Archiv

Schlagwort-Archive: Occupy

TAG 4 – DAS GROSSE FINALE

Bunt, laut, friedlich. Über 25.000 Menschen beteiligten sich an der gestrigen (ausnahmsweise erlaubten) Grossdemonstration der BLOCKUPY FRANKFURT-Aktionstage und protestierten für Versammlungsfreiheit, mehr Demokratie und Gerechtigkeit.

Seit Mittwoch herrscht Ausnahmezustand in unserer Stadt (siehe meine Artikel: Part I | Part II). Die pauschale Vorverurteilung aller Blockupy-Teilnehmer als Randalierer und Chaoten durch politische Scharfmacher sowie die gerichtlichen Verbote aller geplanten Veranstaltungen (Ausnahme die gestrige Demo) haben die Sicherheitskräfte zu Höchstleistungen beflügelt: Weiträumige Strassen-sperren, Personen- und Taschenkontrollen, der Nahverkehr schliesst einige Stationen, Geschäfte bleiben an den Aktionstagen dicht (Bankfilialen auch), Verkehrsstaus, freigestellte Arbeitnehmer am Freitag… die Stadt legt sich selbst lahm. Besser, als es die Aktivisten von Blockupy jemals hingekriegt hätten.

Ich habe da ja meine eigene, kleine Verschwörungstheorie: Ich verbreite hiermit den Gedanken, dass der hessische Innenminister Boris Rhein massgeblichen Anteil an der grossangelegten Sperr-, Kontroll- und Blockadeaktion der Polizei hat und die Bewohner der schönsten Stadt der Welt damit verärgern wollte. Seine Motivation: Die peinliche Niederlage bei den Oberbürgermeisterwahlen im letzten März. Und jetzt war seine Chance gekommen, sich an den Frankfurtern zu rächen!

Trotz der Verbote rufen die an BLOCKUPY beteiligten Organisationen dennoch dazu auf, an allen Tagen die geplanten Aktionen durchzuführen. Mittwochmorgen werden auch erst die letzten gerichtlichen Verfügungen ausgesprochen. Die Tage werden eine Art Wettstreit um die Gunst des Publikums: Schaffen es die Aktivisten, durch kreative Aktionen die Bevölkerung für ihr Anliegen zu gewinnen? Oder zählt das Argument der Politik, dass allein durch die massive Polizeipräsenz eine Eskalation vermieden wurde?

Am Donnerstag überkommt mich angesichts der gesperrten Strassen und der willkürlichen Kontrollen der Gedanke, dass das alles sehr an Bilder erinnert, die wir von der Ausrufung des Kriegsrechts in Chile oder Argentinien kennen.

Spätestens der Freitag mit dem Motto ‚Blockade des Bankenviertels‘ (Bericht von Bloggerin Carmen) zeigt das Ergebnis: Die Medienberichterstattung schwenkt um und in den Strassenbahnen höre ich: „Muss des werklisch sei‘ mit dem ganzen Bollizei-Brimborium? Die junge Leut‘ sann doch so nett unn‘ friedlisch!“

Samstag um 12 Uhr am Baseler Platz. Tausende Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen finden sich ein, um an der genehmigten Demonstration teilzunehmen, die lt. Christean Wagner (Fraktionschef der CDU im Landtag) ebenfalls für Gewalt missbraucht werden sollte. Nun ja, Herr Wagner – dem war nicht so!

Rundumgeblickt: Eine Gruppe barbusiger Frauen – sind das die berühmten FEMEN-Aktivistinnen aus der Ukraine? Nein – sie sind es auf Nachfrage nicht… Die ältere Dame auf den Stelzen ist auch wieder dabei. Zudem Gruppen aus Italien und Frankreich. Viele ‚Normalbürger‘. Viele Gesichter, die ich am Donnerstag im Polizeikessel am Paulsplatz gesehen habe.

Die Demo verläuft vorbildlich. Beim ‚Block‘, der von hochgerüsteten Polizeikräften begleitet wird, kommt es mal zu Böllerschüssen und Zugriffen durch die Einsatzgruppen. Das sind wohl hinnehmbare Begleiterscheinungen… Generell gilt für mich: Die Polizei war auch nur ausführendes Organ und ist mir häufig trotz beängstigender Ausrüstung lächelnd und entspannt begegnet. Die Frauen und Männer der Einsatzgruppen werden sich ihren Teil denken über den Einsatz der vergangenen vier Tage – bedanken können sie sich bei den Scharfmachern im Magistrat Frankfurts und der hessischen CDU!

