Archiv

Schlagwort-Archive: London

„Das Urteil des Sportgerichts vom 20. Juli wird abgeändert“, sagte Götz Eilers,  der Vorsitzende Richter des DFB-Bundesgerichts, im Rahmen der gestrigen Berufungsverhandlung, nachdem Eintracht Frankfurt gegen die ursprüngliche Bestrafung Einspruch eingelegt hatte. Nun dürfen beim Saisonauftakt am 25. August gegen Bayer Leverkusen 26.500 Eintracht-Anhänger und 5.000 Gästefans dem Spiel beiwohnen. Dafür wurde jedoch die Geldstrafe auf 100.000 Euro erhöht.

Die Erhöhung des Zuschauerlimits ist ein Zugeständnis des DFB, an dem die Eintracht nicht mehr rütteln wird. Obwohl sich der Verein gegen eine pauschale Aussperrung der Fans aussprach, wird man das vom DFB ausgesprochene Kompromissurteil nicht weiter anfechten – schon gar nicht zivilrechtlich. Dass sich der DFB damit treu bleibt und die Möglichkeit freigehalten hat, bei Vorkommnissen in den Stadien auch weiterhin fragwürdige Strafen auszusprechen, ist leider die eine Schattenseite der Angelegenheit. Die andere: das war der letzte Warnschuss. Beim nächsten Mal dürfte ein Spiel vor komplett leeren Rängen drohen!

Bleiben wir beim Sport, der zweitschönsten Nebensache der Welt…

Hätte der DFB auch in einer anderen Angelegenheit zu entscheiden, blieben am heutigen Tage die Sitzplätze im Londoner Olympiastadion leer – die Athleten müssten ihre Wettkämpfe als ‚Geisterspiele‘ austragen. Als am späten Sonntagabend die 100-Meter-Sprinter auf den Startschuss warteten, flog eine Bierflasche aus den Rängen Richtung Startblöcke: ein angetrunkener Zuschauer wollte Sprinterkönig Usain Bolt treffen. Der Mann wurde vorläufig festgenommen, das IOC hielt sich vornehm zurück (getreu dem Motto: „The games must go on“). Erinnert sei an die Causa Kassenbonrollenwurf bei Sankt Pauli in der vergangenen Saison, wo der DFB gleich wieder die Aussperrung der Hamburger Fans forderte!

400m-Sprinter Oscar Pistorius

Über das Ausscheiden des südafrikanischen 400-Meter-Läufers Oscar Pistorius im Halbfinale wird der eine oder andere Funktionär (und Konkurrent) nicht unglücklich gewesen sein. Pistorius ist gehandicapt und läuft auf Prothesen aus Titan, die Teilnahme an den olympischen Wettkämpfen musste vor Gericht erstritten werden. Die Frage, ob die Prothesen nicht einen Wettbewerbsvorteil darstellen und daher Pistorius die Teilnahme verweigert werden sollte, kann jetzt vorerst wieder unter den Teppich gekehrt werden. Doch halt: am Donnerstag startet er im Vorlauf der 400-Meter-Staffel!

Für die ganz grosse Überraschung hat es am Ende leider doch nicht gereicht. Dennoch hat uns die erst zwanzigjährige Gesa Felicitas Krause beim 3.000-Meter-Hindernislauf viel Freude bereitet! Die sympathische Leichtathletin, die für die LG Eintracht Frankfurt startet, zeigte ein herzerfrischendes Auftreten, hängte sich voll rein, gewann ihren Vorlauf (mit persönlicher Bestleistung) und beendete das Finale mit einem tollen achten Platz (wiederum mit persönlicher Bestleistung: 9:23,52). Vorbildlich!

Kopf-an-Kopf-Finale beim Triathlon

In der Disziplin „Olympischer Gedanke“ haben einige Damen und Herren der Wettkampfkommissionen noch regen Trainingsbedarf. Abgesehen von den skandalösen Entscheidungen der beiden mittlerweile nachhause geschickten Ringrichter beim Boxen haben sich auch im gestrigen Damenturnen die Offiziellen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Besonders schade allerdings die Entscheidung im Damen-Triathlon: nach zwei Stunden hartem Wettkampf (Schwimmen, Radfahren, Laufen) kamen die Schweizerin Nicola Spirig und die Schwedin Lisa Norden zeitgleich in’s Ziel. Nach einigem Hin und Her wurde der Schweizerin die Goldmedaille zugesprochen. Hätte man nicht beide Sportlerinnen mit dem Edelmetall belohnen können?

Sehr interessiert schaue ich bei den Übertragungen der Ruderwettbewerbe am Dorney Lake zu. Meine Aufmerksamkeit gilt jedoch nicht so sehr den Booten, sondern den Trainern und Betreuern, die im dichten Pulk per Fahrrad nah am Ufer die Regatten begleiten. Ob wir da noch einen Massensturz erleben dürfen?

