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Schlagwort-Archive: Pyrotechnik

Nur wenige Sekunden dauerte es, dann blieben vom Frankfurter AfE-Turm an der Senckenberganlage nur noch ein Schuttberg und Staubwolken übrig. Nach dem Countdown zeriss am Sonntagmorgen um kurz nach zehn Uhr eine ohrenbetäubende Detonation die Stille und das Gebäude sackte planmässig in sich zusammen. Die Abrissmannschaften hatten es vollbracht – nie zuvor wurde in Europa ein höheres Haus gesprengt und damit zum Einsturz gebracht!

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(Fotos: Hackentrick)

Der 116 Meter hohe AfE-Turm beherbergte bis Anfang 2013 u. a. die Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Diese Fachrichtungen genossen in Frankfurt eine bedeutende Stellung, die durch den Einzug in das zur Bauzeit 1972 höchste Gebäude der Stadt noch unterstrichen wurde. So kann man die Sprengung der Heimat des freien Denkens und der Gesellschaftskritik durchaus auch als tragisches Symbol auffassen. Zumindest aber stimmt es melancholisch, dass neben dem Henninger Turm ein weiterer ‚Riese‘ unserer Kindheit das Stadtbild verlassen hat…

Für etwas Spannung sorgten in der Woche vor dem Abriss vereinzelte Medienberichte, die vermeldeten, dass es in Sprengmeister Eduard Reischs („Krater-Eddi“) beruflicher Laufbahn die eine oder andere Panne gegeben hätte. Doch die knapp 30.000 Schaulustigen, die sich sonntagsmorgens rund um die weiträumige Absperrung einfanden, sahen Präzisionsarbeit – ausgelöst von 950 Kilo Sprengstoff.

Anstelle des AfE-Turms werden zwei Bürohochhäuser errichtet (und wohl auch auch irgendwann wieder abgerissen werden). Mein Vorschlag für die nächsten Projekte: Sprengung der leerstehenden Amtsgebäude an der Berliner Strasse, der Startbahn Nordwest und den hässlichen Abschnitten an der Mainzer Landstrasse. Unsere Stadt soll schöner werden!

Links: Die Sprengung aus Beves Sicht | Impressionen von stadtkindffm

(Zum Öffnen der Galerie einfach ein Bild anklicken | Fotos: Hackentrick)

4.000. Mindestens. Soviele Postings hagelten auf das Eintracht-Forum herab. Und annähernd jeden einzelnen Kommentar zu den Vorkommnissen am vergangenen Samstag in Leverkusen habe ich in meinen freien Minuten durchgelesen. Die Stellungnahmen der FuFA (Fussball-Fanabteilung der Eintracht), der Ultras Frankfurt, des Nordwestkurven-Rates und des Fansprechergremiums. Die Reaktionen darauf. Die Diskussionen über mögliche Sanktionen. Der Frustabbau im „Spieltags“– und im „Die Bengalo-Zündler in unserem Block kotzen mich an“-Thread. Dazu Blogs, Presseartikel und Gespräche im Freundeskreis. Eine Menge Stoff für lange Winterabende…

Abgesehen davon, dass es diesbezüglich noch eine Menge zu klären gibt, ist es ärgerlich, dass dieses Thema so viel Positives überschattet. Daher – innehalten, ausatmen und den Blick auf Dinge rund um den Fussball richten, die für mich einen Teil der Faszination ausmachen.

Am Mittwoch wurden sie feierlich präsentiert: die ‚Säulen der Eintracht‘! Gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main wurden die Fans zur Wahl aufgerufen, welche Spieler aus der Geschichte des Vereins die Stützpfeiler der U-Bahnstation Willy-Brandt-Platz zieren sollten. Das Ergebnis zeigt Euch Beve in seinem Blog: Link zur Fotogalerie! Über das Ergebnis der Abstimmung lässt sich natürlich diskutieren (ich hätte beispielsweise auch gerne Don Alfredo und Dr. Hammer in dieser Form gewürdigt), doch das Wahlmedium Internet und die Begrenzung auf die zwölf zur Verfügung stehenden Pfeiler können nicht jedem gerecht werden. Immerhin… auch der leider schon verstorbene ehemalige Eintracht-Trainer Jörg Berger („…der hätte auch die Titanic gerettet!“) bekam das Votum der Anhänger.

Da zur Einweihung einige der gewählten Spieler nach Frankfurt geladen wurden, nutzten die Macher des Eintracht-Museums um Matthias Thoma sofort die Gunst der Stunde und baten gestern Abend zwei der herausragenden ‚Säulen‘ zum exklusiven Gespräch über ihre Zeit im Stadtwald – das Podium betraten Anthony Yeboah und Bum-Kun Cha!

Das Publikum (aufgrund des zu erwartenden Andrangs war man in das Foyer des Stadion-Business-Bereichs umgezogen) tobte. Ich war sicher nicht der Einzige, der bei den stehenden Ovationen angesichts strahlender Erinnerungen kleine Freudentränen verdrückte. Dann übernahm Moderator Axel ‚Beve‘ Hoffmann die Leitung des Abends und die Show…

…wäre beinahe zu einem zähen Abend geworden: Frau Park, die koreanische Dolmetscherin für Bum-Kun Cha, war angesichts der wohl unerwarteten Menschenmassen und der frenetischen Stimmung im Saal nervöser als alle anderen Anwesenden zusammen und brachte kein Wort mehr heraus. Doch aus der ersten Reihe stürmte Chas Ehefrau mit dem poetischen Namen Oh Un Mi (‚Silberne Schönheit‘) die Bühne, schnappte sich das Mikrofon und übernahm für den Rest des Abends die Übersetzung in einer derart mitreissenden und unterhaltsamen Form, dass wir nachträglich – ich bitte um Verzeihung, werte Frau Park – über Frau Parks dem Lampenfieber geschuldeten Black-out dankbar sein konnten.

So kommentierte die silberne Schönheit einen von Bum-Kun Cha mit viel Kichern vorgetragenen längeren koreanischen Monolog, der irgendetwas mit deutschem Essen zu tun hatte und den natürlich keiner der Anwesenden verstehen konnte, mit den Worten: „Das hat mein Mann von Reiner Calmund… der redet auch ohne Punkt und Komma!“. Und bei der Erläuterung von Chas Namen (bedeutet übersetzt Tiger-Wurzel Auto) fügte sie hinzu: „Alle männlichen koreanischen Vornamen sollen Kraft vermitteln… und wenn es nicht so läuft, wird der Name einfach geändert“.

Bum-Kun Cha, einer der allerersten Asiaten in einer europäischen Liga. So wie ich ihn als Fussballer in Erinnerung habe, wirkte er auch gestern Abend. Ein feiner, hochanständiger Mensch. Aber dass er sich nicht mehr an die damaligen mannschaftsinternen Schnapszechereien in der Erlenbacher Kneipe erinnern konnte, die Axel Hoffmann investigativ aufdeckte, war wohl der Anwesenheit seiner Gattin geschuldet…

Anthony ‚Toni‘ Yeboah würde ich glauben, dass er einfach ein Trikot überzieht und zu alter Form auflaufen kann – die zwanzig Jahre sind scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen. Vorab bedankte er sich gerührt für den tollen Empfang an diesem Abend – etwas in dieser Art hätte er auf all seinen Stationen im Fussball nie erlebt! Ich kauf’s ihm ab – wo sonst gibt es den Fanclub DIE ZEUGEN YEBOAHS? Einer der ‚Jünger‘ kam als Überraschungsgast auf die Bühne und präsentierte zu aller Erstaunen sein Rückentattoo: „Eintracht Frankfurt – 9 – Anthony Yeboah“!

Anthonys Erinnerungen an die alte Heimat Riederwald? „Auslaufen“. Und was meint er zu den Beschimpfungen, die er als farbiger Spieler damals ertragen musste? „Die haben sich halt geärgert, weil ich so gut war, aber nach dem Spiel wollten sie alle ein Autogramm von mir“.

Und dann, am Ende des Abends, kommt von dem wie immer erfrischenden Moderator Hoffmann endlich die ersehnte Mutter aller Fragen*: „Anthony, wie siehst Du das heute mit Heynckes, der damaligen Suspendierung und dem Ende Deiner Frankfurter Karriere 1995?“

Stille im Saal. Kein Kameraklicken ist mehr zu hören. Fünfhundert Eintrachtfans halten kollektiv den Atem an. Anthony nimmt das Mikrofon… schaut zu uns… schaut uns länger an… und sagt: „Ich wollte nicht gehen. Aber dann ging es nicht anders.“

Fussballer können so wunderbar diplomatisch sein!

* Zugegeben: die Über-Mutter aller Fragen lautet immer noch: Wo sind die Detari-Millionen?

