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Montag im Hörsaal V der Goethe-Universität in Frankfurt – die Bürger-Uni lädt im Rahmen der Diskussionsreihe ‚Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte‘ zum Gedankenaustausch ein. Das Thema an diesem Abend ist hochaktuell: Wissenschaft als Krisenhelfer – muss Forschung der Politik und Öffentlichkeit mehr Orientierung geben?

Die von FAZ-Redakteur Sascha Zoske moderierte Veranstaltung beschäftigt sich mit der Rolle der (Wirtschafts-)Wissenschaften angesichts der Finanzkrise und deren Auswirkung auf Politik, Staat und Gesellschaft.

Karlheinz Weimar beim Vortrag

Karlheinz Weimar beim Vortrag

Die Diskussion wird eröffnet mit einem Vortrag des ehemaligen hessischen Finanzministers Karlheinz Weimar. Er beschreibt, weshalb die Politik auf wissenschaftliche Expertise angewiesen ist: „Politiker sind keine Alleskönner“ und benötigen fachmännischen Rat, der gleichzeitig die Entscheidungen der Politik zusätzlich legimitiert. Weimar verdeutlicht jedoch auch die Schwierigkeiten – so gibt es für jedes Thema unterschiedliche wissenschaftliche Positionen. Wem also hört man zu? Wem folgt man? Zudem sind Entscheidungen nie „nur richtig“ oder „nur falsch“, es gibt in der komplexen Welt keine klaren, einfachen Lösungen und man sollte auch immer einen Blick auf unangenehme Nebenwirkungen haben. Er verweist auch auf die Risiken der Auftragsforschung: herrschende Meinungen werden dadurch gestärkt und Manipulation wird ermöglicht.

An dieser Stelle sei mir – bei aller Richtigkeit der Darstellungen durch Karlheinz Weimar – mit einem Schmunzeln der Hinweis gestattet, dass unter ebendiesem damaligen Finanzminister Weimar (wissenschaftliche) Gefälligkeitsgutachten erstellt wurden, mit denen vier Frankfurter Steuerfahnder als „paranoid querulatorisch“ und „anpassungsgestört“ beurteilt und in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurden. Die rechtschaffenen Beamten hatten gegen Besitzer verdeckter Auslandskonten ermittelt und sind dabei wohl einigen Herrschaften in unserem schönen Hessenland zu sehr auf die Füsse getreten (siehe „Psychiater stoppte Steuerfahnder mit dubiosen Gutachten“, spiegel.de vom 17.11.2009)! Erst Jahre später wurden die Gutachten durch unabhängige Stellen kassiert und der verantwortliche Psychiater wegen fehlerhafter Erstattung von Sachverständigengutachten verurteilt.

Die Seite der Wissenschaft wird an diesem Abend durch die Professoren Andreas Hackethal (Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften) und Tilman Allert (Soziologe) vertreten. Während Erstgenannter erläutert, dass zuvorderst Forschung und Lehre die Aufgaben der Wissenschaft seien, Politikberatung keine Priorität habe und diese auch nicht angestrebt werden sollte, betrachtet Allert augenzwinkernd die unterschiedlichen Motivationen von Politik und Forschung („Krisenforschung ist nachträgliche Forschung“).

Die weiteren Ausführungen der beiden Professoren lassen Zweifel aufkommen, ob uns „Universitätsbetriebe“ Antworten auf dringliche Fragen bieten können. Der Soziologe blickt entspannt aus seinem Elfenbeinturm auf Objekte seiner Neugier („Die Akteure der Finanzmärkte sollte man nicht dämonisieren. Das sind sehr interessante Abenteurer unserer Zeit!“), der Fachbereichsleiter für Wirtschaftswissenschaften sichert die Mittel und das Ansehen seines Lehrbetriebes in einem marktwirtschaftlich orientierten Bildungssystem.

