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Die Erde ist rund. Oder?

Schon die alten Griechen haben durch die Beobachtung der sichelförmigen Verdunklung des Mondes klug gefolgert, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist. Newton lieferte die physikalischen Gesetze dafür und die grossen naturwissenschaftlichen Gesellschaften entsandten im 18. und 19. Jahrhundert Forscher zur genaueren Vermessung unseres Planeten in die letzten Winkel der Welt.

Als dann die Astro- und Kosmonauten in den 1960er Jahren durch die winzigen Luken ihrer Raumkapseln den Erdball im Weltraum schweben sahen, war der letzte Beweis erbracht: unsere Erde ist tatsächlich rund!

Tatsächlich?

In 2011 konnten die Forscher der ESA (European Space Agency) endlich die enorme Flut an Messdaten auswerten, die sie durch den zweijährigen Flug ihres Satelliten GOCE zur Vermessung der Erdmasse erhielten. Und siehe da: die Erde ist eine unförmige Kartoffel!

Satellit GOCE im Modell (Quelle: ESA)

GOCE wurde im Jahr 2009 in die Erdumlaufbahn geschossen und vermisst seitdem das Gravitationsfeld des Globus. Die Messdaten und Instrumente sind so abartig präzise, als ob man die Geschwindigkeitsveränderung eines Öltankers bestimmen könnte, die durch die ‚Erschütterung‘ einer auftreffenden Schneeflocke hervorgerufen wird.

Nach Auswertung der Daten liegt also seit 2011 eine Karte vor, die die Masseverteilung der Erde detailliert darstellt. Wie unförmig sich darauf unser blauer Planet präsentiert, lässt sich auf der faszinierenden, animierten Seite der ESA bestaunen: die GOCE-Erdgravitationskarte!

Eine ganze Nation, die normalerweise nur im Wintersport international Aufsehen erregt, bricht am Sonntagabend in Jubel aus, als der Österreicher Felix Baumgartner nach seinem Sprung aus der Stratosphäre eine blitzsaubere Landung hinlegt und überglücklich in die Kameras winkt.

Felix Baumleitner kurz vor dem Sprung (Quelle: Livestream servustv.com)

Per Heliumballon ist der Extremsportler in einer Raumkapsel auf über 39.000 Meter Höhe aufgestiegen, um dann die Luke zu öffnen und im Raumanzug die kleine Plattform zu betreten. Die Welt hält gebannt den Atem an. Dann der Schritt nach vorne ins Leere. Binnen Sekunden verwandelt sich Baumgartner im freien Fall in ein Geschoss, das mit Mach 1,24 (das entspricht 1.342,8 Stundenkilometer) der Erde entgegenrast. Überschallgeschwindigkeit!

Während der Österreicher am Fallschirm nahe des Flugfeldes Roswell (New Mexico, USA) landet und sich seine Landsleute glücklich in die Arme fallen, wetzen in Deutschland geübte Internetbenutzer bereits die Messer. Schon wenige Minuten nach der Landung sind die Kommentarspalten auf den Onlineseiten der Medien und sozialen Netzwerke prallgefüllt mit abschätzigen Meinungsäusserungen, Kritik und Vorwürfen („…mit dem Geld hätte man was anderes machen können…“). Prima, dass wir uns mal wieder als Nation der Besserwisser outen!

Sicher – ob der Sprung bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse erbracht hat, wie die Veranstalter in zahlreichen Interviews immer wieder betonten, mag bezweifelt werden. Doch darum ging es beim Projekt Red Bull Stratos auch nicht.

Felix Baumgartner, der schon andere aufsehenerregende Fallschirmsprünge durchführte, hatte ein Ziel. Und weil das so spektakulär daherkam und eine hohe Aufmerksamkeit versprach, fanden sich neben dem bekannten Brausegetränkehersteller* aus Salzburg zahlreiche andere Sponsoren, die die fünfjährige Vorbereitung und die Durchführung finanziell unterstützt haben, während die Medien nicht umhin kamen, vom Spektakel zu berichten und sich teilweise vor den PR-Karren spannen liessen.

Wen das nicht interessiert, der schaut halt einfach nicht hin. Baumgartner ist glücklich, die finanziellen Mittel stellte die Privatwirtschaft, die CO²-Belastung war sicher geringer als bei einer Flugschau der Air Force und die bundesdeutschen Autobahnen blieben auch befahrbar. Kein Grund also, um herumzugranteln…

Für uns, die wir via TV, Online-Stream oder Live-Ticker am Stratosphärensprung teilnahmen, war es ein besonderes Ereignis. Und das nicht nur, weil der verregnete Sonntag nichts anderes hergab!