Mehr über den gestrigen Abend auch bei stadtkindffm: Ein Abend im Museum

[Link zum Blogartikel über den Museumsabend mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein im November 2012]

Heute zwei Themen…

ERSTENS: AKTUELLES ZUM STRATEGIEPAPIER ‚SICHERES STADIONERLEBNIS‘

Am Montag kommentierte ich an dieser Stelle das DFB- / DFL-Strategiepapier SICHERES STADIONERLEBNIS (zum Hauptartikel geht es hier), das deutschlandweit in der Fanszene für Aufregung gesorgt hat. Am gestrigen Dienstag veröffentlichte Eintracht Frankfurt die offizielle Stellungnahme an die Kommission Sicherheit des Ligaverbandes, so wie es auch von allen anderen Profiklubs gefordert wurde.

Am 18. Oktober haben sich Vertreter von Fanbetreuung, FuFA, NWK e.V., Fanprojekt, Fansprechergremium und Ultras Frankfurt 1997 mit Eintracht-Vorstand Axel Hellmann und dem Leiter der Rechtsabteilung, Philipp Reschke, zusammengesetzt. In einer fünfstündigen Sitzung wurden die Meinungen über die Punkte im Strategiepapier vorgetragen und diskutiert. Axel Hellmann versprach, die Kritik der Fans in der Stellungnahme zu berücksichtigen.

Dem gestern veröffentlichten Statement der Eintracht Frankfurt Fussball AG zolle ich vollsten Respekt! Fundiert wird am Vorgehen des DFB und der Kommission Sicherheit Kritik geäussert, der Verein tritt für die Belange der Fans ein und stellt sich schützend vor sie. Man spart nicht mit Vorschlägen und Zustimmung (so sie angebracht ist), macht jedoch gleichzeitig deutlich, dass viele Punkte der Ausarbeitung SICHERES STADIONERLEBNIS fragwürdig sind.

Einige Auszüge aus der Stellungnahme der Eintracht Frankfurt Fussball AG (vom 22. Oktober 2012):

…Kern der Kritik bildet der Vorwurf, bei einer derart fanspezifischen Thematik gerade diejenige Partei, auf deren Mitwirkung alle beteiligten Vereine angewiesen sind und die in Teilen des Papiers („Verhaltenskodex“ / „Fanvereinbarung“) auch unmittelbar nicht nur Objekt sondern sogar Subjekt der vorgeschlagenen Maßnahme ist, nämlich die Fans und Fanvertreter, nicht in den Gesamtprozess miteingebunden zu haben… Die dem entgegenzuhaltende Möglichkeit der Vereine, in den vergangenen zehn Tagen mit der Basis Rücksprache zu halten und den Austausch zu suchen, wird aufgrund des engen Zeitplans nicht als ernst zu nehmender Versuch eines Diskurses gesehen…

Weiter heisst es:

…Wir weisen allerdings auch darauf hin, dass Fußball, Politik und Medien durch die zum Teil undifferenzierte, verallgemeinernde und mitunter unangemessene und überzogene Auseinandersetzung mit den Vorfällen des zurückliegenden Sommers ein bürgerkriegsähnliches Bild von Fußballspielen entwickelt haben, das in keinem Verhältnis zur Realität steht und eine sachliche Diskussion bisweilen nicht mehr zulässt. Eintracht Frankfurt ist sich dabei durchaus auch der eigenen Rolle und Verantwortung bewusst, die wir in dieser Debatte einnehmen, da uns und unseren Anhängern zweifellos eine in positiver wie in negativer Hinsicht beispiel- und anlassgebende Funktion zukommt…

Zum Thema Kollektivbestrafung:

…Effiziente und angemessene Präventivmaßnahmen sind natürlich unerlässlich, können aber nicht an die Stelle der Pflicht zur Täter- und Tatverfolgung treten. Insofern unterstützt und unterstreicht Eintracht Frankfurt in jeder Beziehung diejenigen Ansätze des Papiers, die einem tat- und täterorientierten Sicherheits- und Sanktionsdenken entspringen…

Kleine Spitze in Richtung DFB:

…Gerade die verhärteten Fronten […] zeigen im übrigen, dass eine frühzeitige und sensible Kommunikation unter Einbindung der Fanorganisationen im Vorfeld sicherlich hilfreich und sinnvoll gewesen wäre…

und

…Dass Pyrotechnik mit Gewalt, Diskriminierung und Rassismus durchgehend auf eine Stufe gestellt werde, wird ebenfalls als unangemessen und rechtlich schlicht falsch kritisiert…

Zum Schmunzeln:

…Die Einbeziehung grob beleidigender Inhalte dürfte Ausgangspunkt für zahlreiche inhaltliche und rechtliche Diskussionen sein. Fakt ist sicherlich, dass der Fußball kein sprachlich steriles Produkt ist und im Übrigen auch nie war. Die Maßstäbe des täglichen gesellschaftlichen Zusammenlebens lassen sich gerade im Hinblick auf sprachliche Korrektheit weder auf die Zuschauerränge noch auf das Spielfeld übertragen. Gegenteilige Annahmen sind sicherlich naiv. Der Fußball sollte sich daher keine zu engen Regeln geben und Messlatten auferlegen, die er nicht einzuhalten in der Lage ist…

Auch schön:

…Den Vorschlag, „Fan Awards“ zu verleihen als „Belohnung“ für positives Fanverhalten, sollte man verwerfen. Alle Befragten reagierten auf diesen Vorstoß ausnahmslos mit Befremden. Positives Fanverhalten ist zum überwältigenden Teil eine Selbstverständlichkeit, gelebte Normalität und will dafür auch keinen Preis, sondern verdient aufrichtige und glaubhafte Wertschätzung, zum Beispiel durch eine bessere und ehrliche Einbeziehung in die Diskussion…

Kurz zusammengefasst: Neben konstruktiven Vorschlägen, Zustimmung und Kritik an vielen Punkten schwingt auch der leise Vorwurf mit, dass sich Politik und DFB treiben lassen, die tatsächlichen Sachverhalte falsch eingeschätzt werden und vorgeschlagene Massnahmen an der Realität vorbeigehen. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass eine Diskussion nicht ohne, sondern nur mit den Fans geführt werden kann.

Danke, Eintracht!

Jetzt bleibt vorerst nur zu hoffen, dass nicht geifernde Politiker wie Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (Artikel „Politik setzt Fussball unter Druck“, faz.net vom 22.10.2012) die die Bühne des Fussballs für ihre eigenen Ambitionen ausnutzen, das Heft des Handelns übernehmen…

ZWEITENS: NUR EIN WORT…

…zum (wortwörtlichen) Fall von Lance Armstrong.

Die Beweislast, die die akribisch untersuchende US-Anti-Doping-Behörde USADA vorgelegt hat, ist so erdrückend, dass UCI*-Präsident Pat McQuaid nicht umhinkam, vor den Mikrofonen der versammelten Sportpresse alle sieben (!) Tour de France-Siege Armstrongs ab- und systematisches Doping im Umfeld des Amerikaners anzuerkennen.

Ich frage mich aber: Was wird nun aus dem ehemaligen Radprofi und Journalisten Paul Kimmage, der durch McQuaid und dessen Amtsvorgänger Hein Verbruggen mit einem Prozess überzogen werden soll? Der Ire Kimmage hatte publiziert, dass Lance Armstrong während der Tour de Suisse im Jahre 2001 mehrmals positiv getestet wurde. Aufgrund von Schmiergeldzahlungen Armstrongs an die UCI sollen die Befunde jedoch verheimlicht worden sein. Die Radprofis Floyd Landis und Tyler Hamilton bestätigen diese Geschichte, auch Jörg Jaksche äusserte sich vorgestern in einem Interview dazu.

Verbruggen und McQuaid haben den Journalisten wegen Verleumdung und Darstellung falscher Tatsachen vor Gericht gezogen. Prozessbeginn am Tribunal de l’Est Vaudois in der Schweiz (ganz in der Nähe des UCI-Sitzes) ist der 12. Dezember 2012.