Professor Hackethal mag noch so häufig betonen, dass Forschung und Lehre frei und unabhängig sei („Wir sind Beamten, uns kann niemand kündigen!“)… man muss sich einfach nur vergegenwärtigen, dass in den deutschen Universitäten fast ausnahmslos nur eine einzige Lehrmeinung vertreten (und akzeptiert) wird – die vermeintliche Heilslehre vom neoklassischen Wirtschaftsmodell, das seit den 70er Jahren wieder fröhlich das Denken der Ökonomen eingenommen hat. Jahr für Jahr entlassen die Unis entsprechend ‚geschulte‘ Absolventen in die Unternehmen, Anwaltskanzleien, Werbe- und PR-Agenturen, Beraterbüros, die Medien und auch in die Politik. Eigenes Denken, Hinterfragen, das Verlassen von Schemata lehrt der Universitätsbetrieb schon länger nicht mehr – ein Kollateralschaden im Zuge von Standardisierung und Verkürzung der Lehre…

Die Veranstaltungen der Bürger-Universität, die vom Exzellenzcluster Normative Orders unterstützt werden, stehen allen Interessierten offen. Die Themenreihe ‚Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte‘ endet mit der Diskussionsrunde „Occupy – was hat’s gebracht?“ am 28. Januar 2013 (Beginn 19.30 Uhr, Hörsaal V, Hörsaalgebäude der Goethe-Uni, Mertonstrasse 17-21). Alle Wintersemester-Termine der Bürger-Uni im Überblick: buerger.uni-frankfurt.de!

Mittwochabend, Café des Frankfurter Kunstvereins – Wieder eine Veranstaltung der Reihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN. Die beiden Kuratorinnen der begleitenden Ausstellung, Sabine Witt und Fanti Baum, luden zum Thema „Subversives Potential satirischer Kunst“ und sprachen darüber mit Leo Fischer (verantwortl. Redakteur des Satiremagazins TITANIC), sowie mit Ivana Sajevic und Nils Zapfe (Theatergruppe LOVEFUCKERS).

Karikatur von Kukryniksy (1942)

Der Diskurs behandelte u.a., wie sich Satire im Laufe der Zeit (Französische Revolution bis heute) weiter-entwickelte, welche Stilmittel möglich sind und was die Satire bewirken kann.

Anhand von Szenen aus dem Theaterstück „King of the kings“ der Gruppe LOVEFUCKERS (u.a. aufgeführt vor zwei Wochen in der Pik Dame), erläuterten Sajevic und Zapfe die Konzeption und Entwicklung ihrer Arbeit. Der Hauptprotagonist der Performance – Diktator Muammar al-Gaddafi (überspitzt dargestellt mittels einer grossen Puppe) – offenbart in einer aktionsreichen Show seine absurden Selbstinszenierungen und bizarren Machtdemonstrationen. Diese Figur verdeutlicht dabei stellvertretend für all die ‚Berufskollegen‘ die mehr und mehr zunehmende und ins Lächerliche abgleitende Realitätsferne des Alleinherrschers, aber auch die Anbiederungen und Funktionalismen der Untergebenen und Helfer im Umfeld der Macht.

Ausreichend Beispiele für die Wirkung von Satire lieferte natürlich Leo Fischer, der im grossen Fundus der TITANIC graben konnte. Herrlich, mal wieder an ‚Birne‘ erinnert zu werden.

Für Fischer gilt: Satire darf alles! Etwas vorsichtiger formulierten Sajevic und Zapfe die Grenzen dieser Kunstform: Der Rahmen wird für sie durch Art und Weise, sowie die Kompetenzen des Satirikers gebildet.

Überraschend für mich die Aussage, dass Satire bei den Revolutionen im arabischen Raum eine wichtige Rolle spielt. Hier dienen die anonymen Mittel der Zeichentrick- oder Puppenfilme auf Youtube, Karikaturen auf Häuserwänden und ironischen Liedtexte auch dem Schutz von Leib und Leben der politischen Kritiker.

Die Runde stellte fest: Satire hat in unserer offenen Gesellschaft natürlich nicht Wirkungsgrad und Priorität wie in unterdrückenden Staatssystemen. Doch sie muss auch bei uns weiter gepflegt werden, denn – so Leo Fischer: „Wer weiss, was kommt“.

Mit drei noch ausstehenden Terminen (s.u.) findet das Projekt DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN sein Ende. Eine für mich äusserst interessante Veranstaltungsreihe mit Denkanstössen, originellen Erlebnissen, Skurillem und einer Begegnung mit dem zukünftigen Bundes-präsidenten (Links: Gang auf’s Amt, Gespräch mit Gauck, Brennende Biester, das Zwei-Mensch-Ding-Orchester). Eine Auseinandersetzung mit Formen des Protestes und den Gründen für Umbrüche.

