Archiv

Schlagwort-Archive: Religion

Du sagst, durch Deine Bäche wird Wein fliessen… ist das Paradies eine Schänke?

Du sagst, Du wirst jeden Gläubigen mit zwei Jungfrauen belohnen… ist das Paradies ein Bordell?

(Omar Khayyam, persischer Dichter, 1048 – 1131)

Man kann dem türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say nur viel Glück wünschen. Weil er im April u. a. dieses Gedicht twitterte, droht ihm jetzt vor einem Istanbuler Gericht eine 15-monatige Haftstrafe wegen Störung des öffentlichen Friedens und der öffentlichen Erniedrigung religiöser Werte. Das scheint die Weltöffentlichkeit jedoch – im Gegensatz zu den Fällen der russischen Punkrockgören, ukrainischen Politikblondinen und chinesischen Künstlern – nicht sonderlich zu empören.

Wir erleben eine Zeit, in der in allen Ecken der Welt Religionen immer mehr Auftrieb bekommen. Geistiger Fundamentalismus schleicht und kreischt sich zur Meinungsführerschaft, fängt ver(w)irrte Seelen ein und mischt sich ein in Staat und Gesellschaft – ob im christlich-orthodoxen Russland, in der islamischen Welt oder den USA (ein schrecklich-schönes Beispiel: „Schwangerschaft durch Vergewaltigung ist Gottes Wille“ auf uhupardo.wordpress.com).

Je komplexer und komplizierter die Welt wird, je mehr Ungerechtigkeiten fühlbar werden und je mehr Bildungsarmut und Perspektivlosigkeit herrschen, desto leichter ist es für die Verführer, Menschen für ihre ureigenen Interessen einzufangen. Mit vermeintlichen Gottesbotschaften, Welterklärungen, Verschwörungstheorien.

Wir brauchen nicht das Märchen einer zionistischen Weltverschwörung, um zu begreifen, dass das globale Finanzsystem dringend an die Leine gelegt werden muss. Wir brauchen keine Botschaft eines liebenden Gottes, für den hunderte unschuldige Menschen auf einem Marktplatz durch eine Autobombe sterben müssen. Und wir brauchen keinen Mormonen als Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt, der sein Vermögen durch skrupellose Zerschlagung von Unternehmen und Arbeitsplätzen gemacht hat (und jetzt im Wahlkampf scheinheilig fordert, dass die USA wieder mehr eigene Industrie benötigt).

Immer schön wachsam bleiben!

Advertisements

Da schlägt ein kleiner, hässlicher Film weltweit Wellen und die rechtspopulistische Initiative Pro-Deutschland hat nichts Besseres im Sinn als eine bewusste Provokation der sowieso schon aufgebrachten islamischen Welt, indem sie den ‚Beinahe-Koran-Verbrenner‘ Terry Jones zur Diskussion nach Deutschland einladen wollte und nun plant, den Film öffentlich aufzuführen.

Koran (von Dieter Schütz / pixelio.de)

[Kurze Anmerkung – die Einreise des ‚Hasspredigers‘ Terry Jones [1] wurde verboten. Ich verweise jedoch schmunzelnd auf den Rat, den der Kabarettist Volker Pispers neulich bei seinem Auftritt in der Frankfurter Alten Oper geäussert hat: Jones möge uns doch bitte mit seinem Gegeifere verschonen und – um besondere Wirkung zu entfalten – seine Koranverbrennung anstelle in einem verschlafenen Nest in Florida öffentlich auf einem belebten Marktplatz in Kabul, Islamabad oder Kairo vornehmen. Ein direktes Feedback wäre ihm gewiss!]

Dass die geistigen Tiefflieger der „Pro“-Bewegung zündeln, was das Zeug hergibt (immer schön süffisant mit den Argumenten der freien Meinungsäusserung und künstlerischen Freiheit), ist eine mehr als ärgerliche Angelegenheit. Pro-Deutschland schwimmt im Fahrwasser diverser Meinungsmacher und Politiker, die immer wieder die Angst vor Überfremdung und insbesondere dem Islam schüren. Wir brauchen uns nichts vorzumachen: latente Fremdenfeindlichkeit ist hierzulande gang und gäbe. Ein kleiner Tropfen genügt; ein bisschen Sarrazin hier, ein bisschen bayrischer Stammtisch dort… und schon darf sie immer wieder offen zutage treten. Passend dazu die gestrige Information der Staatsanwaltschaft Köln, dass es im nordrhein-westfälischen Radevormwald mutmassliche materielle und finanzielle Verbindungen zwischen der Partei Pro-NRW und den militanten Rechtsextremisten vom Freundeskreis Rade gibt!

