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Im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität durchgeführt wird, fand vergangenen Samstag eine Podiumsdiskussion statt, die die Frage aufgriff, ob und welche Art von Protest die aktuellen Umbrüche erfordern. Als Diskursteilnehmer waren geladen der Rechtswissenschaftler Prof. Klaus Günther, Co-Sprecher des Exzellenzclusters, und Joachim Gauck, dessen Kandidatur zur Bundespräsidentenwahl 2010 ein breites Echo fand.

Während sich die beiden Gesprächsgäste darüber einig waren, dass die globalen Protestbewegungen (zum Beispiel Arabellion, Griechenland, Russland) nur bedingt einen gemeinsamen Nenner haben, gingen die Meinungen zu Occupy und der aktuellen Kapitalismuskritik sehr schnell auseinander.

Gauck, der durch seine DDR-Biographie das Leben in einem totalitären Land kennengelernt hat, mahnte davor, das bestehende Staats- und Wirtschaftssystem Deutschlands allzusehr verändern zu wollen. Er verwies darauf, dass die Menschen im arabischen Raum sehr wohl Gründe für Revolutionen hätten, während man sich in den westlichen Demokratien erst fragen sollte, welche besseren Alternativen es denn gäbe, bevor man zum Protest aufruft. Gauck nutzte seine Ausführungen für einen Seitenhieb auf die Occupy-Bewegung: Er bezeichnete die Mitwirkenden als Sozialromantiker, von denen er deutlich definierte Ziele und politische Bekenntnisse fordere. Zitat Gauck: „Einige dieser Leute von Occupy wären in der Gewerkschaftsjugend besser aufgehoben!“

Gauck betonte, dass er durchaus dafür sei, dass die Bürger genauer hinschauen sollten. Viele Themen würden nur unzureichend kommuniziert werden und einzelne Fehlentscheidungen der Politik hätten Korrekturbedarf. Anders als Professor Günther wehrte sich Gauck jedoch vehement gegen den Begriff des ‚postdemokratischen Zeitalters‘ und ermunterte die Zuhörer, bestehende Möglichkeiten der Einmischung aufzugreifen: Beispielsweise das Gespräch mit der Politik auf kommunaler Ebene, Wahlen und das Engagement in Bürgerinitiativen.

Dem konnte sich Professor Klaus Günther nicht anschliessen. Er verwies darauf, dass sich die westlichen Demokratien immer mehr zu sogenannten ‚Konsumdemokratien‘ entwickeln würden, in denen ein grosser Teil der Bürger den Erfolg des politischen Systems nur noch an der eigenen Geldbörse bemessen würde und sich die Politik zur technokratischen Verwaltung des Staates wandle, die kaum auf demokratischer Legitimierung basiere. Er warnte vor der Entwicklung, dass sich in diesen Staaten die Gesellschaften immer stärker in aktiv Beteiligte und in uninformierte, passive Empfänger teilen würden. Gerade aus diesem Grund begrüsse er die Proteste von Occupy, weil sich dort die Menschen informieren und austauschen und die offenkundigen Missstände in Politik und Wirtschaft deutlich zur Sprache kämen.

Gegen Ende der Diskussion, die in den Räumen des Frankfurter Kunstvereins regen Zuspruch fand, kam es dann zu einem Kommentar Gaucks, der sehr befremdete. Als Demonstrationen wie Stuttgart 21 oder die Anti-Fluglärm-Proteste im Rhein-Main-Gebiet zur Sprache kamen, meinte er, dass ihn diese Proteste verwunderten. Schliesslich wüsste ja jeder Anwohner, welche Konsequenzen das Leben in Flughafennähe haben kann und er betonte den wirtschaftlichen Nutzen des Airports für eine Stadt wie Frankfurt.

Nun ja… so kann man es auch sehen, Herr Gauck.