Es wäre wünschenswert, wenn auch diese Angelegenheit geklärt werden würde und Paul Kimmage der Gang vor Gericht erspart bliebe! Seinen Job bei der Sunday Times ist er schon losgeworden, die Kosten für seine Verteidigung werden mühsam durch Spendengelder beglichen…

[Eine Meinung zum Thema Armstrong: Titel gehen jetzt an welche anderen Doping-Sünder? von Uhupardo]

* UCI = Union Cycliste Internationale (Internationaler Radsport-Verband)

Eigentlich sollten uns Fussballfans die vergangenen Tage ungetrübte Freude bereiten… war doch da zuerst dieses äusserst unterhaltsame und denkwürdige 4:4 der Nationalmannschaft vom vergangenen Dienstag, dann die belustigende Heimniederlage von Magaths Millionentruppe, die den Wolfsburgern den letzten Tabellenplatz beschert, die Demontage der bis dahin zweitbesten Defensive der Bundesliga unter stummer Beobachtung durch Campino, das rasante Ruhrpottderby in Dortmund und…

…na klar: der mitreissende 3:1-Sieg unserer Eintracht gegen Hannover 96! Mirko Slomka, der Trainer der Niedersachsen, gesteht im Interview, dass den wie entfesselt aufspielenden Adler nichts entgegenzusetzen war, das Aktuelle Sportstudio verfällt in Lobeshymnen und die BILD-Zeitung titelt (nicht besonders einfallsreich): „Fussball 3000“. Zu sehen, wie die Jungs das unglückliche 0:2 in Mönchengladbach weggesteckt haben und weiterhin an der Philosophie festhalten, mit kompromisslosem Offensivfussball auf Sieg zu spielen, macht unheimlich viel Freude und lässt immer mehr darauf hoffen, dass wir eine begeisternde Saison erleben werden!

Und dennoch legt sich seit zwei Wochen ein Schatten über die Fussballszene. Unter dem Titel ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ erarbeitete die vom Ligaverband neugegründete Kommission Sicherheit, der auch Eintracht-Vorstandsmitglied Axel Hellmann angehört, ein für Bundes- und 2. Liga gültiges Strategiepapier, das – sollte es nicht zu massgeblichen Korrekturen kommen – eine Zäsur für den deutschen Profifussball und die vielfältige Fanszene darstellen dürfte.

Auszug aus dem Strategiepapier ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ (zum Vergrössern anklicken)

Eine hervorragende Bewertung des Papiers findet der interessierte Leser im Blog BEVES WELT (Artikel „Fussball, Fans und Sicherheit“), der man sich uneingeschränkt anschliessen kann.

[Anmerkung: alle weiteren und aktuelleren Artikel zum Thema hier im Blogarchiv]

Nur eines zum Inhalt – in der Einleitung der Ausarbeitung heisst es wortwörtlich auf Seite 5: […] „Beim Blick auf die Veranstaltungslage in den höchsten deutschen Spielklassen ist festzustellen, dass Infrastruktur und Spielorganisation im Zusammenspiel aller Sicherheitsträger sowie der Zuschauerservice bereits heute auf höchstem Niveau ist und Probleme lokal gelöst werden […]

Und: […] „Ziel ist es, das Stadionerlebnis sowohl in der subjektiven Wahrnehmung als auch in der objektiven Beurteilung weiterhin sicher zu gestalten“ […] (Hervorhebungen durch den Autor des Blogs)

Dem o. g. Eingeständnis, dass bereits heute alles bestens geregelt ist, folgt dann jedoch ein drastischer Forderungskatalog, der Repressalien, Kollektivbestrafungen, eine Gängelung der Fans und fragwürdige Eingriffe in Persönlichkeitsrechte beinhaltet. Kostengünstige Stehplätze, Fahnen, Fanclubs und Auswärtsfahrten werden plötzlich als Privilegien gesehen, die auch bei Einzelverstössen jederzeit zu entziehen sind. Das ist in dieser Form nicht hinzunehmen und betrifft nicht nur den im Fanclub organisierten Kurvensteher, sondern jeden Fussballbegeisterten, der den Stadionbesuch der sterilen Sportsbar mit Sky-TV vorzieht.

Einerseits implizieren die vorgeschlagenen Massnahmen, dass in den Stadien im deutschen Profifussball die gerne zitierten ‚bürgerkriegsähnlichen Zustände‘ herrschen. Andererseits können DFB und Politik bis zum heutigen Tage den vermeintlichen Anstieg von Gewalt im Rahmen von Fussballspielen nur mit subjektiven Eindrücken belegen. Insbesondere diesen Punkt nehmen die Verantwortlichen von Union Berlin zum Anlass, um sich in ihrer Stellungnahme zum Strategiepapier gegen die Vorschläge von DFB / DFL zu stellen (siehe Positionierung des Präsidiums 1. FC Union Berlin eV.).

Die Antwort der ‚Eisernen‘ – der sich offiziell in ähnlicher Form u. a. mittlerweile auch die Vereine Hertha BSC, FC Augsburg, VfL Wolfsburg, Fortuna Düsseldorf und FC St. Pauli angeschlossen haben – verdeutlicht, dass „DFB und DFL offenkundig einer Fehleinschätzung der gegenwärtigen Tendenzen und darauf aufbauend falschen Schlussfolgerungen unterliegen“. Weiter heisst es bei Union Berlin: […] „Als Hauptargument wird derzeit wieder eine vermeintliche Eskalation von Gewalt in den und um die Fußballstadien angeführt, die sich jedoch durch exakte und belastbare Zahlen kaum nachweisen lässt (so fehlt es bis heute an einer nachvollziehbaren Aufschlüsselung der Verletztenstatistik bei Fußballspielen, ebenso wie in der öffentlichen Diskussion ausgeblendet wird, dass selbst bei unbereinigter Statistik beispielsweise das Münchener Oktoberfest im Vergleich zum Bundesligafußball eine „Bürgerkriegszone“ darstellen müsste). Hinzu kommt, dass das vermeintliche subjektive Bedrohungsgefühl zumindest aus der Masse der fast zwanzig Millionen Stadionbesucher gar nicht artikuliert wird, sondern ebenfalls fragwürdig leichtsinnig und unbewiesen ins Feld geführt wird“ […]

Wir fragen uns, wie es zu der Schieflage in der Bewertung der Situation durch DFB und DFL kommt? Vielleicht hilft ein kurzer Blick zurück…

ARD-Poster ‚Helden‘

Sommer 2011: Gegen Ende der Vorsaison kommt es zu einigen Vorfällen (auch in Frankfurt), die von den Medien unverhältnismässig aufgebauscht werden. Die Politik mischt sich ein, so auch Hessens Innenminister Boris Rhein. Erste Forderungen zur Bändigung der „Chaoten und Randalierer“ werden laut. Der DFB verhängt unsinnige Pauschalstrafen gegen Fans und Vereine. Dennoch startet die ARD-Sportschau – augenscheinlich noch berauscht von der Berichterstattung über das Sommerfest der Frauen-WM im eigenen Lande – mit einer peinlichen City-Poster-Kampagne die Vermarktung der kommenden Saison. Werbewirksame und bewusst eingesetzte Verstärker: emotionalisierte Fans und Leuchtmittel (siehe Abb.)!

Im Laufe der Saison 2011/12 wird allerdings jedes in Stadien abgebrannte Bengalo medial genutzt, um eine vermeintliche Eskalation auf den Rängen darzustellen. Platzstürme werden durch TV und Presse plötzlich zu Gewaltexzessen überzeichnet – doch wo genau ist der anscheinend so schlimme Unterschied zwischen den Zuschauern, die unsere Helden 1954 über den Rasen des Berner Wankdorfstadion trugen oder den erst feiernden, dann bestürzten Schalke-Fans bei der Meisterschaft der Herzen 2001, zu den Düsseldorfer Anhängern beim Relegationssieg gegen Hertha BSC 2012? Und wieviele Verletzte gab es beim Aufstiegsjubel der Eintrachtfans vergangene Saison in Aachen? Ach, es gab gar keine?

Im November 2011 bricht der DFB die Gespräche mit der Faninitiative Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren kommentarlos ab (auch wenn ich es ausdrücklich nicht befürworte: dass aus einer Protesthaltung heraus anschliessend in den Stadien noch heftiger gezündelt wird, hat sich der DFB damit wohl selbst zuzuschreiben). Fast gleichzeitig bildet sich die Task Force Sicherheit – auch auf Druck der Politik. Der Sicherheitsgipfel im Juli 2012, in dessen Rahmen die Vereine (Ausnahme Union Berlin) den Verhaltenskodex unterzeichnen, zeigt dann deutlich den eingeschlagenen Weg: die Innenminister der Länder (Bundesinnenminsterkonferenz) und DFB verlangen von den Profiklubs eine klare Haltung und die uneingeschränkte Unterstützung beim, äh… „Kampf gegen den Terror“? Die Vereine scheinen in der Mehrheit diese Richtung mitzugehen.