Grosses Lob an die Veranstalter vom Frankfurter Kulturverein und dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität! 

[Die noch ausstehenden Aktionen: Musikperformance LES TRUCS am 21.03., Strassenkunst MARCELLO MALOBERTI am 24.04. und die abschliessende Kuratorenführung am 25.03.] 

Nachtrag: Für die Strassenperformance von Marcello Maloberti „I AM THE HAPPINESS OF THE WORLD“ werden noch Akteure gesucht. Treffpunkt für den vorbereitenden Workshop ist Samstag, 24.03. von 10-16 Uhr im Frankfurter Kunstverein, die Aktion startet ab 16 Uhr in der Innenstadt!

„Wir haben eine gute Zeit… wir haben eine gute Zeit… wir haben eine gute Zeit…“ Wo wir eben noch inmitten der Gruppe interessierter Besucher im Hauptschiff der alten Kirche standen und uns neugierig umschauten, erhebt sich plötzlich kanonartiger Sprechgesang und junge Frauen und Männer beginnen, die Anwesenden in Form einer Menschenkette Richtung Altarraum mit-zuziehen.

Les Trucs mit Stehlampe (Foto: Katja Lenz)

Als wir Mittwochabend die Frankfurter Alte Nicolai-kirche am Römerberg betreten, um der musikalischen Performance des ‚Zwei-Mensch-Ding-Orchesters‘ LES TRUCS beizuwohnen, werden wir von einer Installation begrüsst: Ein Hämmerchen, das aus dem Gehäuse einer alten Super-8-Kamera herausragt, senkt sich regelmässig auf die Tasten eines Mini-Keyboards, das wiederum einen alten Modulsynthesizer (Moog?) ansteuert und damit musikalische Impulse auslöst. Zu hören ist ein gleichmässiges „quuuaaack-glugg“

Unter den Umstehenden ist nicht auszumachen, wer Besucher, wer aktiver Künstler ist, bis der bereits beschriebene Chor zu skandieren beginnt und die Szenerie wechselt. Im Altarraum befindet sich die ‚Mainstage‘ und damit das eigentliche Instrumentarium von LES TRUCS – eine Art Labortisch mit Keyboardmanualen, Klangerzeugern, Drumcomputern, wirren Kabeln und der für die Gruppe obligatorischen Stehlampe. Zum Sprechgesang setzen nun die ersten Klänge ein, elektronische Beats begleiten den Reigen, die Musik schwillt an und ebbt wieder ab, um in die nächste Sentenz des Programms überzugehen.

Eine knappe halbe Stunde lang begeistern und überraschen LES TRUCS mit stakkatohaften Drum-Rhythmen, lebendigen, trockenen Synthie-Sequenzen und Chor- oder Sprechgesang. Dann endet die Darbietung wieder in dem „quuuaaack-glugg“ der Installation im Kirchenschiff.

Wirklich schade, dass das letzte Stück des Abends (I am the kid) nur so kurz währte – das Tanzbein begann schon zu zucken!

Impressionen vom Abend (alle Fotos: Katja Lenz):

LES TRUCS – IRGENDWAS MIT SPACE ist ebenfalls Teil der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN (Frankfurter Kunstverein in Kooperation mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Uni) und nochmals am 21. März zu besichtigen (der Aufführungsort wird im  Veranstaltungskalender bekanntgegeben).

(Mehr über LES TRUCS auf MySpace und der Homepage der Gruppe!)

Sind wir mal ehrlich: Asiatische Reisegruppen sind in Frankfurt nicht in so grosser Zahl anzutreffen, weil sie alle unsere schöne Stadt sehen wollen, sondern weil sich Frankfurt aufgrund des Flughafens als Einfallstor wahlweise für die einwöchige Europareise (München, Wien, Venedig, Zermatt, Strasbourg, Paris) oder die Romantiktour Deutschland (Rothenburg, Neuschwanstein, Heidelberg, Loreley und Rheinschifffahrt, Kölner Dom, Berlin, Dresden) etabliert hat.

