen uns von ihrem Funktionieren abhängig.

Die Frage, die sich dabei stellt: Ist moderne Technik immer die bessere und auch günstigere Variante und daher allem anderen vorzuziehen?

Mittlerweile wird viel von der tatsächlichen Energiebilanz eines Gerätes gesprochen, damit sind neben dem Energieverbrauch auch der energetische Aufwand im Herstellungs- und Distributions-prozess gemeint. Fachleute berechnen für die Produkte den jeweiligen sogenannten ökologischen Fussabdruck (engl. Product Carbon Footprint) und bringen damit einen neuen Ansatz in die Debatte: Sind wir eigentlich bereit, den wahren Preis für die von uns gekauften Gegenstände zu akzeptieren? So benötigt man zum Beispiel für die Produktion eines Mikrochips unter anderem ca. 32 Liter Wasser, das Brauen und Abfüllen einer kleinen Flasche Bier kostet 75 Liter Wasser (sic!) und die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts kommt sogar auf 2.000 Liter! Die realen Preise an der Supermarktkasse verdeutlichen diesen Ressourcenverbrauch allerdings nicht…

Was Steampunk mit dem Thema zu tun hat? Vielleicht ist die Bewegung nicht nur eine zugegebenermassen etwas verschrobene Spielerei mit der Ästhetik des Dampfmaschinen-Zeitalters, sondern auch der unbewusste Versuch, eine Antwort auf unseren heutigen Energiehunger zu finden: Low- statt High-Tech.

‚Low-Tech‘ kann eine mögliche Alternative sein. Manuell und mechanisch, statt automatisch und elektrisch. Vier Tage Seereise, statt acht Stunden Flugzeit. Weniger umwelt- / rohstoffbelastend und sicherlich wertefördernd. Sind wir bereit, Verzicht zu leisten?

In den MANUFACTUM-Hausnachrichten wird über Kris De Deckers äusserst interessante, englisch-sprachige Internetseite Lowtechmagazine.com berichtet. De Decker greift auf Althergebrachtes, Bewährtes und Vergessenes zurück, untersucht die Energieeffizienz verschiedener Technologien und Systeme und berichtet über stiefmütterlich behandelte Lösungsansätze. Ein die Realitäten verkennender Träumer? Wohl nur für die Menschen, die ihre Komfortzone nicht verlassen wollen und den Einflüsterungen unserer Wohlstandsmaschinerie gedankenlos gehorchen. Kris De Decker greift altes Ingenieurswissen auf und untersucht akribisch Möglichkeiten, wie wir schonend und effizient Dinge ‚besser‘ machen könnten. Wer sich intensiv über propagierte Öko-Mythen, alternative Maschinen und Antriebsmöglichkeiten informieren möchte, ist auf seiner Webseite bestens aufgehoben!

Passend dazu finde ich auch zwei Blogeinträge, die mit Umdenken und Innehalten zu tun haben: Carmen von umamibuecher.wordpress.com präsentiert ein Sachbuch, das die moralischen Fragen der Ökonomie und der Teufelskreise Wachstum und Wohlstand behandelt. Und auf katjalenz.wordpress.com betrachten wir eine meditative Fotostrecke, die im Rahmen eines Aufenthaltes in einem buddhistischen Kloster entstanden ist. Entschleunigen, Ruhen, Abschalten, Energie sammeln…

Triptychon von Katja Lenz

„Wir haben eine gute Zeit… wir haben eine gute Zeit… wir haben eine gute Zeit…“ Wo wir eben noch inmitten der Gruppe interessierter Besucher im Hauptschiff der alten Kirche standen und uns neugierig umschauten, erhebt sich plötzlich kanonartiger Sprechgesang und junge Frauen und Männer beginnen, die Anwesenden in Form einer Menschenkette Richtung Altarraum mit-zuziehen.

Les Trucs mit Stehlampe (Foto: Katja Lenz)

Als wir Mittwochabend die Frankfurter Alte Nicolai-kirche am Römerberg betreten, um der musikalischen Performance des ‚Zwei-Mensch-Ding-Orchesters‘ LES TRUCS beizuwohnen, werden wir von einer Installation begrüsst: Ein Hämmerchen, das aus dem Gehäuse einer alten Super-8-Kamera herausragt, senkt sich regelmässig auf die Tasten eines Mini-Keyboards, das wiederum einen alten Modulsynthesizer (Moog?) ansteuert und damit musikalische Impulse auslöst. Zu hören ist ein gleichmässiges „quuuaaack-glugg“

Unter den Umstehenden ist nicht auszumachen, wer Besucher, wer aktiver Künstler ist, bis der bereits beschriebene Chor zu skandieren beginnt und die Szenerie wechselt. Im Altarraum befindet sich die ‚Mainstage‘ und damit das eigentliche Instrumentarium von LES TRUCS – eine Art Labortisch mit Keyboardmanualen, Klangerzeugern, Drumcomputern, wirren Kabeln und der für die Gruppe obligatorischen Stehlampe. Zum Sprechgesang setzen nun die ersten Klänge ein, elektronische Beats begleiten den Reigen, die Musik schwillt an und ebbt wieder ab, um in die nächste Sentenz des Programms überzugehen.

Eine knappe halbe Stunde lang begeistern und überraschen LES TRUCS mit stakkatohaften Drum-Rhythmen, lebendigen, trockenen Synthie-Sequenzen und Chor- oder Sprechgesang. Dann endet die Darbietung wieder in dem „quuuaaack-glugg“ der Installation im Kirchenschiff.

Wirklich schade, dass das letzte Stück des Abends (I am the kid) nur so kurz währte – das Tanzbein begann schon zu zucken!

Impressionen vom Abend (alle Fotos: Katja Lenz):

LES TRUCS – IRGENDWAS MIT SPACE ist ebenfalls Teil der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN (Frankfurter Kunstverein in Kooperation mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Uni) und nochmals am 21. März zu besichtigen (der Aufführungsort wird im  Veranstaltungskalender bekanntgegeben).

(Mehr über LES TRUCS auf MySpace und der Homepage der Gruppe!)