Erstmalig habe ich – die jüngeren Leser mögen mitleidig lächeln – ein derart grosses Ereignis ausschliesslich im Internet verfolgt. Der Stream von servustv.com, ein anderes Fenster für Diskussionen in Live-Chats und Facebook, Informationsvertiefung über Suchmaschinen und Wikipedia. Aufregend…

Neben der (aus beruflichen Aspekten) absolut beeindruckenden Vermarktung und Präsentation des Projekts für mich herausragend: Die Bildqualität der Übertragungen und ‚dabeisein‘ zu können, als Felix Baumgartner durch die Luke stieg und auf die Erde unter sich schaute. Atemberaubend!

Zu allen Zeiten haben sich Menschen mit selbsterbauten Flugmaschinen in die Lüfte erhoben, wollten mit Fortbewegungsmitteln aller Art Geschwindigkeitsrekorde brechen oder haben sich in Gegenden aufgemacht, von denen andere glaubten, dort wäre die Welt zuende und kein Überleben möglich. Das eine oder andere spleenige Abenteuer hat uns dann doch vorangebracht…

[Weiterführende Links: Der Sprung (16 Minuten von n-tv) | Wundervoll: Stratos als LEGO-Motion!!! | Homepage von Felix Baumgartner]

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* Das klar auf Marketing abzielende Sport- und Unterhaltungssponsoring des Konzerns RED BULL ist nicht unumstritten. Dabei versucht die Firma, ihre Förderkonzepte langfristig und nachhaltig anzulegen. Red Bull unterstützt über 600 Sportler, unterhält einen eigenen Formel 1-Rennstall sowie zwei Fussballakademien in Ghana und Brasilien, betreibt u.a. Fussballvereine in Salzburg und Leipzig und bietet den Athleten sogar ein eigenes Diagnose- und Therapiezentrum. Das Engagement gerade in Extremsportarten wird kritisch betrachtet – spielt man hier doch auch immer mit dem Reiz der Gefahr. Die Gründung von RB Leipzig mit dem Ziel, schnellstmöglich in die Bundesliga aufzusteigen, wird vom puristischen Fussballdeutschland als „Retortenverein“ und traditionsloses Investorengehabe angeprangert.   

Nun sind sie also ‚gelandet‘, die sechs Freiwilligen, die als Versuchskaninchen in einem Institut im nordwestlichen Moskau unter dem Namen ‚Projekt Mars 500‘ die Reise zum Roten Planeten und zurück simuliert haben. Getestet wurden die psychischen und körperlichen Auswirkungen auf Astronauten unter den Bedingungen eines 17-monatigen Weltraumfluges. Die Männer wurden für genau 520 Tage in einen aus mehreren Modulen bestehenden Container eingeschlossen; Wissenschaftler – auch vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt – beobachteten den Langzeitaufenthalt und führten diverse Testreihen durch.

Nur einmal durften die Testpersonen ihre 250 qm umfassende Behausung verlassen: Im Februar 2011 wurde die Landung auf dem Mars inklusive einem kurzen Landgang im Raumanzug durchgespielt! Ansonsten… tagtäglich Routineprogramm, Experimente, sportliche Betätigung und Nahrungs-aufnahme in den beengten Räumlichkeiten.

520 Tage Big Brother. Für mich unvorstellbar, insofern werde ich wohl nie einen Fuss auf den Mars setzen. Die meinen es aber tatsächlich ernst. Mein Lieblings-Expräsident George W. Bush hat in seiner Amtszeit die erste bemannte Marsmission angekündigt und betont, dass er sie noch erleben wird. Die ESA plant unter dem Arbeitstitel Aurora die Landung eines Menschen für 2033.

Wie muss das sein, wenn Dich jeden Tag der Typ, den Du sowieso nicht leiden kannst, mit dem aufgesetzt-fröhlichen „Guuuten Mooorgen“ begrüsst? Ohne  Flucht ins Wochenende? Wie erträgt man 520 Tage lang die unerfüllte Lust auf eine lecker-knackige Thüringer Bratwurst? Wie das für anderthalb Jahre auf Eis gelegte Verlangen nach der geliebten Frau?

Ich werde einen Selbstversuch starten. Hiermit verzichte ich für die kommenden 17 Monate auf die Benutzung des Wortes nichtdestotrotz (ein wunderschönes Wort, wie schon die Band Tomte feststellte), werde für diesen Zeitraum kein einziges Mal DSDS anschauen und wähle die freiwillige Isolation (zumindest jeweils für die Momente des Toilettengangs)…