Wir wollen nichts unter den Teppich kehren. Es gibt auch im Umfeld des Fussballs durchaus erschreckende Auswüchse – zum Beispiel der Überfall auf einen M’gladbacher Fanbus. Doch diese finden in der Mehrheit ausserhalb der Stadien statt und sind nicht dem Fussballfan und den Vereinen pauschal anzulasten. Die vorgeschlagenen Massnahmen des Ligaverbandes greifen jedoch nicht bei Fällen, die generell zu unseren gesellschaftlichen Problemen gehören. Oder verpflichtet der ADAC jeden Autofahrer dazu, Repressalien durch die Verkehrspolizei hinzunehmen, weil es gefährliche Drängler auf Deutschlands Autobahnen gibt? Anderes Beispiel: Würdest Du, lieber Leser, akzeptieren, Dich beim Betreten des Hamburger DOM an einer Einlasskontrolle komplett zu entkleiden und durchsuchen zu lassen, weil es bei dem Volksfest desöfteren Messerstechereien gab?

Leider muss man zusammenfassend feststellen: Die Motivation und die Inhalte des Strategiepapiers Sicheres Stadionerlebnis zeugen von einer Sichtweise fernab der Realität. In Konferenzräumen und Businesslogen hat sich eine Welt entwickelt, die auf dem Schulterschluss von Medien, Politik, Wirtschaft und Funktionärstum basiert. Wer sich in dieser abgeschotteten Welt bewegt, versteht nicht mehr, was in den Kurven und Rängen des Stadions passiert. Der normale Fan wird mit mitleidvoller Geste als anachronistisch betrachtet. Familienväter mit ihren Kindern sollen Kunden werden, keine Schlachtenbummler mit möglichen Missfallensäusserungen. Kuttenträger sind aus dem Blick der ‚Macher‘ nur noch im Liga-Trailer der DFL existenzberechtigt, um für ein buntes Bild zu sorgen. Alles, was nicht in das Weltbild der Verantwortlichen passt, wird früher oder später verschwinden.

Wohin die Entwicklung zur totalen Kommerzialisierung beispielsweise führen kann, liess sich erst wieder vergangenen Dienstag beim Länderspiel in Berlin beobachten. Erste Halbzeit, Spielstand 3:0, die deutsche Nationalmannschaft bietet ein mitreissendes, sensationelles Match. Auf den Rängen aber herrscht phasenweise eine Totenstille, als ob zur Gedenkminute aufgerufen wurde. Ist das das vom DFB angestrebte Stadionerlebnis?

Die Profivereine haben jetzt pflichtgemäss ihre Stellungnahmen zum Thema eingereicht, die im Dezember auf einer gemeinsamen Konferenz besprochen werden. Seitens der Eintracht wurde bei einem Treffen mit Fanvertretungen vergangenen Donnerstag mitgeteilt, dass deren Meinung im Statement Berücksichtigung findet (Nachtrag vom 22.10.2012: Link zur beachtlichen Stellungnahme s. u.!). Dennoch überwiegt die Skepsis, dass sich eine breite Mehrheit an Vereinen findet, die sich schützend vor die Belange und Bedürfnisse der Fans stellt. Die Stellungnahmen dürften in der Gesamtheit eher zustimmend ausfallen

Der Fussball, so wie wir ihn kennen, steht spätestens jetzt vor einem Scheideweg…

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Liebe LeserInnen: Ich freue mich gerade bei diesem Thema auf Euer Feedback und Hinweise, falls ich eigenen Fehleinschätzungen oder -informationen unterliege! Weitere Entwicklungen in der Causa Sicheres Stadionerlebnis werde ich natürlich in Folgeartikeln begleiten!

NACHTRAG: hier der Link zur überarbeiteten zweiten Version des Konzepts Sicheres Stadionerlebnis mit Gültigkeit für die Konferenz am 12.12.!

[Weiterführende Links: das Strategiepapier ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ des Ligaverbandes im .pdf-Format | Politik macht Druck (faz.net vom 22.10.2012) | „Da reden Personen, die keine Ahnung haben“ (11freunde.de-Interview mit Ex-DFB-Sicherheitschef) | Offizielle Stellungnahme der Eintracht Frankfurt Fussball AG]

Wie soll man das verstehen? Nachdem Eintracht Frankfurt gegen das Urteil* des DFB-Kontrollausschuss Einspruch erhoben hat, kam es am Freitag zur Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht. In der achtstündigen Sitzung wird dem Verein von allen Seiten bestätigt, vorbildlich und umfassend alles dafür getan zu haben, um die Sicherheit während der Spiele zu gewährleisten. Mängel seitens der Eintracht seien nicht festzustellen.

[* Teilausschluss von 30.000 Zuschauern beim ersten Saisonheimspiel wegen der Vorkommnisse in den 2.Liga-Partien gegen Aachen, Karlsruhe und 1860 München]

Dennoch urteilt am Abend Richter Hans E. Lorenz, dass es bei dem angekündigten Strafmass bleibt und verhängt zusätzliche EUR 50.000 Geldstrafe. Das Urteil wird begründet mit §9a der DFB-Rechtsordnung („der Verein ist für das Verhalten seiner Fans verantwortlich“).

Die Eintracht hat somit alles richtig gemacht, wird aber trotzdem bestraft. Und eine Begründung für die ‚Sippenhaft‘, mit der 30.000 potentielle Stadionbesucher des Heimspiels gegen Leverkusen konfrontiert werden, wurde gar nicht erst vorgelegt.

Interessant auch eine Randnote: Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses – Anton Nachreiner – verliess direkt nach seinem Plädoyer den Verhandlungssaal Richtung Heimat und bekam so das Schlusswort der Eintracht-Verantwortlichen gar nicht mehr mit. Prozessbeobachter hatten das Gefühl (so lt. Klaus Veit von der Frankfurter Neuen Presse), „dass Nachreiner der Verlauf der Verhandlung egal sei und sein Strafantrag schon vorher feststand“.

Ein Witz.

Nimmt man das Sportgerichtsurteil als Massstab, könnte es zukünftig im übertragenen Sinne also so aussehen:

… wird ein Angetrunkener beim Rumpöbeln in der U-Bahn erwischt, muss der Verkehrsverbund an die Stadt Frankfurt Strafe zahlen und alle Fahrtgäste aus den ersten zwei Waggons haben den Zug sofort zu verlassen!

… wird ein Fahrzeug auf der Autobahn gestoppt, dass durch Drängeln mit der Lichthupe aufgefallen ist, zahlt das Bundesland, das den entsprechenden Autobahnabschnitt betreut, eine Geldstrafe in die Staatskasse. Alle Autofahrer, die sich bis fünf Kilometer hinter dem Rowdie befinden, haben für den Rest des Tages Fahrverbot auf allen Bundesautobahnen!

… bei einem Ladendiebstahl in einem Einkaufcenter zahlt der betroffene Einzelhändler eine Strafe an die Verwaltungsgesellschaft der Shopping-Mall. Allen Anwesenden des gesamten Erdgeschosses wird umgehend ein zweiwöchiges Hausverbot ausgesprochen!

Übertreibe ich gerade?

Der DFB scheint partout am Motto „Strafe muss sein“ festhalten zu wollen. Unterstrichen wird diese bornierte Haltung durch den vergangene Woche präsentierten Verhaltenskodex, den die Innenministerkonferenz gemeinsam mit DFB und DFL ausarbeitete und der in vorgelegter Form das Gefallen der deutschen Profivereine fand. Dass sich der DFB mit seinen Urteilen gerne widerspricht (das Wort Willkür lassen wir mal aussen vor), zeigt der sehr interessante Blogartikel von magischerfc.de an der Causa ‚Kassenrollenwurf‘ auf (übrigens auch wieder mit Hauptdarsteller Anton Nachreiner). Lesenswert: Hoffenheim zahlt die Kasse!

Normalerweise sind die Fussball-Sommerpausen – insbesondere für den Eintracht-Fan – eine eher zähe Angelegenheit (bisherige Ausnahme 2011 aufgrund der Kürze und dem schnellen Handlungsbedarf). Wochenlang dürfen die Anhänger über Ab- und Neuzugänge spekulieren, bis dann kurz vor Ende der Transferfrist der Verein die Namen neuer Spieler präsentiert. Ansonsten: unspektakuläre Meldungen aus den Trainingslagern und von wenig aussagekräftigen Testspielen.

Dieses Jahr ist es deutlich kurzweiliger. Schon frühzeitig hat die Mannschaft durch neue Spieler ein interessantes Profil erhalten, lediglich über die notwendigen Verstärkungen in der Defensive darf noch gerätselt werden. Zwischendurch bekamen wir dann Fussball-EM auf die Mattscheiben geschickt, so dass das Warten auf die Bundesliga erträglicher wurde.