In diesem Zusammenhang ist das völlige Versagen des Staates gegenüber diesen problematischen Tendenzen und Organisationen ein besonderes Ärgernis. Kaum schafft es Pro-Deutschland mit unsäglichen Aktionen in die Medien, schreit die Politik nach Filmaufführungsverbot und scharfen Gesetzesänderungen (auch im Falle von Beleidigung religiöser Gefühle – Pussy Riot 2.0?). Zeitgleich erleben wir fassungslos im NSU-Untersuchungsausschuss, dass die verantwortlichen Organe anscheinend unfähig oder nicht Willens sind, den Staat und seine Bürger vor rechtem Terror zu schützen.

Die vorhandenen Rechtsmittel sollten ausreichend sein, um bei eklatanten Verstössen über entsprechende Möglichkeiten zu verfügen. Weitere Gesetze und Verbote werden nicht das Übel bei der Wurzel packen, sondern zu Ausgrenzung, Radikalisierung und Solidarisierung führen (wo haben wir das schon gehört? Richtig – in der Debatte um Fanausschreitungen beim Fussball!). Wichtiger ist, diese Strömungen ernstzunehmen und in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einzubinden. Wenn eine säkulare, aufgeklärte, demokratische Gesellschaft diesen Schritt nicht schafft, hat sie – man muss es tatsächlich so sehen – leider versagt.

WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN

In Windeseile beherrschten die Nachrichten vom wütenden Mob und brennenden Botschaftsgebäuden die Schlagzeilen. Ein willkommenes Futter für die hiesigen Rechtspopulisten: Seht her, so geht der böse Islam mit unserer Meinungsfreiheit um! Dass der grösste Teil der islamischen Welt nichts mit den aggressiven Demonstrationen zu tun hat und die islamischen Verbände (nicht nur in Deutschland) die Vorfälle deutlich verurteilen, geht im medialen Getöse unter.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Islamistische Eiferer sind ebenso zu verabscheuen, wie rechtspopulistische Brandstifter und religiöse Fundamentalisten auch auf christlicher oder jüdischer Seite. Es ist eine Schande für die Menschheit des 21. Jahrhunderts, dass weltweit Botschaftsangehörige wegen eines idiotischen Filmchens um ihr Leben fürchten müssen. Aber die Gründe für den Aufruhr, den dieser Film verursacht, liegen nicht tendenziell im islamischen Glauben…

Auch wenn man gerne darüber hinweghört, es sei nochmals daran erinnert: Jahrzehntelang haben unsere Industrienationen die islamischen Staaten nur als Rohöllieferant und Absatzmarkt (gerne für Rüstungsgüter aller Art) betrachtet. Um diesen Status nicht zu gefährden, haben wir aus geostrategischen Gründen in diesen Ländern Herrscher aufgebaut, hoffiert und unterstützt, die man nicht gerade als „lupenreine Demokraten“ bezeichnen würde – erinnert sei u. a. an Saddam Hussein, Gaddafi, den Schah von Persien, Mubarak, die Familie Assad oder das Königshaus in Saudi-Arabien. Ebendiese teilweise despotischen Führer haben die Entwicklung ihrer Gesellschaften verhindert und aus machtpolitischen Gründen insbesondere auch die Bildung des Volkes unterdrückt, um die Herrschaft im eigenen Land zu erhalten. Gleichzeitig stützten sich diese Länder auf die Religion, um die autokratischen Herrschaftssysteme traditionell zu begründen und den Menschen das schwere Leben erträglicher zu machen (Karl Marx: „Religion ist das Opium des Volkes“).