BLOCKUPY FRANKFURT war gut und richtig!

[Nachtrag: Link auf eine lesenswerte Nachbetrachtung von stadtkindffm]

Die Impressionen vom gestrigen Tag (zum Öffnen der Gallerie einfach eines der Bilder anklicken):

TAG 2 – OCCUPY PUBLIC SPACE!

Die gerichtlich durchgesetzten Verbote der Stadt Frankfurt galten auch für das gestrige Christi Himmelfahrt. Unter dem Motto „Besetzt die öffentlichen Plätze“ waren im Rahmen von BLOCKUPY FRANKFURT viele schöne Aktionen geplant – nun mussten die Veranstalter umdenken und improvisieren.

Die ersten ‚Occupy‘-Aktionen dieser Tage wurden ja bereits durch die Ordnungskräfte effizient durchgeführt (siehe mein Bericht vom ersten Tag). Frankfurt zum Erlahmen zu bringen, wäre den Blockupy-Aktivisten sicher nicht besser gelungen!

Mein Weg führte mittags zuerst zum Hauptbahnhof. Dort eingetroffen, war bereits zu hören, dass die Polizei anreisende Busse schon weit vor den Toren Frankfurts anhalten liessen, durchsuchten und den Businsassen die Weiterfahrt nach Frankfurt untersagten.

Auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs, umringt von der allgegenwärtigen Polizei, fanden sich wieder Interessierte zusammen, die – trotz Lautsprecheransagen der Ordnungskräfte – Redebeiträge hielten. Ein alter Herr empörte sich öffentlich über die Versammlungs- und Demonstrationsverbote und verwies auf seine schlimmen Erfahrungen aus dem Dritten Reich, worauf er donnernden Applaus erhielt. Ein zweiter Sprecher betonte in Richtung der Polizei, dass man ja wisse, dass das Demonstrationsverbot ausgesprochen wurde, die Leute sich hier jedoch auch nur zufällig aufhalten würden und er die Situation nun spontan für einen Speaker’s Corner nutze. Zum Schluss seiner Rede teilte er mit, dass ja jetzt jeder Anwesende einen schönen Spaziergang durch das sonnige Frankfurt machen könne, und wer weiss, vielleicht träfe man sich zufällig auf dem Paulsplatz wieder. Sehr tricky, der gute Mann!

Bis auf einige Rucksack- und Taschenkontrollen hielten sich übrigens die Polizei- und BFE-Beamten am Hauptbahnhof wohltuend zurück. Dennoch stört mich das martialische Auftreten im ganzen Stadtgebiet sehr.

Da ich das Fahrrad dabei hatte und mich somit über die von der Polizei umfassend gesperrten Innenstadtstrassen erfreuen konnte, traf ich zeitig am Paulsplatz ein, so dass mich die erneute Wagenburgtaktik der Sicherheitskräfte noch nicht am Zutritt hindern konnte. Auf dem Weg dorthin immer wieder an mehreren Ecken zu sehen: Personen- und Gepäckkontrollen.

Der Platz mit der Paulskirche. Sinnbild für Demokratie und des ersten deutschen Parlamentes. Einen besseren Ort hätte es an diesem Tag für den Schrei nach Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit nicht geben können!

Kaum angekommen, begegnete ich der Bloggerin Carmen (umamibuecher.wordpress.com), die ebenfalls neugierig auf das weitere Geschehen war. Ansonsten auf dem Paulsplatz: Viel buntgemischtes Volk und alle Altersklassen, aber weit und breit keine vermeintlichen Randalierer und Chaoten.

Mittlerweile hatten die Einsatztruppen den Ring um die Demonstranten enger gezogen, ohne jedoch besonders bedrohlich aufzutreten – weitere Passanten wurden nicht mehr auf den Paulsplatz gelassen. Polizeiliche Durchsagen informierten über die Verbote, worauf sich die Protestierenden immer wieder im Chor lautstark auf das Grundgesetz und Verfassung beriefen.