Nächster Höhepunkt die Diskussion über die Suche nach dem neuen Hauptsponsor, in die sich zuletzt sogar die Frankfurter Politik und Boris Rhein (der den Frankfurtern augenscheinlich die Wahlniederlage noch immer nicht verzeiht) einmischten. Eine Biermarke als Trikotwerbung? „Um Gottes Willen, denkt an unsere Kinder!“

Dass KROMBACHER (so wird er wohl ab Donnerstag heissen, der neue Hauptsponsor) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Präsenter der ARD-Sportschau und von Live-Übertragungen willkommen ist, vergessen die politisch-populistischen Schreihälse leider. Und dass BITBURGER (um noch eine andere Brauerei zu nennen) als Hauptsponsor der ach so sauberen und braven Jungs von Bundes-Jogi fungiert, ist den Damen und Herren im Römer und in Wiesbaden anscheinend ebenfalls entgangen. Ausserdem: Unternehmen, die bereit sind, über 5 Millionen Euro in eine Fussballmannschaft zu stecken, wachsen nicht gerade auf den Bäumen. Auch nicht in Frankfurt, der beinahe grünsten Stadt Europas. Zumal der Römer unserer Eintracht durch die horrende Stadionmiete das Wirtschaften nicht einfacher macht…

Ebenfalls interessant wird die Entscheidung beim DFB am kommenden Freitag, nachdem die Eintracht gegen den verhängten Teilausschluss der Fans für das erste Saisonheimspiel (siehe auch „DFB verhängt harte Strafen“) Einspruch eingelegt hat. Wobei das Ergebnis wohl nicht überraschend ausfallen wird…

[NACHTRAG VOM 21. Juli 2012: Nach achtstündiger Verhandlung am 20.07. wurde der Einspruch vom Sportgericht des DFB nicht anerkannt. Trotz des Zugeständnis seitens der Verhandlungsführer, dass Eintracht Frankfurt keine Fehler gemacht habe und sogar vorbildlich in Sachen Sicherheitsmassnahmen und Kommunikation mit den eigenen Fans sei, bestätigte der Ausschuss unter der Leitung von Hans E. Lorenz die Begrenzung auf 20.000 Zuschauer beim ersten Saisonspiel gegen Bayer Leverkusen und verhängte zudem eine Geldstrafe in Höhe von EUR 50.000,- für den Verein. Da die Vertreter der Eintracht in der Sitzung augenscheinlich einen angebotenen Vergleich abgelehnt haben und sich nach der Verhandlung verärgert zur Strafe äusserten, ist damit zu rechnen, dass der Verein in die Berufung vor das DFB-Bundesgerichts gehen wird.]

Bis dann die neuen Defensivspieler präsentiert werden (auch das wird wohl bald geschehen, Trainer Veh pocht darauf!), wenden wir uns der Erquickung halber zwei anderen Themen zu:

BLATTER UND DIE ETHIKREGELN

Schade, dass der Blatter Sepp mit seiner Kampfansage schon wieder zurückgerudert ist. Es wäre sehr interessant zu hören, was er alles als Retourkutsche auf die Korruptionsvorwürfe gegen ihn über die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland zu erzählen hätte – schliesslich war er bei allen Entscheidungen und Vorgängen direkt beteiligt. Dass da einiges nicht ganz sauber verlief und die deutschen Funktionsträger alle Mittel nutzten, wurde schon desöfteren verlautbart, erreichte jedoch nie die grosse Öffentlichkeit. Der FIFA-Präsident hätte da bestimmt mehr Aufmerksamkeit gefunden.

So aber hat der FIFA-Präsident lieber klein beigegeben und sich gestern mit seiner Ethikkommission auf ganz tolle Regeln verständigt, die dann auch ab sofort gelten sollen: Nie mehr Korruption in der FIFA! Totale Transparenz! Absolute Fairness!

Dass dennoch die Schweizer Staatsanwaltschaft im Sauhaufen FIFA mal ordentlich ausmisten und sich dieser Milliardenkonzern endlich internationalen Unternehmensrichtlinien stellen müsste, ist eine ganz persönliche Anmerkung des Autors dieser Zeilen.

FRIEDRICH UND DER VERHALTENSKODEX

Der Bundesinnenminister schoss vorsorglich schon mal einen Warnschuss ab: „Weg mit den Stehplätzen!“. Dann trafen sich gestern die Vertreter aller Profivereine (nur Union Berlin boykottierte die Einladung*), der DFL und des DFB in Berlin zum Sicherheitsgipfel, damit die Vereine den von der Innenministerkonferenz ausgearbeiteten Verhaltenskodex im Kampf gegen Gewalt in deutschen Stadien abnicken durften. Fanvertreter waren nicht eingeladen.

In Kurzform: Der beschlossene ’sog. Verhaltenskodex‘ fordert von den Vereinen zukünftig eine härtere Bestrafung bei Vergehen wie Randale oder Pyrotechnik. Dass die Differenzierung aussen vor gelassen wurde, verwundert nicht. Damit lassen Politik und DFB die Vereine weiterhin im Stich und schieben ihnen eine unlösbare Aufgabe zu. Dass die Vereine diesem widerspruchslos zugestimmt und den vorgelegten Kodex einfach unterzeichnet haben, ist dabei die grösste Enttäuschung.

Die ganze Veranstaltung war reine Symbolik. Und zwischen den Zeilen steckt pure Ahnungs- und Hilflosigkeit im Umgang mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen / Problemen…

Interessant ist übrigens diese Aussage im Kodex: […] „Wir sagen Nein zu Pyrotechnik im Stadion und im Umfeld von Fussballspielen“ […]. Das dürfte dann auch Showeinlagen beim DFB-Pokalfinale oder Länderspielen der Nationalmannschaft betreffen! Oder?

Schnell noch eine Meldung, die ich gerade auf dem Blog von stadtkindffm entdeckte: der Adlerblog wird die Onlinepräsenz niederlegen, da Eintracht Frankfurt aus lizenzrechtlichen Gründen gegen den Blogbetreiber vorgehen wird. Näheres darüber ist hier zu lesen!

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* Laut Vereinssprecher Christian Arbeit bemängelten die Vertreter von 1. FC Union Berlin die viel zu kurzfristige Vorabinformation über die zu beschliessenden Punkte

Dass da noch etwas kommt, war klar, aber mit einer solch heftigen Strafmassnahme seitens des DFB habe ich nicht gerechnet: Nach etwas längerer ‚Bedenkzeit‘ beantragt der DFB-Kontrollausschuss für die Vorkommnisse im Rahmen der Auswärtsspiele der Eintracht Frankfurt bei Allemania Aachen und Karlsruher SC, sowie für den Platzsturm im Heimspiel gegen 1860 München einen Teilausschluss der Fans für das erste Heimspiel in der kommenden Bundesligasaison 2012/13.

Statt 50.000 Zuschauer in einem vollbesetzten Waldstadion (hin und wieder medial auch als Commerzbank-Arena bezeichnet) – der sommerliche Saisonauftakt ‚zuhause‘ würde sicherlich gegen jeden Gegner die Massen anziehen – sollen laut DFB nur 20.000 Fans dem ersten Spiel beiwohnen dürfen (aufgeteilt in 15.000 Heim- und 5.000 Gästefans). Eintracht Frankfurt drohen damit ca. EUR 500.000 Einnahmeverlust und – emotional noch schlimmer – willkürlich bestrafte 30.000 Fans sollen daran gehindert werden, das Spiel zu sehen.

Damit jedoch nicht genug: 1. FC Köln, Dynamo Dresden und Hertha BSC winken ebenfalls Spiele mit stark beschränkten Zuschauerzahlen, Fortuna Düsseldorf und Karlsruher SC wurden jeweils zu einem Spiel vor komplett leeren Zuschauerrängen verdonnert. Will der DFB ein Exempel statuieren?

Während Berlins Sportgeschäftsführer Michael Preetz bereits Einspruch erhebt, erbittet sich Frankfurts Vorstandsetage gegenüber den Medien noch Zeit für eine Reaktion – erst kommende Woche wolle man sich konkreter zur verhängten Strafe äussern. Und das ist richtig.

Über die Problematik mit Pyrotechnik im Stadion und die Minderzahl Idioten, die es immer wieder schaffen, eine komplette Fanszene in Misskredit zu bringen, habe ich mich bereits mehrfach geäussert (entsprechende Artikel meines Blogs). Und da immer wieder von ‚bürgerkriegsähnlichen Situationen‘ in den Stadien berichtet wird, eine relativierende Zahl dazu: Am ‚berüchtigten‘ Platzsturm der Eintrachtfans beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln (Saison 2011/12) waren 0,5% der Stadion-besucher beteiligt (das Spiel war mit ca. 50.000 Zuschauern ausverkauft)! Die relevanten Folgen: Eine beschädigte High-Tech-Kamera, einige vom Pfefferspray-Einsatz der Polizei verletzte ‚Platzstürmer‘ und der daraufhin erfolgte pauschale Teilausschluss der Fans und Einnahmeverluste beim ersten Zweitligaheimspiel gegen den FC St. Pauli…

Warum werden durch den DFB die Vereine und ’normalen‘ Fans dermassen bestraft? Ahnungs-losigkeit? Hilflosigkeit? Nur mal am Rande: Das Abbrennen eines Bengalos im Stadion lässt sich ebenso wenig vermeiden wie die Schlägerei beim Dorffest. Da nützen alle Vorkehrungen und Gesetz-gebungen nichts. Ist einfach so (um es nochmals klarzustellen: Ich distanziere mich von Gewalt und andere Menschen gefährdende Handlungen) – wer es nicht glaubt, begleite mich demnächst zu einer privaten Stadionführung!