Wir dürfen uns von den Umstürzen des arabischen Frühlings nicht blenden lassen: Nicht Demokratie und Säkularisierung waren die Ziele der Demonstranten, sondern sie gingen wegen Perspektivlosigkeit, Hunger und Unrecht auf die Strassen! Der Nährboden für die aktuellen Vorfälle – mangelnde Bildung breiter Bevölkerungsschichten, Religion als fester Lebensbestandteil, Minderwertigkeitsgefühle – bleibt weiterhin bestehen. Gerade deshalb sollten wir nicht mit dem Finger auf einen uns häufig fremd anmutenden Islam deuten, sondern eher darüber nachdenken, wie wir zukünftig politisch, wirtschaftlich und kulturell mit diesen Ländern und den betroffenen Menschen umgehen werden.

In unserem eigenen Stall liegt genug Mist herum (NSU-Untersuchung, NPD & Konsorten, fehlerhafte Integrations- und Einwanderungspolitik), mit dem wir uns dringend beschäftigen müssen. Dem Rechtsstaat und unserer liberalen Gesellschaft ist nicht geholfen, wenn die selbsternannten Sheriffs aus Berlin und Landespolitik mit dem Finger am Abzug drohen! Und den Provokateuren, die unsere Grundrechte missbrauchen und sich vollauf bewusst sind über die Konsequenzen ihrer Aktionen, sollten wir als Gemeinschaft entgegentreten, die deutlich macht, dass wir deren dummes, menschenverachtendes Handeln nicht dulden…

•   •   •

PS: Ohne weiter auf das Machwerk Innocence of Muslims einzugehen – Satire und Ironie sollte dennoch jeder ertragen, ohne gleich zum Hackebeil zu greifen. Aus Frankreich winkt ja schon der nächste Aufruhr [2]. Daher als Grussbotschaft an alle Hitzköpfe abschliessend ein kleines, aber feines Bonmot: „Erschöpfte Islamisten bitten darum, den Propheten nicht so oft zu schmähen!“ (DER POSTILLON vom 19. September 2012).

Quellen: [1] Terry Jones auf wikipedia.de, [2] Satire-Magazin veröffentlicht erneut Mohammed-Karikaturen (tagesschau.de)

Sonntagmorgen, kurz nach halb fünf. Draussen herrscht noch Dunkelheit, es regnet in Strömen. Frau Lenz prüft das Fotoequipment, während ich die Wanderstiefel schnüre. Wir sind in der Klosteranlage BUDDHAS WEG im Odenwald. In wenigen Minuten beginnt die Morgenmeditation für die Teilnehmer des mehrtägigen Seminars, das Frau Lenz mit ihrer Kamera dokumentieren wird.

Mein Weg zu Buddha führt zu dieser nachtschlafenden Zeit nicht in die Halle für meditative Übungen. Ich werde die Gunst der frühen Stunde nutzen und zuerst durch den gerade erwachenden, regennassen Wald streifen. Am Vorabend überkam mich die Vision, wie ein zweiter Andreas Kieling [1] im dunklen, deutschen Tann auf Wildschweine, Füchse und Rotwild zu stossen. Fasziniert von dem Gedanken ziehe ich den Regenponcho über.

Hinter dem Teehaus des buddhistischen Zentrums führt mich ein kleiner Pfad den Hardberg steil hinauf. Nach etwa zwanzig Minuten stosse ich auf einen Kiesweg, dem ich weiter folge – nicht ohne immer wieder nach rechts oder links in den dichten Mischwald einzutauchen, um still zu verharren und die Umgebung zu beobachten. Aber ausser dem Prasseln der Regentropfen auf meinem Überwurf ist kein Laut zu vernehmen – die Tierwelt meidet meine Pfade (bis auf ein später den Weg kreuzendes Reh und ein Eichhörnchen auf einem Baumstamm, das sich partout nicht fotografieren lassen will und ständig hin und her springt). So begebe ich mich nach zwei Stunden auf den Rückweg, um das Frühstück im Kloster nicht zu verpassen…

DAS KLOSTER

BUDDHAS WEG (vietnam. Phat Dao) ist ein buddhistisches Kloster- und Heilzentrum in der Nähe von Wald-Michelbach. Der Abt des Klosters, der Ehrwürdige Thich Thien Son, wurde 2002 in Frankfurt am Main mit der Gründung einer vietnamesischen Gemeinde beauftragt. Doch die bezogene Pagode Phat Hue in der Hanauer Landstrasse reichte bald nicht mehr aus, um allen Interessierten Platz für Seminare und Workshops zu bieten. So suchte man zusätzliche Räumlichkeiten und erwarb eine zum Verkauf stehende ehemalige Heilklinik im Odenwald, die seitdem für den eigenen Bedarf umgestaltet wird.