Links: alle Artikel zu Olympia 2012

Die olympischen Sommerspiele* sind ja neben den teilnehmenden Topathleten, spannenden Wettkämpfen und der Frage, wieso trotz ausverkaufter Tickets mal wieder so viele Tribünenplätze freigeblieben sind, auch deswegen eine Besonderheit, weil Sportarten vor richtig grossem TV-Publikum durchgeführt werden, die normalerweise eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Was für die meisten der teilnehmenden Sportler ein einmaliges Erlebnis und Höhepunkt der Karriere ist, konfrontiert uns Zuschauer jedoch das eine oder andere Mal mit verwirrenden Regeln und seltsamen Ritualen. Daher heute ein besonderer und vor allem kostenfreier Informationsservice für meine Leserinnen und Leser: eine kurze Einführung in einige der typischen olympischen Disziplinen!

FECHTEN   Beim Fechten, das mit den Waffengattungen Säbel, Degen oder Florett ausgetragen wird, versuchen zwei sich feindlich gesinnte Athleten (gekleidet in weissen Schutzanzügen mit Kniebundhosen und Gesichtsschutz) mittels Stich oder Hieb gegenseitig zu treffen, was zu Punkterfolgen führt. Die beiden Kontrahenten trippeln jedoch auf der schmalen, schrill gefärbten Fechtbahn nur herum (weibliche Fechterinnen stossen dabei auch gerne desöfteren spitze Schreie aus) und fuchteln mit der Waffe, während im Hintergrund ständig ein elektronisches Piepsen zu hören ist. Die Aufgabe des Obmannes (Schiedsrichter) besteht darin, unentwegt „en garde“ und „attaque“ zu rufen. Das Duell entscheidet sich dann meistens durch eine blitzschnelle Aktion in allerletzter Sekunde** oder durch Jury-Wertung. Die Goldmedaille gewinnt meistens das Land, das mit Fechttradition so viel zu tun hat wie ich mit der Rosenzucht: China.

SYNCHRON-TURMSPRINGEN   Zwei Frauen oder Männer in bunter Badetracht stehen auf dem 10-Meter-Turm, zählen in Landessprache „3, 2, 1…“ und springen dann herunter. Dabei wirbeln sie so unglaublich schnell durch die Luft, dass der TV-Zuschauer anschliessend eine Super-Slowmotion benötigt, um das Geschehen verfolgen zu können. Das Eintauchen in’s Wasser klingt nach „flubb“ und wird von den Wettkampfrichtern sehr konzentriert beobachtet. Die Goldmedaille geht nämlich an die Nation (immer China), die dabei am wenigsten Wasser verspritzt!

VIELSEITIGKEITSREITEN   Hier herrscht Emanzipation! Mann/Frau und Pferd verschmelzen zu einer edlen Einheit und bewältigen im Mannschaftskampf nacheinander die Disziplinen Dressur, Geländeritt (landschaftlich sehr schön anzuschauen) und Hindernisparcour. Viele Pferde kommen alleine im Ziel an, weil der Reiter unterwegs abgeworfen wird, auf der Tribüne sitzen immer Vertreter des englischen Königshauses. Der Sieg geht an das Land mit dem TV-Kommentator, der uns diese Sportart am euphorischsten präsentiert. Da wir kein Chinesisch verstehen, geht heuer Gold an… Deutschland!

TISCHTENNIS   Diese Sportart funktioniert so: Der Deutsche Spieler Timo Boll muss sich in vielen Spielen an der Tischtennisplatte mit Miniball und gummibeschichtetem Schläger spektakulär gegen die chinesische Elite durchsetzen, um dann im Viertelfinale gegen einen unbekannten Rumänen zu verlieren. Die Goldmedaille geht daher an den Chinesen, der das Glück hatte, nicht auf Boll zu treffen!

RINGEN / JUDO   Die beiden Disziplinen unterscheiden sich nur in der Kleidung der Athleten (beim Ringen wird ein Badeanzug aus der Kaiserzeit getragen, beim Judo ein Frottee-Pyjama mit Gürtel), während die Ringrichter immer im sommerlichen Zweiteiler auftreten. Die Kämpfer (häufig werden sie als „griechisch-römisch“ bezeichnet, obwohl sie beispielsweise aus Burkina-Faso kommen) betatschen, schubsen oder umklammern sich auf einer gepolsterten Matte. Gehen die Athleten bei ihren Spielereien zu Boden, versuchen sie durch aussergewöhnliche Umarmungen und skurille Grimassen die Gunst der Punktrichter zu gewinnen. Wird die Goldmedaille ausnahmsweise nicht an China verliehen, finden sich alternativ andere asiatische Nationen.