Der Vorstand der Eintracht wäre gut beraten, sich mit den anderen betroffenen Vereinen zusammen-zuschliessen und sich gegen die Beschlüsse des DFB-Kontrollauschuss zu wehren. Und die DFL (u.a. Interessenverbund der deutschen Profi-Vereine) sollte sich endlich gegenüber dem DFB positionieren: Die ‚Rechtsprechung‘ des Deutschen Fussballbundes (die vor einem ordentlichen Gericht an- scheinend keine Chance hätte) ist ein Rundumschlag alter Männer, die vor der Realität die Augen verschliessen.

Interessant könnte es werden, wenn Initiativen wie der ‚Nordwestkurvenrat‚ geschlossen mit allen Mitgliedern vor ein ordentliches Gericht ziehen und gegen den pauschalen Ausschluss klagen würden – dem DFB dürfte eine Niederlage drohen! Aber das ist – angesichts der aktuelllen Grabenkämpfe in der Fanszene – eher Utopie als Realität. Schade, eigentlich…

[Weiterführende Links: Überraschende Härte (fr-online.de), Wieder vor leeren Rängen (fnp.de) vom 14. Juni 2012]

Über die Medienberichterstattung bei unschönen Nebenerscheinungen im Rahmen von  Fussballspielen habe ich mich bereits desöfteren an dieser Stelle geäussert. Dabei ging es nie um die Bagatellisierung von Vorfällen oder Ausschreitungen, sondern um die Verallge-meinerungen und das pauschale Kriminalisieren ganzer Fangruppen (wenn nicht gar aller Anhänger in den Kurven Deutschlands). Was jetzt aber der KICKER-Chefredakteur Franzke in einem Kommentar zu den Vorfällen beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC von sich gegeben hat, ist – gelinde gesagt – eine Dreistigkeit.

Als Antwort darauf veröffentliche ich hier gerne den offenen Brief eines Eintracht Frankfurt-Fans an das Sportmagazin KICKER, der die widerliche Hetze des ‚Chefredakteurs‘ blossstellt und in dieser Form u.a. im offiziellen Forum der Eintracht publiziert wurde:

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An Kicker online Chefredaktion

Offener Brief

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Franzke,

ich gestehe ehrlich, dass ich selten einen dermaßen unreflektierten, schlecht bis gar nicht recherchierten und schlicht Fakten ignorierenden Kommentar gelesen habe, wie den von Ihnen, Herr Franzke, am 16.05.2012 um 12.35 h verfassten zu dem Geschehen rund um das 2. Relegationsspiel in Düsseldorf.

Zunächst zu meiner Person: Ich bin 51 Jahre alt, als Rechtsanwalt ein Organ der Rechtspflege, nicht vorbestraft, in keiner Stadionsünderkartei, seit 1974 Fan von Eintracht Frankfurt und besuche seit 1974 nahezu jedes Heimspiel und begleite mein Team auch ab und zu bei Auswärtsspielen. Beruflich vertrete ich keine Fans.

Ich erlaube mir im Folgenden Herrn Franzkes Ausführungen Stück für Stück zu zitieren und diese Zitate dann meinerseits zu kommentieren.

Franzke: […] „Zustände wie im Bürgerkrieg beim Bundesliga-Abstieg Frankfurts vor einem Jahr“ […]

Aha, bürgerkriegsähnliche Zustände also. Ich nehme sicher an, dass Sie Herr Franzke bei dem Platzsturm nach dem Kölnspiel dabei waren. Nicht? Ich aber. Bis heute sind eine schwerverletzte Kamera, einige zerstörte Werbebanden und 23 Leichtverletzte, überwiegend durch Pfefferspray und Schlagstöcke festgestellt worden. Nicht dass ich missverstanden werde, ich verurteile Gewalt, Platzsturm und Böller, aber „Bürgerkriegsähnliche Zustände“ ist eine dermaßen unglaubliche Übertreibung, die zugleich Bürgerkriegsopfer verhöhnt, dass mir fast die Sprache wegbleibt.

Franzke: […] „Und täglich wird in Fan-Foren auf der einen Seite zu Gewalt aufgerufen“ […]

Tatsächlich? Ich bin ständiger Leser im Eintracht-Forum und habe dort noch nie einen Aufruf zur Gewalt gelesen. Können Sie, Herr Franzke, mir eine der Quellen, die Ihnen ja ganz offensichtlich zur Verfügung stehen nennen, in denen zur Gewalt aufgerufen wird? Ich bin auch öfter im Kölner Brett oder zuletzt im Forum von Hertha BSC Berlin „unterwegs gewesen“. Auch dort habe ich keinen „Aufruf zur Gewalt“ finden können. Ich fürchte, Sie werden Heerscharen von Praktikanten ungezählte Fan-Foren durchsuchen lassen müssen, um auch nur eine Spur eines Gewaltaufrufs zu finden. Ich empfinde diese Behauptung ohne Quellenangabe als nicht seriösen Journalismus.

Franzke: […] „Dabei geben die Gewalttäter in den Kurven oder hinter den Toren längst den Ton an“ […]

Ich vermute, dass Sie, Herr Franzke, noch nie in der Kurve gestanden haben. Wie kommen Sie darauf, dass dort die „Gewalttäter“ den Ton angeben würden? Fanbeauftragte, Ultras und Soziologen sagen anderes.

Franzke: […] „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Wer Straftaten duldet und gefasst wird, muss mit einer Bestrafung rechnen“ […]

Jetzt wird es pervers und Sie verlassen den Grundsatz unserer Verfassung. Wer also daneben steht macht sich strafbar? Das kann nicht Ihr Ernst sein. Eine Strafbarkeit wegen Unterlassens gibt es nur und ausschließlich in dem äußerst eingeschränkten Bereich der unterlassenen Hilfeleistung. Und ohne hier einen Exkurs starten zu wollen: Fußballfans, die einfach daneben stehen, machen sich ganz sicher nicht strafbar. Ich denke, es ist nicht zu viel verlangt, wenn ein Chefredakteur eine Grund-recherche betreibt, bevor solch haltlose Behauptungen veröffentlicht werden.

Franzke: […] „In den Blöcken, in denen Hooligans unter Applaus ihre kriminellen Taten planen und ausführen, helfen nur noch strengste Sanktionen.“ […]

Auf den Begriff der kriminellen Taten komme ich noch zu sprechen. Die Verwendung des Begriffs Hooligans im Zusammenhang von Bengalos, Böller und Platzsturm zeigt lediglich auf, dass Sie hier auf eine populistische Schiene aufspringen, ohne sich mit dem Begriff des Hooligans auch nur ansatzweise beschäftigt zu haben. Ich empfehle dringend auch hier in eine Grundsatzrecherche einzusteigen.

Franzke: […] „Aktuell sieht es danach aus, dass – als erste Maßnahme – die Fans wieder hinter Zäunen verbannt werden, wie das in den achtziger Jahren der Fall war“ […]

Es erschließt sich mir nicht, woher Sie diese Information haben. In ernstzunehmenden Quellen war hierüber nichts zu lesen. Es spricht auch rein gar nichts dafür, dass diese Maßnahme ergriffen wird, da die Abschaffung der Zäune Reaktionen auf Katastrophen wie Heysel, Hillsborough, etc. waren. Falls Sie mit den Begriffen nichts anfangen können, empfehle ich wiederum eine Recherche.

Franzke: […] „Warum sollen Bayern München, Schalke 04 oder Borussia Dortmund bestraft werden wegen Vereinen wie zum Beispiel Köln und Frankfurt, die einen wachsenden Teil ihrer Stehplatzbesucher nicht in den Griff bekommen?“ […]

Aha, die Kölner und Frankfurter sind die Bösen, die anderen genannten die Guten. Auch hier hilft eine Recherche, sofern Sie das Pokalfinale, in dem Fans von Dortmund reichlich Bengalos verbrannt haben, schon vergessen haben. Schauen Sie doch einfach mal in die Statistik der DFB-Strafen. Sie werden staunen, wer da ganz oben mit dabei ist. Nur am Rande sei angemerkt, dass es bei dem Dortmunder Platzsturm 2011 zu wesentlich mehr Verletzten und höherem Sachschaden kam, als beim Frankfurter Platzsturm gegen Köln. Herrje, es kann doch nicht so schwer sein, mal nachzuschlagen, bevor man so erkennbar falsche Aussagen trifft.