Abt, Nonnen und Mönche bewohnen das Zentrum ganzjährig, üben dort das harmonische Zusammenleben, geistiges Training und die Bewusstseinsschulung. Dem spirituellen Leben kann man als Gast jederzeit für einige Tage beiwohnen, das Kloster freut sich über jeden Besucher. Für Übernachtungs- oder Tagesgäste wurden Zimmer und ein Teehaus eingerichtet. Zudem bietet das buddhistische Zentrum eine Praxis für Naturheilverfahren, die sich an den Methoden der Traditionellen Chinesische Medizin (TCM) orientiert (Akupunkturen, Massageanwendungen, Aromatherapien, usw.).

DER WEG ZUR STILLE

Das Kloster lebt und lehrt die über tausend Jahre alte vietnamesische Zen-Tradition, die vom chinesischen Meister Lin-Chi begründet wurde. Im Mittelpunkt steht dabei das Erlangen der Klarheit über den eigenen Geist, verbunden mit achtsamem und fürsorglichem Handeln im Alltag. Ziel ist, bei allem Tun die innere Ruhe zu finden, in der eigenen Mitte zu verweilen und den Augenblick so wahrzunehmen, wie er wirklich ist. Hauptbestandteil der spirituellen Übungen ist dabei die Meditation. Die Kunst des Zen ist der Weg zur Stille…

DER WEG ZU SICH

Neben klösterlicher Gemeinschaft und Heilpraxis bietet das Zentrum eine ganze Reihe von Seminaren und Workshops. Auf dem Programm stehen u. a. Qi Gong und Tai Chi, Heilfasten, Lach-Yoga, Burnout-Coachings und Zen-Kurse. Höhepunkte des Jahres sind jedoch die drei- bis zehntägigen Meditationsretreats. Eines dieser Seminare erleben wir während unseres Besuchs im Kloster.

Das Retreat besteht aus täglichen Gruppen- und individuellen Meditationen, gemeinsamen Mahlzeiten, Diensten für die Gemeinschaft sowie Unterweisungen in die buddhistische Lehre und Gruppeninterviews. Der kontemplative Tagesablauf (von 5 bis 22 Uhr) ist fest vorgegeben. Während des Retreats, das wir zeitweise begleiten dürfen, gilt für alle Teilnehmer (mit Ausnahme der Gesprächstreffen) ein Schweigegebot – auch im Speisesaal!

Im Rahmen der Retreats werden für die Einführungen in den Buddhismus angesehene Meister eingeladen. An diesem Wochenende erläutert der Ehrwürdige Ajahn Brahm, der in Australien ein Kloster leitet, sehr humorvoll und praktisch die buddhistische Lehre (drei kurze Beispiele seiner Erzählungen, die das buddhistische Denken veranschaulichen, habe ich am Ende dieses Artikels zusammengefasst)!

Um das Klosterzentrum zu besuchen oder an den Workshops teilzunehmen, muss man keineswegs buddhistischen Glaubens sein. Es ist ein Ort für alle Menschen, die im geschützten Raum bei sich selbst ankommen wollen oder Impulse für die eigene, persönliche Lebenssituation suchen.

BUDDHAS WEG – ein Ort für die Sinne und für das Sein.