(Die nächsten Veranstaltungen des Projekts DEMONSTRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, über die an dieser Stelle berichtet wird, sind die Strassen-Performance ‚Burning Beasts‘ am 18. Februar und das furiose Musikspektakel des Zwei-Mensch-Ding-Orchesters ‚Les Trucs‘ am 22. Februar)

Weiterführender Artikel: Gang auf’s Amt (vom 30. Januar 2012)

Liebe sibirische Kälte,

seit Tagen wird überall berichtet, dass Du diese Woche Deutschland mit Deinem kalten Hauch und Temperaturen bis zu -25 Grad überdecken wirst. Ich sage: Herzlich Willkommen!

Du wirst Dich vielleicht wundern, warum ich Dich so freundlich begrüsse, wo Du doch medial mal wieder als drohendes Chaos und Jahrhundertkälte angekündigt wirst… Mir egal – ich ruhe in mir und bin gütig. Ausserdem: Die Stadt Frankfurt wird für die Obdachlosen nachts die B-Ebene öffnen, die Leute von Occupy im Camp bekommen hoffentlich ausreichend Unterstützung (Spendenaufruf: Gasbetriebene Heizöfen, Dämmmaterial, Kerzen und Teelichter, Decken und Schlafsäcke, wärmende Worte und Gedanken…), ich habe Mütze, Schal, Handschuhe, lange Unterhosen und einen guten Mantel und meine Heizung funktioniert auch prächtig.

Also, sibirische Kälte – komme einfach und zaubere Eisblumen auf unsere Fenster, mache aus den Pflanzen in der Stadt zart-weiss überzogene Kunstwerke und lasse die ICE’s zwischen Kassel und Göttingen im Niemandsland feststecken. Für die Schlagzeile “Kälte-Terror“ wirst nicht Du verantwortlich sein, sondern idiotische Pseudo-Journalismus-Praktikanten, die temperatur-messerbewährt irgendwelche Themenfelder für die rasanten Online-Medien füllen müssen. Währenddessen bringe ich gelassen Hilfreiches im Frankfurter Occupy-Camp vorbei, lehne mich anschliessend im Sessel zurück, lausche der Musik vom Buena Vista Social-Club, schaue in das Kamin-Feuer-Endlosvideo meines Kumpels Dirk und schmauche eine gute Zigarre… Ätsch!

Mit freundlichen Grüssen, Hackentrick“

So wird’s gemacht! (Foto: Katja Lenz)

Apropos gute Zigarre – passend zum Thema hat Frau Lenz in ihrem Foto-Blog Auszüge einer Arbeit veröffentlicht, die das optimale, zelebrierende Zigarre-rauchen behandelt. Die tollen Bilder, die wieder mal unter etwas widrigeren Umständen entstanden, sind hier zu finden!

“Hier ist Ihre Ausweiskarte und die Besuchernummer. Nehmen Sie im Wartesaal Platz, Sie werden dann aufgerufen!“ • “Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15 werden gebeten, sich umgehend am Beratungsschalter einzufinden. Die Besucher mit den Nummern 11 bis 15, bitte!“ • “Füllen Sie dieses Formular aus und begeben Sie sich in das Amtsgebäude, dritte Etage!“ • “Bitte händigen Sie mir Ihren ausgefüllten Anmeldebogen aus und legen Sie den Ausweis vor. Das Beratungszimmer betreten Sie erst, sobald das Glockensignal ertönt!“

Rumgerenne, Rumgehetze, Warten, Formulare ausfüllen. Die vorab ausgehändigte Informa-tionsbroschüre rät: “Bitte seien Sie freundlich und geduldig, unsere Mitarbeiter versuchen alles, um einen schnellen Ablauf zu gewährleisten“. Der ganz normale Ämterwahnsinn – diesmal allerdings freiwillig, freitagsabends um 21 Uhr!

(Foto: Katja Lenz)

Wir befinden uns im AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG – einem Projekt im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEMON-STRATIONEN. VOM WERDEN NORMATIVER ORDNUNGEN, die vom Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster Normative Orders der Goethe-Universität konzipiert und durchgeführt wird.