Gegen 14.30 Uhr schien die Einsatzleitung gegen die wirklich friedlich versammelte Menschenmenge vorgehen zu wollen. Die Polizeigruppen rückten näher und kesselten uns ein – die Antwort der Demonstranten war jedoch immer wieder nur „Wir sind friedlich – was seid Ihr?“, „Da sind uns’re Steuergelder“ oder initiierte Human-Mics*. Nach einer halben Stunde war plötzlich zu bemerken, dass sich die Sicherheitskräfte durch die Reihen Zeichen gaben… und auf einmal zogen sich die Einsatzgruppen unter dem tosenden Beifall der Demonstranten zurück an den Rand der Wagenburg. Ein Sieg für Blockupy? Die Stimmung wurde auf jeden Fall wieder gelöster, die Menschen liessen sich in Gruppen nieder und freuten sich über den Teilerfolg. 

Irgendwie tun mir die Polizeibeamten leid. Müssen in voller Kampfmontur in der Sonne schwitzen und handeln ja auch nur auf Anordnung ihrer Vorgesetzten (bzw. der Stadt). Der eine oder andere Beamte wird sich seinen Teil denken, angesichts der seltsamen Situationen, die sich an diesen Blockupy-Tagen ergeben (an dieser Stelle übrigens meinen Dank an die nette Polizistin aus Niedersachsen, die mich desöfteren durch die Polizeikette rein- und rausgelassen hat!).

Später verliess ich das Gelände über den Römer. Und siehe da: Der ganze Platz war ebenfalls voll mit Menschen (gegen 15.30 Uhr) und Aktionen. Und die ersten Zelte wurden errichtet (die jedoch gegen 19 Uhr von den Einsatzkräften geräumt wurden)!

Einige Impressionen des Donnerstagnachmittages (zum Öffnen der Gallerie eines der Bilder doppelklicken):

Morgen dann: Blockupy – Tag 3. Die grosse Blockade-Aktion (auch wieder untersagt)! Ich werde darüber berichten, wie ich mich als Teil der kapitalismusstützenden PR- und Marketingbranche selbst vor dem Betreten des Arbeitsplatzes hindere!

* Ein Human-Mic (menschliches Mikrofon) ist die Alternative zur Beschallungsanlage oder dem Megaphon und funktioniert wie folgt: Der Sprecher teilt seine Rede in kurze Sätze oder Passagen ein und pausiert jeweils nach diesen Abschnitten. Die näherstehenden Zuhörer wiederholen die Worte des Redners laut im Chor, so dass auch entferntere Anwesende den Wortlaut der Rede verfolgen können. Dann setzt der Sprecher seine Rede fort. Einfach und effizient!

1. TAG – DER BLOCKUPY RAVE

Dass diese Woche bei den beiden Relegationsspielen in Karlsruhe und Düsseldorf die Polizei nicht Herr der Lage wurde, wundert mich nicht mehr. Anscheinend wurden sämtliche bundesweit verfügbaren Sicherheitskräfte nach Frankfurt zusammengezogen, um die Stadt vor dem vermeintlichen Ansturm der Hunnen zu schützen.

Nach dem gerichtlichen Vorspiel der letzten Tage und den Verboten sämtlicher Aktivitäten (mit Ausnahme der Demonstration am Samstag) am gestrigen Mittwoch dann also der Beginn der Aktion BLOCKUPY FRANKFURT, zu der kapitalismuskritische Gruppen (u.a. Linkspartei und Attac) aufgerufen hatten.

In den frühen Morgenstunden tagte jedoch erst noch schnell der Hessische Verwaltungsgerichtshof, um über die Veranstaltungsverbote zu entscheiden. Im Anschluss bestätigte das Bundesverfassungs-gericht die Verfügungen, so dass der Blockierung der Innenstadt nichts mehr im Wege stand: Die Polizeibeamten durften ihren Teil der Aktionstage verrichten!