(Fotos: Katja Lenz und der Autor dieser Zeilen. Zum Öffnen der Galerie ein Bild anklicken)

Alle Informationen über das Kloster und die Veranstaltungstermine finden sich auf der Webseite www.buddhasweg.eu

•   •   •

ERZÄHLUNGEN DES EHRW. AJAHN BRAHM

Das australische Kloster, das heute durch Ajahn Brahm geleitet wird, musste damals von den Mönchen eigenhändig erbaut werden. Ajahn Brahm übte also das Maurerhandwerk und begann, die erste Mauer hochzuziehen, wobei er sehr darauf achtete, sorgfältig zu arbeiten. Als die Mauer endlich fertig war und er sein Werk sorgsam prüfte, fielen ihm zwei Steine auf, die unregelmässig gesetzt waren. Ajahn Brahm ging zum Abt und bat, die fehlerhafte Arbeit wieder niederreissen zu können, um noch einmal von vorne zu beginnen. Der Abt begleitete ihn zur Mauer und schaute sie an, dann sagte er: „Das ist eine sehr gute Arbeit. Die Mauer bleibt stehen“. Brahm entgegnete: „Seht Ihr nicht die zwei Steine, Meister? Die Mauer ist misslungen!“. Worauf der Abt antwortete: „Ich sehe zwei fehlerhafte Steine. Aber ich sehe auch 998 hervorragend gemauerte Steine. Schaue nicht auf die zwei Unvollkommenheiten, sondern sehe das Viele, was Du gut gemacht hast!“

Ein alter japanischer Mönch hörte von einem Kloster, das den schönsten Garten weit und breit hatte. Also machte er sich auf den Weg und besuchte die Anlage. Dort angekommen, beobachtete er, wie ein junger Mönch in dem Garten jedes einzelne Blatt und jeden Zweig vom Boden aufnahm, lange begutachtete und dann entweder in eine Tonne für den Kompost warf oder sehr prüfend eine Stelle im Garten suchte, um das Stück dort so zu platzieren, dass es der gesamten Harmonie der Anlage diente. Dies ging den ganzen Tag so, bis der Alte zu dem jungen Mönch ging und bewundernd erklärte, dass der Garten wirklich prächtig sei, ja sogar „beinahe“ perfekt. Der junge Mönch blickte bestürzt: „Nur ‚beinahe‘, verehrter Bruder? Was muss ich tun, um den Garten zur Perfektion zu bringen? Ich flehe Euch an, zeigt es mir!“. Daraufhin ging der Alte an einen Baum, spuckte in die Hände, fasste den Stamm und schüttelte so fest, dass der Baum seine Blätter wild über den Garten verteilte. „Jetzt ist Euer Garten perfekt, junger Bruder“.

Ein westeuropäischer Mönch ging in ein Kloster, das für besonders strenge Formen der Lehre bekannt war. Bald begann ein 60-tägiges Meditations- und Schweigeretreat. Die Mönche durften selbst zur Schlafenszeit die Halle nicht verlassen, sondern betteten sich auf ihre Meditationsmatten, bis der morgendliche Gong sie wieder zur Übung aufrief. Der Mönch erlebte Qualen und Schmerzen, und gegen Ende der sechzig Tage schien die Zeit immer langsamer zu verrinnen. Doch dann ertönte der letzte Gong und der Mönch atmete erleichtert auf. Da sprach der Abt: „Ihr habt sechzig Tage lang die Exerzitien gemeistert. Dafür beglückwünsche ich Euch. Und da einige Mönche so angetan davon sind, werden wir die Meditation um zwei weitere Wochen verlängern!“. Sprachs und schlug den Gong, um die Übung fortzusetzen. Der Mönch war entsetzt und in seinem Geist malte er sich aus, was er mit den Mönchen, die um Verlängerung des Retreats gebeten hatten, anstellen würde. Und als er sich gerade den weiteren Qualen ergeben wollte, ertönte wiederum der Gong und der Abt erklärte das Retreat und Schweigegebot für beendet. Der Mönch sprach seinen Nachbarn verwundert an: „Wie soll ich das verstehen, Bruder? Ich dachte, wir setzen die Übungen fort?“ Worauf der andere Mönch entgegnete: „Denke Dir nichts dabei. Das macht der Abt jedes Jahr so.“

•   •   •     

[1] Andreas Kieling: deutscher Abenteurer und Tierfilmer (u. a. „Mitten im wilden Deutschland“ und „Expeditionen zu den Letzten ihrer Art“