Das Projekt (seit 18. Januar bis 25. März 2012) greift die Situationen auf, in denen wir – das Individuum – die Konfrontation mit dem Ordnungssystem spüren, in das wir eingebunden sind. Dieses System kann durch Repression oder auf der Basis eines demokratischen Regelwerks hergestellt worden sein, das sich freiheitlichen Werten verpflichtet. Dennoch erleben wir gegenwärtig immer häufiger die Momente des Zweifels, des Protests oder der Resignation. Beispiele sind die Occupy-Bewegung, Attac, Stuttgart21, wütende Demonstrationen in Südeuropa und die Revolutionen im arabischen Raum, aber auch die Parolen am Stammtisch, das pauschale ‚die da oben‘, ‚die Banker‘, ‚jaja, die Herren Politiker‘, das Aufblühen des Nationalismus und die sog. Politikverdrossenheit einschliesslich des Nichtwählens.

Das Projekt zeigt durch unterschiedlichste Mittel (z. B. Ausstellung, Vorträge, Darstellende Kunst / Theater / Aktionskunst) auf, wo die Grenzen zum Aufbegehren bestehen oder wie die Mittel des Protest aussehen können. Die komplette Veranstaltungsreihe im kalendarischen Überblick ist hier zu finden.

Freitagabend also der ‚Gang auf’s Amt‘. Der Abend beginnt mit einer Podiumsdiskussion in der Cafébar des Kunstvereins, Thema: In welcher Welt leben wir? Die Professoren Frau Rebentisch (frau verzeihe mir das fehlende „Innen“), Herr Vogl und Herr Honneth debattieren darüber, ob die aktuelle Situation (Politik augenscheinlich vom Finanzmarkt getrieben) systembedingt, bewusst oder aufgrund von Fehlern besteht und welche Möglichkeiten des Änderns in Frage kämen. Sehr erfrischend die gute Moderation durch Rainer Forst, doch leider gibt es ein Zeitlimt und nach anregenden 1 1/2 Stunden muss die sehr interessante Debatte beendet werden – das AMT FÜR UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG ruft!

Der Weg, interessierte Bürger zu Gesprächen mit Experten über die Hauptthemen Demokratie und Freiheit, Globale Phänomene und Ökonomie und Gerechtigkeit zu führen, war konzeptionell äusserst spannend, originell und unterhaltsam. In den Räumen des Presseamtes öffnete der Frankfurter Kunstverein gemeinsam mit den Experten der Goethe-Universität von Freitag bis Sonntag eine ‚Behörde‘ einschliesslich aller bürokratischen Hürden: Das Beantragen von Ausweisen, das Ausfüllen von Formularen, diverse Wege von Schalter zu Schalter und Raum zu Raum und natürlich die obligatorischen Wartezeiten.

Nach dem endlosen Ritt auf dem Amtsschimmel sitzt man dann endlich dem gewünschten Experten gegenüber, in meinem Fall die Volljuristin Monika Bruss, die derzeit am Exzellenzcluster der Goethe-Uni zum Thema Internationales und vergleichendes Urheberrecht promoviert. Genau 20 Minuten bekam ich für ein Gespräch über das Thema Urheberrecht im Digitalzeitalter – obsolet oder notwendig? eingeräumt, dann musste auf Signal der Platz für den nächsten Besucher freigemacht werden. Die Unterhaltung verlief sehr interessant, zumal das Thema auch in diesem Blog vor kurzer Zeit behandelt wurde (siehe hier und hier).

Weitere Gesprächsangebote am Freitagabend waren beispielsweise Frauen im Islam, Paradoxien der Freiheit, Deutsche Aussenpolitik im Wandel, Arbeit und Anerkennung oder die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Neoliberalismus. Für den neugierigen Bürger also eine interessante Palette an Themen, um sich mit Umbruch und Veränderung zu beschäftigen.