Erster Auftrag: Räumung des Occupy-Camp an der Europäischen Zentralbank (EZB). Das Davontragen und Hinausbegleiten der ca. 340 Protestler war bis 10 Uhr verrichtet und ging  – gemäss Ankündigung der Okkupisten – friedlich vonstatten. Entgegen den Pressemeldungen verliess auch der Aktivist auf dem Euro-Symbol seinen Platz – lediglich sein Zelt verblieb da oben. Ob die Leute am Sonntag wieder in das Camp zurückkehren können, entscheidet sich wohl mit dem Verlauf der kommenden Tage (Fotos und ein Bericht über die Räumung auf stadtkindffm’s Blog).

Zweiter Auftrag der Polizei: Grossräumiges Abriegeln der EZB und der Innenstadt, um Durchgangs-kontrollen und Kanalisierung der Demonstranten (und Passanten) vornehmen zu können. Mein Spaziergang vom Hauptbahnhof Richtung Hauptwache mutet entsprechend komisch an: Die berühmte Ruhe vor dem Sturm – an jeder Ecke Polizeigruppen, ständig Absperrgitter und Handwerker, die mit Pressspanplatten Schaufenster schützen (für mich schon jetzt Gewinner der Blockupy-Tage: Die ortsansässigen Schreinereien, die sich einer plötzlichen Auftragsflut erfreuen durften).

An der Hauptwache versammeln sich ab 18 Uhr langsam immer mehr Menschen – am Ende berichtet die Polizei von ca. 500 Aufrechten, die trotz des Verbotes in irgendeiner Form den geplanten Rave durchführen wollen oder einfach durch Anwesenheit auch die gerichtlichen Entscheidungen kritisieren. Die Leute sitzen in der Sonne, stehen diskutierend in Gruppen zusammen oder schlendern herum.

Fasziniert beobachte ich das Vorgehen der Polizei, die mit Einsatzfahrzeugen peu à peu eine scheinbar undurchdringliche Wagenburg um uns errichten. Logistisch sehr interessant. Dennoch ist es bis Ende des Tages problemlos möglich, den ‚Kessel‘ zu betreten oder zu verlassen, die Einsatzkräfte und Protestler bleiben entspannt. Gegen 19 Uhr beginnen einige auf mitgebrachten Instrumenten Musik zu machen und viele Leute fangen an zu tanzen. Zwei Stunden später löst sich die Sache langsam auf…

Aus dem untersagten Rave wurde also ein friedliches und lockeres Sit-in auf der Hauptwache unter Beobachtung der sehr präsenten Polizei. Morgen geht es weiter. BLOCKUPY FRANKFURT!

[Alle Infos: Blockupy Frankfurt]

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität durchgeführt wird, fand vergangenen Samstag eine Podiumsdiskussion statt, die die Frage aufgriff, ob und welche Art von Protest die aktuellen Umbrüche erfordern. Als Diskursteilnehmer waren geladen der Rechtswissenschaftler Prof. Klaus Günther, Co-Sprecher des Exzellenzclusters, und Joachim Gauck, dessen Kandidatur zur Bundespräsidentenwahl 2010 ein breites Echo fand.

Während sich die beiden Gesprächsgäste darüber einig waren, dass die globalen Protestbewegungen (zum Beispiel Arabellion, Griechenland, Russland) nur bedingt einen gemeinsamen Nenner haben, gingen die Meinungen zu Occupy und der aktuellen Kapitalismuskritik sehr schnell auseinander.

Gauck, der durch seine DDR-Biographie das Leben in einem totalitären Land kennengelernt hat, mahnte davor, das bestehende Staats- und Wirtschaftssystem Deutschlands allzusehr verändern zu wollen. Er verwies darauf, dass die Menschen im arabischen Raum sehr wohl Gründe für Revolutionen hätten, während man sich in den westlichen Demokratien erst fragen sollte, welche besseren Alternativen es denn gäbe, bevor man zum Protest aufruft. Gauck nutzte seine Ausführungen für einen Seitenhieb auf die Occupy-Bewegung: Er bezeichnete die Mitwirkenden als Sozialromantiker, von denen er deutlich definierte Ziele und politische Bekenntnisse fordere. Zitat Gauck: „Einige dieser Leute von Occupy wären in der Gewerkschaftsjugend besser aufgehoben!“

Gauck betonte, dass er durchaus dafür sei, dass die Bürger genauer hinschauen sollten. Viele Themen würden nur unzureichend kommuniziert werden und einzelne Fehlentscheidungen der Politik hätten Korrekturbedarf. Anders als Professor Günther wehrte sich Gauck jedoch vehement gegen den Begriff des ‚postdemokratischen Zeitalters‘ und ermunterte die Zuhörer, bestehende Möglichkeiten der Einmischung aufzugreifen: Beispielsweise das Gespräch mit der Politik auf kommunaler Ebene, Wahlen und das Engagement in Bürgerinitiativen.