Die Übernachtung vor Beginn der Tour kann zwei Optionen bieten: Entweder hat der Reise-veranstalter ein deprimierendes 3-Sterne-Hotel in einem leblosen Gewerbegebiet am Stadtrand Frankfurts gebucht oder die Wahl fiel glücklicherweise auf ein Haus in der Innenstadt. Im zweiten Fall ergibt sich für den Touristen die Möglichkeit, zumindest am Anreiseabend noch schnell Goethehaus, Römer, EZB (inkl. Occupy-Camp) und Hauptwache zu sehen. Wieder zurück in Peking, Tokio oder Seoul, erfreut sich der Reisende an den fotografischen Erinnerungen und erzählt seinen Nachbarn vom „ancient town“ am Main… Prima, das dient dem Stadtmarketing!

Auf den Kopf gestellt (Foto: Hackentrick)

Sollten sich aber vergangenen Freitagabend japanische Touristen aufgemacht haben, um noch schnell das Altstadtareal aufzusuchen, muss sich Frankfurt Sorgen um sein Image machen. Der Besucher – ausgerüstet mit Stadtplan, -führer und Digitalkamera – spaziert ahnungslos auf den Dom zu und stösst als erstes auf ein auf dem Dach liegendes Autowrack… Sekunden später kommt eine in silbernen Overalls gekleidete und behelmte Gruppe brüllend („uuuaaaaaah“) auf das Fahrzeug zugerannt und macht sich brachial am Fahrzeug zu schaffen. Randalierender Mob in Frankfurts Innenstadt? Brennende Autos in der City? Protest, Aufstand, gar eine Revolution?

Nur beinahe – denn wir befinden uns inmitten der Performance von Claudia Bosse: BURNING BEASTS. Seit einigen Tagen hat die Künstlerin in Kooperation mit Studenten des Instituts der Angewandten Theaterwissenschaften (Uni Giessen) auf dem Kaiserweg zwischen Römer und Dom Autowracks installiert, diese mit den Städtenamen der weltweiten Umbruchsbewegungen gekenn-zeichnet (z.B. Athen oder Misrata) und ‚bespielt‘ nun mit ihrer Truppe diese exemplarischen Stätten des Protests.

Die Aktion ist Teil der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität durchgeführt wird und über die in diesem Blog bereits berichtet wurde (Amt für Umbruchsbewältigung und Frankfurter Stadtgespräch).

Die Performance stellt die Frage, was zu tun ist angesichts der globalen Unsicherheiten. Kollektiv schweigen? Die Stimme erheben? Oder radikalere Wege beschreiten? An den einzelnen ‚Stationen‘ der Autowracks (Stätten des Aufstandes) macht die Künstlergruppe sichtbar, welche Formen des Protests denkbar sind. Doch ohne vorherigen Blick in das Programmheft hätte sich uns das Anliegen der Künstlerin nicht unbedingt erschlossen…

Mit der Hoffnung, dass nicht allzuviele Touristen von den Vorgängen erschreckt wurden, erfreut sich der Autor dieser Zeilen mal wieder an den nachfolgenden tollen Fotos von Frau Lenz (nochmals herzlichen Dank an dieser Stelle!) und weist auf das nächste neugierigmachende Event der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN hin: Das 2-Mensch-Ding-Orchester LES TRU am 22. Februar in der Nicolaikirche!

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität durchgeführt wird, fand vergangenen Samstag eine Podiumsdiskussion statt, die die Frage aufgriff, ob und welche Art von Protest die aktuellen Umbrüche erfordern. Als Diskursteilnehmer waren geladen der Rechtswissenschaftler Prof. Klaus Günther, Co-Sprecher des Exzellenzclusters, und Joachim Gauck, dessen Kandidatur zur Bundespräsidentenwahl 2010 ein breites Echo fand.

Während sich die beiden Gesprächsgäste darüber einig waren, dass die globalen Protestbewegungen (zum Beispiel Arabellion, Griechenland, Russland) nur bedingt einen gemeinsamen Nenner haben, gingen die Meinungen zu Occupy und der aktuellen Kapitalismuskritik sehr schnell auseinander.