Diese Expertengespräche in den Rahmen eines Behördengangs zu packen, halten wir für eine ausgesprochen witzige und durchdachte Idee! Den bürokratischen Verwaltungsakt kann man als stellvertretend für die postdemokratische Technokratie betrachten, auf die wir uns zubewegen. Die anschliessende Unterhaltung mit den Denkanstössen ist dann der Moment des Bruchs. Zudem macht der ‚Amtsbesuch‘ aus Teilnehmern aktiv Mitwirkende an diesem Kunstwerk – mittendrin statt nur dabei!

Beim späteren Gedankenaustausch mit Apfelsaftschorle und Rothaus Tannenzäpfle sind wir uns einig: Eine äusserst gelungener Abend, der Spass und Ernsthaftigkeit hervorragend kombiniert hat!

(Alle Fotos: Katja Lenz)

(Informationen: Frankfurter Kunstverein | Amt für Umbruchsbewältigung)

Auf Facebook haben heute die Leute von Occupy Frankfurt das Programm für das kommende Wochenende veröffentlicht. Nachfolgend eine Zusammenfassung.

OCCUPY FRANKFURT schreibt:

[…] „Es ist höchste Zeit, unsere Kräfte zu bündeln und gemeinsam zu überlegen, wie es mit den Protesten im nächsten Jahr weitergehen und welche Schritte wir 2012 miteinander verabreden können. Dieses Vorbereitungstreffen soll ein offener Raum sein, in dem alle ihre Pläne und Ideen zur Diskussion stellen und PartnerInnen für gemeinsame Aktionen finden können. Das können gemeinsame Kampagnen sowie dezentrale und/oder zentrale Aktionen sein.“ […]

[Freitag, 20. Januar]   Ab 17 Uhr Anreise ins Camp für Auswärtige, gemütliches Zusammensitzen und Kennenlernen. Um 20 Uhr lädt die Raumstation Rödelheim ein: Beamershow mit Impressionen über die Occupy-Bewegung, veganes Buffet und Musik & Tanz

[Samstag, 21. Januar]   Um 13 Uhr Beginn der ‚Free Bradley Manning‘-Demonstration. Start ist am Kaisersack (Hauptbahnhof). Von 15 bis 21 Uhr findet ein bundesweites Vernetzungstreffen statt (Weissfrauen Diakoniekirche, Weserstrasse 5): Projekte werden vorgestellt, offene Diskussionen und Arbeitsgruppen sind geplant. Jeder Interessierte ist eingeladen teilzunehmen!

[Sonntag, 22. Januar]   Von 11 bis 17 Uhr Fortsetzung des Vernetzungstreffens. Ort: Gewerk-schaftshaus, Wilhelm-Leuschner-Str. 69-77. Ab 17 Uhr Asamblea mit allen Resumees des Wochenendes.

Redner auf der Zeil

Wunderschönes Wetter, freier Sonntag – da schwingt man sich auf das Rad und fährt in die Innenstadt, wo die Leute von Occupy Frankfurt für 12 Uhr zum neuerlichen Protestmarsch aufgerufen haben. Unter dem Motto 15J Millions For Global Change fanden heute weltweit Aktionen der Occupy-Bewegung statt. Gleich vorab: Der Frankfurter Beitrag war sicherlich nicht der stärkste.

Nach den obligatorischen Begrüssungsreden am Rathenauplatz setzte sich der Demonstrationszug Richtung Zeil in Bewegung. Nach kurzen Redebeiträgen ging es von dort durch die Hasengasse und Braubachstrasse an den Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg. Umrahmt von Touristen und Karnevalisten (?), die vor dem Aufgang zum Kaisersaal standen, meldeten sich dann einige Sprecher zu Wort. Da das mitgebrachte Beschallungs’anlägchen‘ nicht ausreichte, wurde heute meistens die Technik des Human Mic genutzt. Das Publikum wiederholt im Chor die kurzen Sätze des Vorredners – so bekommt man auch in der hintersten Reihe mit, was vorne gesprochen wird. Lustig war der Anfang eines Sprechers namens ‚Schimmi’…