Dem konnte sich Professor Klaus Günther nicht anschliessen. Er verwies darauf, dass sich die westlichen Demokratien immer mehr zu sogenannten ‚Konsumdemokratien‘ entwickeln würden, in denen ein grosser Teil der Bürger den Erfolg des politischen Systems nur noch an der eigenen Geldbörse bemessen würde und sich die Politik zur technokratischen Verwaltung des Staates wandle, die kaum auf demokratischer Legitimierung basiere. Er warnte vor der Entwicklung, dass sich in diesen Staaten die Gesellschaften immer stärker in aktiv Beteiligte und in uninformierte, passive Empfänger teilen würden. Gerade aus diesem Grund begrüsse er die Proteste von Occupy, weil sich dort die Menschen informieren und austauschen und die offenkundigen Missstände in Politik und Wirtschaft deutlich zur Sprache kämen.

Gegen Ende der Diskussion, die in den Räumen des Frankfurter Kunstvereins regen Zuspruch fand, kam es dann zu einem Kommentar Gaucks, der sehr befremdete. Als Demonstrationen wie Stuttgart 21 oder die Anti-Fluglärm-Proteste im Rhein-Main-Gebiet zur Sprache kamen, meinte er, dass ihn diese Proteste verwunderten. Schliesslich wüsste ja jeder Anwohner, welche Konsequenzen das Leben in Flughafennähe haben kann und er betonte den wirtschaftlichen Nutzen des Airports für eine Stadt wie Frankfurt.

Nun ja… so kann man es auch sehen, Herr Gauck.

(Die nächsten Veranstaltungen des Projekts DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, über die an dieser Stelle berichtet wird, sind die Strassen-Performance ‚Burning Beasts‘ am 18. Februar und das furiose Musikspektakel des Zwei-Mensch-Ding-Orchesters ‚Les Trucs‘ am 22. Februar)

Weiterführender Artikel: Gang auf’s Amt (vom 30. Januar 2012)

Liebe sibirische Kälte,

seit Tagen wird überall berichtet, dass Du diese Woche Deutschland mit Deinem kalten Hauch und Temperaturen bis zu -25 Grad überdecken wirst. Ich sage: Herzlich Willkommen!

Du wirst Dich vielleicht wundern, warum ich Dich so freundlich begrüsse, wo Du doch medial mal wieder als drohendes Chaos und Jahrhundertkälte angekündigt wirst… Mir egal – ich ruhe in mir und bin gütig. Ausserdem: Die Stadt Frankfurt wird für die Obdachlosen nachts die B-Ebene öffnen, die Leute von Occupy im Camp bekommen hoffentlich ausreichend Unterstützung (Spendenaufruf: Gasbetriebene Heizöfen, Dämmmaterial, Kerzen und Teelichter, Decken und Schlafsäcke, wärmende Worte und Gedanken…), ich habe Mütze, Schal, Handschuhe, lange Unterhosen und einen guten Mantel und meine Heizung funktioniert auch prächtig.

Also, sibirische Kälte – komme einfach und zaubere Eisblumen auf unsere Fenster, mache aus den Pflanzen in der Stadt zart-weiss überzogene Kunstwerke und lasse die ICE’s zwischen Kassel und Göttingen im Niemandsland feststecken. Für die Schlagzeile “Kälte-Terror“ wirst nicht Du verantwortlich sein, sondern idiotische Pseudo-Journalismus-Praktikanten, die temperatur-messerbewährt irgendwelche Themenfelder für die rasanten Online-Medien füllen müssen. Währenddessen bringe ich gelassen Hilfreiches im Frankfurter Occupy-Camp vorbei, lehne mich anschliessend im Sessel zurück, lausche der Musik vom Buena Vista Social-Club, schaue in das Kamin-Feuer-Endlosvideo meines Kumpels Dirk und schmauche eine gute Zigarre… Ätsch!