Gauck, der durch seine DDR-Biographie das Leben in einem totalitären Land kennengelernt hat, mahnte davor, das bestehende Staats- und Wirtschaftssystem Deutschlands allzusehr verändern zu wollen. Er verwies darauf, dass die Menschen im arabischen Raum sehr wohl Gründe für Revolutionen hätten, während man sich in den westlichen Demokratien erst fragen sollte, welche besseren Alternativen es denn gäbe, bevor man zum Protest aufruft. Gauck nutzte seine Ausführungen für einen Seitenhieb auf die Occupy-Bewegung: Er bezeichnete die Mitwirkenden als Sozialromantiker, von denen er deutlich definierte Ziele und politische Bekenntnisse fordere. Zitat Gauck: „Einige dieser Leute von Occupy wären in der Gewerkschaftsjugend besser aufgehoben!“

Gauck betonte, dass er durchaus dafür sei, dass die Bürger genauer hinschauen sollten. Viele Themen würden nur unzureichend kommuniziert werden und einzelne Fehlentscheidungen der Politik hätten Korrekturbedarf. Anders als Professor Günther wehrte sich Gauck jedoch vehement gegen den Begriff des ‚postdemokratischen Zeitalters‘ und ermunterte die Zuhörer, bestehende Möglichkeiten der Einmischung aufzugreifen: Beispielsweise das Gespräch mit der Politik auf kommunaler Ebene, Wahlen und das Engagement in Bürgerinitiativen.

Dem konnte sich Professor Klaus Günther nicht anschliessen. Er verwies darauf, dass sich die westlichen Demokratien immer mehr zu sogenannten ‚Konsumdemokratien‘ entwickeln würden, in denen ein grosser Teil der Bürger den Erfolg des politischen Systems nur noch an der eigenen Geldbörse bemessen würde und sich die Politik zur technokratischen Verwaltung des Staates wandle, die kaum auf demokratischer Legitimierung basiere. Er warnte vor der Entwicklung, dass sich in diesen Staaten die Gesellschaften immer stärker in aktiv Beteiligte und in uninformierte, passive Empfänger teilen würden. Gerade aus diesem Grund begrüsse er die Proteste von Occupy, weil sich dort die Menschen informieren und austauschen und die offenkundigen Missstände in Politik und Wirtschaft deutlich zur Sprache kämen.

Gegen Ende der Diskussion, die in den Räumen des Frankfurter Kunstvereins regen Zuspruch fand, kam es dann zu einem Kommentar Gaucks, der sehr befremdete. Als Demonstrationen wie Stuttgart 21 oder die Anti-Fluglärm-Proteste im Rhein-Main-Gebiet zur Sprache kamen, meinte er, dass ihn diese Proteste verwunderten. Schliesslich wüsste ja jeder Anwohner, welche Konsequenzen das Leben in Flughafennähe haben kann und er betonte den wirtschaftlichen Nutzen des Airports für eine Stadt wie Frankfurt.

Nun ja… so kann man es auch sehen, Herr Gauck.

(Die nächsten Veranstaltungen des Projekts DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, über die an dieser Stelle berichtet wird, sind die Strassen-Performance ‚Burning Beasts‘ am 18. Februar und das furiose Musikspektakel des Zwei-Mensch-Ding-Orchesters ‚Les Trucs‘ am 22. Februar)

Weiterführender Artikel: Gang auf’s Amt (vom 30. Januar 2012)

“Hier ist Ihre Ausweiskarte und die Besuchernummer. Nehmen Sie im Wartesaal Platz, Sie werden dann aufgerufen!“ • “Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15 werden gebeten, sich umgehend am Beratungsschalter einzufinden. Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15, bitte!“ • “Füllen Sie dieses Formular aus und begeben Sie sich in das Amtsgebäude, dritte Etage!“ • “Bitte händigen Sie mir Ihren ausgefüllten Anmeldebogen aus und legen Sie den Ausweis vor. Das Beratungszimmer betreten Sie erst, sobald das Glockensignal ertönt!“

Rumgerenne, Rumgehetze, Warten, Formulare ausfüllen. Die vorab ausgehändigte Informa-tionsbroschüre rät: “Bitte seien Sie freundlich und geduldig, unsere Mitarbeiter versuchen alles, um einen schnellen Ablauf zu gewährleisten“. Der ganz normale Ämterwahnsinn – diesmal allerdings freiwillig, freitagsabends um 21 Uhr!

(Foto: Katja Lenz)

Wir befinden uns im AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG – einem Projekt im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMON-STRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität konzipiert und durchgeführt wird.