Franzke: […] „Dass sich Sicherheits- und Fanbeauftragte von DFB und DFL in jüngerer Vergangenheit auf die Diskussion um Pyrotechnik in den Stadien eingelassen haben, gegen alle gesetzlichen Bestimmungen, war fahrlässig und verantwortungslos“ […]

Auch die Behauptung „gegen alle gesetzlichen Bestimmungen“ ist schlicht falsch. Selbstverständlich wäre ein kontrolliertes Abbrennen außerhalb der Blöcke vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel durch Feuerwerker zulässig gewesen. So wird es ja bei Länderspielen auch häufig gemacht. Ob sich die Parteien auf so eine Vorgehensweise hätten einigen können, weiß ich nicht. Aber eine Diskussion hierüber war definitiv nicht gegen alle gesetzlichen Bestimmungen.

Ganz generell schreiben Sie, Herr Franzke, mehrfach von Kriminellen. Wen genau meinen Sie damit? Den Bengalozündler, den Böllerwerfer, den Platzstürmer? In dem einen oder anderen Fall kann tatsächlich eine Straftat vorliegen, aber je nach Verwendung könnte auch nur eine Ordnungswidrigkeit bestehen. Ist dann ein Falschparker auch ein Krimineller?

Und lassen Sie mich bitte abschließend ein Fazit ziehen. Es war seit 1974 noch nie ungefährlicher ein Fußballstadion zu besuchen, als es heute der Fall ist. Der mediale Hype, der zur Zeit um die „lebensbedrohenden“ Umstände durch „Kriminelle“ gemacht wird, liegt auch viel an so schlecht recherchierten Kommentaren wie dem Ihrigen. Mein Brief soll nichts verharmlosen und selbst-verständlich sind gerade in letzter Zeit zu viele Auffälligkeiten vorgekommen, soll doch der Sport m. E. im Vordergrund stehen, aber ein bisschen Information würde nicht schaden, bevor Sie einen Kommentar abgeben. Ich erwarte von Ihnen, Herr Franzke, als Journalisten, dass Sie Ihre Aussagen anhand meiner Kommentierung mal überprüfen und die erkennbar falschen Behauptungen zurücknehmen. Andernfalls werde ich den Kicker nach fast 40 Jahren kündigen, denn von einem Fachblatt erwarte ich eine Recherche, bevor etwas kommentiert wird.

Mit freundlichen Grüßen

XXX

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Ich schliesse mich der Meinung des Verfassers des offenen Briefes uneingeschränkt an. Dass in diesem Fall sogar in der Chefredaktion eines angesehenen Fussballfachmagazins nicht recherchiert und undifferenziert verallgemeinert wird, ist nichts anderes als dummer Populismus und ein grober Verstoss gegen die Sorgfaltspflicht! Dass Herr Franzke dazu noch das Bild der ‚vorbildlichen‘ Dortmunder und Bayern (passt ja so gut in die Event- & Entertainment-Berichterstattung) bemüht, um andere Vereine / Fans zu diskreditieren, ist schon fast Verleumdung.

Unerträgliche Stimmungsmache wird jedoch nicht nur im Rahmen des Fussballs gepflegt. Überall dort, wo dem Staat oder den im vorauseilenden Gehorsam handelnden Medien etwas gegen den Schöne-Heile-Welt-Strich geht (oder Konsum und Wirtschaftswachstum gefährdet werden), wird dämagogisiert. Bestes Beispiel ist auch die Vorberichterstattung und pauschale Kriminalisierung friedfertiger Bürger im Rahmen der BLOCKUPY FRANKFURT-Aktionstage. Opalkatze macht das im Blogartikel Blockupy: Ich bin empört sehr deutlich!

Der Mehrheit der Menschen, die den deutschen Profi-Fussball hauptsächlich via Sportschau und Sky, Bild-Zeitung und Kicker verfolgen, muss sich seit einiger Zeit ein – verständ-licherweise – etwas verzerrtes Bild von den Vorgängen in und um den Stadien darbieten: Randale und Feuerwerk auf den Tribünen, Ausschreitungen gegenüber den staatlichen Sicherheitskräften und ein hart durchgreifender DFB, der mit Sanktionen wie den Spielsperren für ganze Fangruppierungen dafür sorgt, dass die ‚kriegsähnlichen‘ Zustände endlich beendet werden. So werden u. a. heute Abend offiziell keine Fans von Dynamo Dresden im Frankfurter Waldstadion zugelassen – der Gästeblock bleibt leer.

Leidenschaft, die Leiden schafft (SGE-Fans im Block)

Der mehrheitlich friedliche Stadionbesucher und Auswärtsfahrer hat natürlich eine ganz andere Wahrnehmung und sieht sich u. a. durch die Sippenhaft-Urteile des DFB (z. B. verhängt gegen Sankt Pauli, Eintracht Frankfurt, Dynamo Dresden) diskriminiert, pauschal kriminalisiert und persönlichen Freiheitsrechten beraubt. Hinzu kommt die seltsam anmutende, augenscheinlich willkürliche Sanktionspolitik des DFB: Während Verein A mit einer Geldstrafe belegt wird, kann es Verein B mit einem Geisterspiel treffen. Wo man in der Bundesliga (Premiumprodukt!) eine Ermahnung ausspricht, wird in der zweiten Liga hart durchgegriffen.

Innerhalb der Fanszenen wird ernsthaft diskutiert, inwiefern man mit der derzeitigen Situation umgehen kann. Die Meinungen sind natürlich so vielfältig, wie es die Fans auch sind und gehen teilweise weit auseinander.

Der NORDWESTKURVE-RAT, eine Vertretung, die sich als Sprachrohr für alle Fans der Eintracht Frankfurt anbietet, hat nun in einem offenen Brief die Lage sehr übersichtlich und erklärend zusammengefasst. Da sich dieses Schreiben auch für den nicht ganz so involvierten Fussball-TV-Konsumenten eignet, einmal differenzierter die aktuellen Vorgänge in und um den Stadien zu betrachten, veröffentliche ich an dieser Stelle die Verlautbarung:

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OFFENER BRIEF DES NORDWESTKURVE-RAT

Mit Entsetzen haben wir, trotz der Ankündigung, den Ausschluss der Gästefans für das Spiel unserer Eintracht bei Union Berlin zur Kenntnis genommen. Zum ersten Mal soll es also uns Eintracht-Fans versagt sein, ein Auswärtsspiel zu besuchen. Dieses Urteil bietet Anlass, einmal das Verhalten aller Beteiligten (DFB, Vereine bzw. Eintracht Frankfurt, aber auch und vor allem der Fanszene als solche) zu hinterfragen.

Mit den Konsequenzen für und innerhalb unserer Fanszene wollen wir uns am Ende dieser Stellungnahme befassen. Zuvor sollten einige Umstände der Straffindung seitens des DFB genauer betrachtet werden.

Mit seiner Entscheidung, Gästefans von der Begegnung unserer Eintracht bei Union Berlin auszuschließen, beweist der DFB einmal mehr seine Hilflosigkeit im Umgang mit dem Phänomen der Pyrotechnik und seine Neigung, vor dem Hintergrund populistischer Forderungen aus Politik und Polizeikreisen exemplarisch drastische Strafen gegen „schlecht beleumundete“ Fanszenen auszusprechen.

Dabei hat der DFB die Situation, derer er nun nicht mehr Herr wird (nämlich das massive Abbrennen von Pyrotechnik Spieltag für Spieltag durch fast alle Fanszenen der oberen Ligen), durch gebrochene Zusagen und das abrupte Ende der Diskussionen um ein legales Abbrennen von Pyrotechnik selbst mit zu verantworten. Auch eine Reihe von Falschaussagen im Nachhinein über den Inhalt der Gespräche mit der Kampagne, über das Ergebnis des vom DFB eingeholten Gutachtens oder die Veröffentlichung einer durch Suggestivfragen verfälschten Umfrage trugen zur Verschärfung der Situation bei. Der DFB reagiert nun – allerdings bislang auch nur bei bestimmten Vereinen – mit Kollektivstrafen, nämlich dem Ausschluss bzw. Teilausschluss der Kurven. Auch der DFB weiß natürlich, dass er damit Tausende Unschuldiger mitbestraft und Tausende Fans vom Besuch eines Spiels ausschließt, ganz gleich, ob diese den Einsatz von Pyrotechnik gut finden oder selbst strikt ablehnen.