SKEET-SCHIESSEN   Die Schützin / der Schütze steht mit einem Schrotgewehr reglos auf einer Wiese. Plötzlich – in Sekundenbruchteilen – reisst sie / er die Waffe empor und gibt einen Schuss ab. Der Zuschauer sieht eine pinkfarbene Staubwolke am Himmel. Das seltsame Treiben währt eine halbe Stunde, dann wird die Siegerin / der Sieger verkündet (nicht immer aus China, wahrscheinlich eher diejenigen mit dem coolsten Gehörschutz).

GEWICHTHEBEN   Die Sportler treten auf eine Bühne und stemmen mit durchaus sehenswerter Mimik tonnenschwere Hanteln in die Höhe. Die Namen der Sieger (meist osteuropäisch oder asiatisch) brauchen wir uns nicht zu merken: spätestens ein Jahr später wird die Goldmedaille wegen Dopings aberkannt.

HOCKEY   Sehr interessant! Auf einem triefend nassen Kunstrasen versuchen zwei Mannschaften, den kleinen Ball mittels Holzknüppel im gegnerischen Strafraum an die Beine der Kontrahenten zu schlagen, um eine Strafecke herauszuholen (Strafecken sind im Hockey anscheinend das Ein und Alles!). Aber Achtung: der von den auffallend hübschen Hockey-Spielerinnen begeisterte Zuschauer kann sich fürchterlich erschrecken, wenn er mit dem Anblick des Mundschutzes konfrontiert wird, der sich beim Torjubel der Sportlerinnen offenbart!

BADMINTON   Eigentlich eine sportivere Variante der beliebten Strandbeschäftigung Federball und irgendwie ein Mix aus Tennis und Volleyball. Im olympischen Turnier wird jedoch nicht der Punktgewinn angestrebt, sondern die peinlichste und auffälligste Niederlage***. Nebenbei lernen wir bei den Live-Übertragungen, dass das Spielgerät mit genau sechzehn Gänsefedern bestückt ist, die ausschliesslich vom linken Flügel der Tiere entnommen werden! Da nicht alle chinesischen Teams disqualifiziert wurden***, geht auch hier die Goldmedaille in’s Reich der Mitte.

[Alle Artikel dieses Blogs zum Thema Olympia 2012: hier klicken]

•   •   •

* Nie den Begriff Olympiade für die Wettkämpfe verwenden, sonst outet man sich als Unwissender! Eine Olympiade bezeichnet den Zeitraum zwischen zwei olympischen Spielen.

** Eine Sekunde ist im Fechtsport relativ und kann schon mal etwas länger dauern (siehe das Degen-Halbfinale Britta Heidemanns gegen die Südkoreanerin Shin A Lam)

*** Der Badminton-Weltverband hat gestern vier Damendoppel disqualifiziert, da diese in ihren letzten Gruppenrundenspielen absichtlich verlieren wollten, um in der kommenden K.O.-Runde auf leichtere Gegner zu treffen. Da diese Haltung gegen die Statuten verstösst („…im fairen Wettkampf immer das Beste zu geben…“), wurden Teams von Südkorea (2x), China und Indonesien von den weiteren Spielen ausgeschlossen und nachhause geschickt.

Olympia. Alle vier Jahre. Schneller, höher, weiter. Alles andere blenden wir heute mal aus…

Die Spiele hatten noch gar nicht offiziell begonnen, da gab es schon den ersten Fauxpas: Das Fussballspiel zwischen Nordkorea und Kolumbien (Endstand 2:0), das aufgrund des engen Zeitplans bereits Tage vor der Eröffnungsfeier ausgetragen werden sollte, konnte erst nach einiger Verspätung angepfiffen werden. Die Bildregie und Moderation hatte bei der Präsentation der nordkoreanischen Mannschaft versehentlich die Fahne Südkoreas eingeblendet und bei der Ansage Nordkoreas den Zusatz „demokratische Volksrepublik“ vergessen. Daraufhin verliessen die nordkoreanischen Fussballerinnen das Spielfeld, bis die ‚Peinlichkeit‘ offiziell gelöst wurde.

Den Grossteil der Eröffnungsfeier habe ich verpasst (wer mag darüber berichten?). Aber den Einlauf der Athleten konnte ich sehen: Man kann von dieser Zeremonie halten, was man will – die Freude und den Stolz der Menschen zu sehen, die hinter ihrer Fahne das Stadion betreten, finde ich wunderbar. Und ich staune über teilnehmende Nationen, weil sie exotisch und fremd klingen und sich so wunderschön bunt präsentieren: Amerikanisch-Samoa, Bhutan, die Kaimaninseln, Kiribati, Mikronesien, Nauru, Palau, St. Kitts and Nevis, Tuvalu, Vanuatu. Herrlich!

Olympia 2012. Dabeisein ist alles…