Das Projekt (seit 18. Januar bis 25. März 2012) greift die Situationen auf, in denen wir – das Individuum – die Konfrontation mit dem Ordnungssystem spüren, in das wir eingebunden sind. Dieses System kann durch Repression oder auf der Basis eines demokratischen Regelwerks hergestellt worden sein, das sich freiheitlichen Werten verpflichtet. Dennoch erleben wir gegenwärtig immer häufiger die Momente des Zweifels, des Protests oder der Resignation. Beispiele sind die Occupy-Bewegung, Attac, Stuttgart21, wütende Demonstrationen in Südeuropa und die Revolutionen im arabischen Raum, aber auch die Parolen am Stammtisch, das pauschale ‚die da oben‘, ‚die Banker‘, ‚jaja, die Herren Politiker‘, das Aufblühen des Nationalismus und die sog. Politikverdrossenheit einschliesslich des Nichtwählens.

Das Projekt zeigt durch unterschiedlichste Mittel (z. B. Ausstellung, Vorträge, Darstellende Kunst / Theater / Aktionskunst) auf, wo die Grenzen zum Aufbegehren bestehen oder wie die Mittel des Protest aussehen können. Die komplette Veranstaltungsreihe im kalendarischen Überblick ist hier zu finden.

Freitagabend also der ‚Gang auf’s Amt‘. Der Abend beginnt mit einer Podiumsdiskussion in der Cafébar des Kunstvereins, Thema: In welcher Welt leben wir? Die Professoren Frau Rebentisch (frau verzeihe mir das fehlende „Innen“), Herr Vogl und Herr Honneth debattieren darüber, ob die aktuelle Situation (Politik augenscheinlich vom Finanzmarkt getrieben) systembedingt, bewusst oder aufgrund von Fehlern besteht und welche Möglichkeiten des Änderns in Frage kämen. Sehr erfrischend die gute Moderation durch Rainer Forst, doch leider gibt es ein Zeitlimt und nach anregenden 1 1/2 Stunden muss die sehr interessante Debatte beendet werden – das AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG ruft!

Der Weg, interessierte Bürger zu Gesprächen mit Experten über die Hauptthemen Demokratie und Freiheit, Globale Phänomene und Ökonomie und Gerechtigkeit zu führen, war konzeptionell äusserst spannend, originell und unterhaltsam. In den Räumen des Presseamtes öffnete der Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit den Experten der Goethe-Universität von Freitag bis Sonntag eine ‚Behörde‘ einschliesslich aller bürokratischen Hürden: Das Beantragen von Ausweisen, das Ausfüllen von Formularen, diverse Wege von Schalter zu Schalter und Raum zu Raum und natürlich die obligatorischen Wartezeiten.

Nach dem endlosen Ritt auf dem Amtsschimmel sitzt man dann endlich dem gewünschten Experten gegenüber, in meinem Fall die Volljuristin Monika Bruss, die derzeit am Exzellenzcluster der Goethe-Uni zum Thema Internationales und vergleichendes Urheberrecht promoviert. Genau 20 Minuten bekam ich für ein Gespräch über das Thema Urheberrecht im Digitalzeitalter – obsolet oder notwendig? eingeräumt, dann musste auf Signal der Platz für den nächsten Besucher freigemacht werden. Die Unterhaltung verlief sehr interessant, zumal das Thema auch in diesem Blog vor kurzer Zeit behandelt wurde (siehe hier und hier).

Weitere Gesprächsangebote am Freitagabend waren beispielsweise Frauen im Islam, Paradoxien der Freiheit, Deutsche Aussenpolitik im Wandel, Arbeit und Anerkennung oder die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Neoliberalismus. Für den neugierigen Bürger also eine interessante Palette an Themen, um sich mit Umbruch und Veränderung zu beschäftigen.

Diese Expertengespräche in den Rahmen eines Behördengangs zu packen, halten wir für eine ausgesprochen witzige und durchdachte Idee! Den bürokratischen Verwaltungsakt kann man als stellvertretend für die postdemokratische Technokratie betrachten, auf die wir uns zubewegen. Die anschliessende Unterhaltung mit den Denkanstössen ist dann der Moment des Bruchs. Zudem macht der ‚Amtsbesuch‘ aus Teilnehmern aktiv Mitwirkende an diesem Kunstwerk – mittendrin statt nur dabei!

Beim späteren Gedankenaustausch mit Apfelsaftschorle und Rothaus Tannenzäpfle sind wir uns einig: Eine äusserst gelungener Abend, der Spass und Ernsthaftigkeit hervorragend kombiniert hat!

(Alle Fotos: Katja Lenz)

(Informationen: Frankfurter Kunstverein | Amt für Umbruchsbewältigung)