Eine Akzeptanz bei den betroffenen Fans können und werden diese Kollektivstrafen nicht finden, zumal auch innerhalb der DFB-Rechtsprechung eine unerträgliche Ungleichbehandlung festzustellen ist. Die gleichen „Vergehen“ werden höchst unterschiedlich bestraft.

Beispiel Platzsturm: Einmal reagiert der DFB gar nicht (wie im Falle Dortmunds am letzten Spieltag der vergangenen Saison), ein anderes Mal gibt es für den Verein eine Geldstrafe (wie kürzlich für Nürnberg, obwohl der Platzsturm dort sogar dem Erreichen der gegnerischen Fankurve diente), mal reagiert der DFB mit dem Ausschluss ganzer Kurven (wie in Berlin im letzten Jahr bzw. bei uns zum ersten Heimspiel gegen St. Pauli).

Beispiel Pyrotechnik: auch hier sind die Sanktionen des DFB völlig uneinheitlich. Einige größere Pyroaktionen wurden gar nicht oder mit vergleichsweise geringen Geldstrafen bestraft, selbst wenn auch dort Böller geworfen wurden und/oder sich Anpfiff bzw. Wiederanpfiff verzögerten.

Ein „schönes“ Beispiel für die Unsinnigkeit und Willkür von Kollektivstrafen bildet auch der Fall des FC St. Pauli: Der Werfer der Kassenrolle hatte sich dem Verein gestellt und zeigte sich laut Medien-berichten einsichtig und reumütig. Gleichwohl bestand der DFB auf einer Kollektivstrafe, nämlich dem Ausschluss aller Stehplatzbesucher bei einem Pauli-Heimspiel. Es ist also offensichtlich nicht so, dass der DFB „das Kollektiv“ (die Kurve) nur dann in Sippenhaft nimmt, wenn der oder die „Täter“ nicht ermittelt oder von der Kurve „gedeckt“ werden.

Dass der DFB dann natürlich auch noch ein „Sonderrecht Hoffenheim“ eingeführt hat, wonach der Verein von Dietmar Hopp noch nicht einmal für die Verfehlungen seiner Bediensteten bei Heimspielen einzustehen hat, während selbstverständlich alle anderen Vereine für das Verhalten ihrer Fans sogar bei Auswärtsspielen haften, sei nur am Rande erwähnt. Mit dieser unerträglichen Arroganz der Macht, die aus der Willkür der DFB-Urteile spricht, werden die Fankurven allerdings wohl eher radikalisiert als endgültig befriedet werden.

Eintracht Frankfurt hat, so las man, zwar dem Antrag des Kontrollausschusses nicht zugestimmt, sieht aber nun von Rechtsmitteln gegen das gleichlautende Urteil des Sportgerichts ab. Wir würden uns wünschen, dass sich auch die Vereine im Allgemeinen und Eintracht Frankfurt im Besonderen stärker, lauter und häufiger gegen die neue Willkür der DFB-Urteile zur Wehr setzen. Dass aus Reihen der Vereine und insbesondere aus Reihen der Eintracht auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze beharrt wird, dass man Kollektivstrafen und Sippenhaft insgesamt ablehnt. Dass ein Verein laut darauf hinweist, dass es unmöglich ist zu verhindern, dass Pyrotechnik ins Stadion gelangt, solange man die Menschenwürde zigtausender Besucher wahren möchte. Dass die Vereine es ablehnen, die Folgen einer katastrophalen DFB-Politik im Umgang mit der Pyro-Kampagne zu zahlen. Dass ein Verein sich vor seine Fans stellt, wenn es notwendig ist.

Auch hier hat Eintracht Frankfurt im Zusammenhang mit unserem Ausschluss vom Union Berlin-Spiel eine weitere Chance versäumt. Man hätte öffentlich darauf hinweisen sollen, dass es in dieser Saison bei Eintrachtspielen nur zu ganz wenigen, kleineren Vorkommnissen kam. Dass zahlreiche Vereine der ersten und teilweise auch zweiten Liga dieses Jahr viel häufiger und massiver den Einsatz von Pyrotechnik bei den eigenen Fans erleben mussten als Eintracht Frankfurt.

Stattdessen wurde leider wieder einmal – wie schon im Falle des Ausschlusses Dresdner Zuschauer bei uns am 16. März – eine fragwürdige DFB-Entscheidung klaglos hingenommen (und im Falle Dresden sogar zu Lasten eigener Anhänger bereitwillig umgesetzt). Wir fordern die Eintracht Frankfurt Fußball AG auf, die ausgesprochene Strafe zu kritisieren und dagegen zu protestieren, dass eine Vielzahl von unschuldigen Fans bestraft wird. Eintracht Frankfurt sollte sich mit den übrigen Profivereinen auf eine Vorgehensweise zur Erreichung einer durchsichtigen und gerechten Bestrafungsmethodik verständigen. Es wäre begrüßenswert, wenn unsere Eintracht in diesem Fall die Initiative ergreift.

Alle diese Überlegungen und jede noch so berechtigte Kritik an DFB und an der Eintracht Frankfurt Fußball AG dürfen uns aber nicht hindern, auch die eigene Seite zu reflektieren.

Zwar können, wollen und werden wir an dieser Stelle bewusst keine Aussage zum generellen Einsatz von Pyrotechnik treffen. Dazu gibt es innerhalb der Fanszene verschiedenste berechtigte Meinungen; und ein Konsens in dieser Frage ließe sich – wenn überhaupt – nur nach einer längeren Diskussion und ohne einen durch Willkürakte des DFB erzwungenen Druck finden.

Aber unabhängig davon muss sich zum derzeitigen Zeitpunkt jeder Eintracht-Fan in unserer Fanszene entscheiden, ob der Zusammenhalt innerhalb der Fanszene sowie eine uneingeschränkte Unter-stützung im Kampf um den Aufstieg wichtiger sind, als das schwachsinnige Werfen eines Böllers. Ganz besonders, wenn man diese in Menschenmassen zündet. Auch für die Befürworter von Pyrotechnik stellt sich die Frage, welchen Sinn es haben soll, Böller in Menschenmassen zu zünden, anstatt sich dafür einzusetzen, dass Pyrotechnik als optisches Stilmittel benutzt werden kann. In dieser Hinsicht gilt es speziell auf einige Fans im unorganisierten Umfeld der Fanszene einzuwirken, die solche Aktionen offenbar als Teil ihres Fußballausflugs empfinden. Sicherlich ist dies keine leichte Aufgabe, denn es besteht der Eindruck, dass sich ein Teil dieses unorganisierten Umfelds offenbar auch und gerade durch anhaltende negative Berichterstattung angezogen fühlt

Es ist zum derzeitigen Zeitpunkt unabdingbar, dass wir innerhalb der Fanszene einen Konsens erreichen, um die letzten Auswärtsspiele für uns Fans nicht zu gefährden. Ein Ausschluss von Eintracht-Fans für ein Spiel, in dem es um den Aufstieg gehen könnte, wäre die wohl schlimmste Strafe, die uns treffen könnte.

Daher sollte jeder darauf hinwirken, dass es innerhalb der Fanszene zu keinen weiteren Vorfällen kommt, die Sanktionen in den Aufstiegsspielen verursachen könnten. Trotz des gerechtfertigten Unmuts über die Bestrafungsmethodik des DFB, den oft mangelhaften Umgang unserer Eintracht mit ihren Fans und die reißerische Berichterstattung der Presse, sollten wir uns diesem Ziel alle unterordnen. Es gilt jetzt alle Kräfte für den Aufstieg zu bündeln und innerhalb der Fanszene dafür zusammenzustehen. Wir alle wollen mit 10.000 Frankfurtern in Karlsruhe einen gelungenen Abschluss einer Saison feiern, die mit dem Aufstieg gekrönt wurde. Was jetzt zählt, ist alles dafür zu geben und nichts anderes.

Der Nordwestkurve-Rat

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Zeitgleich veröffentlicht die Eintracht Frankfurt Fussball AG, dass sie bis Saisonende eine Spende in Höhe von EUR 50.000,- an die Deutsche Knochenmarkspenderkartei (DKMS) vorsieht. Diese Summe wird um jede wegen Fehlverhalten der Fans durch den DFB ausgesprochene Geldstrafe reduziert (Diskussionsthread zur Spendenaktion).

Stellt sich natürlich die Frage, ob diese Massnahme die Initiative des Nordwestkurve-Rat konterkariert oder beflügelt…

[Quelle des offenen Briefes: Posting im Forum http://www.eintracht.de]