Schimmi: „Hallo!“… Volk: „Hallo!“… Schimmi: „Ich habe meine Rede aufgeschrieben.“… Volk: „Er hat seine Rede aufgeschrieben.“… Schimmi: „Aber die Zettel liegen zuhause.“… Volk: „Aber die Zettel liegen zuhause.“ (grosses Lachen)…

Bis auf diesen originellen Einstieg waren mir allerdings die Wortbeiträge meist zu substanzlos und wiederholten sich inhaltlich zu häufig. Ob ich mich vielleicht demnächst mal zu Wort melden sollte? Ich könnte beispielsweise Jean Zieglers Ansprache verlesen, die er nicht auf den Salzburger Festspielen halten durfte. Ein lohnenswerter Gedanke! Offiziell ist von ca. 300 Demonstranten die Rede, ich hatte eher den Eindruck, es waren knapp tausend Bürger auf der Strasse. Die Stimmung unter den Leuten war sehr gut, es kamen einige interessante Gespräche mit den Mitdemonstranten zustande. Zum Sonntagsspaziergang sollte Occupy aber nicht verkommen. Die Leute sind interessiert, wollen Veränderungen. Es mangelt einfach an der Mobilisierung der schweigenden Mehrheit…

Samstag, Innenstadt: Um 12.20 Uhr treffen wir am Rathenauplatz ein – OCCUPY FRANKFURT hat wieder zum Protest aufgerufen. Thema heute: Die Stadt gehört allen!

Netter Aufruf, dem wir uns gerne anschliessen. Doch mein Ansinnen ist es weiterhin, erstmal auf die Fehler im Finanz-, Wirtschafts- und politischen System aufmerksam zu machen, bevor die Bewegung beginnt, sich um misshandelte Hunde auf Sizilien zu kümmern (an alle Kommentatoren, die gerade Fingerjucken bekommen: Das ist eine ironische, also überzogene und nicht ernstgemeinte Bemerkung!). Dennoch – wir sind da und wollen ‚mitmarschieren‘.

Ein Banner erweckt allerdings unsere Aufmerksamkeit. Es geht um die angedrohte Beugehaft für Christa Eckes (ehemalige RAF-Terroristin). Es dauert keine Minute, um einig zu sein: Nein, wir wollen uns von diesem speziellen Thema nicht einnehmen lassen. Nein, wir wollen nicht an einer Demo teilnehmen, bei der wir mit Inhalten konfrontiert werden, zu denen wir in diesem Moment keine Meinung haben und auf die wir nicht vorbereitet waren!

(Kurzes Intro: Mir sind die Vorgänge um Christa Eckes nicht vollkommen egal, aber sie haben m. E. im Rahmen der Occupy-Bewegung nichts zu suchen!)

Der Entschluss war schnell gefasst: Kino statt Scheiss-Wetter-Demo! So kamen wir am späten Mittag in den wirklich empfehlenswerten Genuss des Roman Polanski-Films Der Gott des Gemetzels! Fünf Leutchen im High-End-Kinosaal!

Sonntag: Aufruf zum Advents-Flashmob der Gruppe Flashfurt Mobbers. Beim Trillerpfeiffen-signal gegen 17.30 Uhr auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt ‚Stille Nacht‘ intonieren und dabei Wunderkerzen schwenken!

Auftrag ausgeführt! Pünktlich um 17 Uhr fanden wir uns zur Vorbesprechung in einem Häufchen von ungefähr 30 (?) Leuten vor MyZeil ein. Einer der Organisatoren äusserte Bedenken, dass ‚Stille Nacht‘ ein Lied ausschliesslich für den Weihnachtsabend sei – da wir jedoch beim spontanen Alternativ-vorschlag ‚Oh, Du fröhliche‘ Bedenken hinsichtlich der Textsicherheit äusserten, blieb es bei Plan A.