Mit freundlichen Grüssen, Hackentrick“

So wird’s gemacht! (Foto: Katja Lenz)

Apropos gute Zigarre – passend zum Thema hat Frau Lenz in ihrem Foto-Blog Auszüge einer Arbeit veröffentlicht, die das optimale, zelebrierende Zigarre-rauchen behandelt. Die tollen Bilder, die wieder mal unter etwas widrigeren Umständen entstanden, sind hier zu finden!

“Hier ist Ihre Ausweiskarte und die Besuchernummer. Nehmen Sie im Wartesaal Platz, Sie werden dann aufgerufen!“ • “Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15 werden gebeten, sich umgehend am Beratungsschalter einzufinden. Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15, bitte!“ • “Füllen Sie dieses Formular aus und begeben Sie sich in das Amtsgebäude, dritte Etage!“ • “Bitte händigen Sie mir Ihren ausgefüllten Anmeldebogen aus und legen Sie den Ausweis vor. Das Beratungszimmer betreten Sie erst, sobald das Glockensignal ertönt!“

Rumgerenne, Rumgehetze, Warten, Formulare ausfüllen. Die vorab ausgehändigte Informa-tionsbroschüre rät: “Bitte seien Sie freundlich und geduldig, unsere Mitarbeiter versuchen alles, um einen schnellen Ablauf zu gewährleisten“. Der ganz normale Ämterwahnsinn – diesmal allerdings freiwillig, freitagsabends um 21 Uhr!

(Foto: Katja Lenz)

Wir befinden uns im AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG – einem Projekt im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMON-STRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität konzipiert und durchgeführt wird.

Das Projekt (seit 18. Januar bis 25. März 2012) greift die Situationen auf, in denen wir – das Individuum – die Konfrontation mit dem Ordnungssystem spüren, in das wir eingebunden sind. Dieses System kann durch Repression oder auf der Basis eines demokratischen Regelwerks hergestellt worden sein, das sich freiheitlichen Werten verpflichtet. Dennoch erleben wir gegenwärtig immer häufiger die Momente des Zweifels, des Protests oder der Resignation. Beispiele sind die Occupy-Bewegung, Attac, Stuttgart21, wütende Demonstrationen in Südeuropa und die Revolutionen im arabischen Raum, aber auch die Parolen am Stammtisch, das pauschale ‚die da oben‘, ‚die Banker‘, ‚jaja, die Herren Politiker‘, das Aufblühen des Nationalismus und die sog. Politikverdrossenheit einschliesslich des Nichtwählens.

Das Projekt zeigt durch unterschiedlichste Mittel (z. B. Ausstellung, Vorträge, Darstellende Kunst / Theater / Aktionskunst) auf, wo die Grenzen zum Aufbegehren bestehen oder wie die Mittel des Protest aussehen können. Die komplette Veranstaltungsreihe im kalendarischen Überblick ist hier zu finden.

Freitagabend also der ‚Gang auf’s Amt‘. Der Abend beginnt mit einer Podiumsdiskussion in der Cafébar des Kunstvereins, Thema: In welcher Welt leben wir? Die Professoren Frau Rebentisch (frau verzeihe mir das fehlende „Innen“), Herr Vogl und Herr Honneth debattieren darüber, ob die aktuelle Situation (Politik augenscheinlich vom Finanzmarkt getrieben) systembedingt, bewusst oder aufgrund von Fehlern besteht und welche Möglichkeiten des Änderns in Frage kämen. Sehr erfrischend die gute Moderation durch Rainer Forst, doch leider gibt es ein Zeitlimt und nach anregenden 1 1/2 Stunden muss die sehr interessante Debatte beendet werden – das AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG ruft!

Der Weg, interessierte Bürger zu Gesprächen mit Experten über die Hauptthemen Demokratie und Freiheit, Globale Phänomene und Ökonomie und Gerechtigkeit zu führen, war konzeptionell äusserst spannend, originell und unterhaltsam. In den Räumen des Presseamtes öffnete der Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit den Experten der Goethe-Universität von Freitag bis Sonntag eine ‚Behörde‘ einschliesslich aller bürokratischen Hürden: Das Beantragen von Ausweisen, das Ausfüllen von Formularen, diverse Wege von Schalter zu Schalter und Raum zu Raum und natürlich die obligatorischen Wartezeiten.

Nach dem endlosen Ritt auf dem Amtsschimmel sitzt man dann endlich dem gewünschten Experten gegenüber, in meinem Fall die Volljuristin Monika Bruss, die derzeit am Exzellenzcluster der Goethe-Uni zum Thema Internationales und vergleichendes Urheberrecht promoviert. Genau 20 Minuten bekam ich für ein Gespräch über das Thema Urheberrecht im Digitalzeitalter – obsolet oder notwendig? eingeräumt, dann musste auf Signal der Platz für den nächsten Besucher freigemacht werden. Die Unterhaltung verlief sehr interessant, zumal das Thema auch in diesem Blog vor kurzer Zeit behandelt wurde (siehe hier und hier).

Weitere Gesprächsangebote am Freitagabend waren beispielsweise Frauen im Islam, Paradoxien der Freiheit, Deutsche Aussenpolitik im Wandel, Arbeit und Anerkennung oder die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Neoliberalismus. Für den neugierigen Bürger also eine interessante Palette an Themen, um sich mit Umbruch und Veränderung zu beschäftigen.

Diese Expertengespräche in den Rahmen eines Behördengangs zu packen, halten wir für eine ausgesprochen witzige und durchdachte Idee! Den bürokratischen Verwaltungsakt kann man als stellvertretend für die postdemokratische Technokratie betrachten, auf die wir uns zubewegen. Die anschliessende Unterhaltung mit den Denkanstössen ist dann der Moment des Bruchs. Zudem macht der ‚Amtsbesuch‘ aus Teilnehmern aktiv Mitwirkende an diesem Kunstwerk – mittendrin statt nur dabei!

Beim späteren Gedankenaustausch mit Apfelsaftschorle und Rothaus Tannenzäpfle sind wir uns einig: Eine äusserst gelungener Abend, der Spass und Ernsthaftigkeit hervorragend kombiniert hat!

(Alle Fotos: Katja Lenz)

(Informationen: Frankfurter Kunstverein | Amt für Umbruchsbewältigung)

Auf Facebook haben heute die Leute von Occupy Frankfurt das Programm für das kommende Wochenende veröffentlicht. Nachfolgend eine Zusammenfassung.

OCCUPY FRANKFURT schreibt:

[…] „Es ist höchste Zeit, unsere Kräfte zu bündeln und gemeinsam zu überlegen, wie es mit den Protesten im nächsten Jahr weitergehen und welche Schritte wir 2012 miteinander verabreden können. Dieses Vorbereitungstreffen soll ein offener Raum sein, in dem alle ihre Pläne und Ideen zur Diskussion stellen und PartnerInnen für gemeinsame Aktionen finden können. Das können gemeinsame Kampagnen sowie dezentrale und/oder zentrale Aktionen sein.“ […]

[Freitag, 20. Januar]   Ab 17 Uhr Anreise ins Camp für Auswärtige, gemütliches Zusammensitzen und Kennenlernen. Um 20 Uhr lädt die Raumstation Rödelheim ein: Beamershow mit Impressionen über die Occupy-Bewegung, veganes Buffet und Musik & Tanz

[Samstag, 21. Januar]   Um 13 Uhr Beginn der ‚Free Bradley Manning‘-Demonstration. Start ist am Kaisersack (Hauptbahnhof). Von 15 bis 21 Uhr findet ein bundesweites Vernetzungstreffen statt (Weissfrauen Diakoniekirche, Weserstrasse 5): Projekte werden vorgestellt, offene Diskussionen und Arbeitsgruppen sind geplant. Jeder Interessierte ist eingeladen teilzunehmen!

[Sonntag, 22. Januar]   Von 11 bis 17 Uhr Fortsetzung des Vernetzungstreffens. Ort: Gewerk-schaftshaus, Wilhelm-Leuschner-Str. 69-77. Ab 17 Uhr Asamblea mit allen Resumees des Wochenendes.