„Stille Nacht“ beim Advents-Flashmob

Weihnachtszeit. Fest der Besinnung. Fest der Freude. Fest des Friedens… Jaja, soviel Hektik, Aggression und Stress ist sonst selten zu beobachten. Egal – eine halbe Stunde später standen wir zu fünft gewappnet mit Textblatt und Wunderkerzen mitten auf dem Weihnachtsmarkt und warteten auf das Trillerpfeiffenzeichen. Neben uns stand zufällig eine zweite Gruppe, die wegen dem Flashmob gekommen war. Die Kirchturmuhr schlug 17.30 Uhr, Trillerpfeiffensignale waren nicht zu hören. Als wir aber meinten, aus einer anderen Ecke des Weihnachtsmarktes Gesang zu vernehmen, legten wir einfach los: „Stiiiiiii-hille Naaaaacht“.

Über die Sangeskünste der Beteiligten wage ich an dieser Stelle nicht zu urteilen – wir waren mutig, konsequent und laut. Schön war’s! Und die Feuerzangenbowle hat auch geschmeckt.

Das Podium

Am gestrigen Abend fand in den Räumen der Evangelischen Stadtakademie Römer9 die Auftaktveranstaltung einer Diskussionsreihe statt, in deren Rahmen OCCUPY FRANKFURT  Gesprächspartner zur öffentlichen Debatte unter dem Motto Gemeinsam in die Krise einlädt.

Premierengast war Oswald Metzger. Seine politische Laufbahn begann er in der SPD, bevor er 1987 zu den Grünen wechselte. Nach zunehmenden Differenzen trat er dann 2008 der CDU bei, wo er bis heute als Beisitzer im Bundesvorstand der CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT) fungiert. In seiner Zeit als aktiver Politiker war er u. a. Mitglied im Finanzausschuss des baden-württembergischen Landtages, Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Finanzauschuss im Bundestag, wo er sich den Ruf des Finanzexperten erwarb. Als Kurator der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist sein Credo Freiheit, Wettbewerb und Subsidiarität. Metzger bezeichnet sich selbst als Ordoliberalen, der für freien Wettbewerb, Haftung und Verantwortung der einzelnen Marktteilnehmer und möglichst grosse Zurückhaltung des Staates plädiert. Das kann durchaus als neoliberal bezeichnet werden.

Geladen wurde er mit der Fragestellung „Deflation oder Inflation, Herr Oswald Metzger?“ Schnell wurde klar, dass Publikumsfragen und die Komplexität des Themas die zweistündige Zeitvorgabe sprengen würden, zumal sich Metzger in etwas ausschweifenderen Ausführungen und Antworten gefiel. Häufig betonte er dabei die Notwendigkeit der Balance zwischen Geldmenge und produktiven Werten, sowie das absolute Ziel der staatlichen Konsolidierung. Konkrete Fragen zur Zukunft des Euro und der Euroländer waren natürlich auch von ihm nicht mit hundertprozentiger Sicherheit zu beantworten.

Interessant wurde es, als man auf die finanzpolitische Expertise der Bundestagsabgeordneten und Regierungsmitglieder und deren Entscheidungsverantwortung zu sprechen kam. Metzger begann auszuweichen mit Verweisen auf Fraktionszwänge und gewissenhaftem Studium der Wirtschafts-presse. Den beiden anderen Diskussionsteilnehmern auf dem Podium – zwei Aktivisten der Occupy Frankfurt-Bewegung (der eine ist der Investmentbranche zugehörig) – konnten diese Antworten nicht gefallen. Als Metzger dann noch betonte, dass auch Politiker um ihren Job bangen würden, ergriff ich das Mikrofon: „Insbesondere Mitglied des Bundestages zu sein, ist kein Job, sondern ein Auftrag. Ein Auftrag, der vom Volk erteilt wird„, kritisierte ich Metzgers Kommentar.

Meine Frage, inwieweit die Berliner Politik dem Beispiel Brüssels folgen würde, mit einer unabhängigen Institution insbesondere dem Finanz- und Wirtschaftslobbyismus etwas entgegen-zusetzen, blieb leider unbeantwortet.

Abschliessend sei gesagt, dass die Veranstaltungsreihe durchaus interessante Debatten und Einblicke hervorbringen kann, zumal den Gästen auch die Gedanken der Occupy-Bewegung näher gebracht werden. Wünschenswert wäre aber eine deutlich bessere Beteiligung  – gestern waren leider nur 30 Zuschauer anwesend.

(Ich bitte die miese Bildqualität zu entschuldigen – komme leider derzeit mit Blitzlichtaufnahmen überhaupt nicht zurecht)

Besucherinformation

Bummel über Eisernen Steg (die Stadt hat viele der ‚Liebesschlösser‘ entfernen lassen – statische Gründe?) und Römer, wo bereits der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird. Einziger Lichtblick: Das wunderschöne Honig-Lädchen wird es wieder geben, das immer vor dem Karstadt auf der Zeil steht und die dort dauerhafte Skulptur David und Goliath so originell und dekorativ integriert.

‚Blockhaus‘ im Camp

Anschliessend habe ich kurz im Occupy-Protestcamp an der EZB vorbeigeschaut (offizielle Einladung zum Occu-Pie-Kuchenessen) und ein paar Bilder gemacht. Die Leute dort sind mittlerweile bestens organisiert und bereiten sich – während andernorts die Besetzungen gewaltsam geräumt werden – auf den Winter vor.

Camp-Kunst

In den grösseren Besprechungs- und Arbeitsgruppenzelten werden Holzplatten und Paletten installiert, um dem Bodenfrost zu entkommen. Sachspenden werden sortiert und geschützt gelagert, im Küchenzelt herrscht reger Verkehr und Passanten unterhalten sich am Info-Zelt mit Camp-Bewohnern.

Spendenaufruf

Camping-Urlaub mitten in der Stadt. Oder war da noch was?

Alltag im Camp

Heute anstelle eines speziellen Blogeintrages ein Link auf eine Fotodokumentation von Marco Becher zum Thema Abwrackwerften in Mumbai, für die ich den Text geschrieben habe.

Foto: Marco Becher

Ich habe mich für die Verlinkung zu der Webseite entschieden, weil sie sehr gut in den aktuellen Kontext der Occupy-Bewegung und der in meinem letzten Eintrag erwähnten ZDF-Themenwoche Burnout – der erschöpfte Planet passt. Denn bei aller „Banken nieder“- und „Klimawandel“-Protestiererei dürfen wir nicht vergessen, dass das eigentliche Thema – wir und unser Raumschiff Erde auf dem Flug durch das Universum – viel größere, komplexere Probleme und Anforderungen an die Menschheit stellt, die mit einfachen Parolen nicht zu beantworten sein werden.

Kurz noch ein Wort zu Marco Becher: Er lebt in Thüringen und arbeitet als freier Fotograf. Er produziert hauptsächlich Reise- und Dokumentationsinhalte für verschiedenste Print- und Online-Medien.

Zur Fotodokumentation geht es hier!

Ausgerechnet heute hatte ich keine Kamera dabei… Bei der Demo, die in der Frankfurter Kaiserstrasse startete und rund um die Bankentürme führte,  sollen nach Polizeiangaben über 9.000 Teilnehmer friedlich teilgenommen haben. Die Menge bildete für eine Stunde eine geschlossene Menschenkette um den Finanzdistrikt. Die Umzingelung der Hochhäuser unter dem Motto ‚Banken in die Schranken‘ wurde organisiert von den Gruppen Attac, Campact und dem Verein Naturfreunde.

Mittlerweile habe ich das Gefühl, den einen oder anderen Teilnehmer bereits von den vorherigen Protestmärschen zu kennen. Die immer schwarz gekleidete, ältere Dame auf den langen Stelzen war natürlich nicht zu übersehen und bei allen bisherigen Aktionen dabei. Das Paar mit dem selbstgebauten, dreirädrigen Kinderwagen kommt mir ebenfalls bekannt vor. Und die herumspringenden Pressefotografen kann ich mittlerweile namentlich begrüssen.

Mein Eindruck vom heutigen Tage: Die Demo schien bunter, kreativer, lauter und fröhlicher als die vorherigen. So darf es gerne weitergehen!